Erfahrungen von Folter

In den letzten Tagen habe ich aufgrund meiner eigenen Erinnerungen viel nach Erfahrungsberichten von Folter gegoogelt. Weil in der Verarbeitung derzeit besonders die Erlebnisse mit Strom und Elektrizität im Fokus stehen, war ich auch bei den Recherchen zunächst entsprechend darauf fixiert. Gefunden habe ich so gut wie nichts, außer grundsätzlichen, relativ oberflächlichen Beschreibungen von Methoden. Mir fehlen vor allem Schilderungen aus dem Innenleben nach einem derartigen Ereignis. In den spärlichen Artikeln über Opfer von politisch motivierter Folter finden wir uns nur sehr bedingt wieder. Zwar ähneln sich mitunter die Methoden, allerdings ist auch der Kontext für die Auswirkungen entscheidend. Häufig haben diese Überlebenden zudem einen – aus unserer Sicht -entscheidenden Vorteil bei der Verarbeitung: Die erlittenen Gewaltformen und die Umstände (Folter in Gefängnissen, bestimmte Regime, Stasi, KZ, etc.) sind bereits gesellschaftlich bekannt und auch anerkannt, während Überlebende von ritueller Gewalt erst mal dafür kämpfen müssen, dass Ihnen überhaupt geglaubt wird. Wir haben uns nun dazu entschlossen Stück für Stück unsere Empfindungen niederzuschreiben. Vielleicht hilft das anderen, die ebenfalls danach suchen. In der Seitenleiste findet sich ab sofort die neue Kategorie „Erfahrungen von Folter“, um die Beiträge dort zu sammeln. Beim Schreiben werden wir uns an dem orientieren, was uns im Innen jeweils zu dem Thema bewegt. Im letzten Beitrag „Tote trinken keinen Kaffee“ haben wir bereits einen Anfang gemacht. Triggerwarnungen gibt‘s – wie grundsätzlich auf diesem Blog – keine.

18 Kommentare zu “Erfahrungen von Folter

  1. Auch wir haben uns quer durchs Netz gegoogelt und haben gesucht um etwas zu finden das sich mit unseren Erinnerungen decken.. Sind ja zu Stasi Zeiten groß geworden, und wissen das die Eltern mit denen zu tun hatten oder irgendwer in der Familie außerhalb.. Wir haben im Inneren viele Erinnerungen an Folter aus unterschiedlichen Situationen, vor allem mit Strom und ähnlichen Mitteln…ihr seid nicht alleine das wollten wir euch eigentlich mitteilen..

  2. Ihr Lieben.
    Jetzt haben wir gerade ganz doll Pipi in den Augen wenn man das mal so sagen darf. An genau (!) diesem Punkt standen wir auch schon mal. Googelnd und suchend nach Erfahrungen. Einfach…ja warum macht man das eigentlich? Ich kann das nicht mal in Worte fassen. Eine Art Abgleichen?
    Auch wir fanden ein paar wenige Berichte von Kriegsgefangenen, KZ und so weiter und ich dachte das selbe, wie ihr in diesem Moment: Denen wird wenigstens geglaubt. 😢
    Man fühlt sich so verdammt allein.
    Ich finde es ganz ganz ganz groß, was ihr hiermit für ein Vorhaben startet!
    Wenn ihr nichts dagegen habt, würden wir da gerne mitmachen. Obwohl unsere Erinnerungen, was das angeht noch sehr sehr fragmentiert sind und sich bisher kaum Zusammenhänge oder Erklärungen finden lassen, warum was jeweils gemacht wurde, mit welchem Ziel oder welchem Ergebnis. Aber die Fragmente, die da sind, dass die einen Platz bekommen, einen Ort, dass diese vielleicht noch anderen helfen…ja das wäre wundervoll.
    Ich schicke euch eine Umarmung.
    Wir „projekten“ auch gerade ganz neu und noch mal auf einer weiteren Ebene.
    Vielleicht mögt ihr auch bei uns nochmal vorbeischauen.

    Ganz ganz liebe Grüße M.

    • Hallo ihr Lieben,
      ich fände es toll, wenn Ihr da mitmacht! So entsteht Austausch und wir können Berichte sammeln. Genau darum ging es mir ja ursprünglich mal.

      Ich denke, dass man es manchmal einfach braucht mit anderen Betroffenen das unaussprechliche zu teilen, weil darin auch ein Stück des nochmal neu Realisierens und greifbar machen’s steckt. Wir wissen, was uns passiert ist und gleichzeitig ist da dieses unaushaltbare Gefühl es vielleicht niemals nach außen verständlich machen zu können. Etwas was sonst nur in uns hallt, finden wir in Welt da draußen in Zeilen anderer Betroffener wieder und das schenkt Sichtbarkeit. Uns geht es zumindest beim Lesen von Erfahrungsberichten so.

      Ganz liebe Grüße,
      Sofie

      P.s.: Dein Video wurde schon gesichtet. Ich kam nur bislang nicht dazu darauf zu reagieren. Starke und mutige Leistung!

      • Ja das teilen ist wichtig das finde ich auch. Auch das sich wiederfinden weil….ich weiß das klingt blöd aber für mich macht es das realer als gefühlt die Einzige zu sein mit etwas-. Das ist näher an „Einbildung“ als wenn man erfährt, es gibt mehr wie mich. Weißt du? Wie das Erfahren, dass das, was mit „mir“ los ist sich DIS nennt man man nicht mehr von sich denkt, dass man einfach die Einzige auf der Welt ist, die so völlig durchgeknallt ist. Und zwar so durchgeknallt, dass man besser niemals darüber spricht.

        Wir könnten uns irgendwie auch vernetzen mit diesen Beiträgen, wenn ihr mögt, weiß aber noch nicht, wie.

        Bin nicht mehr so fit im Denken. Deswegen hör ich auf ❤

      • Ach, das habt ihr so treffend und schön formuliert! Wir wissen genau, was ihr meint.

        Vernetzen finde ich klasse. Ich würde entsprechende Beiträge mit einer kurzen Beschreibung hier auf dem Blog verlinken. Je nachdem wie viele Artikel von unterschiedlichen Menschen es werden, mache ich dazu eine Seite im Hauptmenü des Blogs, um das auch für Besucher leichter auffindbar zu machen. Vielleicht mögen ja noch mehr Blogger mitmachen. Wenn ihr einen Beitrag dazu geschrieben habt, freue ich mich über einen kurzen Hinweis darauf. Manchmal rutschen mit Artikel sonst durch und das wäre schade. Gerne dürft ihr uns umgekehrt ebenfalls verlinken, wenn das für euch passt.

        Ganz liebe Grüße! 🤗

  3. Da haben wir kurz mal aufgehört zu atmen beim Lesen.
    Großes habt ihr da vor… Und man bekommt ein man ist nicht allein. Und vielleicht für sich mehr Verständniss, wenn man es auf Eurer Seite bewortet findet.

  4. Sehr mutig, euch damit zu zeigen – das schaffen nicht viele. Aber es kann ein erster wichtiger Schritt sein, so denken wir.
    Überhaupt Worte zu finden für das, was geschah und dann noch wichtiger in unseren Augen: damit nicht alleine bleiben.
    Der Schock und das nicht verstehen können, als es passierte, hat das mitteilen damals verhindert und somit isoliert.

  5. Hey…
    Ich weiß nicht, ob euch das weiterhilft, aber wenn ich mich richtig erinnere, kommt das Thema Folter mit Strom im Buch „The Enslaved Queen: A Memoir about Electricity and Mind Control“ von Wendy Hoffman ausführlicher vor. Ich kann mich nicht genau erinnern, wie intensiv dabei auf das innere Erleben eingegangen wird, und das Buch ist leider nur auf Englisch verfügbar, aber vielleicht ein Hinweis.

    Liebe Grüße!

  6. Der Satz „… sind bereits gesellschaftlich bekannt und auch anerkannt, während Überlebende von ritueller Gewalt erst mal dafür kämpfen müssen, dass Ihnen überhaupt geglaubt wird.“ hat mich sehr berührt und mit Trauer erfüllt. Ihr dürft alles tun, was euch weiterhilft. Aber tut nichts, um euch oder eure Erinnerung zu „validieren“ – nicht für andere: Euch sollte genauso geglaubt werden, wie jenen anderen, die gefoltert wurden. Und Zweifler wird es immer geben … (Tut mir leid, das meine Worte so dahin poltern … Ich kann mich gerade nicht besser ausdrücken.) — Euch alles Gute auf eurer „Quest“.

    • Vielen Dank für die unterstützenden Worte! Die sind genau richtig und du musst nichts entschuldigen! 😊

      Tatsächlich haben wir in dem Fall gar nicht das Gefühl, dass wir schreiben oder lesen, um unsere Erinnerungen zu „validieren“. Es ist viel mehr der Wunsch diese Dinge im Heute zu benennen und aus der Isolation zu kommen. Wir geben dir völlig Recht, dass es Zweifler immer geben wird. Im Moment fehlt es dem Thema für unser Empfinden aber auch noch an öffentlicher Information, um es als Außenstehende zu begreifen.

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