Schöne Geschichten und echtes Leben

Draußen ist es bereits dunkel. Leichter Nebel verzerrt das Licht der Straßenlaterne vor unserem Fenster. Wir denken nach. Vor allem über schöne Geschichten von gelungenen Heilungswegen und überwundenen Krisen. Aber wann ist man eigentlich selbst an dem Punkt? Wann darf man sagen, dass man trotz verheerender Vergangenheit auf einem guten Weg ist?

In den Medien finden sich bei psychischen Erkrankungen im Schwerpunkt zwei Pole von Berichterstattungen. Auf ewig verkorkste Existenzen und genesene Übermenschen, die scheinbar nie wieder mit irgendetwas hadern. Beides halte ich für gefährlich. Schöne Geschichten können lebensbedrohlich werden, weil sie eine unrealistische Erwartungshaltung an die Betroffenen formulieren, die sie nicht erfüllen können. Das baut Druck auf, dem man oftmals glaubt nicht gewachsen zu sein. Wenn „XY“ sein schweres Trauma angeblich in 10 Stunden bewältigen kann, was mache ich dann falsch!? Wenn „Z“ es schafft sich Die Welt schön zu meditieren, weshalb breche ich dann unter der kleinsten Imagination zusammen!? Was uns oftmals fehlt sind Menschen, die sich halbfertig und unperfekt in die Öffentlichkeit trauen. Sie transportieren Wege mit Höhen und Tiefen anstelle von idealisierten Zuständen.

Ausstieg aus Täterzusammenhängen ist ein heikles Thema. Ich bin dankbar für die mutmachenden Geschichten von anderen Betroffenen. In der Tat haben sie mir auf meinem Weg sehr geholfen. Nun schreibt man ja meistens dann über Dinge, wenn man damit durch ist oder zumindest schon eine weite Reise damit unternommen hat. Ich nehme mich da selbst nicht aus. Ich bin heute froh, gewisse Dinge erreicht zu haben, den Ausstieg gewagt zu haben und ein äußerlich sicheres Leben zu führen. Was mir damals allerdings keiner gesagt hat, ist, dass es nach dem äußeren Ausstieg erst richtig beschissen wird. Man verliert seinen kompletten sozialen Bezugsrahmen. Auch wenn die Anbindungen scheiße waren, es waren Kontakte deren Welt man verstanden hat. Stattdessen sind wir in eine Gesellschaft gefallen, in der kein Platz für uns vorgesehen war. Wir haben ihre Regeln und ihre Sprache nicht verstanden und tun es zugegebener Maßen heute noch nicht wirklich. Worte waren durch die Gruppierung so umbesetzt, dass normale Konversation in ausgewachsenen Desastern mündete. Unter extremen Aufwand haben wir in der Therapie unsere traumbesetzte Sprache neu erlernen und Verhalten anders deuten müssen. Wir verstehen manchmal nicht, weshalb man uns nicht versteht, weil wir Dinge voraussetzen, von denen der Normalo keine Ahnung hat, weil sie nie in seine Welt gehörten. Unser Körper und unsere Seele empfindet deutlich mehr Schmerz als früher und die Erinnerungen sind vernichtend klar. Wir würden nicht mehr in unser altes Leben zurück tauschen wollen, aber es ist noch immer alles andere als leicht. 

Ja, da gibt es tatsächlich viele wundervolle Dinge. Ein Freundin, von der wir nie zu träumen gewagt hätten, Hilfen, die uns auf dem Weg in diese Welt begleiten und Lebewesen, die jeden Tag bereichern. Viel Liebe, Lachen, Humor und den Willen die Welt für uns zu erobern. Wir sind froh am Leben zu sein, aber können wir auch behaupten, dass wir die Gewalt wirklich überlebt haben und nicht irgendwann als Spätfolge Suizid begehen? Wir schließen nicht aus, dass unser Zustand jederzeit auch wieder anders werden kann. Wir haben unsere Geschichte nicht überwunden. Das wird niemals so sein. In unserer Sicht ist es nur möglich mit ihr ein möglichst gutes Leben zu führen. Wegwischen lässt sie sich nicht mehr. Deshalb legen wir Wert auf ein entsprechendes soziales Netz, um die Gefährdung zu minimieren. Der Schmerz verändert sich, aber er wird dennoch immer auf eine gewisse Art bleiben. Schwere Traumafolgestörungen sind chronisch lebensbedrohlich. 

Weshalb schreiben wir das hier? Wir wollen sicher nicht die Hoffnung nehmen oder schwarz malen. Im Gegenteil. Es lohnt sich den Weg weiter zu gehen. Gleichzeitig war es uns wichtig uns deutlich gegen den Druck zu stellen, sich die Dauer und die Bedeutung von Heilung von außen diktieren zu lassen. Funktionalität ist für uns kein Indikator für Gesundheit, auch wenn sie das für manche Menschen sein mag. Wir werden nicht in zwei, nicht in drei und auch nicht in zehn Jahren einfach mal damit durch sein. Was passiert ist wird uns für den Rest unseres Lebens begleiten. Sicher wird es entsprechende Schwankungen in unserem Befinden geben. Wir finden ein Leben nach unseren eigenen Maßstäben viel lohnenswerter, als alle rosaroten Ziele, was aber nicht heißt, dass wir die nicht auch haben. Wenn wir für eine gewisse Zeit nicht depressiv sind, dann freut uns das. Jeder Tag, an dem wir uns nicht verletzen müssen, macht uns glücklich. Kommt die tiefe Trauer oder der Druck wieder, dann gehen wir eben damit weiter. In unserem Leben hat sich vieles dadurch entspannt, dass diese Momente sein dürfen ohne sie Rückfall nennen zu müssen. Mal haben wir etwas überwunden und kommen gut damit klar, dann klopft es vielleicht einfach nochmal an und zeigt uns die nächste Etage. Wir dürfen sein wie wir sind. Das ist es, wofür es sich für uns zu kämpfen lohnt. Leben ist kein Zustand, sondern ein beständiger Fluß an Veränderungen. 

9 Kommentare zu “Schöne Geschichten und echtes Leben

    • Vielen lieben Dank! Es freut uns, wenn du bei uns mitlesen magst und dir die Beiträge gefallen.

      Ich weiß nicht, ob wir ein Vorbild sind. Im Grunde wurschteln wir uns einfach irgendwie durch. 😉

      Ganz liebe Grüße zurück!
      Sofie

  1. Genau:

    ‚Das Leben geht weiter,
    auch wenn es humpelt.‘

    …weil wir das Humpeln erlauben…

    Viele Grüße aus der Himbeersplitterei

  2. Dankeschön fürs teilen 🙂
    Ich kann dir/euch nur zustimmen, seinen Platz in dieser Welt mit allem was dazu gehört zu finden,
    und das mit allem und allen, was man ist, das ist nicht leicht.
    Wie heißt es so treffend, nur was lebt ist schlau genug sich zu verändern.
    Leben ist Veränderung, mal oben mal unten, aber Hauptsache lebendig 🙂
    manchmal jedoch nur sehr schwer auszuhalten.

    • Gerne! 😊
      Das faszinierende ist, dass in all der lebendigen Veränderung doch Grundkonstanten immer aufrecht erhalten werden. Das Leben strebt für uns nicht zwingend nach Veränderung, sondern nach Stabilität, weil das der energetisch ausgewogenste und stabilste Zustand ist. Wir verändern uns nur, weil wir die Ausgewogenheit in uns verloren haben und sie finden müssen.

      Darüber könnte man wohl lange weiter philosophieren…😉

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