Margeriten und die eigene Natürlichkeit

Ich öffne die Balkontür. Meine Katzen stürmen hinaus ins Freie den ersten Sonnenstrahlen entgegen. Ein bisschen verwirrt schauen sie zurück, als würden sie sich heimlich fragen, weshalb ihr Frauchen heute schneller ist als sie. Normalerweise stehe ich auf, wenn die Katzen vor der Türe quengeln. Diesmal war es anders rum. Als ich mich darauf zu bewegte, hoben zwei verschlafene Nasen den Kopf. Allerdings springen sie schneller auf, als mein Kreislauf Bewegung am Morgen überhaupt dulden würde. Ich blicke in die Sonne und erwarte Wärme. Stattdessen antwortet ein kühler Windhauch. Ich werde den ersten Kaffee wohl doch drinnen genießen.

Auf der Wiese blühen die Margeriten. Manchmal sehe ich in den geschlossenen Knospen kleine Elfen schlafen. Irgendwie verknüpfe ich sie mit überdimensionalen Gänseblümchen. Alleine die Vorstellung, dass diese Wiesenblumen eine große Schwester haben finde ich einen Schmunzler wert. Man schreibt ihnen die Bedeutung von Natürlichkeit und Glück zu. „Wie bin ich eigentlich natürlich?“ Ohne Masken nur in meiner ureigenen Mitte. Habe ich auch so ein kleines Zauberstaubgefäß mit dem ich meine Welt gestalten kann und das mir erlaubt in Beziehungen zu anderen zu treten, indem ich einfach nur ich bin? Weil das, was ich bin, attraktiv genug ist, um Freunde anzulocken? 

Es gibt inzwischen Momente in denen ich eine Ahnung davon bekomme, dass es ausreichen würde man selbst zu sein und dass man damit vermutlich mehr Fülle erreichen könnte, als mit den blöden Alltagsmasken. Wenn der Schmerz offen sichtbar wird, kommt er auch bei den Menschen an, die helfen könnten. Die Unterstützung wiederum heilt etwas in uns und bringt die Lebensfreude zurück. Jahrelang habe ich mich gefragt, weshalb ich eigentlich immer durch jeden Scheiß alleine durch muss. Dann bin ich zum ersten Mal öffentlich zusammengebrochen und schwubs waren die fleißigen Bienchen da, die mir angeboten haben mich ein Stück durch diese Zeit zu Tragen. Die Art ihrer Hilfen und wie ich die einzelnen Angebote tatsächlich empfunden habe steht nochmal auf einem anderen Blatt. Ich konnte aber erfahren, dass es grundsätzlich Menschen gibt, die sich darum bemühen anderen zu helfen und das war wertvoll.

Nach extremer Gewalt ist es unglaublich schwierig wirklich auszudrücken was in einem ist und was man braucht. Viele Grundbedürfnisse sind mit Traumatas so zugestellt, dass es viel Arbeit bedeutet sich dem überhaupt wieder anzunähern. Das Schweigen über innere Regungen steht im Täterkreis oft ganz oben. Entsprechend angstbesetzt ist es seine Sprache wieder zu finden. Wir stellen fest, dass es sich lohnt sich darum zu bemühen. Je mehr wir ausdrücken, umso passgenauer wird die Unterstützung. Erstaunlicher Weise wird es sogar leichter, wenn diese mal nicht da ist. Wir nehmen uns bestmöglich an, wie es ist und das nimmt enorm viel Last. Die Jagd nach einem irgendwie glücklicher definierten Leben ist so viel anstrengender, als zu akzeptieren, dass leben im Moment noch viel Schmerz beinhaltet. 

Ich putze die Zähne. Während die Bürste in meinem Mund kreist, denke ich über den anstehenden Tag nach. Die Margeriten begleiten mich mit ihrer Botschaft. Was könnte das für heute bedeuten? Vielleicht werde ich einfach mal beobachten, welche Impulse den Tag über so in mir auftauchen und an welchen Stellen ich mir Dinge verbiete, die mein Sein ganz natürlich einfordert. 

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