Einmal Heimat und zurück

Wie so oft, ist es noch ziemlich finster, als ich anfange zu tippen. Ohne das in irgendeiner Form zu forcieren, hänge ich anscheinend vor allem in den Tagesübergängen unseren Gedanken nach und bringe sie zu Papier. Durch die angelaufenen Fensterscheiben verschwimmt das Morgenrot. Draußen ist es kalt. So kalt, dass selbst die Katze ihren Morgenspaziergang nach fünf Minuten beendete und zurück ins Bett kroch. Ich genieße die Ruhe. Langsam kehrt das Gefühl in meiner Brust wieder, auch wenn es immer noch taub über den Abgründen wabert.

Wir sind zu Hause. In unserem zu Hause. Weit weg vom Früher. Die Seele atmet. Um liebe Menschen zu besuchen, haben wir nach langer Zeit den Versuch gewagt, unseren Ursprüngen räumlich nahe zu kommen. Vorher war viel Planung nötig und es gab einige wichtige Absprachen, um Sicherheit zu gewährleisten. Soweit hat alles so geklappt, wie wir es uns vorgenommen hatten. Dennoch passierte etwas mit uns, das beeindruckend bewusst wahrzunehmen war. 

Ein unsichtbares Korsett zog sich um uns, je näher wir dem Ort kamen. Es lies uns innerlich kollabieren. Kaum etwas blieb von uns übrig, als der schöne Schein vom Sein. Unsere Persönlichkeit und die Freiheit, die wir uns in den Jahren fern der Heimat zurückerobert hatten, schlüpften ungewollt zurück in die Kinderschuhe. Nur mit enormer Anstrengung war es möglich dagegen zu halten. Der Zugang zur Innenwelt rann durch die Finger wie Sand und verschwamm im undefinierbaren Dissoziationsbrei. Es gab uns nicht mehr, wie wir sind, sondern in einer vorinstallierten Demo-Version. Die Erinnerungen verblassten von unsichtbarer Hand. Während am Anfang das Gefühl der innerlichen Auslöschung noch schwer zu ertragen war, schaffte es bald den Sprung zum Normalzustand und all das Unerträgliche reihte sich ein in eine Kette von Dissoziatioswundern. Das Gehirn war innerhalb kürzester Zeit sämtlicher Verarbeitungmechanismen beraubt und vegetierte in armseliger Betäubung vor sich hin. Sie lies mich lachen und sozial erscheinen und tatsächlich hatte ich Spaß. Die verbrannte Erde in uns zierten Kunstblumen, die aus der Ferne wohl echt wirkten.

Als wir uns gegen Abend auf dem Heimweg machten, erlebten wir das umgekehrte Szenario. Sauerstoff kehrte zurück in unsere Lungen. Das Korsett platzte auf. Glücklich lagen wir auf unserem Bett. Sicherheit flüsterte unsere Seele und breitete sich aus. Aus leeren Hülsen wurden echte Gefühle. Viel Trauer und Angst, aber tatsächlich spürbar. Die Innens zogen langsam wieder in unser Heim ein. Zarte Gespräche wurden hörbar. Aufatmen. 

Aus heutiger Perspektive finde ich alleine die Vorstellung Wahnsinn, dass ich über so viele Jahrzehnte in diesem Zustand lebte und ihn für normal hielt. Ich hatte keine Vergleichswerte. Das Schreckliche malt sich mit Stresshormonen schön und bald wirkt das Verderben erstrebenswert. Tatsächlich fühlte ich relativ schnell weder Angst noch Unbehagen. Betrachtet man unseren Alltag, der oft von Panik und Flashbacks geschüttelt ist, könnte man leicht auf die Idee kommen, wir hätten es an unserem alten Ort besser. Die Geburtswehen eines gesunden Gehirns sind alles andere als angenehm. Dennoch wollen wir für nichts in der Welt mehr zurücktauschen. Wir sind zu Hause – in uns.😊

18 Kommentare zu “Einmal Heimat und zurück

  1. das denke ich auch häufiger, fassungslos: „wie konnten wir das so lange in so einem leid, in so einer umgebung aushalten.“ wie krass gut sich psyche und körper an diese schrecklichen umstände angepasst haben… gewohnheitssache. aber es hat zeit gebraucht! diese anpassung ging nicht von jetzt auf gleich. und das zu realisieren kann dabei helfen, heute geduldig mit sich zu sein: all die schreckliche, lange zeit hat sich so sehr als gewohnheitssache innerlich eingebrannt. jetzt dürfen wir alle zeit brauchen und nehmen und langsam machen, uns an neues und freies und „eigenes zuhause“ umzugewöhnen.

    • Hallo,
      euer Kommentar hat uns sehr bewegt. Zum einen wohl, weil wir uns sehr verstanden fühlten und zum anderen, weil uns dieses „Zeit nehmen“ und „langsam machen“ immer noch unendlich schwer fällt. Danke, für‘s aufmerksam machen, dass das erlaubt ist! 😊

      Liebe Grüße,
      Sofie

  2. Liebe Sofie,
    Auch wir sind immer wieder erstaunt, wie viel Kraft es gibt wenn wir im Sommer der Stadt unserer Kindheit für fast zwei Monate entfliehen können. Das Durchatmen ist uns so bekannt.
    Allerdings finden wir keinen Weg auf Dauer dieser Stadt zu entkommen. So ist es uns nolens volens schon gelungen uns innerlich zu distanzieren und unsere neue Wohnung wird in einem Stadtteil gebaut, der sich für uns als andere Stadt anfühlt, weil es so neu wird dort zu wohnen. Wir verbinden mit dieser Gegend kaum etwas. Und die einzige Verbindung ist in Ordnung. Mal sehen, ob dort mehr innere Ruhe einkehren kann, die in dieser Wohnung so schwierig ist.

    Wir haben uns so sehr wiedergefunden in dem Beitrag. 😊
    Herzliche Grüße
    „Benita“

    • Huhu,
      wir wünschen euch, dass es genau so kommt, wie es euch gut tut! 😊Manchmal braucht Abstand auch einfach kleine Schritte. Die erfordern ja schon großes Inneres Umdenken. Vielleicht kommt es in ein paar Jahren ja nochmal anders und ihr wollt dann dennoch in eine ganz andere Stadt.

      Liebe Grüße,
      Sofie

      • Danke, für euren lieben Wunsch. 😃
        Am Wollen ist es bislang allerdings nur bedingt gelegen. Es ist auch eine finanzielle Frage, wenn Sozialleistungen so wie bei uns bzgl. wohnen auf ein Bundesland begrenzt sind und die Stadt der Kindheit zugleich Bundesland ist. Eine Wohnung ohne soziale Zuschüsse war uns bislang nicht leistbar. Aber wer weiß, was das Leben noch für uns bereit hält? 😉
        Alles Liebe
        „Benita“

  3. Hallo Sofie,
    ich habe bei deinem letzten Satz eine Gänsehaut bekommen „Wir sind zu Hause in uns“.
    Es ist so wunderbar, so wertvoll das heute geschafft zu haben.
    Gänsehaut pur,
    und ja, ich glaube, ich kann das so sehr gut nachempfinden 🙂
    Wenn es dann noch im Außen tatsächlich einen sicheren Ort, ein zu Hause gibt, ich denke, dann ist ein immer weiter Leben entdecken auch möglich, auch nach und nach sich alte, ungute Lebensräume positiv zurück erobern, zumindest in mini-winzig-Mäuseschrittchen, mit ganz viel Zeit lassen und gut gucken. Jedenfalls hoffe ich das.
    Liebe Grüße

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