Blick in den Spiegel – Erinnerungen an alte Momente im Badezimmer

Wir stehen vor dem Spiegel im Badezimmer und blicken uns in die Augen. Aus ihnen laufen kleine, stumme Tränen. In der Feuchtigkeit der Pupille spiegelt sich das Licht und der Spiegel und darin das, was sich im Spiegel spiegelt und eigentlich hinter uns liegt – in Raum und Zeit. Die Realität in eine so kleine Dimension projeziert, dass sie kaum noch wahrnehmbar ist. Ich schaue mir tief in die Seelenfenster. In ihnen öffnet sich ein Tor. Ich falle. Zurück in die Vergangenheit. In das, was dort hinter mir lag und stand. Jeden Morgen. Vor der Schule. Wenn wir uns fertig machen sollten für den Tag. Wenn unser Vater zu uns kam. Seine Blicke unseren Körper trafen, seine feuchten Lippen Hals, Gesicht und Mund küssten, seine Hände über unseren Körper wanderten, uns auszogen und er in uns eindrang, wenn er wollte. Alles woran ich mich klammerte war mein Spiegelbild in dem ich mir begegnete und durch mich hindurch fiel. In dem ich alles ausgeblendet habe und doch alles enthalten war. Konzentration, nach vorne schauen, weiter machen. Die Wirklichkeit unwirklich werden lassen, indem ich sie innerlich ignorierte.

Mein T-Shirt ist halb über die Schulter gerutscht. Mich fröstelt. Trotz Sommer. Der Lüfter im Bad scheint ohrenbetäubend laut. Das stört mich, weil ich ihn nicht einfach weggedisst bekomme. Je mehr ich versuche mich davon abzulenken, um dem Trigger zu entgehen, umso schlimmer wird es. Ich muss los. Wir bekommen heute wieder unsere Infusionen. Langes Sitzen und Warten, bis der Tropf endlich durchgetropft sein wird. Also schnell anziehen, Haare kämmen und ab zum Bus. Bei jeder meiner Bewegungen bleibe ich kurz hängen. Es dauert, bis  Haargummi und Spange an den richtigen Stellen sitzen. Die Sichtkontrolle im Spiegel ist schwierig. Durch die Augen schauen viele. Sie tragen die Brille der Vergangenheit.  Ich ziehe Socken über die kalten Zehen. Jeans. Dicke Wollweste. Schaal. Trance macht kalt.

Das Frühstück fällt aus. Noch kurz die Jalousien hoch ziehen. Lichtkontakt. Einzig die Auswahl der Schuhe gestaltet sich leicht. Ich besitze derzeit genau zwei Paare für den Alltag. Ich entscheide mich für die geschlossene Variante, weil ich ohnehin schon fröstle. Auf zu den aktuellen Aufgaben. Zumindest das Badezimmer eine Weile hinter mir lassen. Ein kurzer Blick zurück. Lippenstift. Präsent und doch nicht Präsens.

5 Kommentare zu “Blick in den Spiegel – Erinnerungen an alte Momente im Badezimmer

  1. Liebe sofie,
    ich lese die überschrift deines neuen blogeintrags und weiss, hier kann ich nicht weiterlesen.
    Ich weiss: Erinnerungen an alte Momente. Weiss nicht, welche Momente, will gerade nicht wissen. Etwas in mir will es nicht wissen und ist hier rechtzeitig abgebogen, macht einen Bogen um jenes Alte. Und es ist gut so für uns. Unsere alten Erinnerungen werden wir ansehen, wenn wir soweit sind, wenn wir gefasst sind. Und dann wohl auch deinen Eintrag hier lesen und vielleicht auch feststellen:
    Es sind ganz andere als eure.
    Nur eines unterscheidet sie vielleicht nicht: Es sind grässliche Momente.

    Herzliche Grüsse aus dem Adlernest, in das wir uns jetzt verkriechen!

  2. Wir empfanden das auch so, dass sich unser Umgang mit den für uns noch immer hochaktuellen alten Dingen in eine gesündere Richtung entwickelt hat.
    Manchmal reicht als „Erinnerungsfragment“ die Ahnung oder die Gewissheit: „Das da“ geht auch mich etwas an – mehr als mir lieb ist.
    Auch dieser Brocken ist manchesmal genug für’s Erste zu verdauen – ich muss mich nicht extra drauf stürzen, um mehr zu „erfahren“, – nicht mehr.

    Eine zaghafte Umarmung zurück! 🐛

      • Ja, die kleinen dinger machen regelmässig eine Metamorphose durch, sobald wir sie mit dem Kommentar auf die virale Reise schicken.
        Diese hier lachte uns als Tausendfüssler an, man entschied sich nach Gefühl dafür, drückte gespannt auf „Kommentar absenden“ und siehe da: eine kleine süsse Raupe!
        Wie schön, dass sie bei euch auf diese Resonanz trifft. Wir fanden sie dann auch allerliebst.
        Übrigens weitergebildet sind wir jetzt auch bisschen. Nach kurzem googeln ist der Begriff off Topic jetzt in unseren Wortschatz eingeflossen! 😉
        Vielen Dank 😝 und gute Nacht! 🌛

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