Alltagswochenende und Traumaselbst

Ich sitze erschöpft im Sessel. Der Melissentee in meiner Tasse dampft. Langsam und vorsichtig schlürfe ich ein bisschen davon. Seine Wärme streichelt meine Seele. Vom Balkon zieht es kühl herein. Die Katzen spielen vor dem Fenster fangen. Während in kleinen Schlucken der Tee meine Kehle hinunterfließt beginnt mein Magen sich zu entspannen. Fast ist es so, als habe er nur darauf gewartet, dass sich jemand um ihn kümmert. Im Kopf ziehen die Bilder. Mein Nervensystem ist überlastet. Wenn es könnte, dann würde es wohl die Erinnerungen auskotzen. So aber krümmt sich nur der Magen. Manche Erkenntnis tut bitter weh.

Wie kann es sein, dass ein Mensch zwei Tage am Stück gequält wird und niemand etwas merkt oder vielleicht besser merken will? Auf manche Fragen werde ich vermutlich nie eine Antwort erhalten und doch tauchen sie immer wieder auf. Wie kann ein Täter nach außen so tun, als wäre nichts, obwohl er gerade einen Menschen gefoltert hat? Das schlimmst aber ist, dass ich an manchen Stellen das Gefühl habe mich selbst verraten zu haben. Ich bin ihren Bitten nachgekommen. Mein Verstand weiß, dass ich keine andere Chance hatte. Anders hätten wir nicht überlebt. Es gab keine Möglichkeit sich dauerhaft zu verweigern. Und trotzdem. Manchmal quält mich die Tatsache, dass sie mich so beeinflussen konnten. 

Dieses Wochenende wird nach außen ein ganz normales Wochenende sein. Nur im Innen schmerzen die Bruchstellen furchtbar detailliert bis in jede Faser des Körpers. Ich werde funktionieren, einkaufen und Kontakte pflegen, wie man es auch damals von mir verlangt hat und nicht wissen, wer ich ohne die Gewalt wäre und ob ich dann das gleiche tun würde. Was sind überhaupt wir und was ist nur ein tätergeformter Abklatsch unseres Selbst? Bin mich suchen gegangen… 

21 Kommentare zu “Alltagswochenende und Traumaselbst

  1. Und tut es gut, die Kontakte zu pflegen? Oder macht ihr es aus Pflichtgefühl? … Wie damals. Wünsche euch dass ihr ganz lebendige Begegnungen haben werdet, welche wo ihr sein dürft.

    • Tja, das ist die große Frage. Mit einer Person tut uns der Kontakt definitiv gut und da dürfen wir auch sein. Gleichzeitig sind wir nie frei vom Alten und es wirkt stark in unsere Verhaltensweisen. Irgendwie kompliziert…

  2. Hey. Wir reichen euch mal eine Hand rüber, wenn ihr mögt.<3

    Und nutzen kurz mal die Chance, weil wir sagen möchten, dass ihr eine Mail von uns habt. Hat aber keine Eile.
    Liebste Grüße

  3. Oh ihr Lieben! Uns tut das was ihr geschrieben habt weh weil wir das so gut nachempfinden könne. Es ist als würden wir mit euch fühlen können und wissen wie schwer das alles ist. Dieser ganze Mist, das sich darin verlieren weil man nicht weiß wo man anfängt und wo man aufhört. Wir kennen die Frage „wie sind wir wirklich und wer wären wir ohne…“ in guten Zeiten ist es egal weil man da weiß man bekommt keine Antwort aber in schlechtem frisst sie sich in einem durch. Es tut uns so Leid, dass ihr so viele Bilder habt und so viel nacherleben müßt gerade. Dass ihr überlastet seit ist nur allzu verständlich.
    Lasst euch lieb umarmen wenn ihr das mögt. Wir würden gerne etwas Trost spenden und Wärme schicken. Liebe Grüße Lisa

    • Hallo Lisa,
      vielen dank für deine lieben Worte! 🙂
      Manchmal sind die Bilder im Kopf schon recht fordernd. Das tut unendlich weh. Ich glaube die Fragen entstehen auch dadurch, dass man sich wünscht das alles hätte irgendwie verhindert werden können. Manchmal stehe ich dann geschockt vor meinen eigenen Erinnerungen und kann sie einfach nicht begreifen. Da bleibt nur Kopfschütteln.

      Eine liebe Umarmung zurück!

      Liebe Grüße,
      Sofie

      • Diesen Wunsch, das alles hätte verhindert werden MÜSSEN können wir so so sehr gut verstehen. Das alles hätte NIEMALS passieren dürfen, niemandem! Ich kann gut verstehen, dass du fassungslos vor deinen Bildern stehst und das das unglaublich weh tut. Wir kennen das Gefühl das man nicht weiß wie man das alles ertragen und verkraften soll weil es so schrecklich weh tut. Das alles ist einfach nur furchtbar. Wir können nur schreiben, dass wir das kennen auch wenn das nicht tröstet aber wir verstehen euch! Lieben Drücker!

  4. Und ja wie kann es sein, dass man 2 Tage am Stück gequält und gefoltert wird uns niemand bekommt es mit oder niemand will es wahrnehmen……wie kann das sein???
    Ich weiß es nicht….es ist und bleibt uns unvorstellbar, schockierend, zeigt das dunkelste und die tiefsten Abgründe der Menschlichkeit.
    Es ist schrecklich und tut uns sehr Leid….

  5. Warum Missbrauch unbemerkt statt finden kann:
    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
    Weil Angehörige Türen und Fenster schliessen, damit es keiner mit bekommt oder Räume verlassen, wenn sie versehentlich zum Augezeugen werden und leugnen, je etwas mitbekommen zu haben.
    Weil geleugnet wird, was Missbrauchte erzählen, wenn sie sich trauen mit jemandem zu sprechen.
    Weil Mitwisser entweder auch Täter oder Opfer sind und sich entsprechend decken oder selber Angst vor dem Täter haben.

      • So lange alles tabuisiert wird, ist der Weg noch lang. Ich habe mir angewöhnt genau zu schauen und lieber einmal mehr zu fragen, ob jemand Hilfe braucht anstatt die Augen zu verschliessen. Manchmal hilft es der anderen Person schon, wenn ihr wenigstens jemand glaubt.

  6. …fatal ist diese gefühlte Mitschuldigkeit, die auch wir kennen, liebe Sofie.
    Nein – wir konnten es nicht verhindern, niemals und unter keinen Umständen. DAS weiß der Verstand, im Gefühl jedoch nagen stets Scham und Schuld an unserer Seele.
    Auch wir reichen Dir gerne die Hände. Wenn wir das alle miteinander hier tun, entsteht ein großer, starker Kreis, aus dessen Energie vielleicht alle LeserInnen und SchreiberInnen hier etwas mitnehmen können.
    Starke Verbundenheit…!

    Mit lauter guten Wünschen für Euch – Die Himbeere aus der Himbeersplitterei

    • Ja, das stimmt. Das ist furchtbar! Aus der Logik heraus, weiß man, dass es anders ist. Die Emotionen lassen sich dennoch nicht abschütteln. Das arme Kind von früher, fühlt nunmal so.

      Vielen Dank für euere Hände! Das ist ein wunderbares Bild!

      Ganz viel Kraft und heilsame Energie,
      Sofie

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