Schuld und Bindung

Seit einigen Wochen schon belastet mich ein Gefühl besonders schwer – Schuld. Über einige Zeit hatte ich den Eindruck ich hätte einen guten Umgang damit gefunden. Zugegebener Maßen war meine Herangehensweise eher rational orientiert. Dann erwischte mich ein Trigger eiskalt. Erinnerungen brachen mit tiefer emotionaler Qualität wieder auf. Ich saß plötzlich in einem tiefen See aus Tränen, Verzweiflung und Schuld. Unendlicher schwerer Schuld. Schuld, die so schwer wiegt, dass ich mich schon schuldig dafür fühle überhaupt noch zu leben und zu atmen. Schuld, die mir jedes Recht auf Erleichterung meiner Beschwerden nimmt. Sie scheinen gerechte und vergleichsweise milde Strafe zu sein. Schuld, die mir auch die Erlaubnis entzieht meine Flashbacks dosiert verarbeiten zu wollen, weil es ja wohl das mindeste ist, dass ich wenigstens aushalte zu sehen und mich dem zu stellen, was da passiert ist und nicht auch noch deswegen rumjammere, weil es mir zu viel ist. Schließlich bin ich schuld. Eine Therapeutin hat mir in meiner Verzweiflung etwas zum Thema Schuld und Bindung erklärt. Das möchte ich euch jetzt zusammengefasst wiedergeben und meine Gedanken dazu in diesem Beitrag mit euch teilen.

In der Regel stellen wir bei der Erklärung von traumaphysiologischen Prozessen im Gehirn immer das Reaktionsmodell der Amygdala mit Kampf- und Fluchtreflex in den Vordergrund. Können wir weder gegen ein äußerst stressreiches Ereignis ankämpfen, noch davor fliehen, erstarren wir, das Erlebnis wird abgespalten (dissoziiert) und fragmentiert und in unserer Erinnerung gespeichert. Dem übergeordnet greift bis ca. zu unserem 13. Lebensjahr! noch ein ganz anderer Schutzmechanismus in unserem Gehirn automatisch mit ein: Das Bindungssystem. In diesen jungen Jahren hängt das Überleben in großem Maße von unseren Bezugspersonen ab. Entsprechend blockiert das Bindungssystem die Möglichkeit zu Kampf oder Flucht mehr oder weniger, wenn wir Gewalt durch Personen aus dem sozialen Nahbereich erleben. Der Organismus stellt den zwischenmenschlichen Kontakt über die eigene seelische und körperliche Unversehrtheit, weil er instinktiv weiß, dass er ohne gar keine Überlebenschance hat. In der Folge wird das kindliche Opfer die Täter nicht angreifen oder davor fliehen. Auch im Nachhinein nicht. Es kann die Hand der Mutter oder des Vaters nicht einfach loslassen, sich umdrehen und gehen, egal wie schlecht es ihm in der Familie geht. Ebenso wenig kann es gegen die grausamen Verhältnisse aufbegehren. Das ist rein Gehirnphysiologisch bis zu unserem 12./13. Lebensjahr überhaupt nicht möglich. Erst dann ist unser Gehirn so ausgereift, dass die Bedeutung des Bindungssystems abnimmt und andere Handlungsoptionen überhaupt erst denkbar werden. Bei starker Vortraumatisierung spielt dann aber die traumatische Bindung auch bei künftigen Handlungsentscheidungen eine gewichtige Rolle.

Nun entstehen durch traumatische Erfahrungen innerhalb des sozialen Bezugsrahmens eines Kindes jedoch enorme Spannungen im Inneren, die es in sich beherbergen muss. Das Kind kann und darf um seines Überlebens Willen das Trauma nicht realisieren, weil dies die Verarbeitungsmechanismen völlig übersteigen würde. Eine Schuldzuweisung nach Außen an den Täter lässt das Bindungssystem nicht zu. Schon gar nicht, wenn es sich dabei um enge Vertraute wie Vater oder Mutter handelt. Im Anteilemodell spricht man an dieser Stelle von der Entwicklung eines Wächteranteils, der die Schuld auf sich nimmt, um seine Beziehungen behalten zu können und damit das Überleben zu sichern. Gleichzeitig helfen die Schuldgefühle, bzw. dieser Anteil, dass die tatsächliche, grausame Wirklichkeit des Traumas dahinter nicht realisiert wird. Man kreist um sich und das eigene Versagen, nicht um die erlittene Tat als solche.

Mir hat diese Erklärung seitens der Therapeutin Dinge anders bewusst gemacht. Als Erwachsene denken wir in der Rückschau oft: „Weshalb habe ich nicht einfach dieses oder jenes getan?“ Häufig müsste die Antwort einfach lauten: „Weil es – auch Gehirnphysiologisch – noch gar nicht möglich war!“ Bis zum 13. Lebensjahr habe ich für die Überordnung des Bindungssystems als eine relativ lange Zeitspanne empfunden. Ich hätte persönlich schon deutlich jüngeren Kindern im Innen viel mehr Entscheidungsfähigkeit abverlangt, als es überhaupt von der Entwicklung her möglich ist. Man kann schon vorher zugefügtes Unrecht an sich und/oder anderen erkennen und fühlen, aber sich entsprechend dagegen wehren indem man Fehler einer Bezugsperson nach außen aufzeigt kaum oder nur wenn viele andere Sozialfaktoren darin unterstützend wirken. Wir sind in der Beziehung zu hart mit uns und gehen ungerecht mit uns um. Als Alltagsperson kann ich das oft nicht sehen, weil mir von den Erwachsenen früher auch im Alltag eine Menge abverlangt wurde und ich übermäßig Verantwortung tragen musste. Mir fehlen also in meiner Erfahrung sinnvolle Referenzwerte. Entwicklungspsychologisch sprengt das allerdings den gesunden und möglichen Rahmen.

Auch die Fragen weshalb ich nicht Hilfe geholt oder mich jemandem anvertraut habe, erscheinen mit dieser Erklärung in einem anderen Licht. Ich hätte dafür als Kind das Bindungssystem verraten müssen und gegen meine naturgegebenen Instinkte handeln. Das geht jedoch nicht, weil Instinkte reflexhafte Überlebensmeachnismen sind, die wir nicht mit unserem Verstand steuern können.

Es bleiben und kommen viele „Ja, aber…“ in den Kopf. Dennoch bin ich froh diese Erklärung gehört zu haben, weil sie mir hilft anders einzuordnen und die übermäßige Verantwortungsbereitschaft des Kindes wieder an die Erwachsenen abzugeben. „Und auch eine Jugendliche ist noch deutlich abhängiger von den Bezugspersonen in ihrem Umfeld, als sie es in der Regel wahrhaben will. Sie konnten das nicht alles alleine leisten. Wenn es auch nur den Funken einer Chance gegeben hätte, hätten sie es getan. Kann es sein, dass sie damals nicht nur einmal darüber nachgedacht haben, wie es anders gehen könnte?“, sagte die Therapeutin und schaute mich mit ganz freundlichem und zugewandtem Blick an.

3 Kommentare zu “Schuld und Bindung

  1. Vor diesem Hintergrund erscheint es mir plötzlich auch sehr plausibel, weshalb Kinder erst ab diesem Alter beginnen, die Autorität ihrer Eltern, der Lehrer und anderer Erwachsener zunehmend aktiver infrage zu stellen (jedenfalls bei normaler Entwicklung) und sich damit mehr und mehr in eine Ambivalenz von Bindungs – versus Autonomiebedürfnissen stellen.

Kommentar verfassen: Entscheidest du dich für das Absenden eines Kommentars wird deine IP-Adresse, deine E-Mail-Adresse, dein Name und ggf. deine angegebene Webseite in einer Datenbank gespeichert. Mit dem Klick auf den Button "Kommentar absenden" erklärst du dich damit einverstanden.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.