Tote trinken keinen Kaffee

Meine Beine sind hochgelagert. Mit dem Rücken bin ich stabil gegen die hohe Sofalehne gerückt. Ich starre regungslos in die Ferne. Weit weg höre ich eine vertraute Stimme. „Sofie, komm zurück! Ich bin da.“ Doch ich komme nicht zurück. Die Welt um mich, die ich ohnehin kaum wahrnehme, versinkt völlig im Schwarz. Als ich erneut zu mir komme, blicke ich in Augen voller Tränen. „Ich weiß es war schlimm. Ich bin da. Bleib bei mir.“ Schmerz schießt mir durch den Körper. Nichts von dem was geschieht verstehe ich auch nur ansatzweise. Weder weiß ich wo ich bin, noch weshalb. Nur die freundliche Stimme dringt immer wieder an mein Ohr und zieht mich ins Bewusstsein. Zitternd beben meine Zellen. Schauer überlaufen mich. „Magst du etwas trinken? Kaffee für den Kreislauf?“ In Fluten brennend heißer Schmerzen, die meinen gesamten Körper durchzucken, versuche ich zu sortieren, was überhaupt passiert ist. „Bist du echt?“, frage ich. „Ja, ich bin echt. Ich bin da.“ „Ich bin tot“, sage ich und weiß nicht, ob ich gestorben bin oder noch einen Körper habe. Denn irgendwie ist er weg, auch wenn er weh tut. Er ist nicht mehr meiner. Ich bin nicht mehr hier auf dieser Welt.

In den folgenden Stunden wird sich alles darum drehen meine körperlichen und seelischen Wunden medizinisch not zu versorgen, die durch Folter entstanden waren. Zwischen Stromschlägen und körperlichen Qualen wurde es irgendwann warm und weiß um mich. Die Zeit setzte aus. Von weiter weg blickte ich den Folterern über die Schulter, die sich an einem Körper zu schaffen machten, der zwar aussah, wie der meine, mit mir aber tatsächlich von nun an nichts mehr zu tun hatte. Leblos war er obendrein. Später fand mich eine Bekannte in desolatem Zustand und leitete die notwendigen Schritte für meine Versorgung ein. 

Den Kaffee bot Sie mir an, weil sie wusste, wie gerne ich ihn eigentlich mochte und wohl in der Hoffnung er würde meine Lebensgeister wieder etwas zurück auf die Erde orientieren. Ich konnte nicht trinken und auch kaum schlucken und es war mir auch nicht wichtig. Denn ich war tot. Tote trinken keinen Kaffee. Tote haben mit dieser Welt nichts mehr zu tun. Für sie ist alles nur ein großer Traum. Nichts ist wirklich. Noch nicht mal sie selbst. Und das ist auch wichtig so. Denn wären Tote wirklich und die Welt um sie herum, würden sie vor Schmerz direkt sterben. Die Durchlässigkeit all meiner Wahrnehmungen in diesem Moment lies mich unzählige Male danach fragen, ob die Helferin als Mensch wirklich echt ist und ob wir tatsächlich am Leben sind. 

Irgendwann kam der Moment in dem ich mir zum ersten Mal nach diesem Ereignis Kaffee kochte. Die Tasse konnte ich kaum greifen. Der Körper gehorchte nicht. Außerdem hatte ich das Gefühl ich könne durch alle Gegenstände hindurch fassen. Sie erzeugten keinen Widerstand. Ich entschloss mich die Tasse stehen zu lassen und nur etwas davon oben ab zu schlürfen. Der erste Schluck… Er fiel leer durch mich hindurch. Mein Hals war nicht da und auch der Rest nicht. Weder fühlte ich die Peristaltik der Speiseröhre, noch die Wärme. Vermutlich schwebte er irgendwo in dem unauffindbaren lebenden etwas. Der Körper war ein hohles Loch und irgendwo darin war nun ein Schluck Kaffee gelandet – das jedoch nur als kognitives Wissen und nicht als sinnlicher Genuß. 

Es kam der Zeitpunkt an dem die Frage kam, ob ich mich dafür entscheiden könne, wieder zurück in meinen Körper zu gehen und zu leben, weil es für unsere Heilung wichtig sei. Ich habe mich entschieden.

15 Kommentare zu “Tote trinken keinen Kaffee

  1. Oh, Sofie, was kann ich schreiben? Es ist alles zu wenig …

    Ich kann nur ansatzweise erfassen, wie schlimm es für dich war.
    WIE stark du immer wieder bist, dieses Leben immer wieder neu anzugehen.
    Und wie viele wunderschöne Dinge du schon für dich entdeckt und oft auch in so schönen und zarten Worten beschrieben hast …
    Beides hat mich sehr berührt, das Schlimme und das Zarte.

  2. Wie eine Morgendämmerung. Blockaden lösen sich wie Frühnebel. Erlebtes/Erlittenes wird erinnerlich. Das befreiende Gefühl, darüber sprechen zu können.

    » […] und ich weiß, dass du geknechtet wirst heute Nacht,
    du wirst sehen, du wirst stehen.
    Du wirst stehen, In der Sonne…«
    -Tomte, neulich als ich dachte

  3. Pingback: Erfahrungen von Folter | Sofies viele Welten

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