Lass es Lüge sein – Wenn das Trauma überwältigt

Der Reis kocht. Meine Welt versinkt dazwischen in Scherben. Der Traumakessel quillt über. Im Kopf blubbert es, wie die schaumigen Blasen an der Oberfläche des Kochwassers. Vor der Tür scheint die Sonne, doch sie fällt nicht ins Zimmer und schon gar nicht in uns. Sie ist weit weg wie die restliche Welt. Die Pflanzen vor dem Fenster werden zu unrealen Konstrukten, die uns zu umgeben scheinen. Wir bewegen uns im Raum. Oder bewegt sich der Raum in uns? Kopfdruck. Erinnerungen, die sich überschlagen. Ein rettender Gedanke: „Ich muss aufhören zu Lügen!“

Lange war der Zweifel nicht mehr da. Fast hätte ich den guten alten Freund vergessen. Jetzt ist das Belastungslevel wieder an einem Punkt angekommen, an dem er nötig zu werden scheint. Dabei ist es nicht etwa so, dass meine Erinnerungen unrealistisch wären oder ich nicht irgendwo ganz weit weg wüsste, dass es genau so war. Im Gegenteil. Ihr Schmerz sitzt schon seit heute Nacht in jeder unserer Zellen. Aber sie dürfen schlicht nicht sein, weil Kopf, Seele und Körper sonst daran zerspringen würden. Wie damals. Also beginnen wir uns zu schützen vor dem zerstörerischen Wissen. Vor der Angst. Vor dem erlittenen Grauen. „Lass es aufhören! Lass es Lüge sein!“ Zuverlässig wie ein Uhrwerk taucht dieser Wunsch immer dann auf, wenn nichts mehr geht und die Erkenntnisse zu viel werden. In all den Jahren war darauf immer Verlass. Aufkommende Zweifel wurden für uns zu einem guten Indikator, wenn wir in der Therapie zu schnell waren und zu viel auf einmal wollten. Dann war es an der Zeit die Warnung ernst zu nehmen, einen Gang zurückzuschalten und erst nochmal besser zu verstehen und zu verarbeiten, was bereits da war.

Seit Wochen befinden wir uns im Zustand anhaltender (Re)-Traumatisierung. Ich möchte gar nicht wissen, wie es um unseren Adrenalin- und Cortisolspiegel bestellt ist. Die körpereigene Drogenfabrik hat mal wieder Hochkonjunktur. Ein Ende können wir noch nicht empfinden. Seit dem gestrigen Gespräch mit einer unserer Helferinnen wohl etwas zurückhaltende Erleichterung und einen kleinen Hoffnungsschimmer. Mit minimal sinkender Dissoziationsschwelle sind in der Nacht prompt die Türen ins Bewusstsein zu den bislang dahinter verborgenen Erinnerungen aufgeploppt. Wenn wir getriggert sind, wissen wir oft erst mal nur, dass wir getriggert sind und dass nichts mehr geht. Wovon genau und welche Inhalte können wir meistens erst erfassen, wenn der akute Stresszustand wieder abfällt und etwas mehr Denken möglich wird. Ausnahmen gibt es bei relativ häufigen Triggern, die wir inzwischen auch aus der Erfahrung einordnen können. Wieder kleben nun die vehementen Gedanken um Zweifel und Lügen, wo wir sonst nur auseinanderfallen könnten. Die Panik verrückt zu werden steckt uns in den Gliedern. Es hilft uns zumindest etwas, dass wir wissen, wie der Zustand eigentlich gemeint ist und dass er vorbei geht.

Für heute heißt es Ruhe. Wenn wir es schaffen, nehmen wir uns später Zeit etwas mit unserem Schmerz intim zu werden. Paradoxerweise nimmt uns echtes Fühlen manchmal auch den Druck. Ansonsten heißt versorgen des Innens für uns auch, so gut wie möglich die Finger davon zu lassen. Nichts zu Fragen, nichts einordnen zu wollen, niemanden zwanghaft in Sicherheit zerren zu müssen, keine Gespräche im Innen zu beginnen, die nicht ohnehin entstehen und für einen umschriebenen Zeitraum auch einmal bewusst so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung und als ginge mich der Scheiß als Alltagsperson überhaupt nichts an.

12 Kommentare zu “Lass es Lüge sein – Wenn das Trauma überwältigt

  1. Eine Frage, liebe Schmetterlinge

    Die Panik, verrückt zu werden, ist das so ein bisschen eine Panik, der sicheren Welt ganz entrückt zu werden?

    Liebe Grüsse !

      • Hm, also vielleicht trifft es am ehesten so etwas wie: die Welt, in der man auf seine eigene Wahrnehmung, Gefühle/Intuition vertrauen kann, darauf bauen kann, weil sie in sich stimmig und sinngebend sind und dazu taugen, sich in der Welt zu orientieren.

        … naja, letztlich eine „Welt“, in der es nicht heute so und morgen ganz anders ist, so dass eine einmal erlangte Sicherheit oder Gewissheit im nächsten Moment in sich zusammenfällt bzw. implodiert.

        Ich hoffe, das war jetzt nicht noch verwirrender/ unverständlicher. 😣
        Liebe Grüsse ☺

    • Nun endlich zurück zur Ausgangsfrage. 😃 Ja, ich glaube das ist tatsächlich ein Teil dieser Angst – sich nicht mehr auf sein Innen und seinen Verstand verlassen zu können. Das ist für uns etwas, was unsere Welt in gewisser Weise abschätzbar und damit ein Stück sicher hält. Wir machen ganz viel aus unserem Bauch heraus oder aus einer gewissen Art der inneren Wahrnehmung. Das hat sich für uns schon über all die Jahre in denen wir noch nicht so viel voneinander wussten etabliert. Uns blieb nur ein Gefühl für Menschen und ein intuitives Ja oder Nein zu Situationen. Inzwischen können wir zwar besser kommunizieren, aber wenns schnell gehen muss, ist es immer noch oft nur ein kurzes Wahrnehmen, was die Körpermannschaft in der Gesamttendenz zurückmeldet. Wenn wir dieser Einschätzung nicht trauen könnten, wäre das echt richtig schwierig.

      Liebe Grüße,
      Sofie 🦋

      • Liebe Schmetterlinge,
        vielen Dank für eure Antwort, eigentlich wollten wir auch schon vor einer Woche antworten, wurd aber nix draus weil so persönliche Belange im Innen grad sehr erfolgreich unserem Zugriff entzogen werden – Wünsche und Impulse dazu haben keine Chance, umgesetzt zu werden, weil sie auf dem Weg zum Tun in einem Vakuum in unserem Gehirn verschwinden. ☺ ⏩😑 ⏩😞 !

        So wie du es beschreibst, diese Navigation im Alltag aus dem Bauch heraus, so kenne ich das auch von mir Zeit meines Lebens. Nur, dass ich erst vor 4 Jahren realisiert habe, dass da noch andere mitmischen, die ich nicht länger ausbooten kann. Seit ich die ersten bei uns im System kennengelernt habe, verstehe ich besser, weshalb manche Entscheidungen aus dem Bauch heraus so und in dieser Form so zwingend notwendig sind, selbst, wenn ich darin manchmal gern anders wäre.
        Als junge Erwachsene war diese Grundstrategie bei uns von einem quasi „Notprogramm“ flankiert: Immer dann, wenn Gefühle uns/mich zu überwältigen drohten, kippte unsere/meine Wahrnehmung bezüglich eigener Handlungen: Wenn ich zum Beispiel einfach nur duschen wollte oder mir die Hände waschen und drehte in dieser Absicht den Wasserhahn auf, überfiel mich im gleichen Moment eine unbändige Panik, weil ssmeine eigene Handlung awitchte zu dem Gefühll: Das habe nicht ich gemacht.i✌Es ffühn.noch:✌ wie eine Vernichtung meines Ich. Die Strategie meiner Seele war damals, sich das Selbst, das Fühlen als ein Ich durch die Wiederholung der betreffenden Handlung zurückzuholen. Es waren verzweifelte Versuche uin endlosen Wiederholungen und
        unsere Diagnose lautete damals : Zwangsneurose. Heute im Rückblick würde ich mein damaliges Erleben eher als eine Art Übernahmeversuche eines anderen Anteils verstehen.
        Heute, mit Ende 40 überfallen mich solche (Zwangs-)Impulse nur noch extrem selten, dann ist mir das aber lediglich eine deutliche Mahnung, grad noch besser auf das Innen zu achten, weil’s ein guter Indikator dafür ist, dass etwas in der jeweiligen Situation grad sehr prekär für mein Innen ist.

      • Ach herrje ! Weil die Rechtschreibkorrektur oder was auch immer aus unseren Eingaben im Kommentar oben Buchstabensalat gemacht hat, kommt hier im 2. Anlauf der passende Textbaustein : 👍“ es fühlte sich nicht wie ich selbst an. Mehr noch : “ 👍
        Meine Güte ! 💨 Technik ! …ich hoffe, so wird es doch noch lesbar.
        Und deinen ursprünglichen Beitrag nochmal lesend fallen uns unweigerlich die Worte des Traumajunkies wieder ein :
        “ . . . also sorg ich dafür,
        dass sich Gedanken nicht verweben;
        denn mit Gewissheit
        könnte ich nicht weiterleben.
        Wär die Erinnrung
        wirklich Realität,
        käm ohne Zweifel
        jede Hilfe zu spät. “
        „Zweifel und Glauben“ so lautete die Überschrift der Themenseite einer grossen Wochenzeitung, die uns sehr ansprach. Zweifel und Glauben – irgendwo dazwischen, denke ich, zeigt sich unsere Wahrheit, in diesem Prozess.
        Auch über den Umweg der Notlüge, dass das alles nicht wahr sein kann.
        Ich fand es schön zu lesen, dass es euch mitten in dem Gefühlschaos dennoch gelungen ist, das Ganze für euch im grösseren Zusammenhang einzuordnen. Und meine Hoffnung bleibt, dass es euch, dass es dir inzwischen ein Stück weit gelungen ist , wieder in ruhigeres Fahrwasser zu kommen.
        Liebe Grüsse ! 🌿

  2. Danke, dass ihr Worte findet in Situationen, für die es manchmal keine Worte zu geben scheint.
    Auch wenn uns der Zweifel noch fest an der Hand hält, beginnen wir doch langsam zu verstehen, dass es genauso ist wie ihr es hier beschreibt.
    Wir können gerade gut verstehen wie es euch im Moment gehen könnte. Wir empfinden zur Zeit ähnlich.
    Es gibt kaum etwas das man einander da wünschen kann. Vielleicht am ehesten viel Mut einander so da sein zu lassen? Da fehlt uns noch ein wenig die Erfahrung miteinander.

    Alles Liebe von Schwarwesen

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