Nicht vorhandene Parallelwelten extremer Gewalt

Da gibt es diese ganz „normale“ Gesellschaft die gute Werte vertritt, die ihre Mitmenschen achtet, die sich solidarisch füreinander einsetzt und Gewalt ablehnt. Und gleichzeitig regiert irgendwo in einer Parallelwelt die dunkle Seite der Macht, die ganz andere Moralvorstellungen hat, in der organisierte Verbrecherbanden morden und quälen, Kinder vergewaltigen und Geld mit dem Leid anderer verdienen. Zwei Welten die zumindest sprachlich getrennt voneinander zu existieren scheinen. Dazwischen liegt ein unendliches Schachspiel von schwarz und weiß. Aber stimmt diese Sicht wirklich?

Die Beschreibung von ritueller und organisierter Gewalt als Parallelwelt stößt mir seit längerem sauer auf. Es scheint mir, als schleiche sich die dissoziative Spaltung darüber in unsere Sprache. Hier die Guten. Da die Bösen. Schnittpunkte gibt es – wie das bei Parallelen so üblich ist – keine. Zwar kann man darüber reden, dass es da irgendwo diese Männer und Frauen gibt, die zu unendlicher Grausamkeit fähig sind, doch wirklich tangieren tun sie den Bürger der hellen Seite nicht. Er freut sich seiner Sicherheiten. „Wie gut, dass wir damit nichts zu tun haben und ein ganz anderes Leben führen.“ Wenn sich beide Seiten im Leben dann dennoch mal begegnen und von den unvorstellbaren Biographien der Ausbeutung erfahren, dann muss man den Betroffenen „da raus“ helfen, sie sozusagen auf die schöne Seite ziehen, auf der das Gras so viel grüner zu sein scheint und die Sonne viel heller strahlt. So gut und lobenswert es ist, dass sich Menschen für die Opfer einsetzen, so gefährlich finden wir diese Sichtweise inzwischen, weil wir damit weiterhin so tun, als gäbe es zwei völlig voneinander getrennte Welten, die nichts miteinander zu tun haben und an der wir als Normalsterbliche nicht teilhaben. Fakt ist aber, es gibt nur eine Welt und in dieser Welt wird immer noch Gewalt legalisiert. 

Im Rahmen der eigenen Aufarbeitung wurde uns zunehmend klarer, dass die beiden Welten nicht zu trennen sind. Sie leben ineinander und voneinander. Wir atmen alle die gleiche Luft. Kein einziges Kind könnte auf so bestialische Weise ausgebeutet werden, wenn wir wirklich alle gemeinsam hinschauen würden. Derartige Gewalt hinterlässt spuren – immer! In einer Kultur des Hinschauens, Zuhörens und ernst Nehmens, wären die Chancen ungleich größer, die Machenschaften des Verbrechens aufzudecken. Im Laufe unserer eigenen Biographie, aber auch in der anderer Betroffener haben verdammt viele Menschen die Augen wissentlich zugemacht. 

Manchmal empfinden wir die organisierte Kriminalität ehrlicher, als den scheinbar normalen Gegenpart. Dort weiß man wenigstens worauf man sich einlässt. Gewalt gehört dort eben zum Tagesgeschäft. Niemand leugnet das. Zwar gibt es rechtfertigende Ideologien, aber dass eine echte, funktionsfähige Programmierung nicht auf der Basis von Luft und Liebe entsteht, ist klar. In der Gesellschaft außerhalb hingegen werden Übergriffigkeiten oft sprachlich so schön gestreichelt und gerechtfertigt, dass wir manchmal kotzen möchten. Wir brauchen die „Staatsgewalt“ um vernünftig regiert zu werden und die „Polizeigewalt“, um uns vor dem Bösen zu schützen. Die „Gewaltenteilung“ macht es kein Fünkchen besser, denn unterm Strich haben wir damit als Gesellschaft bestimmte Formen der Gewalt schon längst als positiv akzeptiert und legalisiert. Kann ein auf „Gewalt“ beruhendes System jemals gut sein!? Ich weiß es nicht. Wir lassen das einfach mal so offen stehen. Dass „Gewalt“ zwar teil des geltenden Rechts sein kann, aber damit noch lange nicht gerecht ist, sehen wir in der sogenannten Rechtssprechung immer wieder. Der Duden definiert „Gewalt“ als Macht und Befugnis über jemanden zu herrschen und als „unrechtmäßiges Vorgehen, wodurch jemand zu etwas gezwungen wird“. Dass auf dieser sprachlichen Staatsgrundlage früher oder später Spannungen in den Gesellschaftsschichten entstehen, scheint eigentlich logisch. Manch einer mag das nun als sprachliche Erbsenzählerei empfinden. Gerade in einer Welt, in der immer noch viel zu viel Gewalt ungeahndet passieren kann, finde ich es allerdings zwingend notwendig hinzuschauen, wo sie sich durch die Hintertür legal in unser Leben schleicht. Es sind diese Kleinigkeiten, die auch die großen Auswüchse nähren, weil wir damit automatisch die Frage zulassen: „Bis zu welchem Punkt und in welchem Rahmen ist Gewalt völlig in Ordnung und ok?“ Und: „Wer darf Gewalt legal ausleben?“ Die Antwort sollte eindeutig sein…

Wir wollen zum Ende unserer Gedanken noch einmal klar stellen, dass wir froh sind, dass wir „Ausgestiegen“ sind und mittlerweile so viele schöne Facetten in der Welt entdecken durften. Natürlich gibt es die Menschen, die aus ganzem Herzen unterstützen, helfen und hinsehen. Wir sind froh uns draußen wieder frei bewegen zu können, ohne Angst haben zu müssen. Diese Erfahrungen möchten wir nicht mehr missen! Auch wollen wir nich unsere geltende demokratische Staatsform revolutionieren. Der Beitrag ist nicht als Teil der derzeit grassierenden Politikverschwörungstheorien zu sehen. Dazu haben wir eine ganz eigene Meinung, die hier bewusst außen vor bleibt, weil wir die Ansichten dieser Menschen nicht nähren wollen. Für viele Strukturen in diesem Staat sind wir sehr dankbar und schätzen uns glücklich darüber! Es lohnt sich den Weg aus der Gewalt zu gehen und neue Farben in der Welt zu entdecken. Manchmal wünschen wir uns nur, dass die sprachliche Dissoziation immer mehr bröckeln darf, um die Gewalt und das Leid der Betroffenen sichtbar werden zu lassen und sie als Teil der Gesamtgesellschaft mit einer eindeutigen Haltung anzuerkennen.

3 Kommentare zu “Nicht vorhandene Parallelwelten extremer Gewalt

  1. So ist es. Es sind keine Parallelwelten. Vielleicht ist es ein parasitäres Verhältnis. Das Böse lebt vom Guten und das Gute kann seine bösen Anteile beim Bösen ausleben. Vielleicht ist auch das Gute nur die Fassade des Bösen. Ich spüre, wie sich das Böse ganz allmählich, langsam, fast unmerklich ins bürgerliche Leben schleicht. Es liegt an uns, etwas zu unternehmen, dass das Böse nicht triumphieren kann und wir unsere Nischen behalten, die wir für unser Seelenheil brauchen. Liebe Grüße, Bernd

  2. Sehr schöner Beitrag… in der Schule bringt man den Menschen bei, dass das gesellschaftliche Leben ohne die zur Zeit bestehende Organisationsstruktur nicht möglich wäre und diese deshalb das Non-plus-ultra ist.

    Das haben hier einige bis zum Studium auch so gesehen.

    In den Hörsäälen versuchen dann Dozenten die Studenten dafür zu sensibilisieren, dass auch dieses System Teil einer Gewalt ist und diese Gewalt immer wieder aufs Neue auf ihre Rechtmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit geprüft werden muss. – Leider wird auch hier die Begründung bzw Rechtfertigung für „diese Gewalt an sich“ und evtl. Alternativen in die Rechtsphilosophie verbannt (was den Raum einer Vorlesung in einem Semester einnimmt – und mit anderen Modulen getauscht werden kann).

    Wir haben das Studium angefangen, um wenigstens etwas von dem System und Umgang mit Gewalt zwischen uns objektivieren zu können – wie es aussieht, sind wir aber nur Versuchskaninchen an uns und mit uns. Zumindest setzt es der Gewalt untereinander Grenzen. Und vielleicht ist das System nur dazu gut und gedacht, vorhandener Gewalt unter- und gegeneinander Grenzen zu setzen. Denn das sie da ist, denken wir, kann man nicht leugnen.

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