Wie fühlt man eigentlich richtig, wenn Täter sterben?

Seit einiger Zeit, bin ich mit dem Thema konfrontiert, dass ehemalige Täter verstorben sind. Vor allem der letzte Todesfall eines Haupttäters geht mir nahe – in unterschiedlichster Hinsicht. Unsere Gefühlswelt ist mal wieder sehr gegensätzlich unterwegs. Auch in Sachen Erinnerungen und Flashbacks hat sich seitdem einiges verändert.

Als wir jeweils von den Todesfällen erfuhren gingen uns die unterschiedlichsten Dinge durch den Kopf. Vor allem bei einem der Haupttäter wussten wir gar nicht, was wir empfinden sollten. Der Tod kam plötzlich und unerwartet. Jahrelang haben wir uns gewünscht er würde einfach jämmerlich verrecken. Dann wäre er wenigstens weg und könnte uns nichts mehr tun. Als wir letztlich davon erfahren haben, hat uns im ersten Moment die blanke Wut gepackt: „Jetzt geht der Arsch einfach ohne sich mit dem was er uns angetan hat jemals wieder auseinandersetzen, geschweige denn sich dafür rechtfertigen zu müssen.“

Bitter war auch zu sehen, wie die sogenannte Familie damit umging. Einerseits war mir ja klar, dass ich nicht viel von diesen Menschen zu erwarten hatte. Immerhin wäre die extreme Gewalt in der Form gar nicht möglich gewesen, wenn nicht das ganz System zusammengehalten und ihn gedeckt hätte. Das Minimum war Täterschutz durch aktives Wegschauen. Kontakt besteht seit Jahren nicht. Andererseits hat es mich extrem getroffen durch Dritte zu erfahren, dass alle geschlossen auf der Beerdigung waren, obwohl sie wussten, was er uns angetan hat, während man darauf verzichtete uns überhaupt davon zu unterrichten. Für uns fühlt sich das so an, als wären wieder die Rollen vertauscht worden. Als wären wir zum Täter gemacht worden, vor dem man ihn und seine Totenruhe als armes Opfer schützen musste. Dieses Gefühl steckt wie ein Messer im Herz.

Sein Tod hat in vielerlei Hinsicht in uns für Unruhe gesorgt. Während wir die ersten Tage und Wochen nach der Nachricht völlig benebelt durchs Leben gingen, innerlich alles ineinander floss und kaum etwas wirklich greifbar wurde, schossen danach die Flashbacks in einer Klarheit an die Oberfläche, dass es uns wortwörtlich von den Beinen holte! Neue Innenpersonen trauten sich sichtbar zu werden. Unser Alltag stand plötzlich komplett Kopf. In dieser Phase befinden wir uns auch aktuell immer noch.

Auch wenn wir aus eigener Erfahrung wissen, dass der Tod von Tätern im organisierten Verbrechen immer einberechnet wird und man diesbezüglich für antrainierte Absicherung sorgt, dass die Betroffene nicht auf die Idee kommt deshalb flügge werden zu können, so bleibt für uns das gesamte Ausmaß der möglichen Reaktionen aktuell doch unberechenbar. Die Täter berechnen ihre Ware und die Wirkung ihrer Trainings. Was sie nicht einberechnen können ist der Faktor Mensch. Der lässt sich mit seiner individuellen Reaktion nie zu 100 Prozent vorhersehen. Gott sei Dank! Wir leben.

10 Kommentare zu “Wie fühlt man eigentlich richtig, wenn Täter sterben?

  1. Danke für diesen Beitrag.
    Uns beschäftigt dieses Thema auch sehr, seit letztes Jahr der Haupttäter gestorben ist. Und auch hier hat es innen sehr viel durcheinander gebracht.

    • Hallo Celestine,
      vielen Dank für deine ehrliche Rückmeldung! Wir finden es sehr schade, dass euch das auch so belastet! Andererseits freuen wir uns grade insofern über deinen Kommentar, als dass uns das zeigt, dass auch andere nicht einfach nur mit Erleichterung und Erlösung reagieren, sondern an der Stelle durchaus auch mit schwierigen Umbrüchen kämpfen.

      Liebe Grüße,
      Sofie 🦋

      • Danke für eure Antwort!
        Da ist definitiv mehr als Erleichterung und Erlösung.
        Da ist Wut und Verzweiflung und Angst und alles mögliche, sogar Trauer..
        Aber da ist auch Befreiung an manchen Ecken im Inneren – das Wissen, dass aus dieser Richtung kein Trigger mehr kommen kann, dass da nun endlich Ruhe. Das ist aber auch längst nicht überall innen angekommen, auch nach vielen Monaten nicht. Und ich glaube, das ist okay.

      • Liebe Celestine,
        ich glaube auch, dass das innere Begreifen da ein längerer Prozess ist und das einfach seine Zeit dauert. Wir begreifen auch so vieles einfach noch gar nicht und dass vor allem er tatsächlich weg ist, dauert vermutlich noch Ewigkeiten…

        Wie wünschen euch alles Gute für euren so schwierigen Prozess!

  2. Liebe Schmetterlinge,
    wir wünschen Euch ganz sehr, dass ihr möglichst gut und rasch durch diese Phase hindurchwandern möget. 🙏🏼
    Wir haben keine Vorstellung davon, wie diese Zeit nach dem Tod ritueller Täter ausschaut…
    …aber vor dem Todestag unseres Täters graut uns auch… Wir glauben erst gar nicht, dass es ein froher Tag werden könnte. Zu gegensätzlich die Empfindungen zwischen Hass, Liebe, Wut, Ekel und Zuneigung.
    Und was wohl mit „ihr“ passieren wird, wenn ihre Aufgabe „ihn“ zu betüdeln, damit nach Jahrzehnten endet. Steht sie dann vor unserer Tür?!?
    Angst kriecht wie eine eiskalte Hand hinauf, umklammert unsere Kehle und drückt uns die Luft ab.
    Doch noch ist jener Tag nicht da.
    Wir wünschen Euch allen nur Gutes ♡
    Viele liebe Grüße aus der Himbeersplitterei

    • Liebe Himbeersplitter,
      vielen Dank für die lieben Wünsche! 🤗
      Wir wünschen euch, dass ihr euch in dem Moment in der Zukunft mit allem gut versorgen und annehmen könnt, was auch immer das dann sein mag. Gleichzeitig wünschen wir euch Schutz vor den Kontakten im außen, die dadurch entstehen könnten und euch zu viel sind. Vielleicht ist es wichtig und richtig sich schon vorab auch immer wieder klar zu machen, dass ihr nicht für „sie“ verantwortlich seid. Vielleicht hilft es im Akutstress dann nicht ganz so zu schwimmen.

      Wie auch immer es verlaufen mag, wir sind dann umgekehrt zumindest virtuell auch gerne an eurer Seite und sagen euch jetzt schon mal, dass wir euch verstehen. Und da die Hoffnung ja bekanntlich zuletzt stirbt: Vielleicht wird es so kommen, dass ihr euch doch einfach nur darüber freuen könnt! Auch das würden wir euch wünschen!

      Liebe Grüße,
      Sofie 🤗

  3. Hallo Sofie,
    wie fühlt man richtig, wenn Täter sterben? Wir wissen es nicht, nur das es bei uns im Innen dann außer Kontrolle gerät, unser Leben dann noch weniger lebbar wird. Die Suizidalität steigt ins unermessliche. Gedacht haben wir vorher, bevor der Haupttäter starb, das sein Tod ein Gefühl der Erleichterung auslöst, dass wir frei sein werden. Es kam anders, dass mögen wir aber nicht schreiben, heute denken wir dass die Bindungen sehr stark sind, das es keine Befreiung durch Tod gibt. Wir waren auch etwa 4 Monate in einer Klinik, zu unserem Schutz. Heute versuchen wir unseren Kopf drauf vorzubereiten, aber es ist einfach nur animalische Angst da, was dann mit uns geschieht, wir haben es nicht in unseren Händen. Die Therapeutin versucht uns zu briefen, doch wir spüren, dass die uns nur bedingt, oder eher nicht erreicht.
    Liebe Grüße und viel Kraft wünschen wir Euch.
    sternenstaub

    • Ach ihr Lieben, wie schlimm, dass es euch so mies damit geht! Wir fanden es grade berührend zu lesen, dass euere Suzidalität dadurch gestiegen ist. Bei uns konnten wir ähnliches feststellen, auch wenn wir nicht direkt suizidal sind grade, merken wir doch wie der Boden unter den Füßen weg war und diese Gedanken des absoluten nicht mehr könnens und aufgeben wollens verstärkt waren.
      Wir wünschen uns für euch, dass ihr auf dieser Seite der Welt bleibt! Die Täter haben nicht verdient auch noch nach ihrem Tod ans Ziel zu kommen und ganz gewiss kommt auch in eurem Leben noch ganz viel schönes!

      Ein Gedanke: Ich weiß nicht, wie die Thera das versucht. Wenn ihr merkt, dass es euch nicht erreicht, kann ich mir vorstellen, dass gleichzeitig innen irgendwo ein Gefühl von ganz gewaltigem Unverständnis und nicht gesehen werden schwelt. Vielleicht müsste man erst mal das sehen und verstehen, kennen lernen und die Leute mit ihrer Haltung einbeziehen, bevor man direkt versucht sie zu ändern. Und noch eins: „Briefen“ läuft über den Verstand und spricht nur sehr kognitive Teile an. Euere Suzidalität ist maximal emotional. Rationalität ist wie Fremdsprachen sprechen, wenn ihr an der Stelle etwas erreichen wollt. Wenn dann noch viele seeeeeehr kleine kindliche Anteile dieses Gefühl tragen und das ist oft so, ist reden nur bedingt ein Ansatz. Wie sieht es denn mit fühlen aus? Eine Umarmung für diese gequälten Kinder? Kann sie sonst irgendetwas bieten, was diese emotionale Ebene mehr mit ihren Bedürfnissen bedient? Bildhafte Sprache? Warme Worte? Liebevolle Zuwendung? Kuscheltiere, etc…

      Liebe Grüße und alles Gute!
      Sofie

  4. Liebe Sofie

    Danke für diesen Beitrag, der uns berührt hat.
    Wir haben gerade eure Antwort an Sternenstaub gelesen. Wir finden bei dem Thema die kognitive Verhaltenstherapie mit ihren klassischen Möglichkeiten auch oft unzureichend. Es braucht einen Umgang damit, der auf der emotionalen, vorsprachlichen Ebene ankommt – zumindest bei uns ist das so.

    Wir freuen uns übrigens sehr, dass ihr nach so langer Pause wieder hier seid, waren schon etwas in Sorge um euch.

    Liebe Grüße
    Sanne

    • Liebe Sanne,
      vielen Dank für euere liebe Rückmeldung und dass ihr euere Erfahrungen mit uns teilen mochtet!

      Wir freuen uns auch sehr, wieder von euch zu hören!

      Ganz liebe Grüße zurück und ein schönes Wochenende! 🤗☀️ 🦋

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