Verstummt – Anwaltswirren, Helfergewalt und völliges k.o.

Wir sitzen völlig fertig auf unserem Bett. Das Telefon klingelt – mehrfach. Gerne würden wir ran gehen. Doch wir können nicht. Es kommt kein Ton mehr über unsere Lippen. Auf Instagram haben wir heute darüber geschrieben, dass eine Entschuldigung kein Radiergummi ist. Ich bin froh, dass mir zumindest das Schreiben noch als Kommunikationsweg zur Verfügung steht. Wirklich greifen, was mir seit Stunden die Sprache verschlägt kann ich nicht. Vermutlich ist es eine Mischung aus vielen Komponenten. Angst, Verzweiflung, Scham, Schuld, schwere Depression, die Osterfeiertage… Beim inneren Reflektieren über den Tag bemerken wir recht unvermittelt noch eine weitere Komponente – Wut!

Nie war es erlaubt, die eigene Wut auszudrücken. Immer mussten wir sie irgendwie mit uns selbst ausmachen. In den letzten Wochen kamen wir immer wieder an Stellen, an denen deutlich über unsere Grenzen gegangen wurde und sich das Gegenüber mit seinem unverschämten Handeln noch im Recht sah. Ein Anwalt, der trotz wissen um die Sicherheitsgefährdung und mehrmaligen Hinweisen durch uns und Helfer ohne vorherige Rücksprache persönliche Informationen zum Aufenthaltsort an die Gegenseite herausgab. Abgesehen davon, dass er damit seine Schweigepflicht verletzt, hätte uns die Aktion tatsächlich fast ins Grab gebracht. Einsehen beim Anwalt gleich null. Im Gegenteil. O-ton: Ich solle mich gefälligst nicht so anstellen. Dass ich in der Zwischenzeit aufgrund seines Verhaltens zu recht Todespanik erlebt habe und die Kontaktaufnahme durch die Täter umgehend erfolgte, interessiert nicht. Halten müssen wir die Scheiße letztlich alleine. Dazu kommt, dass wir uns aufgrund des Vorfalls und der mangelnden Einsicht gezwungen sahen das Mandat zu kündigen, einen neuen Anwalt brauchen, gleichzeitig aber keine gesicherte Kostendeckung durch die Rechtsschutzversicherung mehr haben, weil die nach Rücksprache nur einen Anwalt zahlt. Die Folgeschäden seines unbedachten Handelns sind aktuell noch kaum absehbar. Viel Stress, der sich nun an den unterschiedlichsten Stellen in uns gleichzeitig entlädt. Wir sind der Umzüge über teils mehrere hundert Kilometer müde, wenn sie dann durch solchen Schwachsinn zu nichte gemacht werden. Eigentlich war der Anwalt genau dafür da, dass das nicht passiert und wir geschützt werden. Das es nun anders ist und uns ein Mensch, der dafür bezahlt wird uns den Rücken frei zu halten, in den selbigen fällt, macht uns enorm traurig.

Dazu kommt, dass wir uns im Gesundheitssystem enorm schlecht aufgehoben fühlen. Gerade in den letzten Wochen wäre es nötig gewesen einen sicheren Schutzraum in der Klinik zu haben. Passiert ist das genaue Gegenteil. Auf der psychiatrischen Krisenstation hat man uns so schlecht behandelt, dass wir nun auch noch daran nagen, über den Aufenthalt hinweg zu kommen. Man hat uns gesagt, dass die Krankenkasse nicht dafür zahlt, dass wir hier faul rumliegen, als wir nicht mehr aufstehen konnten. Dann sollen wir eben nach Hause gehen. Als wir einen Krampfanfall auf dem Klinikflur hatten, wurden wir vom Pflegepersonal einfach ignoriert, obwohl sie anscheinend durchaus von anderen Patienten dazu informiert wurden. Man wolle destruktives Verhalten nicht auch noch mit Aufmerksamkeit bestätigen, sagte man uns im Nachhinein, als wir nach etlicher Zeit unser Bewusstsein wiedergefunden haben. Na, schönen Dank auch für diese menschenverachtende Sicht! Dass wir uns anschließend auch noch für den Krampfanfall entschuldigen sollten, schlug dem Fass endgültig den Boden aus. Begründung: Wir hätten uns eben mehr anstrengen müssen das zu verhindern. Ich weiß nicht, was mit diesen Menschen falsch läuft, aber offensichtlich einiges und von Hilfe kann man bei der Behandlung und Arbeitshaltung sicherlich nicht sprechen! Vielmehr haben wir uns gefühlt, als hätte das Tätersystem mit seiner bodenlosen, unverschämten Arroganz Einzug auf die Station gehalten. Verantwortlich und schuld sind dort immer die Betroffenen.

Ähnlich allein gelassen fühle ich mich manchmal ganz akut auch von ambulanten Helfern. Ich kann meine Not dort wohl ausdrücken. Sie bemühen sich wirklich. Das sehen wir und sind sehr dankbar. Andererseits passiert aber nicht wirklich etwas. Am Ende sitze ich zu Hause und bin mit all dem was ist dennoch alleine. Ich kann sagen, dass ich nur noch sterben möchte und bin in der Bewältigung gefühlt dennoch alleine auf mich zurück geworfen. Mit einem „Ich soll mich melden, wenn was ist.“ komme ich nicht klar und kann damit nur wenig anfangen, wenn ich gerade ausgedrückt habe, dass ich am Ende bin und nur noch sterben will. Wann soll ich mich dann melden? Wenn ich direkt vorm Zug liege? Wir sind grade maximal frustriert. Ja, wir müssen die Entscheidung für oder gegen unser Leben alleine treffen. Wir setzen das grade auch nicht um. Dennoch spüren wir, dass uns konkrete Hilfe an dieser Stelle wirklich fehlt.

Beim Tippen stellen wir fest, dass ganz schön viel passiert ist. Zwar haben wir bislang unsere Stimme noch nicht reaktiviert, aber wir bemerken, dass es gut getan hat und ein erster Schritt war, zumindest einen Teil der inneren Auseinandersetzung aufzuschreiben. Für heute belassen wir es dabei. Wir werden uns nun hinlegen, etwas Fernsehen und uns innerlich so gut es geht einfach mal in den Arm nehmen.

Euch allen einen ruhigen Abend und eine gute, sichere und beschützte Nacht! 🤗🦋🛋️😴

12 Kommentare zu “Verstummt – Anwaltswirren, Helfergewalt und völliges k.o.

  1. ach du scheiße… mehr fällt mir nicht ein bei diesem…scheiß, den ihr auch noch aushalten musstet.
    Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr zumindest nun nach dem Schreiben eine ruhige Nacht haben könnt.

  2. Das macht einen schon beim lesen richtig wütend… Sehr sehr bitter – grade vom Anwalt, der doch auf Eurer Seite sein soll!!! Das tut mir sehr leid. Und die Station, die ihr beschreibt – haben ähnliches in Kliniken erlebt, grausam.
    Auch das Alleinegelassen-Gefühl ist sehr nachvollziehbar… oh man. Schicken Euch einfach einen lieben Gruß aus der Ferne!

    • Herzlichen Dank für eure Anteilnahme und dass ihr für uns so bewegt seid! 🤗 Es hilft uns zu merken, dass unsere Reaktion verständlich ist und nicht wir die Bekloppte sind.
      Schrecklich, dass ihr das mit der Klinik auch so kennt! Wir empfinden das so dermaßen menschenverachtend.

      Ganz liebe Grüße zurück und ein hoffentlich gutes Osterwochenende! 🤗❤️

  3. Es tut mir so leid für dich. das mit dem Anwalt finde ich auch voll krass und ja, es erstaunt mich nicht völlig. Das hat absolut nichts mit dir zu tun, und du trägst die Folgen voll.
    die Erfahrung mit der Klinik kommt mir bekannt vor. Ich hatte aufgrund einer angeborenen Behinderung manchmal Geh-Störungen und ich dissoziiere. Mir ging es vor einigen Jahren genau so in der Psychiatrie. Und ich will nie mehr dorthin, weil ich soviel Gemeinheit und Inkompetenz erlebt hatte.
    Gleichzeitig sagt etwas in mir, dass es auch gute Orte geben müsste ….
    bitte geb nicht auf und sieh, dass wir an verschiedenen Orten in der Welt dich lesen und damit dich hören und ich zumindest viel Mitgefühl für dich und dein Situation empfinde. Du bist eine grosse Kämpferin für das Leben. Viel Kraft und Mut dir

    • Hallo, 😊
      herzlichen Dank für deine liebe Rückmeldung!

      Es ist doch irgendwie schrecklich, dass man sich von Orten, die einem helfen sollten anschließend erholen muss, weil der Umgang dort so furchtbar ist! Es tut uns sehr leid, dass du da ähnliches Erleben musstest.

      Es hilft mir in der Tat sehr hier euere lieben Rückmeldungen zu lesen und zu merken, dass wir vielleicht doch nicht die sind, die falsch sind. Ich weiß nicht, ob ich eine große Kämpferin für das Leben bin. Im Moment scheint mir oft das Gegenteil der Fall, aber der Satz ist schön und ich merke er berührt uns. Danke für dein Mitgefühl! Das ist so viel Wert!

      Liebe Grüße und eine gute Zeit! 😊
      Sofie 🐇🦋🌷

  4. Liebe Sofie, es tut mir so leid. Mich macht das völlig sprachlos. Das ist so eine schreiende Ungerechtigkeit die mich so wütend macht, fassungslos aber leider spüre ich auch Hilflosigkeit. Ich würde euch so gerne helfen und diesem Anwaltars… die Lizenz entziehen denn das müßten man machen. Wenn ihr Kraft habt würde ich der Klinik eine richtig schlechte Bewertung geben und der Welt mitteilen wie die ticken. Hilft nicht ich weiß. Aber irgendwie denke ich ständig man muss da doch was machen. Die Zeiten der Hilflosigkeit sollten endlich vorbei sein.
    Es tut mir so leid. Ich wünsche euch Kraft.
    Seit lieb gegrüßt. Lisa

    • Liebe Lisa,
      ich glaube das schlimmste ist in der Tat die Ohnmacht. Danke für den „Anwaltars…“! Da musste ich trotz der Dramatik schmunzeln. Wir können Wut an dieser Stelle schlecht selbst empfinden, aber es hilft sie von Außen gespiegelt zu bekommen.

      Danke für die lieben Worte und euer da sein!

      Ganz liebe Grüße zurück!
      Sofie 🤗🦋

    • Hallo, 🤗
      in der Tat ist die gefühlte Ohnmacht tatsächlich fast das schlimmste. Ich werde versuchen mir etwas Boden unter die Füße zu krallen und dann müssen wir nochmal sehen, was sich tun lässt. Im Moment ist die Kraft nicht mehr da.

      Vielen Dank für deine Anregungen und die lieben, treffenden Worte! Wir werden uns die Seite mal ansehen und die Idee evtl. sich auch gegen den Anwalt zu wehren fühlt sich auch gut an. Es wäre zumindest mal was anderes, als das gefühlte immer nur ertragen müssen…

      Liebe Grüße,
      Sofie

  5. Auch wenn unsere Situation im Moment anders ist, doch wir fühlen uns auch am Limit und Ende und eure Worte „Mit einem „Ich soll mich melden, wenn was ist.“ komme ich nicht klar und kann damit nur wenig anfangen, wenn ich gerade ausgedrückt habe, dass ich am Ende bin und nur noch sterben will. Wann soll ich mich dann melden? Wenn ich direkt vorm Zug liege?“ tun soo gut. Sie drücken so treffsicher aus, was auch wir fühlen und fragen

    • Hallo ihr Lieben,
      es tut uns leid, dass es euch ähnlich ergeht. Wir finden das mit anderen Menschen ganz schwer grade. Wenn ihr mögt fühlt euch von uns gesehen. Wir wissen wie schwer das ist und sind in Gedanken bei euch! 🤗💚

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