Detailfragmentblasen

Es gibt diese Erinnerungen, bei denen man weiß, dass man sie sich nie ausgedacht haben kann, schon alleine deshalb, weil man auf die Idee selbst nie gekommen wäre. Sie enthalten Details, von denen man nicht wüsste, wenn man es nicht selbst erlebt hätte. Dann sitzt man schockiert da, starrt innerlich auf die Bilder, ein bestimmtes Werkzeug oder eine Situation und hat das Gefühl niemals jemandem davon berichten zu können, weil es viel zu verrückt ist, als dass einem das jemals jemand glauben könnte. Man würde es ja selbst am liebsten einfach nur als Hirngespinst abtun. Doch es ist so schrecklich real.

An diesem grauen Dezembermorgen geht es uns so. Draußen tropft der Schneematsch von den Dächern. Unser Gehirn fließt ebenso wattig ungeformt in den Tag. Auf dem Flachdach fallen Regentropfen auf eine Eisplatte. Ob sie wohl ausrutschen, wenn sie aufkommen? Sie sind aus dem gleichen Stoff und doch unterscheiden sie sich. So ist es wohl auch bei uns Menschen. Manche sind entsetzlich hart, obwohl auch in ihrer Brust ein Herz schlägt. Sie führen auf’s Glatteis, lassen andere an sich zerspringen oder binden sie blitzartig mit ihrer eisigen Autorität. Das blaue Stofftuch aus unserer Erinnerung legt sich samtig über den Augenblick. Es ist nur ein Gegenstand, wie auch die Werkzeuge und Hilfsmittel, die auf ihm liegen. Seine Sogwirkung und sein Schrecken jedoch kommt einem gefährlichen Strudel gleich. 

Keines der Instrumente hätte im Alltag eine besondere Bedeutung gehabt. Vermutlich wären sie sogar schön anzusehen gewesen, weil sie edel gestaltet waren. An einer anderen Stelle habe ich bereits einmal darüber geschrieben, wie sehr mich ein Eimer in Flashbacks quälte. Das Gefühl, das dieses Fragment jedes mal mitbrachte, glich eher meiner Ermordung, als einer Erinnerung an einen Alltagsgegenstand. Ähnlich verhält es sich heute. Obwohl ich in dieser Erinnerung auch schwere Gewalt erfahre, hängt meine Aufmerksamkeit doch an anderen Details. Es ist, als hätte sich die emotionale Vernichtung an ihnen verdichtet. Mein Blick lässt nicht von Ihnen. Ihre Zweckentfremdung streckt mich mehr nieder, als die vorausgehenden Prügel. Dabei war sie wesentlich weniger lebensbedrohlich. Traumatische Erinnerungen haben ihre eigene Logik, die mit dem Verstand nicht zu begreifen ist.

Tatsächlich fand ich bislang in diesen Momenten Traumakonfrontation als sehr hilfreich. Sie gibt den Emotionen ihren ursprünglichen Rahmen wieder. Dann müssen sie sich nicht mehr an einem Detail festhalten, sondern können mit den Umständen verarbeitet werden. Auch wenn wir dieses Jahr beschissene Erfahrungen mit der Konfrontationsweise einer Therapeutin gemacht haben, so erleben wir sie unter anderen Umständen dennoch als extrem positives Hilfsmittel auf unserem Heilungsweg. Ohne wären wir sicher nicht so weit gekommen.

Was uns heute bleibt ist die Sprachlosigkeit und die Angst vor der Reaktion anderer, wenn wir uns mit den Bildern im Kopf öffnen. Wir haben eine beste Freundin, die sicher auch in diesem Fall bedingungslos an unserer Seite bliebe. Mit ihrem so wundervollen Herz begleitet sie uns überall hin. Das Mädchen von früher jedoch fühlt sich, als müsse sie überzeugend von einer Mondlandung mittels Staubsauger berichten. Die Wahrscheinlichkeit nicht für verrückt gehalten zu werden ist verschwindend gering. Vermutlich werden wir den Versuch dennoch wagen. Nichts ist so schrecklich wie die verschwiegene Einsamkeit. 

6 Kommentare zu “Detailfragmentblasen

  1. Ihr Lieben, wiedermal ein wunderbarer Text, wunderbar weil sehr gut geschrieben und Worte gefunden die beschreiben was nur schwer zu beschreiben und in Worte zu fassen ist. Schrecklich und schmerzhaft im Inhalt. Uns tut das sehr Leid und wir möchten einen lieben Gruß hier lassen. Und nein wir würden euch nicht für verrückt halten, wir würden euch zuhören und glauben was ihr sagt. Jedes einzelne Wort!
    Denn das was ihr beschreibt ist das was ihr erlebt habt und es wurde sich jegliche erdenkliche Mühe gegeben, dass ihr befürchtet alle anderen würden euch für verrückt erklären. Aber alleine diese Tatsache macht das, was ihr erzählt noch viel glaubwürdiger.
    „Nichts ist so schrecklich wie die verschwiegene Einsamkeit“ genau aus dem Grund sollte sie nicht sein weil sie zusätzlich noch sehr sehr weh tut.
    Wir wünschen euch Menschen die euch zuhören und glauben.
    Liebe Grüße
    Lisa

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