Der letzte echte „Arbeitstag“

Wir liegen im Bett. Halb wach. Halb dissoziativ im dicken Nebel. Uns ist warm. An der Wand spielen Schatten. Die Lamellen der Rollos zeichnen Gitternetze über die Rauhfasertapete. Fast symbolisch für das nächtliche Gefängnis, dass uns umhüllt. Ich spüre meine Rippen. Ein Gast, der selten im Bewusstsein auftaucht. Die Bilder ziehen im Kopf Kreise. Licht und Schatten. Wir denken darüber nach, wie das früher alles so war. Die Flucht… Der Ausstieg… Unser letzter echter „Arbeitstag“ im organisierten Verbrechen.

Ein Kunde. Wir wollten nicht. Und was das Schlimme war, wir haben das Stopp auch ausgesprochen. An dem Tag war alles anders als sonst. Es begann damit, dass wir nicht einfach taub ertragen konnten, was passierte. Dass sich überhaupt Gefühle meldeten. Ekel, Widerwillen, Angst, Scham. Schon in den Wochen vorher brach die sachliche Funktionalität immer weiter auf. Wo wir sonst unsere Aufgabe erledigten und nicht weiter darüber nachdachten, fingen die Gedanken und Bilder von Situationen mit „Freiern“ an, uns auch im restlichen Alltag flashbackartig heimzusuchen. Die Distanzierung brach ein. Es war, als wäre irgendwann selbst die Dissoziation von den Eindrücken so übersättigt gewesen, dass sie sie wieder frei gab, weil unser Gehirn nicht mehr wusste wohin damit. Prostitution funktioniert nur, solange man sich nicht spürt. Sobald Emotionen ins Spiel kommen, ist es unerträglich diese Typen so nah an sich zu fühlen.

Es kam der Tag und es kam das Stopp, als er versuchte mir das Oberteil hoch zu schieben. Ihn machte es wütend und ungehalten. Schließlich habe er dafür bezahlt. Mein Nein wurde nicht gehört. Er nahm sich, was er wollte. Dazu eine Beschwerde bei dem Mann, der damals dafür zuständig war mich zu überwachen. Schließlich könne es ja nicht angehen, dass die erstandene Ware zicken macht. Das führte zu einer massiven Portion Gewalt als Nachspiel, um mich wieder auf Spur zu bringen. Ich verließ die Spur trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen. Von dem Tag an, stand ich nicht mehr einfach parat. Die Vergewaltigungen durch Freier waren keine Option mehr, die ich länger ertragen konnte und wollte.

Es galt innere und äußere Zwänge zu überwinden, Bewältigungsstrategien zu erforschen und Wege einzuschlagen von denen ich nicht wusste, ob sie mir das Leben schenken würden oder für immer nehmen. Der Weg war hart und steinig. Schließlich kann man in dem Mileu nicht einfach kommen und gehen, wie man mag. „Würdest du es wieder tun?“ Ja! Weil sich jede Sekunde lohnt, in der man sich spürt und sei es die unendliche Taubheit und Leere. Alles ist besser, als ein wandelndes Nichts mit körperlicher Hülle zu sein und gar nicht zu existieren. Ich weiß heute wer ich bin, wer wir sind. Dazu gehört der Schmerz und der Überlebenskampf. Aber tief in meiner Seele wohnt auch das Lachen, die Sanftheit und ein zu Hause in der zarten Natur. Sein – mit allem was dazu gehört.

6 Kommentare zu “Der letzte echte „Arbeitstag“

  1. Liebe Sofie,
    dein Text berührt uns grad sehr. Auch wenn wir selber nicht aus der Zwangsprostitution kommen, kennen wir das Erleben, das du beschreibst, aus einem anderen Zwangskontext.
    Liebe Grüße
    Sanne

    • Liebe Sanne,
      ich würde unseren Hintergrund auch nicht als „klassische Zwangsprostitution“ bezeichnen. Wir haben beim Schreiben aber gemerkt, dass wir auch kein besseres Wort finden, in das wir das Geschehen pressen können. Rituelle und organisierte Gewalt trifft den Gesamtkontext besser. Den Teilbereich des Ganzen über den wir hier schreiben, ist mit Zwangsprostitution aber einigermaßen passend zusammengefasst.

      Wir freuen uns, wenn wir euch damit berühren durften und es tut uns leid für euch, dass ihr derartige Zwänge kennt. Egal in welchem Kontext – die eigenen Grenzen sollten Tabu sein!

      Liebe Grüße,
      Sofie

  2. Liebe Sofie,
    ich kenne vieles nicht von dem, was du erleben musstest und was mich beim Lesen so tief berührte. Aber in diesen Gedanken finde ich mich absolut wieder:

    ……… „Alles ist besser, als ein wandelndes Nichts mit körperlicher Hülle zu sein und gar nicht zu existieren. Ich weiß heute wer ich bin, wer wir sind. Dazu gehört der Schmerz und der Überlebenskampf. “ ……………
    Als bei mir alles (erst 2017) aufbrach, war da für lange Zeit nur das Funktionieren oder ein unendlicher, nicht zu verstehender Schmerz. Aber ich wollte NIEMALS in die Zeit davor, die Zeit des „Nicht-wirklich-Existierens“ zurück.
    Ich weiß noch nicht ganz, wer ich bin bzw. wer wir sind, aber ich bin auf dem Weg. Dafür bin ich dankbar.

    ………….. „Aber tief in meiner Seele wohnt auch das Lachen, die Sanftheit und ein zu Hause in der zarten Natur. Sein – mit allem was dazu gehört.“ ……………..
    Ja, auch das berührt mich, weil ich auch das ab und zu in mir spüre. WIE schön du das wieder einmal schreibst, liebe Sofie. Du kannst SO gut Atmospäre „malen“ mit deinen Worten!

  3. Ich muss auch grad an einen Kunden denken…
    Ich habe mich so vor mir selbst geekelt, weil ich nicht begreifen konnte, weshalb ich unfähig war Nein zu sagen. Der wer so ekelhaft, hat gestunken und ich (Damals war mir der ganze Hintergrund so null bewusst, ich hatte keine Ahnung von einer DIS) war nicht mal in der Lage ihn duschen zu schicken. Resigniert? Ich verstand es nicht, ich schämte mich nur ganz furchtbar und schwieg.

    Das ich bis heute gar nicht erinnern kann was mit ihm genau lief, das viel mir nicht mal auf. Ich merkte die Wechsel nicht und auch nicht, dass ich nichts darüber weiß was genau war. Ich wusste natürlich Sex, klar, aber was wie wo – nö.

    Leere, gefühllose Hülle? So empfand ich mich nicht. Ich dachte ich bin normal und fühle alles, bin sogar viel zu emotional.
    Aber wenn ich heute versuche zu rekonstruieren, dann habe ich sowas von keine Ahnung, wo ich „gearbeitet“ habe, wie ich da hin kam, was da genau war etc. Oft kenne ich nur die Wartezeit zwischen den Kunden und deren „Begrüßung“ so unsagbar viel fehlt. Ja selbst die Farten an diese Orte.

    Vielleicht also doch nur eine Hülle? Weil ich die anderen nicht spürte?

    Bei uns war es kein direkter Zwang. Aber um ehrlich zu sein weiß ich nicht mal genau wieso wir uns darauf eingelassen haben. Ich weiß nur ich habe vor und nicht hinter dem Tresen zu arbeiten, obwohl ich eigentlich als Tresenkraft anfangen wollte. Man sagte und ich konnte nicht mal widersprechen. Es ging nicht. Es war wie ein Gesetz. Pech gehabt!
    Dass wir als Kind prostituiert wurden, davon wusste ich gar nichts. Vom gewissen Mißbrauch aber schon…

    Tschuldigung, der Kopf rattert.
    Ich finde es super, dass ihr es geschafft habt sich dagegen zu stellen. Das ihr gewissermaßen aufgewacht wart und gemerkt habt, was man mit euch tut. So mutig und stark.
    Wir sind irgendwie nicht so richtig aufgewacht, wir sind sogar mit einem Freier in eine freiwillige Beziehung gegangen. Und als ich etwas erwachte, habe ich nicht mal gecheckt, weshalb ich diesen Menschen nicht ertragen kann.
    Erst heute begreife ich und könnt mir auf den Kopf klatschen.

    Ja, Organisiertes Verbrechen ist schuld. Es ist ein für mich ein unsichtbarer Zwang gewesen. Ich ahnte nicht, dass man uns dazu tressiert hat. Ich war blind. Ich habe nicht mal mitbekommen, dass NEIN keine Option ist/war. Ich finde es regelrecht schockierend.
    Und nun steht man da und sieht und erfaßt ein Abgrund tiefes Elend…
    Zwang hat viele Gesichter – anscheinend.

    Liebe Sofie, danke euch für diesen Beitrag und ganz viel Kraft euch ♥️♥️♥️

    • Ach herrje, da hat der Beitrag wohl getriggert…

      Ich sage dir vermutlich nichts neues, wenn ich dir bestätige, dass man auch nicht einfach nein sagen kann. Wir kennen den Zustand. Ich würde heute sagen, dass in den Momenten unbewusst klar war, was uns blüht, wenn wir’s tun. Und selbst wenn wir nicht Angst vor Konsequenzen gehabt hätten, was hätte uns das nein genutzt. Ich glaube nicht, dass es akzeptiert worden wäre…

      Wir haben früher einfach unseren Job erledigt. Danach wussten wir nicht einmal mehr wie die Typen ausgesehen haben und auch nicht, was wir genau mit ihnen gemacht haben. Insofern finden wir uns in euren Beschreibungen sehr wieder. Wir haben tatsächlich ganz lange nicht darüber nachgedacht. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt war das einfach normal. Wir haben dazu gar nichts gefühlt. Noch nicht einmal, dass wir taub oder leer sind. Mir fällt dann immer wieder das Zitat von Allison Miller ein, die sinngemäß gesagt hat, dass Dissoziation alles verschleiert, auch den Umstand, dass man dissoziiert. So wird es bei uns wohl tatsächlich gewesen sein.

      Manchmal wäre es schön, wenn man sanfter und geduldiger mit sich sein könnte. Trotzdem fühlt man sich manchmal blöd, wenn man merkt, wie viel man damals nicht gemerkt hat…

      Du musst dich für gar nichts entschuldigen! Im Gegenteil! Ich danke dir, dass du deine Erfahrungen hier so mutig mit uns teilst! Wir haben über den Kommentar angefangen auch nochmal über uns nachzudenken und grade vieles bemerkt, was uns so noch gar nicht bewusst war. Danke für dieses Geschenk!

      Wenn wir etwas für euch tun können und sei es zuhören… Lasst es uns wissen. 🤗

      Ganz liebe Grüße,
      Sofie

      • Ja, die jenigen, die nicht NEIN sagen können, die wissen vermutlich auch ganz genau was ihnen sonst blüt. Für mich ist es bis heute nicht begreifbar, denn ich könnte theoretisch Nein sagen, wenn es nicht gerade um etwas geht, was andere antriggert. Und Sex ist halt Trigger pur. Wir können selbst dem Ehemann nicht nein sagen, obwohl es im Alltag natürlich geht. Wobei wir jemanden haben, der auch tatsächlich beim Sex sagen kann, so bitte nicht. Leider hat das meist Zustände zu Folge, es wird geheult und sich Tausend mal entschuldigt – weil man darf ja nicht sagen, dass einem etwas nicht passt – so die innere Überzeugung. Man befürchtet Strafen, auch wenn das heute ja nicht kommt…

        Ja, für uns war es auch einfach eine normale Arbeit. Und natürlich haben wir deren Aussehen nicht erinnert (mit wenigen Ausnahmen von Stammgästen).
        Dissoziation der Dissoziation, ja. Genau wie Amnesie für die Amnesie. Ich rätsel bis heute rum, was da alles war, weil es Erinnerungen gibt, die irreal sind, man fühlt sich wie in einem schlechtem unlogischem Film, wenn man an manches zurück denkt.

        Würde mich sehr interessieren was euch bewusst wurde. Vielleicht hilft es uns hier auch weiter?

        Herzlichste Grüße zurück ♥️

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