Skills for Hollydays

Langsam kriecht die Sonne aus dem verschlafenen Himmel. Es wird hell und das neblige Grau zieht sich zurück. Im Küchenfenster glitzert metallisch ein Anhänger. Ich muss darauf achten ihn nicht direkt anzublicken, weil sein Reflektieren meine Netzhaut unangenehm verblitzt. Die Katze schmatzt mir an ihrem Näpfchen freundlich ein „Guten Morgen“ zu. Der Tag strahlt herbstlich belebt. Nur ich komme nicht so richtig in die Puschen. Eigentlich müsste ich Einkaufen. Doch Nerven und Geld sind dieses Monat schon etwas knapp. Für mich wäre es auch in Ordnung den Tag im Bett zu verbringen. Doch es gibt auch Dinge, die mich locken. Die Vögel pfeifen, als hätten wir Frühling. Wenn ich mir das lange genug vorstelle, geht es meinem Gemüt gleich besser. Die nächste Woche liegt mir im Magen und im Frühling wäre sie nicht vorhanden.

Wie immer hinke ich mit den Vorbereitungen hinterher. Auch wenn ich glücklicher Weise schon seit einigen Jahren an den Feiertagen um den ersten November nichts mehr zu befürchten habe, bleiben sie anstrengend. Von Helferseite wird mir dann immer geraten sie gut durchzuplanen. Jedes mal erneut, wird das bei mir nichts. Irgendwie brauche ich den Freiraum spontan auf meine Stimmungen zu reagieren. Meist frustriert sonst noch mehr, wenn etwas von den vorgenommenen Dingen nicht klappt. Vermutlich werde ich nächste Woche also damit beginnen, so zu tun, als wäre nichts und mir dann bei fallender Stimmungslage mit dem ein oder anderen Hobby behelfen. Sollte das nicht fruchten, bleibt mir immer noch der Notfallplan mit Decke über’m Kopf und heißem Tee. Das Wichtigste ist: Die Tage gehen vorbei und die eventuell aufkommende Todessehnsucht bezieht sich auf das Damals, nicht auf das Jetzt. Manchmal trösten schöne Geschichten darüber hinweg. 

Im Austausch mit anderen Betroffenen haben wir in den letzten Jahren bemerkt, dass jede über die Zeit ihre eigene Herangehensweise entwickelt hat. Dabei ergibt sich viel aus persönlichen Vorlieben sowie Versuch und Irrtum. Was für die eine super klappt, geht für die andere so gar nicht. Ich tendiere dazu mir geschichtliches Hintergrundwissen aus der keltischen und germanischen Geschichte zu den Feiertagen anzulesen, um meinen Infiltrierungen andere Muster entgegensetzen zu können. Mir hilft es sie ins Positive zu wandeln. So ist der erste November ein Tag geworden, der für mich stark mit loslassen und aussortieren zu tun hat. Das muss man nicht zwingend religiös umsetzen, um dem Bedeutung beizumessen. Auf diese Weise kann ich den natürlichen Rhythmus im Jahreskreis irgendwie miterleben ohne von (pseudo-)religiösen Ideologien eingenommen zu werden. 

Grade in schwierigen Zeiten hilft es mir unglaublich mit dem Innen in Kontakt zu bleiben – wie immer das auch aussehen mag. Es verlangt mir einiges an Achtsamkeit ab und klappt nicht immer perfekt. Mein natürlicher Impuls als Außenperson sorgt eher dafür, dass ich zum Funktionsroboter mutiere, sobald es schwierig wird. Dann verschwinden meine Gefühle und Innens aus dem Bewusstsein. Das fühlt sich zwar auch mies an, sieht aber nach außen viel besser aus. Wenn ich weiß, dass durch bestimmte Tage Stress aufkommen könnte, versuche ich es erst gar nicht so weit kommen zu lassen. Dann heißt es so früh wie möglich einen Gang zurückzuschalten, bewusst immer wieder mal nach innen zu horchen und darauf entsprechend zu reagieren. Nicht immer ist es so, dass ich die Innens dann eins zu eins reden höre, als hätte ich einen anderen Menschen vor mir. Manchmal fühle ich nur etwas oder habe ein Bild oder einen Gedanken im Kopf. Von den Sachen, die bei mir ankommen, kann ich einige oft nicht einordnen. Dann lasse ich sie einfach erst einmal so stehen und schaue ob sie sich noch ergänzen. Manchmal ist das aber auch gar nicht wichtig. Wenn ich wahrnehme, dass es besser wäre Nachts das Licht anzulassen, dann mache ich das einfach. Gibt es eine für mich schlüssige Begründung, freue ich mich, wenn nicht, dann eben nicht. Solange es Anspannung reduziert, soll es mir recht sein. Ich versuche zudem auch andere Kommunikationswege möglichst leicht zugänglich zu halten. Papier und Stifte zum Schreiben oder malen, liegen bei mir so gut wie immer auf dem Schreibtisch. 

Der Tag schreitet voran. Es ist fast mittags und es schadet sicher nicht, sich jetzt einfach mal anzuziehen. Vermutlich werde ich dann die Fahrt zum Aldi antreten und mir ein paar Krümel zum Essen besorgen. Wenn ich mir das jetzt vornehme, könnte ich es bis kurz vor acht noch knapp schaffen. 😉 Den Abend werde ich mir wohl mit Kürbissuppe und Harry Potter versüßen. Bunte Ahornblätter spielen im Sonnenlicht. Ein klägliches Maunzen macht mich darauf aufmerksam, dass die Katze ihren Weg in die Natur antreten möchte. Ich öffne die Tür. Hello Sunshine. Es grüßt der Oktober. 

6 Kommentare zu “Skills for Hollydays

  1. Liebe Sofie,
    beim Beispiel mit dem Licht musste ich schmunzeln und habe mich wiedergefunden. Oft liege ich abends im Bett, möchte gerade die Augen zumachen und fühle dann, dass ich nicht einschlafen kann, wenn diese eine Prinzessinnenfigur (wahlweise auch irgendeine Tierfigur, Bild oder was auch immer) nicht auf dem Nachttisch liegt. Dann bin ich kurz genervt, weil ich aufstehen muss, stehe dann aber doch auch gerne nochmal auf, stelle die Figur an den Platz, wundere mich nicht (mehr 😁) und schließe die Augen.

    Ich wünsche dir und euch, dass ihr so gut es geht durch die nächste Woche kommt, guten Kontakt haben könnt und euch halten könnt.

    Ganz liebe Grüße!

  2. Schön zu lesen, dass Du Dir die Erlaubnis zu hilfreichem geben kannst. „Licht anlassen“. Vielleicht schaffe ich es auch mir heute die Erlaubnis zu geben meine Tür abzuschließen.
    Liebe Grüße

  3. Liebe Sofie,
    auch von uns ganz viel Kraft für die kommenden Tage. Ich kann es sehr gut nachvollziehen, dass gerade in stressigen Situationen wichtig ist auf das Innere zu hören und je nach Empfinden zu reagieren.
    Alles Liebe 🍀🍀🍀
    „Benita“

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