Vergewaltigung vergessen

Kann man eine Vergewaltigung überhaupt vergessen? Diese Frage stellen sich viele Frauen, die sich erst wesentlich später wieder an die erlittene Gewalt erinnern. Wenn Erinnerungen plötzlich auftauchen verunsichert das meistens massiv. Alles erscheint wie im Traum und ist doch so furchtbar real. Wir wollen in diesem Blogpost eine unserer Erfahrungen schildern, bei der wir den Prozess des Vergessens in Raten live mitverfolgen konnten. Natürlich gibt’s es auch die Erlebnisse, die bereits während des Ereignisses selbst vollständig in der Dissoziation verschwanden. Diese eine Tat hat diesen Vorgang für uns aber nochmal nachvollziehbarer werden lassen.

Lange nach unserem eigentlichen Ausstieg gerieten wir als erwachsene Frau in eine Situation in der wir von zwei Männern erneut vergewaltigt wurden. Dass das passiert ist, war mir unmittelbar danach durchaus bewusst. Mein Gehirn wiederholte blitzlichtartig immer wieder kurze Szenen aus dem soeben geschehenen. Die Welt war ins traumartige verrückt. Ich wusste nicht, ob ich wache oder träume. Menschen und Situationen um mich herum erschienen unglaublich fern. Alles wellte sich. Ich konnte nicht unterscheiden, ob der Boden unter meinen Füßen nachgab oder meine Knie weich waren. Mitten im Nebel setzte eine tiefe Übelkeit ein. Ich fühlte mich wie erstarrt und taub eingefroren. Weder Schmerz noch andere körperliche Folgen drangen in mein Bewusstsein durch. In den Stunden danach, war es mir unmöglich wirklich zur Ruhe zu kommen, obwohl mich gleichzeitig bleierne Müdigkeit und Erschöpfung erfassten. Jedes Geräusch in meiner Umgebung traf auf übermäßig wache Sinne. Eine enorme Schreckhaftigkeit trat ein. Immer wieder fuhr ich panisch hoch. Kleinste Reize, etwa die liebevolle Berührung eines wichtigen Menschens, zündeten wahre Feuerwerke in meinen Synapsen und hielten einen Ausnahmezustand im gesamten Körper aufrecht. Dennoch funktionierte ich relativ gut. Die Welt um mich herum hatte die Bedeutung verloren. Ich saß in einer Blase und hatte mit nichts mehr wirklich etwas zu tun.

Parallel passierte folgendes: Die greifbaren, bildhaften Erinnerungsbruchstücke rutschten bald immer weiter aus meinem Bewusstsein. Eine dichte Wand schob sich zwischen mich und das Erlebnis. Mehr und mehr erfasste mich Taubheit und Leere. Nach ungefähr zwei Wochen, waren die Ereignisse  mit der Dissoziation zusammen so weit abgetaucht, dass sie im Alltag nur noch rudimentär existierten. Je mehr Beruhigung im Außen eintrat, desto mehr verschlossen sich die zugefügten seelischen Wunden meiner Wahrnehmung. Das ging ganz automatisch. Zwar wusste ich, dass da etwas schreckliches passiert war, aber es kostete mich unendliche Mühe bewusst auf die Bilder zuzugreifen, manchmal ging es gar nicht. Trigger brachten von Zeit zu Zeit Fragmente an die Oberfläche.  Die Vergewaltigung war einer Art Löschung für das Bewusstsein unterworfen, um meine Seele wenigstens in der Folgezeit zu retten. Wäre ich nicht direkt nach dem Ereignis psychologisch betreut worden, bin ich mir ziemlich sicher, dass innerhalb kürzester Zeit noch nicht einmal der Umstand, dass irgendetwas passiert war, in meinem Gedächtnis geblieben wäre. Der Alltag musste weiter gehen. Zu der Gewalttat gibt es medizinische Akten. Ich wurde im Krankenhaus behandelt. Sie hat zweifelsohne stattgefunden. 

Nun ist mir diese Tat als Erwachsene passiert. Zwar mit einiger Vorschädigung aus meiner Kindheit und Jugend, aber dennoch schon mit ganz anderen Ressourcen, als sie mir als Kind zur Verfügung gestanden hatten. Ich hatte bereits ein soziales Umfeld, einen Beruf erlernt und war an Hilfestellen angebunden. Wie viel stärker trifft eine derartige Tat also ein Kind und zwingt es geradezu ins totale Vergessen, wenn mein Bewusstsein das noch nicht einmal als Erwachsene verkraften konnte!? 

Ja, man kann sexuelle Gewalt völlig vergessen und dennoch ist sie passiert. Das ist kein Widerspruch zur Echtheit einer Erinnerung. Im Gegenteil. Unser Bewusstsein kann es gar nicht ertragen sie vollständig präsent zu halten. Sobald der kleine Beamte „Hippocampus“ mit dem Alltagsgedächtnis wieder die Oberhand gewinnt, kickt er die Hochstressereignisse von der Festplatte. Dieses Beispiel zeigt für mich auch, dass traumatische Erinnerungen solange im Alltagsgedächtnis gehalten werden, wie es für das Überleben Sinn macht. Das entscheidet nicht die Logik, sondern die Hirnteile die mit unseren reflexhaften Überlebensmustern verbunden sind. 
Ich glaube, dass wir als Frauen nach einer Vergewaltigung sanfter und gnädiger mit uns umgehen dürfen. Das Vergessen ist ein ganz natürlicher Teil des Verarbeitungsprozesses, auf den wir nur sehr begrenzt, wenn überhaupt Einfluss nehmen können. Wir dürfen uns und unserem Körper trauen, wenn er uns irgendwann an die Schrecken erinnert und zur Verarbeitung einlädt. 

19 Kommentare zu “Vergewaltigung vergessen

    • So denken sehr viele. Die Forschung weiß allerdings inzwischen, dass es bei Traumatas anders ist. Einschneidende Alltagserfahrungen bleiben in der Tat oft wie eingebrannt. Bei einer schweren Traumatiserung arbeitet die Erinnerungsspeicherung im Gehirn jedoch ganz anders. Genau weil die Erfahrung derart schlimm ist, verschwindet sie mitunter vollkommen aus dem Gedächtnis, um das Überleben zu sichern. Durch die dissoziativen Prozesse und den Unterschieden in der Gedächtnisspeicherung während eines Traumas kann in der Folgezeit eine vollständige Amnesie bestehen.

  1. Liebe Sofie
    ich danke dir sehr für diesen Text.
    Was du beschreibst trifft bei mir innerlich auf eine Resonanz, auf ein „ja, genauso war das Erleben damals“, hättest du es nicht so treffend formuliert, ich hätte es nie so genau für mich erfassen können.
    Vielen Dank dafür, das war sehr hilfreich, um daran anknüpfen zu können und es vielleicht für die weitere Verarbeitung nutzen zu können.

  2. Liebe Sofie,
    Danke für diesen Text, ich empfinde ihn als sehr hilfreich, wie auch schon so viele andere davor. Ich lese euch schon eine Weile sehr gern und bin immer wieder sehr beeindruckt von euren Worten. Ja, das wollt ich nur mal hier lassen 🙂
    Liebe Grüße

    • Hallo Tina,
      es freut uns, dass du in unseren Zeilen immer wieder hilfreiches für dich entdeckst und hier mitlesen magst! 😊 Wir können das Kompliment nur zurückgeben. Im Moment kommen wir zwar leider recht wenig zum lesen, haben deinen Blog aber ebenfalls fest auf dem Schirm und schauen immer wieder gerne bei dir vorbei.

      Liebe Grüße,
      Sofie 😊

  3. Danke, dass ihr das nochmal so aufgeschrieben habt. Obwohl ich weiß, dass das Traumagedächtnis anders arbeitet, ertappe ich mich selbst trotzdem immer wieder dabei, dass ich denke: Na ja, wenn ich die Traumata und die Gewalt nicht mehr wirklich erinnere, kann es ja nicht so schlimm gewesen sein.

    Liebe Grüße

    • Gerne! 😊
      Wir denken das manchmal auch, obwohl wir das hier so aufschreiben. 😉 Grade in den Zeiten in denen es am wichtigsten wäre das präsent zu haben, sind wir oft betriebsblind. Wenn’s anfängt weh zu tun, wird unser Verstand gerne zum Fluchttier.

      Liebe Grüße und einen schönen Abend!
      Sofie

    • Hallo Fox,
      das kennen wir auch nur zuuu guuut.
      ♡-liche Grüße

      Liebe Sofie,
      und auch von außen wird uns das immer mal wieder gespiegelt und zementiert diese Wahrnehmung damit noch.
      ♡-liche Grüße auch für Euch

      Die Himbeersplittet

      • Ja, da habt ihr recht. Ich glaube teilweise fehlt im Außen einfach das Wissen zur Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen. Viele Menschen gehen von stark emotionalen Erlebnissen aus, die aber nicht traumatisch waren. Diese bleiben ihnen oft besonders lebhaft und lange im Gedächtnis. Gerade deshalb finden wir es auch so wichtig, dass man den Unterschied von traumatischen und „lediglich“ stark belastenden Erinnerungen deutlich differenziert.

        Liebe Grüße und einen schönen Tag!🌸🌞

    • Naja, ich glaube eher umgekehrt wird ein Schuh draus: dein Hirn hindert dich am erinnern, weil es vielleicht so schlimm war, dass es (jetzt noch) nicht verkraftbar für dich wäre, dich zu erinnern. Was meinst du?

  4. Das mit dem Vergessen finde ich interessant. Ich will mich mal schlaumachen, wann schlimme Erfahrungen im Gedächtnis bleiben und wann sie im Wattemeer verschwinden. Danke für Eure Offenheit. Das so ehrlich zu beschreiben, kann sicherlich nicht jeder.

    • Schön, wenn wir dich damit erreichen konnten. 😊 Ich habe bislang noch keine pauschale Angabe gefunden, wann traumatische Erfahrungen bewusst bleiben und wann sie in der Amnesie verschwinden. Zwar gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Dissoziation während eines Ereignisses, insgesamt scheint mir das aber sehr individuell zu sein. Solltest du dazu genaueres finden, würden wir uns sehr dafür interessieren. Es würde uns sehr freuen, wenn du uns das ggf. irgendwann hier zurückmelden möchtest. 😊

      Liebe Grüße und einen schönen Pfingstmontag!
      Sofie

  5. Danke, liebe Sofie, für diese Schilderung und Erläuterungen. Ich dachte immer wieder auch, dass die Vergewaltigungen in der Kindheit einfach auch zu oft passiert sind. Weil Übergriffe eben kein singuläres Ereignis wären, sondern zum Alltag gehörten, schienen sie nahezu „normal“. Wir hatten in der Jugend und als junge Erwachsene auch eher ein Erstaunen, wenn wir mit anderen unterwegs waren, dass uns NIEMAND vergewaltigte. ….. Wobei es aber andere Innenwesen gab, die Gewalterfahrungen schon als Unrecht zuordnen konnten.
    Irgendwie denken wir immer, wir können ja auch nicht jedes Familienessen erinnern. Nicht einmal jene wo es auch Zwang und Gewalt gab. ….. Jetzt scheinen uns deine Erläuterungen doch plausibel, denn wir können ja Familienessen erinnern. Nicht alle, aber doch so typische Situationen oder gängige Gerichte. Gewalthandlungen sind aber komplett ausgelöscht. ….. Wir fragen uns nur, ob wir das jemals erinnern werden können? Also mehr als Erinnerungsfetzen. Und ob wir das wollen?
    Herzliche Grüße
    „Benita“

    • Hallo Benita,
      bei der Häufigkeit von Gewalterfahrungen kommt das sicher auch noch dazu, dass nicht mehr alles erinnert werden kann.

      Ich glaube, wenn Fetzen vorhanden sind, besteht auch die Möglichkeit, dass sie sich immer mehr zu einem ganzen fügen. Es bringt vor und Nachteile mehr von der erlittenen Gewalt zu wissen. Wir hatten immer eine Sehnsucht unsere Geschichte zu begreifen. Je mehr wir allerdings die Dissoziation auflösen konnten, umso mehr Schmerz kam ins Bewussrsein. Dadurch hat sich auch der Alltag verändert. Einfach Funktionieren war dann nicht mehr. Wir würden es wieder machen, weil sich für uns das Gefühl sich zu spüren trotz allem lohnt. Ich habe durch deinen Kommentar grade überlegt, ob ich tatsächlich eine bewusste Wahl hatte, das wissen zu wollen… Vielleicht ganz am Anfang, wenn ich nie tiefer therapeutisch darauf eingegangen wäre. Aber selbst dann hatte mein Gehirn ja schon beschlossen das verarbeiten zu wollen. Wahrscheinlich entscheidet unsere Seele selbst, wann und wie viel sie davon Preis gibt, um zu heilen.

      Liebe Grüße,
      Sofie

      • Danke, liebe Sofie, wie recht du hast. Ist im Grunde auch unser Weg. Manchmal wünschten wir uns einfach mehr Entscheidungsfreiheit, denn funktionieren war vor unseren Therapien überhaupt nicht möglich. Da hätten wir unser vielleicht dann sehr kurzes Leben ab dem 25. Lebensjahr auf der Psychiatrie verbracht. Davor gab es vielleicht kurz zwei, drei Jahre, wo es Mithilfe von Alkohol und Schmerzmittel ging zu arbeiten. …… Es war der richtige Weg und vor wenigen Tagen hatte sich manche Erinnerung ineinander gefügt, das haben wir im letzten Beitrag geschrieben. ….. Dieser Kommentar ist wohl auch in der Angst knapp davor entstanden.

        Herzliche Grüße
        „Benita“

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