Die dunkle Weiblichkeit und Spiritualität

Trauma und Spiritualität sind für uns eng verknüpft. Wir würden fast behaupten, dass jeder tiefe Schock aus außersinnlichen Erfahrungen besteht. Was auf weltlich-wissenschaftlicher Ebene mit Dissoziation beschrieben ist findet für mich seine Entsprechung als Ablöseprozess unserer Seele vom irdischen Sein. Erleuchtungsprozesse werden immer wieder als innere Sterbeerfahrungen beschrieben. Nichts anderes sind Traumata. Wir sind gewiss alles andere als erleuchtet! Ehrlich gesagt gibt es auch kaum einen Zustand, den ich weniger erstrebenswert finde. Was will ich in spiritueller Leere und Gleichgültigkeit!? Das hatte ich lange genug und ich habe mir hart erkämpft wieder zu fühlen mit allem was mich ausmacht. Dennoch gehört für unseren Heilungsweg eine Art der spirituellen Auseinandersetzung dazu. In diesem Beitrag wird es nun vor allem um verletzte Weiblichkeit und Spiritualität gehen. Wir sprechen, wie auf diesem Blog immer, für uns. Andere Menschen mögen eventuell ganz anders empfinden.

Wenn Schmerz und Leid unerträglich werden im Leben, kommen die Angebote der Esotherikszene gerade recht. Sie künden von dem Wunder der ewigen Freude und des unendlichen Glücks, wenn man es mit etwas Anstrengung schaffen würde, sich aus dem körperlichen Sein zu erheben, das Ego zu verlassen und eine spirituelle Identität anzunehmen. Das kostet nicht viel. Nur disziplinierte Gedankenkraft, die richtigen Affirmationen, ausgiebiges Meditieren und beständige innere Zügelung auf die positiven Aspekte des Seins sollten sich unliebsame Emotionen regen. Tatsächlich gelingt es mit einiger Mühe oft sich damit zunächst tatsächlich besser zu fühlen. Der aktive Kampf gegen die verletzten Seiten in uns holt aus der Ohnmacht und mit einigem spirituellem Ehrgeiz findet man sich bald in einem neuen Funktionsgefängnis. Denn aufhören lässt sich damit nicht. All die unerlösten Gefühle in uns sind ja nicht einfach weg, nur weil wir sie schön reden. Sie warten nur auf ihren Moment des großen Durchbruchs. Der spirituell Suchende wird so erneut zum getriebenen auf der Flucht vor sich selbst. Die Ebene mag sich geändert haben, das Thema jedoch ist immer noch das Gleiche. Woran liegt es nun, dass gerade diese vermeintlich stark gefühlsbetonte Welt zum Fluchthelfer aus den Emotionen wird ohne sie zu verarbeiten?

Betrachtet man die Esotherikszene genauer, stellt man fest, dass auch dort überwiegend das männliche Prinzip vorherrscht. Das Streben nach Licht ist von je her eine Eigenschaft des väterlichen. Darin liegen die Kräfte des Tages und Vater Sonne. Lösungen werden hier durch Verstandeskräfte erwirkt. Um dem einen besseren Klang zu verleihen nenn man das ganze dann erweitertes Bewusstssein. Diese Erweiterung findet aber in vielen Ausrichtungen überwiegend auf kognitiver Ebene statt. Man möchte mehr begreifen können. Entsprechend sind die Methoden wie Affirmationen, Meditation und Gedankenhygiene geprägt. Sie laufen über unser bewusstes Gehirn ab. Auch der männliche Aspekt des Kriegers und Kämpfers kommt dabei nicht zu kurz. Das Ego muss klein gehalten, Emotionen unbedingt aktiv gewandelt und Leid ausgemerzt werden. Nun ist gesellschaftstypisch aber eher seltener das Problem, dass bei gesundheitlichen Beschwerden ein Defizit in den Verstandeskräften besteht, legen wir doch kaum auf etwas anderes im Alltag wirklich Wert. 

Meistens geht es um starke Gefühlskonflikte und emotionale Wunden. Das entspricht der weiblichen Seite in uns. Sie ist in ihrem Ursprung den intuitiven, unbewussten Strömungen in uns zugeteilt. Ihr entspricht die Dunkelheit und Nacht. Passive Aktivität ist ihr zu eigen. Man könnte das auch als besondere Form der Energieeffizienz beschreiben. Das Wissen um die innere Fülle und den richtigen Zeitpunkt zum Handeln wohnt ihr inne. Sie ist das zweite Glied der Spiritualität, das leider viel zu oft komplett vernachlässigt wird. Als schwer verletzte Frau brauche ich aber genau ihre Qualitäten, weil sie mich in ihren Eigenschaften auch durch die dunkle Nacht meiner Seele mütterlich begleitet. Sie hält, sie schützt, sie ist da, vermittelt Geborgenheit und schafft den Raum zur Regenration. Sie ist gleichsam die erholsame, kühle Nacht, nach einem brütend heißen Tag, der alle Kräfte gefordert hat. Ihre klare Sanftheit heilt die Wunden ganz ohne Kampf aus sich heraus. Dort müssen Emotionen nicht unterdrückt werden, sondern dürfen fließen. Es existiert kein schlechtes, hinderliches Ego, sondern Fürsorge für unser irdisches körperliches Sein, das uns im Schmerz nur anzeigt, wenn etwas aus den Fugen geraten ist und unser Leben gefährdet. Neben dem männlichen, göttlichen, lichtvollen Prinzip steht gleichberechtigt die Muttergöttin und macht Spiritualität erst vollkommen. Weichen wir ihren Qualitäten aus, weichen wir einem Teil der Göttlichkeit in uns aus. 

Was will ich damit nun eigentlich sagen?: Wenn wir emotionale Verletzungen heilen wollen, brauchen wir eine Form der Spritualität, die die weiblichen Kräfte mit umfasst. Geraten wir auf dieser Ebene wieder in einen Kampf mit Teilen in uns selbst, wird sie zur Flucht. Wir suchen dann in patriarchal angepasster Spiritualität nach einem emotionalen Heilmittel. Diese wiederum hat mit Gefühlen gar nicht wirklich etwas zu tun hat und verfehlt damit das Problem. Es besteht die Gefahr, dass sie durch die Hintertür das Prinzip der erlittenen männlichen Ausbeutung stützt, indem sie selbst über innere Grenzen hinweg Funktionalität, Verstandeskräfte und Aktivität bei der Bewältigung fordert. Sie verleitet schnell zu einer Pseudoakzeptanz, mit der wir zwar vordergründig anerkennen, dass die Schmerzen da sind und auch sein dürfen, gleichzeitig auf einer tieferen Ebene immer noch damit beschäftigt sind sie durch Verhaltensänderungen auszumerzen, sie ins Licht zu schicken oder Wandlung herbeizuführen. Das mütterliche Prinzip des Rastens, der Erholung, des sich Annehmens und so sein dürfens wird als Schlüssel jeder emotionalen Heilung damit unter den Teppich gekehrt. Kräfte sammeln, mit sich im Kontakt sein, Akzeptanz des Ist-Zustandes und Räume der vollen emotionalen Schwingungsbreite machen für uns die Auseinandersetzung mit seelischen Wunden überhaupt erst möglich. Der Krieger trägt das Bewusstsein über die Verletzungen, die Kriegerin ihre emotionale Bedeutung für das weitere Leben. Ein aktiv angelegter Druckverband kann Leben retten, spätestens nach der ersten Versorgung brauchen wir aber eine andere Form der Wundfürsorge, die ihrer Tiefe entsprechend, Komplikationen und fortwährende Eiterherde aus dem Innen verhindert, indem sie das Ausmaß vollständig erfasst. 

11 Kommentare zu “Die dunkle Weiblichkeit und Spiritualität

  1. Ja, der spirituelle Weg kann uns Ex-Traumatisierten auch sehr in die Irre führen…. das macht der EGO-Verstand ganz prima, darauf ist er Jahrzehnte von Kindesbeinen an von Eltern, Lehrern, Gesellschaft, Kirchen…. konditioniert worden. Die einzige Rettung ist: Das alte Denken in Frage zu stellen und neues Denken erst mal zulassen, auch wenn sich der EGO-Verstand mit allen Krallen dagegen wehren wird…. für möglich halten, dass scheinbar jahrelang Geglaubtes, vielleicht nicht so ist wie es uns erscheint.

    • Die Beschreibungen „Ego-Verstand“, „in die Irre führen“ und sich „gegen neues Denken wehren“ sind genau mein Problem in der Sprache der patriarchal geprägten Neo-Spiritualität. Sie wertet Teile unseres menschlichen Seins ab und in der Regel sind es eben die weiblichen emotionalen, körperlichen Bedürfnisse, die nicht in den Kram passen, weil das schon mal unangenehm werden kann. Für mich ist da eben nichts in uns, das umdenken lernen muss oder nicht gut wäre wie es ist. Schon gar nicht kann für mich eine innere Wahrnehmung in die Irre führen. Ich sehe als Problem eher die Haltung, dass es so sein könnte. Noch nie hat mich ein innerer Schrecken oder eine Angst in dir Irre geführt, wenn ich mich darauf eingelassen habe, wohl aber das beständige Bestreben anders sein zu müssen, als es eben grade war – weniger ängstlich, ohne Schmerzen, psychisch stabiler, fröhlicher, etc. Gewachsen sind wir, indem wir langsam lernen mit uns zu sein, wie wir eben sind und alles anzunehmen.

      Schön mal wieder von euch zu lesen! 😊

      • Ja, ich verfolge Deinen Weg weiter…. ich habe nicht mehr kommentiert, weil ich nun einen Weg gefunden habe, den Schmerz und das Leiden hinter mir zu lassen – dieser Weg ist auch nicht ohne – aber voller Freude und Neugier, ich spüre, dass er mich trägt und weg führt von ewig sich endlos wiederholenden Leiden. Ja es gibt viele Wege und jeder muss den seinen finden und ihn gehen. Ich lese Dich weiterhin ☺.

      • Es freut mich zu lesen, dass ihr für euch einen Weg gefunden habt. Der eigene Weg muss im Grunde ja nur für sich selbst stimmen. Neugier und Freude klingen auf jedenfalls sehr positiv! Wir wünschen dir weiterhin alles Gute und freuen uns, wenn du immer wieder mal vorbei spitzt! 😊

  2. Das finde ich äußerst interessant, weil ich gerade dabei bin zu überlegen, ob ich mich einer regelmäßigen Meditationspraxis wieder annähern möchte. Von deinem Standpunkt aus, habe ich Meditation noch nie betrachtet und muss mich da erst hineindenken. Sehr spannend. Ich beziehe mich nicht auf irgendwelche esoterischen Varianten sondern auf die klassische Form buddhistischer Meditation, deren Zielsetzung ja nicht unbedingt Heilung ist sondern Beobachtung des eigenen Geistes.

    • Meditation kann ja auch etwas ganz wundervolles sein! Da kommt es für mich sehr auf die innere Haltung dazu an. Wenn ich meditiere, um mich mit allen Facetten besser kennen zu lernen und einen Zugang zu mir zu finden ist das total prima. Schwierig finde ich inzwischen das Meditieren mit dem Ziel etwas zu verändern – eine Spannung in mir loszuwerden, die Angst zu reduzieren, alltagstauglicher zu werden oder eben auch nur zu beobachten, wenn eigentlich noch Gefühle vorhandenen sind. Dann kann ich mir gar nicht mehr unvoreingenommen begegnen und kennenlernen was ist, weil ich diese Zustände von vornherein ausschließe. Man würde ja zu fremden Menschen auch nicht sagen: „Schön, ich höre dir jetzt mit deiner Not kurz zu, aber nur, dass du danach verschwindest.“ Und wenn man es täte, wäre die Frage wie viel man über diese Person noch erfahren würde. So empfinde ich es auch mit den verschiedenen Seiten in uns.

      Nur ein Gedanke, der für dich ganz anders sein kann: Wenn ich meine Gedanken nur mit dem Bewusstsein (männliches Prinzip) beobachten darf ohne es menscheln zu lassen, wenn ich dazu nunmal an der ein oder anderen Stelle etwas im Körper fühle (weibliches Prinzip), wie soll ich dann den emotionalen Spannungen begegnen, die sich mir zeigen und mitteilen wollen? Ich begebe mich dann ja nie auf ihre Ebene. Warum darf man Geist (männliches Prinzip) beobachten, die dazugehörige Emotion fühlen (weibliches Prinzip) jedoch nicht? Ich glaube wir sind als Gesellschaft einfach nur maximal ungeübt im Umgang mit Emotionen und Weiblichkeit und fürchten uns deshalb mehr vor dieser Seite.

      Egal was du letztlich daraus für dich schließt – wir wünschen dir berührende Momente mit dir selbst. 😊

  3. Ich kann deine Unterteilung in männliches und weibliches Prinzip deswegen nicht nachvollziehen, weil nach buddhistischem Verständnis – grob gesagt – kein Unterschied zwischen Emotionen und Gedanken gemacht wird, alles ist Geist und Geist ist nicht männlich oder weiblich. Womit, wenn nicht mit dem Geist kann man denn irgendetwas betrachten oder wahrnehmen ? Meditation hat ja eben kein Ziel, man betrachtet, was vorhanden ist, Gedanken, Emotionen, Sinneswahrnehmungen, Körperliches nicht in der Absicht etwas zu verändern sondern nur in der Absicht zu erkennen, was da ist. Jeder mögliche weitere Schritt hat dann nichts mehr mit der Meditation zu tun
    Aber, keine Sorge, ich habe keine missionarischen Absichten 😉 Dein Beitrag ist mir nur so ins Auge gesprungen, weil ich mich gerade mit dem Thema „soll ich wieder anfangen oder nicht“ befasse. Herzliche Grüße

    • Vielleicht verstehe ich dann auch etwas am buddhistischen Prinzip nicht oder es kam bislang anders bei mir an. Ich empfinde deine Antwort ganz und gar nicht als missionarisch, sondern freue mich eher über den Austausch. Ich hoffe sehr, dass wir umgekehrt nicht so wirken. An der Stelle kann ich sicher noch dazu lernen. Mein Empfinden kommt aus meinen bisherigen Erfahrungen, aber ich erweitere meinen Horizont gerne. Mit Buddhismus habe ich mich zugegebenermaßen nur rudimentär befasst und bin kein Spezialist. Dort scheinen die Worte „Geist“ offenbar anders besetzt zu sein, wenn ich dich so lese, als ich das bisher im spirituellen Bereich kennengelernt habe. Wenn es darum geht Emotionen oder Körperliches zu erkennen, fühlst du sie in der Art von Meditation wie du sie beschreibst dann auch? Gehst du gleichsam durch die Gefühle durch und bleibst damit in Kontakt? Oder wärst du überhaupt nicht mehr damit identifiziert und bist eine Art unbeteiligter Beobachter, der völlig außen vor bleibt? Ich hoffe wir nerven dich mit diesen Fragen nicht. Das interessiert uns wirklich!

      • Nein, du nervst gar nicht. Ich beschäftige mich nach etlichen Jahren Pause wieder mit Buddhismus.
        Geist ist einfach gesagt, alles was wir (in uns) wahrnehmen, also zB beim Meditieren. Gedanken, Gefühle, Körperwahrnehmungen. Streng genommen ist im Buddhismus alles Geist, aber das führt zu weit.
        Beim Meditieren tut man im Grunde gar nichts als ruhig sitzen und alles aufsteigen lassen, was aufsteigt. Man soll alles kommen lassen ohne zu analysieren oder wegzudrängen. Klingt sehr ruhig, kann aber recht stürmisch werden. 🙂 Man ist im Körper, in den Gedanken in den Emotionen drinnen, nicht nur als Beobachterin. Der „Gewinn“, den Meditieren bringt, ist nicht die Befreiung von Gedanken und Emotionen – das ist nicht der Zweck der Übung und auch gar nicht möglich – niemand kann sein Gehirn ausschalten. Der „Gewinn“ ist die Befreiung von festgefahrenen Verhaltensweisen. Ich kann also zB wahnsinnig wütend sein, diese Wut voll spüren, muss sie aber nicht reflexartig so ausleben, wie ich das sonst immer tue. Ich bin extrem wütend, bleibe aber einfach sitzen und tue gar nichts, ich analysiere meine Wut nicht einmal, sie ist einfach da und darf auch da sein.
        In der Praxis ist das natürlich nicht so einfach und braucht viel Training. Es gibt aber seriöse Studien in der Gehirnforschung, die belegen, dass sich durch Meditieren tatsächlich Veränderungen im Gehirn feststellen lassen.

        Es wird Menschen mit akuten psychischen Problemen zB Menschen mit psychotischen Tendenzen vom Meditieren abgeraten. Ich habe von so einem psychotischen Schub bei einem Meditationsretreat aus erster Hand gehört und das war zum Fürchten. Zum Glück hat sich der Betroffene nach mehreren Wochen Klinikaufenthalt wieder stabilisiert.

        Es ist ein weites Feld, das nichts mit esoterischen Praktiken zu tun hat. Buddhismus ist im Grunde auch keine Religion sondern eine Lebensphilosopie mit dem Ziel sich selbst und möglichst viele andere glücklich zu machen. Ich selbst habe eine Menge dabei gelernt ohne besonders tief in die Materie eingedrungen zu sein. Mich interessiert nur der praktische nicht der mystische Aspekt des Buddhismus.

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