Freiwillige Sexarbeiter_innen – Ich kann es nicht mehr hören! Eine Reaktion auf den „deep und deutlich“-Talk in der ARD „Bordellrepublik Deutschland“

Ich fasse mich kurz: Mir reicht es! Ich habe die Schnauze dermaßen voll, dass in Diskussionsrunden zum Thema Prostitution verbieten/nordisches Modell – ja oder nein – als scheinbares Totschlagargument immer wieder die sogenannten freiwilligen Sexarbeiter_innen ins Feld geführt werden, denen man ihren so gerne ausgeübten Job nicht einfach wegnehmen kann. Doch! Man kann! Und ich lasse dieses Argument auch nicht gelten, weil wir es in keinem anderen Bereich gelten lassen würden, wenn es um Gewalt und Straftaten geht. Nur hier nutzen wir gesellschaftlich gerne das Schlupfloch, um uns vor der Verantwortung zu drücken und einmal mehr nicht hinschauen zu müssen.

Ich spare mir an dieser Stelle die Ausführungen, dass ich persönlich der Meinung bin, dass es so etwas wie freiwillige Sexarbeit im positiven Sinne gar nicht gibt. Für diesen Beitrag tue ich so, als würde der Umstand existieren, dass irgendwo in diesem Land privilegierte Menschen sitzen, die sich nichts schöneres Vorstellen können, als für diesen Akt bezahlt zu werden. Dann haben diese Menschen aber, wie alle eine Verantwortung Dritten gegenüber und müssen ihr Handeln entsprechend anpassen. Denn in der Gesellschaft ist unser Umgang per Gesetze so geregelt, dass ich nichts tun darf, was anderen direkt oder indirekt Schaden zufügt. Wenn ich gerne mit 200 Sachen auf der Bundesstraße fahren möchte, dann kann mir das noch so viel Spaß machen und ich kann das vielleicht für mich auch im Griff haben, weil ich die Strecke kenne. Es ist trotzdem verboten, weil andere dadurch einer unzumutbaren Gefährdung ausgesetzt sind. Soll heißen: Wenn mir etwas prinzipiell Spaß macht, dann muss ich mir immer auch überlegen, ob durch mein Handeln andere zu Schaden kommen können. Wenn wir wissen, dass in der Prostitution 95 % der Prostituierten Zwangsprostituierte sind und bei jedem einzelnen Akt vergewaltigt werden, dann kann ich nicht einfach daher kommen und sagen: „Aber ich hätte jetzt gerne ein liberales Prostitutionsgesetz weil mir das gute Kohle bringt und ich mich dafür gerne ficken lasse.“ Hier steht das Menschenleben von hunderttausenden Frauen gegen eine ganz geringe Minderheit von geschätzten 2 % die für sich meinen, das wäre eine gute Sache. Denn durch die liberalen Gesetze haben wir aktuell in Deutschland eine Situation, in der Zuhälter strafrechtlich völlig unbehelligt ihre Ware anbieten können und die Mädchen und Frauen dahinter bitter mit ihrer seelischen und körperlichen Unversehrtheit büßen. Die Landeskriminalämter haben in den vergangenen Jahren immer wieder auf das Problem hingewiesen. Eine Frau in der Zwangsprostitution KANN nicht gegen ihre Täter aussagen. Wenn das aber notwendig ist, um handlungsfähig zu werden, sind den Beamten die Hände gebunden. Angesichts dieser Tatsachen, liebe freiwillige Sexarbeiter_innen, ist es doch wohl nicht zu viel verlangt, sich im Bedarfsfall einen anderen ordentlichen Job zu suchen, statt mit dämlichen Argumenten aktiv Beihilfe zu Menschenhandel und Ausbeutung zu leisten. So selbstgefällig kann doch gar keiner sein, dass man die Gewalt billigend in Kauf nimmt für den eigenen Nutzen. Der übrigens auch fraglich ist. 80 bis 90 Prozent der Prostituierten entwickeln aufgrund ihrer Tätigkeit eine Posttraumatische Belastungsstörung. Dazu gehören auch diejenigen, die das angeblich so gerne und freiwillig tun. Für unsere Körper ist das kein Beruf, wie jeder andere – das können wir uns noch so gerne einreden wollen!

Neben vielen unsäglichen Vorschlägen und Aussagen, die in der Sendung „deep und deutlich“ gefallen sind, ist dieses Drücken um Verantwortung und der fehlende Wille Fakten ins Gesicht zu sehen, der Teil, der mich mit am meisten stört.

Hört endlich auf euch aus der Verantwortung zu reden! Eine freiwillige Sexarbeiterin ist noch lange kein Grund Prostitution zu erlauben und die Freierstrafbarkeit nicht deutlich umzusetzen! Wir brauchen gesellschaftlich klare Grenzen. Alles andere ist billigendes in Kauf nehmen des Leides von hunderttausenden Frauen! Wer das tut, möge das auch offen so aussprechen und sich nicht feige hinter einer fadenscheinigen Diskussion von beruflicher Selbstbestimmtheit verstecken.

Quellen:

20 Kommentare zu “Freiwillige Sexarbeiter_innen – Ich kann es nicht mehr hören! Eine Reaktion auf den „deep und deutlich“-Talk in der ARD „Bordellrepublik Deutschland“

  1. Hallo Sofie, sehr gut argumentiert. Sicherlich könnte man ( und auch du) noch sehr viel andere Fakten hinzufügen, doch das ist ein kurzer einfacher Weg, der einleuchten sollte, den du hier beschrieben hast. Danke dafür. Darf ich deinen Artikel rebloggen? LG

    • Hallo, das darfst du sehr gerne! 😊

      Ja, es gibt sicherlich noch sehr viel mehr Argumente, die dagegen sprechen. Ich wollte es an dieser Stelle ganz bewusst knapp halten, weil ich aktuell so das Gefühl habe, dass es da eigentlich auch nichts mehr zu Diskutieren geben sollte.

      Ganz liebe Grüße!
      Sofie 🦋

      • Danke sehr!
        Ja, das habe ich verstanden, das schriebst du anfangs. Es ist dir so gut gelungen, das ganze Gelaber mit diesem kurzen Artikel zusammenfallen zu lassen. Ich werde mir deinen Argumentationsverlauf gut merken. Denn in diese Diskussion gerate ich auch immer einmal. Man hat so viele Aspekte im Kopf, die – so denke ich dann – doch ziehen sollten. Hilft aber oft nicht, wie im deep&deutlich Talk gesehen. Du bringst es knackig auf den Punkt. Wer das nicht nachvollziehen kann, wird auch sonst nichts an sich ranlassen. Leider 😦 Viele liebe Grüße!

      • Vielen herzlichen Dank! ❤️🤗

        Ich habe tatsächlich bis zu dieser Talkrunde auch immer gedacht ich müsste alles mögliche erklären. Dann ist Huschke einfach aufgestanden und gegangen. Im ersten Moment war ich irritiert, weil ich zwar verstehen konnte, dass sie die Schnauze voll hatte, aber ein anderer Teil in mir trotzdem auch gedacht hat: „Wie jetzt!? Die kann doch nicht einfach gehen… Wer erklärt denn dann für die Betroffenen und gibt Konter!? Was macht das denn für ein Bild von den Opfern? etc.“ Ich habe zwei Tage gebraucht, um das ganze zu reflektieren und festzustellen, dass Huschke vollkommen recht hat. Es sind immer die Betroffenen, die ihren Standpunkt rechtfertigen sollen und noch ein Argument und noch eine Statistik und noch einen blöden Spruch entkräften. Das entspricht zwar unserer Konditionierung, ist aber gar nicht unsere Aufgabe! Die Welt da Draußen muss sich als Gesellschaft entscheiden, welche Werte sie vertritt und sich nicht faul zurücklehnen und den Opfern die Arbeit überlassen. Fakten gibt’s für alle, die sie wissen wollen genug frei zugänglich und der Rest hat auch keine Argumente verdient.

        Liebe Grüße und einen schönen Abend!
        Sofie 🦋

  2. Wir haben uns das jetzt gemeinsam mit unserem Mann angeschaut und können verstehen das sie die Sendung verlassen hat! Unglaublich ignorant von den Teilnehmenden und ja, man hat sie so in eine Ecke gedrängt. In dem Moment wo Geld fließt besteht eine Abhängigkeit und Abhängigkeit hat für uns null mit Selbstbestimmung zu tun!

  3. Hat dies auf Raus aus der Affenfalle rebloggt und kommentierte:
    Hast du auch den deep & deutlich Talk mit Huschke Mau gesehen? Es ging um Prositution – bzw. darum, ob sie erlaubt sein sollte in Deutschland. Huscke, die sich unglaublich verletzlich macht und aus ihrer Geschichte erzählt, verlässt vorzeitig die Sendung. Sie kann die wenig durchdachten und stereotypen Argumente der Moderatoren nicht mehr ertragen. In der EMMA konnte man bereits diesen guten Artikel dazu lesen. https://www.emma.de/node/339461
    Heute bringt „Sofies viele Welten“ einen ganz kurzen, knackigen Gedankengang, der es voll auf den Punkt bringt, warum Prostitution nicht erlaubt sein sollte. Mich begeistert die Kürze und die Eindeutigkeit ihrer Argumentation. Das werde ich mir merken, für all die unseligen Diskussionen der Zukunft.

  4. 👍🏼 Der Artikel bekommt ein klares „Sehr gut – das ist richtig.“
    UND: …eine Frage, für die vielleicht gleich etliche, deftige Argunmente fliegen werden:

    Was wird mit diesen ganzen „Klienten“, welche nun nicht mehr hemmungslos ihrem Drang für Geld nachgeben können? Wen trifft es dann? Die Tochter? Die Nichte? Die Nachbarin? Jemand zufälliges?
    Mein Gedanke ist nicht, es NICHT ABZUSCHAFFEN. Meine Idee ist eine Art „gleitender Übergang“. Wie der aussehen könnte, davon habe ich gerade auch keine Idee. Sicher ist aber, dass wenn ich irgendwo was anstaue, dass es früher oder später an anderen Stellen unkontrolliert abfließen wird, wenn ich es nicht reguliere.
    Auf die Polizei und die Justiz zu setzen, ist dabei sicherlich zu kurz gegriffen. Die kann schon hiesige Verbrechen nicht genügend gut in Schach halten…

    Viele Grüße

    …einer der Himbeersplitter

    • Liebe Himbeersplitter,
      danke für die Auszeichnung!😀

      Zu deiner Frage gibt es sicher viele Argumente und Sichtweisen. Ich versuche es mal mit einer optimistischen. 😉

      Ich glaube, dass wir dem Großteil der Männer zutrauen und zumuten dürfen, dass Sie das schaffen. 😉Freier sind ja nicht per se steuerungsunfähige Triebtäter, die keine andere Wahl hätten, als sich dann irgendwelche Ersatzobjekte zu suchen und über sie herzufallen. Sie überschreiten Grenzen -ja- aber bislang hat man sie auch gewähren lassen. Sie sind ja bislang gar nicht im Zugzwang umdenken und ggf. einen anderen Umgang mit ihren Problemen finden zu müssen. Wenn ich in den Puff gehe, weil ich im Alltagsleben zu schüchtern bin eine Frau anzusprechen, mich nicht traue mit meiner Ehefrau über meine sexuellen Vorlieben zu sprechen oder meine ich könnte lieber einer Prostituierten das Ohr mit meinen Problemchen abkauen, statt mir wirklich Hilfe zu suchen, dann muss Mann das im Zuge einer Freierstrafbarkeit eben angehen. Und da bin ich auch nicht bereit die Herren der Schöpfung schon wieder aus ihrer Verantwortung zu nehmen und lieber auf Frauenseite mit Kompromissen zurückzustecken, weil sie mit ihrem angeblichen Sexualdrang irgendwo hin müssen. Der existiert so nicht. Der Fokus verschiebt sich in Ländern mit dem nordischen Modell von der Frau als Sexual-/Machtobjekt hin zur männlichen Sexualität. Studien zeigen, dass dort deutlich weniger junge Männer es persönlich in ordnung finden Sex zu kaufen. Es wird den Prozentsatz an Männern geben, die im wahrsten Sinne des Wortes für ihre Befriedigung über Leichen gehen würden. Die tun das aber auch jetzt schon! Die haben auch jetzt schon prinzipiell keine Hemmungen vor „Nichte“, „Tochter“, „Nachbarin“ und Co. An der Stelle habe ich die Hoffnung, dass sich mit einer veränderten Gesetzeslage und einer anderen gesellschaftlichen Bewusstheit, dann zumindest auch polizeilich und strafrechtlich anders eingreifen lässt. Zumindest zeigt sich das in anderen Ländern.

      In vielen Ländern gibt es bereits deutlich strengere Gesetze im Hinblick auf Prostitution und dir Männer dort waren durchaus fähig sich anzupassen, ohne dass die Sexualstraftaten in die Höhe geschossen wären. Während Corona waren die Bordelle auch in Deutschland lange Zeit geschlossen und auch das Angebot auf dem Straßenstrich enorm eingedämmt, weil eigentlich nicht erlaubt. Die Sexualstraftaten sind aus dem Grund nicht abnorm angestiegen. In Gegenteil – in Ländern mit dem nordischen Modell könnte man teilweise sogar einen Rückgang der Gewalt gegen Frauen feststellen, weil sich die Rollenbilder ändern. Die Männer leben noch… Die schaffen das!

      Was es sicher braucht als Übergang sind Ausstiegsbegleitungen und Hilfen für die betroffenen Frauen, die dann erst einmal gar nicht mehr wissen wohin. Im nordischen Modell wäre das beispielsweise durchaus vorgesehen.

      Liebe Grüße,
      Sofie

  5. Ich habe mich jetzt doch „getraut“ den TV-Beitrag anzuschauen:
    Wenn in ganz Europa Freiertum unter Strafe stünde, könnte es tatsächlich etwas verbessern, einfach weil dann weniger verlagert werden kann und es auch deutlich weniger Freier gibt, als wenn es einfach so „erlaubt“ ist.
    Bleibt noch das Ding, dieses Verbot auch durchzusetzen.

    Ein sehr emotionaler TV-Beitrag…

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