Vogelgezwitscher und Peter A. Levine

Ganz oben in der Krone unseres Walnussbaumes sitzt eine Elster und wendet immer wieder ein kleines Stöckchen in ihrem Schnabel. Nestbauzeit. Wir beobachten fasziniert das bunte Treiben der Vögel in unserem Garten. Vor nicht allzu langer Zeit ist mir aufgefallen, dass sie die Äste nicht etwa vom Boden aufsammeln, sondern in biegsamen Zustand vom Baum brechen, bzw. hacken. Schlaue Flattertiere. Auch bei der Ausstattung wird Wert auf Komfort gelegt. Eine Freundin hält auf einer Weide Schafe. Die abgewetzte oder verlorene Wolle holen sich die die Vögel mit Vorliebe als Polsterbetten für ihr neues Schlafgemach. Seit wir das wissen, stellen wir uns die Nester noch kuschliger vor. So gerne würden wir noch ganz lange draußen sitzen und vor uns hin träumen. So lange wollte allerdings die Realität nicht damit warten uns einzuholen. Im Kopf kreisen Erinnerungen. Eine Alltagsperson ist kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Die alte Folter bestimmt den weiteren Tagesverlauf. Weil unser Körper tut, was ihm unser Traumadino im Gehirn voller Verzweiflung zuruft, schlagen wir „Sprache ohne Worte“ von Peter A. Levine auf und hoffen eine Übung darin zu finden, die uns blitzartig Genesen lässt.

Wir wählen Blind eine Seite auf der wir zu lesen beginnen und landen in einem Kapitel, in dem es darum geht mit dem inneren Selbst in Kontakt zu treten. Levine nennt darin zunächst drei Ebenen, die dabei helfen:

  • „Propriozeption“, also die Wahrnehmung des eigenen Körpers und seine Lage im Raum. Dazu gehört auch die Stellung unserer Gelenke.
  • „Kinästhesie“, was die Möglichkeit beschreibt Körperbewegungen bewusst wahrzunehmen und zu steuern. Besonderen Fokus legt er hierbei auf den Anspannungsgrad der Muskeln.
  • Das „viszerale Empfinden“, das laut Levine ermöglicht über Nervenfasern unsere Organe, Eingeweide und den Darm wahrzunehmen.

Ohne diese inneren Sinne und eine erweiterte, wache Wahrnehmung der äußeren Welt können Sie sich selbst nicht erfahren und erkennen, dass Sie es sind, der oder die sich auf diese Vorgänge konzentriert […]. Ohne die ungehinderte Wahrnehmung dieser Empfindungen wissen Sie nicht, wer Sie sind und was Sie im Leben brauchen.“ „Interessant“, denke ich und erkenne mich darin wieder. In dissoziativen Zuständen kann ich meinen Körper kaum bis gar nicht wahrnehmen und jedes mal frage ich mich dann, wer ich eigentlich bin. Ich habe mit der Welt nichts mehr zu tun und sie nicht mit mir. Nur über die Eingeweide ist es laut dem Autor möglich Sehnsüchte und Bedürfnisse wahrzunehmen. Das ist der Draht in meinem Gehirn, der im Flashback als erstes durchglüht. Wir wagen also das Vorgeschlagene Experiment und versuchen nach innen in unseren Körper zu fühlen. „Einer der Schlüssel für diesen Prozess besteht darin, die Vorstellungen aufzugeben, bestimmte Empfindungen seien unbedeutend.“ Gut, dass es nicht schwierig wird…

Ich merke, dass mich der Versuch von bewusster Wahrnehmung schnell überlastet. Entsprechend fühle ich jeweils nur sehr kurz nach innen und wiederhole die Übung zu einem späteren Zeitpunkt. Spannend finde ich zu entdecken, dass mit bestimmten körperlichen Beschwerden tatsächlich immer die gleichen emotionalen Spannungsmuster verknüpft sind. Diese Strukturen benennt Levine als „ungelöste traumatische Rückstände“. Sollten Ängste bestehen von auftauchendem Material überrollt zu werden, empfiehlt er die Zusammenarbeit mit ausgebildeten Therapeuten. „Machen Sie sich klar, dass die Empfindungen schon lange existierten, bevor Sie beschlossen haben Sie wahrzunehmen. Außerdem werden Sie feststellen, dass kontinuierlich ihr Gewahrsein auszurichten genau das ist, was es braucht, um ausgleichende Schritte einzuleiten – weniger durch ein Tun Ihrerseits als dadurch, dass Sie der angeborenen Fähigkeit Ihres Organismus zur Selbstregulation nicht im Weg stehen.“

Im Akutzustand half mir das Beobachten heute relativ wenig. Ich bin mit den inneren Reizen dann ohnehin schon überlastet. Fokussierung macht es da nicht leichter. Allerdings wird meine Anspannung etwas besser, wenn ich versuche den Körper bewusst wahrzunehmen. Ich rutsche im getriggerten Zustand oft in den Kopf und bin unfähig etwas vom Rest meiner Physis zu fühlen. Ein Zitat zum Abschluss möchte ich hier noch anführen, bei dem ich mich sehr ertappt gefühlt habe: „Wahrscheinlich werden Sie herausfinden wollen, was da vor sich geht, oder sich Dinge vergegenwärtigen, von denen sie denken, dass es sich um Erinnerungen handelt. Es geht hier allerdings nicht darum etwas zu erinnern (seinen es unterdrückte Erlebnisse oder sonstiges), auch wenn es durchaus möglich ist, dass Dinge innerlich spontan wieder aufleben. Der Schlüssel liegt darin sich wieder in die Gegenwart zu bringen, indem Sie freundlich zu sich sagen: „Jetzt bin ich mir bewusst, dass…“, während Sie Ihre inneren Erfahrungen im Hier und Jetzt weiterverfolgen. Sie werden den Drang verspüren, diese Dinge noch einmal zu durchleben, vor allem, wenn es um traumatische Inhalte geht. Der Schlüssel zur erfolgreichen Verarbeitung von traumatischem Material […] ist die Fähigkeit des dualen Bewusstseins. Hier liegt die Betonung auf den Empfindungen, Gefühlen, Bildern und Gedanken, die sich im Hier und Jetzt entfalten.“

Wir werden wohl noch etwas üben müssen, bis unser Körper so kräftig mit uns zwitschert, wie die Vögel in unserem Garten. Körperisch für Anfänger…

Zitatquellen: Peter A. Levine, Sprache ohne Worte, Kösel-Verlag, 5. Auflage 2013, S. 359 – 365

 

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