Übergangszeit

Mal wieder sitze ich in meinem Lieblingsgartencenter im Lieblingsgartencentercafé und hänge meinen Gedanken nach. Meine Balkonkästen brauchen neuen Pflanzenschmuck. Die Zeit dafür scheint denkbar ungünstig zu sein. Die Sommerblumen verlieren langsam ihre Pracht und die Herbst-/Winterpflanzen erinnern mich derzeit noch zu sehr an Schnee und Eis. Ich suche also nach der floralen Übergangsjacke für den Blumentopf. Übergangszeit – was soll das eigentlich sein!? Sie begegnet mir derzeit in so vielen Alltagslagen, das dieses so undefinierte Wort fast schon philosophisch von meinem Leben spricht.

Im Grunde ist mein gesamtes Leben gerade nicht Fisch und nicht Fleisch. Wir klemmen gemeinsam irgendwo zwischen „Das alte passt nicht mehr“ und „Das neue ist noch nicht ganz da“. In den letzten Wochen und Monaten haben wir vieles losgelassen. Paradoxerweise ist dieser Zustand entstanden, indem wir uns angenommen haben. Als Alltagsperson habe ich den Kampf um Normalität aufgegeben. Ich bin krank. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich überhaupt keine Lust mehr mich dagegen zu wehren. Es ist Fakt. Depression und PTBS gelten nicht umsonst als lebensbedrohliche Erkrankung. Statt weiter Raubbau an meinen Kräften zu betreiben, gehe ich jetzt den Weg mit mir und meinem Herzen. Ich werde nicht einfach viel zu früh wieder arbeiten, bis ich erneut zusammenbreche, nur um mich dann für den nächsten Zusammenbruch zu rehabilitieren. Diesmal gehe ich langsam, aber nachhaltig in unser selbstbestimmtes Sein. Soweit der Plan. Ankommen in mir, in uns, im Leben. Das scheint so wenig und meint doch so viel.

Die Gärtnerin lacht, als sie mich wenig später zum gefühlten hundertsten Mal um die gleichen Blumentische kreisen sieht. „Ich bin heute unentschlossen“, lächle ich Ihr zu. Sie scherzt zurück: „Macht nichts! Wir haben noch vier Stunden offen. Lassen Sie sich ruhig Zeit!“ Immer wieder stelle ich ein Töpfchen in den Wagen, arrangiere es provisorisch mit den restlichen Pflanzen darin und lade es aus, wenn es unserem Geschmack doch nicht entspricht. Tatsächlich bin ich am Ende knapp drei Stunden in dem Markt. Vielleicht mögen wir diese Tage dort auch deshalb, weil sie so metaphorisch das Leben nachzeichnen. Wir probieren derzeit viel herum, wie es für uns langfristig glücklich und erfolgreich laufen kann. Wir laden ein und aus. Menschen, Situationen, innere Bewältigungsstrategien, Kommunikationsmuster und Co. Was stimmig ist bleibt, was sich nicht gut anfühlt fliegt direkt oder bekommt eine Chance bis zur nächsten Überprüfung.  

Mit vielen kleinen Pflanzen fahre ich nach Hause. Ich setze sie direkt an ihren vorgesehen Platz auf dem Balkon. „Passt!“ Wir sind mit unserer Wahl zufrieden. Harmonie im Kasten. Die Zeit, die wir uns genommen haben, hat sich rentiert. Wir hoffen, dass sich das auf unsere Zukunft übertragen lässt. Das  Leben ist voller Blumen. Manche blühen im Frühling und Sommer, andere erst im Herbst oder Winter. Geiselt sich eine Christrose, weil sie früher im Jahr noch nicht reif genug war, um in voller Pracht zu erblühen!?

25 Kommentare zu “Übergangszeit

  1. Liebe Sofie, ich bin mal wieder sehr beeindruckt auch wenn das immer gar nicht gut ankommt bei euch 😉😉. Aber : „Als Alltagsperson habe ich den Kampf um Normalität aufgegeben. Ich bin krank. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich überhaupt keine Lust mehr mich dagegen zu wehren.“ das beeindruckt mich sehr. Genau weil ich immer wieder wie ein Hamster im Laufrad kämpfe und kämpfe um dann wieder voll auf der Nase zu liegen weil ich das alles so gar nicht annehmen und akzeptieren kann. Deswegen beeindruckt mich das und ich finde das super, dass das bei dir und euch geklappt hat. Ich glaube nämlich das ist so wichtig. Viel Erfolg weiterhin!!

    • Hallo,
      ich hinke mit den Kommentaren zur Zeit etwas hinterher, aber nun wollen wir doch kurz schreiben. 😊

      Wir kennen das Gefühl gut und selbst wenn man aus dem Hamsterrad mal aussteigt, waren wir bislang immer schneller wieder drin, als wir schauen konnten. Ich glaube das dauert einfach seine Zeit. Wir wünschen euch, dass ihr für euch im richtigen Moment die richtige Entscheidung treffen könnt. So ein Annehmen darf wachsen. Bei mir hat es auch gefühlte Ewigkeiten gedauert. Und irgendwie ist im Annehmen ja auch drin, dass die Gewalt wirklich passiert ist, massive Schäden hinterlassen hat und eine DIS eben kein Schnupfen ist, oder? Wir finden das ziemlich schwierig auszuhalten.

      Ganz liebe Grüße,
      Sofie

      • Ohhh wie Recht du hast!! Ich denke genau das ist das Thema, eine DIS ist eben kein Schnupfen und es ist so schwer sich einzugestehen, dass man selber diese schlimme Gewalt erlebt hat. Mich haut das jedes Mal um. Ich finde das auch oft so schwer, dass ich niemandem davon erzählen kann weil mir einerseits die Worte fehlen die das ausdrücken könnten andererseits ich diese Floskeln die man leider oft zu hören bekommt nicht mehr ertragen kann. Ja ihr habt Recht es ist soooo schwer….

  2. Wenn es Euch nicht zu viel Nähe ist, würde ich Euch für diesen Text sehr gern ganz herzlich umarmen wollen. Seine, Eure Worte haben mich ganz, ganz tief in meinem Inneren berührt.

    Ich denke, dass der Weg, den Ihr in diesem Text für Euch beschreibt ein guter ist, ein richtig guter.

    Ganz viele liebe Grüße 💚 und noch eine schöne Blume 🌻 dazu!

  3. Ach was für ein schöner Beitrag… Bisschen Motivation für einen Herbst-Balkon… Danke. Und alles alles Gute euch für euren Weg. Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht… Für Übergänge und zum Leben

  4. Liebe Sofie,

    Euer Artikel passt bei uns mal wieder, wie die Faust aufs Auge. Deshalb möchten wir Euch fragen, ob wir den Beitrag auszugsweise zitieren dürfen mit Verlinkung zu Eurem Blog?!?
    Wir stehen ebenfalls zwischen den Welten. Berufliche Welten. Es gibt viele Fragezeichen, wie es in Zukunft weiter geht. Momentan durchkämpfen wir die letzten Tage in der alten Welt. Es ist mühsam und auch schmerzlich. Wir lassen nicht nur Unliebsames und Unbequemes zurück, sondern auch Liebgewonnenes und gute Zeiten…

    Danke, für diesen Beitrag. Er bietet eine Chance die eigenen Ansprüche noch einmal neu zu überdenken.

    Viele Grüße aus der Himbeersplitterei

      • Ich habe keine Kommentarfunktion. Schon aus Datenschutzgründen nicht. (Wir trauen uns nicht. Wir wissen nicht, wie das sicher geht.)

        Wer mag, kann uns gern eine Mail schreiben. Steht bei „über uns“. Wir freuen uns immer über Post. 🙂

        Liebe Grüße nochmals

      • Ah, danke dir! 😊 Ich hab schon gedacht, ich hab sie nur nicht gefunden.

        Wir haben nur den Satz, welche Daten wir speichern, vor der Kommentarfunktion eingefügt und im Datenschutz ein paar Zeilen dazu. Nachdem wir rein privat bloggen, denke ich auch, dass das reichen muss. Falls jemand wirklich möchte, dass wir seine Kommentare löschen, lässt sich das im Dashboard bei der Kommentarfunktion leicht bewerkstelligen. Profi bin ich in dem Bereich aber nicht.

        Liebe Grüße,
        Sofie 🦋

  5. Liebe Sofie,
    Deine (eure) Schlusssätze sind oft genial. (Nein ich übertreibe nicht. Sie bringen das Thema meist nochmals genau auf den Punkt.) So auch hier. ….. Danke für diesen Beitrag.
    Ganz herzliche Grüße 💖😊🏵️🌼🌻 (hier gibt’s noch Sommerblumen 😄)
    „Benita“

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