Corona-Blues und Sonnenbalkon

Wir sitzen völlig geschafft im Schlafzimmer. An unseren Schleimhäuten spielt Erdbeer-Vanille-Duft Sommer. Der Tee zieht. Obwohl wir unsere Füße seit einigen Minuten hochlagern, haben wir unaufhörlich das Gefühl die Knöchel pochen vom Blutfluss. Sie kribbeln leise vor sich hin und wimmern, als wollten sie ganz deutlich sagen: „Beweg‘ dich nie wieder aus deinem weichen Bett.“ Ein Wunsch den ich nur zu gerne erfüllen will – zumindest für heute. Während die erste Fliege dieses Jahres mich blöd surrt, komme ich ein bisschen in diesem Tag an, dem ich so lange entflohen bin, dass er schon fast vorbei ist, bevor ich Ihn realisieren kann. Er begann mit einem schrillen Weckerton und endet abrupt ganz kurz nach dem Aufstehen, weil die Zeit dazwischen so schnell war.

Viel lieber wären wir heute bis Mittag liegen geblieben und hätten Löcher in die Luft gestarrt. Das wäre kein bisschen sinnlos oder faul gewesen. Denn an jedem Punkt, der sich vor uns aufgelöst hätte, hätten wir einen Gedanken unserer Seele wieder gefunden. Stattdessen mussten wir einkaufen. Die Versorgung der Katzen trieb uns zum Futter besorgen aus dem Haus. Wir mögen den langen Aufenthalt in Supermärkten ohnehin nicht besonders. Seit der Corona-Krise jedoch fühlen wir uns dabei, als wären wir als kleines, zartes Pflanzenpokemon von einem Schwarm verwirrter Heuschrecken gefressen worden. Interessanter Weise führen diese einen albernen Tanz auf bevor sie zuschlagen. Jede der Konsumschrecken rechtfertigt sich ungefähr zehn Mal, weshalb sie die Dinge im Einkaufswagen auch ohne Corona gekauft hätte, bevor sie am Kassenband ihre Beute bezahlt. Unsere Taktik nur einmal kurz in den Laden hineinzugehen, zielgerichtet die benötigten Utensilien zu greifen und dann auf schnellstem Wege mit allen wichtigen Dingen nach draußen zu hechten floppt. In den Massen von Menschen steigt das Paniklevel ins unermessliche. Der Kampf lohnt sich noch nicht einmal, weil die meisten Dinge schon ausverkauft waren, bevor wir das Geschäft überhaupt betreten haben. Das wiederum führt dazu, dass wir das Spiel noch in fünf weiteren Läden spielen, bis wir irgendwann entnervt aufgeben. Was zur Hölle machen die Menschen da draußen mit dermaßen viel Klopapier!? Kresse als pflanzliche Notration züchten!? Ich wäre froh, wenn ich mehr als eine Rolle in meinem Haushalt hätte!

Am frühen Nachmittag kommen wir endlich zurück nach Hause. Die Sonne scheint warm. Sie lockt uns nach draußen auf den Balkon. Unseren Döner verspeisen wir kurz entschlossen an der frischen Luft. Noch ist unser Freiluftzimmer nicht startklar für eine neue Saison. Dafür müssen die Bretter abgefegt, die Blumenkästen neu verteilt und alte Pflanzen entsorgt werden. Wir entschließen uns kurzer Hand dazu damit anzufangen und verbringen den Rest des Tages damit klar Schiff zu machen. In den Kübeln sprießt Unkraut, das entfernt werden will. Manche Pflanzen vertragen noch einen kleinen Schnitt, bevor sie bald schon wieder neu austreiben. Irgendwann wird uns frisch. Ganz heimlich ist es Abend geworden. Kochen, essen, zur Ruhe kommen. Und dann ganz plötzlich wird es mir klar:

Ich war auf der Flucht. Vor mir, vor meiner Angst, vor meinem Innen. Vor allem aber vor Corona. Ich kann es nicht mehr hören! Bislang haben wir uns tapfer geschlagen und sind gut geerdet durch die letzten Wochen gekommen. Manchmal stieg ein ungutes Gefühl in uns auf, aber ehe es wirklich bewusst wurde, war es auch schon wieder weg. Jetzt, in den letzten Stunden des Tages, schreit mein Innerstes. Der Mist triggert. Alleine der Gedanke daran, dass uns jemand vorschreiben könnte, wann wir das Haus verlassen dürfen und zu welchem Zweck macht uns kirre. Die Anspannung und Angst die unbenannt beständig in der Luft liegen, schiebt Erinnerungen an alte Stresszustände an. Daran lässt sich erst einmal nichts ändern. Das einzig hilfreiche bleibt wohl einen kühlen Kopf zu bewahren und sich mit lieben Menschen umgeben. Ja, das soll man nicht, aber Isolationshaft ist für uns mit Sicherheit tödlicher als ein Virus es je sein könnte.

Die Katzen schlafen. Sie haben den Tag genossen. Unser Aktionismus war für sie eine spannende Abwechslung. Wir beschließen gemeinsam den Tag. Vielleicht holen wir noch etwas von dem nach, was wir heute Morgen so gerne getan hätten. Liegen, in die Dunkelheit starren, Gedanken aufsammeln, ihnen ein wenig Heimat geben und bei uns ankommen. Abwarten und Tee trinken. Sicher fallen uns bald die Augen zu. Aber was macht das schon – dann schauen wir eben nach innen. 

Wir wünschen euch, dass ihr gesund bleibt und dass ihr gut durch diese Zeit kommt! Schlaft gut und habt eine schöne Nacht! 

11 Kommentare zu “Corona-Blues und Sonnenbalkon

  1. Liebe Sofie,
    Heute ist bei uns in Österreich der 1. Tag des eingeschränkten Ausgangs gewesen. Und die Trigger haben uns ziemlich fertig gemacht. Aber langsam kommen wir zur Ruhe. Richten uns ein in dieser Situation und haben ebenfalls ein unangenehmes Gefühl, dass wir morgen einkaufen gehen müssen.

    Viel Kraft für die kommende Zeit und eine Tarnkappe gegen Corona Virus schick ich euch. Wir hoffen sie wirkt. 😉
    Alles Liebe
    „Benita“

    • Liebe Benita,
      das glaube ich dir! Ich hoffe sehr, dass es nicht zu einem völligen Verbot wie in anderen Ländern kommt. Wenn sich das damit vermeiden liese, wäre es mir lieber wir würden in Deutschland diese Einschränkung auch umsetzen. Die Trigger reichen ja so schon. Wir drücken dir die Daumen, dass Einkaufen heute gut klappt, du alles bekommst, was du brauchst und vor zusätzlichen Auslösern geschützt bist!

      Viel Kraft und eine gesunde Zeit!

      Liebe Grüße,
      Sofie

      • Danke dir für die lieben Wünsche. 💖
        Naja, außer einkaufen, arbeiten gehen, wer unabkömmlich ist, oder für betagte Nachbar*innen einkaufen ist eh nichts erlaubt …… außer spazieren gehen, alleine mit 2-3 Meter Abstand zu anderen mindestens. Aber das ist dringend. Denn in meiner kleinen Wohnung ohne Balkon wäre es unerträglich!

  2. Das Schlimmste an der ganzen Corona-Krise ist, dass das meiste davon menschengemacht ist.

    Was treibt die Menschen um, so irre Hmsterkäufe zu tätigen? – Heute morgen war ich in einem Discounter in der Nähe, wo eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter verzweifelt dort stand, wo es sonst Milch gibt. Aber da gab es (schon morgens um 9 Uhr!) keine Milch mehr. Auch kein Mineralwasser, keinen Reis, keine Nudeln, kaum Margarine, kein Toilettenpapier.

    Wie egoistisch sind diese Hamstermenschen?

    Mich macht das richtig wütend. – Und Menschen, wie Ihr, die genug andere Päckchen zu tragen haben, sind dann die am meisten Getroffenen von diesem Irrsinn.

    Ich bin in Gedanken viel bei Euch. Ich möchte, dass die Schmetterlinge unbeschweret fliegen können. 💚🌸

    • Ich schätze sie haben Angst. 😉 Vermutlich kämpfen ihre Stammhirne gerade mehr oder weniger bewusst um’s Überleben. Im Grunde sieht man daran schön, was am Ende als Grundbedürfnis übrig bleibt. Die Panik hätte man leicht vermeiden können, wenn man medial und politisch besser und vor allem klarer kommuniziert hätte. Wir haben uns bewusst davon fern gehalten und versucht möglichst geerdet zu bleiben. Mich stört, dass ich mich jetzt dennoch hetzen lasse und eventuell dann das nächste Mal auch zu zwei Packungen Klopapier greife, nur weil ich nicht weiß, wann ich das nächste mal welches kaufen kann. Du hast völlig recht, tragisch wird es dann, wenn Mütter mit Kindern oder besonders bedürftige Menschen notwendige Lebensmittel und Utensilien nicht mehr bekommen. Das fängt ja schon bei pflegenden Angehörigen an, denen seit einigen Wochen die Desinfektionsmittel für wichtige Zugänge fehlen.

      Vielleicht wäre es ja eine Lösung, wenn wir uns in unserem Lebensumfeld alle gegenseitig beruhigen. Der Schulterschluss tut sicher gut und eventuell lassen sich dann auch die Hamsterer wieder auf Großhirnfunktionen ein. 😉

      Wir wünschen dir, dass du gut und vor allem gesund durch die Zeit kommst!
      Wie war dieser Spruch? Immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Schmetterling her… oder so ähnlich… 😉

  3. Ich glaube nicht nur,d ass es Hamsterkäufe sind, sondern dass eben viel Kantinen-Restaurant-Imbiss-essen wegfällt und wie ich bei mir feststelle, ich esse auch oft aus Anspannung, glaube kauen beruhigt, sollte es mal mit Kaugummi versuchen 😉
    Ansonsten: Ja Ausgangssperre würde mich auch sehr triggern…machen wir das beste draus!
    Liebe Grüße

  4. Pingback: Wir sind verschieden – Missbrauch, Folgen und der Weg

  5. Ihr lieben bunten Schmetterlinge,

    wir möchten Euch einfach einen lieben Gruß da lassen und Euch viel Kraft für die nächsten Wochen wünschen.

    Alles Liebe aus der Himbeersplitterei

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