Alle Jahre wieder – Weihnachten mit Dissoziativer Identitätsstörung

Es ist zappenduster in unserer Wohnung. Auf dem Fensterbrett bewegt sich dunkel die Silhouette eines Stubentigers. Nachts sind ja bekanntlich alle Katzen grau. Wir sind bereits wach und denken über die kommenden Tage nach oder vor – wie man’s nimmt. Niemand hat Lust das Licht anzumachen. Der entfernte Schein der Straßenlaterne muss genügen. Sämtliche Helfer packen heute die Koffer für den Urlaub – wie immer. Krisen an Weihnachten sind nicht erlaubt, denn für die Zeit bis Mitte Januar scheinen alle Jahre wieder sämtliche Anlaufstellen dicht zu machen. Weder Beratungsstellen, noch Therapeuten oder Sozialpädagogen sind dann im Notfall zu erreichen. Manchmal würden wir uns wünschen, wenigstens eine Helferin würde die Stellung halten. Weil das so aber nunmal nicht ist, müssen wir alleine durch, aber wie!?

Für viele Menschen mit psychischen Problemen dürfte die Weihnachtszeit emotional sehr schwer zu ertragen sein. Für Überlebende ritueller Gewalt kommt es an diesen Tagen doppelt dick. Meist sind die Ursprungsfamilien zerrüttet, weil sie an der Gewalt in irgendeiner Form beteiligt waren. Dennoch ist das (zum Teil auch gewollte) Sehnen der Betroffenen nach Eltern und Verwandten groß. Manche Innens wollen vielleicht zurück, andere haben genau davor Angst. Zusätzlich sind die Jaheresendfeierlichkeiten Auslöser für bestialische Erinnerungen an Folter. Inneres Chaos, Körperschmerzen und eine Zerreißprobe zwischen den unterschiedlichsten inneren Strömungen stellen uns immer wieder vor eine große Herausforderung. 

Wir haben die Festtagsumstände unseren seelischen Bedürfnissen dieses Jahr neu angepasst. Baum gibt es keinen und die Deko fällt spärlich aus. Die Trauer um unsere verlorenen Kinder steht aktuell im Alltag stark im Vordergrund. Entsprechend brauchen sie auch bewusst einen Platz an Weihnachten. Wir haben in den vergangenen Jahren festgestellt, dass es uns nur mehr Stress macht krampfhaft den Deckel auf Emotionen und Erinnerungen halten zu müssen und ein aktiver Umgang uns entlastet. Gefühle sind an diesen Tagen in allen Formen erlaubt. So wie sie kommen, dürfen sie auch ausgedrückt werden. Eine kleine Sternenlichterkette erinnert an unsere „Sternchen“. Zudem haben wir ein Glas mit kleinen bunten Kugeln geschmückt und zum Andenken Blumen hineingetopft. 

Für Wut- und Aggressionsanfälle liegt ein Kissen bereit, auf das wir schlagen oder einstechen können. Das Dekostück wird dann in der Vorstellung gerne mal zu einem der Täter oder eben dem, was uns grade ärgert. Wichtig!: Es braucht keine logische Erklärung oder Rechtfertigung, weshalb uns etwas zum Ausrasten bringt und ob es das überhaupt darf. Wenn jemand innen nunmal so fühlt, reicht das völlig aus.

Da die Möglichkeiten der Ablenkung, durch Café- oder Ladenbesuche coronabedingt stark eingeschränkt sind, bleiben nur Spaziergänge an der frischen Luft und Telefonate mit Freunden und Bekannten. Schreiben, malen, basteln und sonstige Kreativideen helfen uns manchmal über schwierige Momente hinweg. Wir haben herausgefunden, dass es uns gut tut, wenn wir als Vorbereitung auf die nächste Therapiestunde jeden Tag in kurzen Stichpunkten mitschreiben, was in der Zeit so mit uns passiert. Einerseits bleibt dann klarer, dass die Therapeutin wieder kommt und andererseits läuft die Therapie auf einer gewissen Ebene trotz Pause weiter, weil wir uns damit beschäftigen. Zumindest einmal am Tag registriere ich beim Schreiben die Innens ganz bewusst und versuche ihre Bedürfnisse zu sehen.

Wir sind gespannt, was die Weihnachtszeit für uns dieses Jahr so bringt! Vielleicht kommen noch ein paar Festtagsideen hinzu, vielleicht bleibt es aber auch so karg, wie es nun ist. Euch allen wünschen wir an dieser Stelle schon mal ruhige, schöne und sichere Feiertage! 

15 Kommentare zu “Alle Jahre wieder – Weihnachten mit Dissoziativer Identitätsstörung

  1. Liebe Sofie und alle Schmetterlinge, wir wissen wie schwer das jedes Jahr ist wenn alle weg sind und können eure Gedanken gut verstehen. Wir möchten euch ein Angebot machen, wenn ihr wollt, ihr mögt oder es vielleicht helfen kann können wir gerne mailen. Vielleicht kann das etwas über die schwere Zeit helfen. Wenn ihr wollt auch mehrmals am Tag. Wenn ihr könnt freuen wir uns. Wir verstehen das wenn ihr das nicht mögt. Wir schicken einmal ganz liebe Grüße und eine liebevolle Umarmung wenn das geht. Liebe Grüße Lisa

  2. Ganz allein seid ihr wohl nicht, ihr lieben Schmetterlinge. Einige haben schon geschrieben hier…
    ♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡♡

    So allein, wie ihr, sind wir nicht. Bei beiden Helfern haben wir noch einen Termin vor Weihnachten und unsere Th. baut steht einen Brückentag zwischen den Jahren ein. Wir können ihr schreiben, sie besuchen oder mit ihr telefonieren. 🙏🏼 Luxeriös – dass wissen wir.

    Alles Gute für Euch und ruhige Tage ohne allzu viel Schmerzen und Anspannungen.

    Grüße aus der Himbeersplitterei

    • Hallo liebe Himbeersplitter,
      Luxus ist nach solchen Erfahrungen relativ. Wir finden es gut und richtig, dass ihr Anbindung habt. So sollte es sein. Wir wissen, wie schwer es trotz Unterstützung noch ist, über die Runden zu kommen.

      Euch viel Kraft, möglichst friedvolle Tage und trotz allem viele schöne Lichtblicke! 😊

  3. Liebe Sofie,
    ich denke auch, dass es sehr schwierig ist, für Menschen mit seelischen Belastungen, wenn über Weihnachten keine Therapiestunde, Gruppenangebote u.a. stattfindet. Und eigentlich finde ich, dass das nicht so sein sollte 😦
    Vielleicht kannst du einfach hier schreiben, wenn die Gedanken zu viel Druck machen.
    Ganz liebe Grüße
    Carolin

  4. Liebe sofie, liebe bunte Schmetterlinge. Ich finde, du und ihr mach(s)t das richtig gut, so wie ihr die Vorbereitungen auf die kommenden Tage beschreibt.
    Wunderbar finden wir, wie du deinen verlorenen Kindern, wie du schreibst, einen Raum gibst. Wie reagieren die anderen von den Schmetterlingen darauf? Berührt es sie?

    Wie wichtig es ist, Wut nicht einfach zu unterdrücken, weiß ich selbst sehr gut incl. Dem Impuls, auf eines meiner bösen introjekte einstechen zu müssen.
    Eine Freundin von mir, die auch besonders nachts Wutanfälle gequält haben, hatte ( und hat sie bestimmt noch) einen Vorrat an eierkartons im Keller, die sie sich bei einem wut anfall geholt hat, um darauf wütend herumzutrampeln, solange, bis sie die Wut, die sie auf die Täter hatte, auf diese Weise ausagiert hatte und es ihr wieder etwas besser ging.
    Überhaupt empfinde ich wütend aufzutrampeln, ob auf eierkartons oder ganz ohne , auch für mich/uns immer wieder hilfreich. Ich finde, es erdet zugleich und wenn ich bedenke, das das wütende aufstampfen zum repertior kleiner Kinder gehört?

    Wir wünschen allen Schmetterlingen, daß sie einen guten Weg miteinander durch die Weihnachtsfeiertage finden.
    Herzliche Grüße
    Jonge und die Adler !

  5. Liebe Sofie,
    wir lesen nach, in den letzten Monaten fehlte die Kraft für Vieles. ….. Auch Weihnachten war schwer. Aber auch abseits dieser Feiertage finden wir die Anregung in einen Polster einzustechen gerade genial und wir wollen uns das mitnehmen. Das auf Polster schlagen hilft hier leider nicht. Einmal dachten wir, wir brechen uns den Arm dabei, wurde eher selbstverletzend als Entspannung. Aber da es immer diese Phantasien zuzustechen gibt, wäre das vielleicht eine Möglichkeit.

    Danke für den guten Tipp.
    Herzliche Grüße
    „Benita“

    • Liebe Benita,
      Wir hoffen die Methode verschafft euch vllt. Auch Entlastung. 😊Passt aber bitte gut auf euch auf, dass ihr euch an dem Messer nicht auch verletzt!

      Für uns fühlt es sich tatsächlich anders an, als mit der Faust zu schlagen und es ist näher an dem inneren Impuls.

      Herzliche Grüße zurück! ❤️🦋

  6. Der Text hat mir sehr gefallen. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, wie es Menschen gehen kann, wenn sie eine Krise erleben, aber aufgrund den Feiertagen „erst mal warten“ müssen. Einerseits ist es schön, dass die Therapeuten mit neuer Energie und Erholung in das neue Jahr starten. Andererseits kann es für manche eine Geduldsprobe sein. In dem Sinne wünsche ich allen viel Geduld : )

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