Selbstbewusstseinscoachings und „Nein“-sagen lernen – (k)ein Schutz vor Gewalt

Wir stolpern immer wieder über Beiträge, in denen Selbstbewusstseinscoachings für Mädchen und Frauen angeboten werden, um sie vor Gewalt zu schützen. Sie sollen lernen Selbstbewusst „Nein“ zu sagen, aktive Gegenwehr zeigen, mutig auftreten, Selbstverteidigungsstrategien anwenden etc. Angebote dergleichen gibt es viele und sie haben zu einem gewissen Anteil auch ihre Berechtigung. Solange es Täter gibt, spricht nichts dagegen sich möglichst umfassend zu schützen und verschiedene Strategien im Hinterkopf zu haben. Grundsätzlich finde ich es gut schon Kindern zu vermitteln, dass Grenzen wichtig und erlaubt sind und man sich Hilfe holen  darf. Kritisch sehe ich daran allerdings, dass diese Seminare auch immer wieder dafür genutzt werden, sich Gesellschaftlich nicht darüber bewusst werden zu müssen, dass Gewalt grundsätzlich jedem Menschen passieren kann, egal wie selbstbewusst, sportlich, wehrhaft und wiederstandsfähig man ist. All diese Angebote suggerieren, dass Opfer eine Möglichkeit hätten, die Gewalt abzuschwächen oder zu verhindern, wenn sie nur bestimmte Eigenschaften entwickeln würden. Dem ist nicht so! Ob die Gewalt stattfindet, entscheidet alleine der Täter!

Und es gibt eben auch die Tätertypen, die gerade davon angestachelt werden, wenn Frauen sich wehren, versuchen ihre Grenzen durchzusetzen oder selbstbewusst keine Angst zeigen. Ihr Bestreben ist es gerade die selbstbewussten Opfer zu brechen und sie zu dominieren. Jede Gegenwehr wird mit noch mehr und härterer Gewalt beantwortet. Mir sind in den vergangenen Jahren und insbesondere in meiner Kindheit und Jugend viele solcher Männer begegnet. In manchen Situationen hat es mich gerettet keine Grenzen aufzuzeigen, intuitiv zu wissen: „Das macht die Gewalt nur noch schlimmer und heftiger. Ich habe keine Wahl, als das irgendwie über mich ergehen zu lassen und zu sehen halbwegs lebendig da durchzukommen.“ Wenn ich dort angefangen hätte „Stopp“ zu sagen, würde ich mit Sicherheit heute nicht mehr hier sitzen.

Es gibt Täter, die habe ich in ein Gespräch verwickelt oder bin laut geworden. In der gewonnenen Zeit habe ich versucht irgendeine Möglichkeit zu finden der Situation zu entkommen. Es gibt andere, da war ich von Anfang an nicht in der Lage auch nur einen Ton von mir zu geben. Welche Reaktion im Einzelfall die Richtige ist, sind Entscheidungen, die Körper und Psyche oft in Sekundenbruchteilen instinktiv treffen.

Viele Frauen schämen sich jedoch im Nachhinein einer erlittenen Tat dafür nicht wehrhafter gewesen zu sein und geben sich eine Mitschuld an der Tat. Das muss aufhören! Wir müssen gesellschaftlich deutlich machen, dass Opfer niemals Schuld tragen und es auch Schutz sein kann sich eben nicht zu wehren. Wir müssen ihre Schutzinstinkte respektieren und das Verhalten entsprechend als innere Weisheit honorieren! Die Opfer haben in der Situation alles richtig gemacht – im Gegensatz zum Täter! Wir müssen als Gesellschaft endlich aufhören Verantwortung auf die Opfer zu schieben, weil wir die erlittene Ohnmacht nicht aushalten! Es kann jederzeit jede und jeden Treffen. Keiner ist davor sicher.

Falls du dich nicht gewehrt hast: Ich habe Respekt vor dieser Überlebensreaktion und es gibt keinen Grund sich dafür zu schämen!

10 Kommentare zu “Selbstbewusstseinscoachings und „Nein“-sagen lernen – (k)ein Schutz vor Gewalt

  1. Spannend, ja. Unsere Therapeutin sagte auch schon wiederholt: Dadurch dass wir uns so ganz dem Kontrollverlust hingegeben haben, haben wir überlebt. (Oder so ähnlich, aber genau wie ihr auch meint, manchmal überlebt Mensch nur dann, wenn er-sie sich nicht wehrt) grauenhafte Vorstellung aber vielleicht wahr?!!

    • Hallo ihr Lieben,
      ich glaube es geht gerade als Kind gar nicht anders, als sich zumindest immer wieder einfach zu unterwerfen. Man ist physisch und psychisch den Erwachsenen viel zu unterlegen. Und irgendwie ist es ja oft auch das, was die Täter wollen – bedingungslosen Gehorsam und Unterwerfung. Da halte ich es von dem Kind für außerordentlich klug sich die Situation nicht noch zusätzlich mit Wehrhaftigkeit zu erschweren, wo es ohnehin kein entkommen gibt. Traurig und grauenhaft, aber leider wahr.

      Liebe Grüße, Sofie 🦋

  2. Ich sehe das ebenfalls so, stimme jeder Deiner Aussagen zu.
    Das gilt auch für ähnlich gelagerte Situationen: nicht explizit Zustimmung zu signalisieren, bedeutet KEINESFALLS, einverstanden zu sein.
    Jede andere Auslegung solcher Vorgänge ist in meinen Augen Manifestation von Unsensibilität und Brutalität.

    • Hallo, 😊
      ja, das stimmt! Da hast du vollkommen recht. Einfach ein Ja anzunehmen, weil man es als Gegenüber so möchte, ist auch eine Grenzüberschreitung. Danke für deine wichtige Ergänzung! 🤗

      Liebe Grüße und einen guten Wochenstart!
      Sofie 🦋

  3. So etwas erlebte ich nie, bin aber tief beeindruckt von diesem ehrlichen, glaubhaften Bericht und finde es richtig, sich in diesen Fällen nicht zu wehren. Ich würde sagen: Lieber allein bleiben und solche Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen.
    Was allerdings in Kriegssituationen passiert, ist unvorstellbar grausig. Dann also fliehen.
    Das Training ist wohl eher psychologisch zu sehen: Man glaubt sicher zu sein und ist es vielleicht dadurch auch, weil man selbstsicher auftritt und auch rechtzeitig erkennt, wenn etwas gefährlich werden könnte.

    • Wir fürchten, dass das Gegenteil der Fall ist. Je sicherer wir uns irgendwo fühlen, umso blinder sind wir für mögliche sich anbahnende Gewalt. Vertrauen in eine Situation schließt bei uns Erkennen aus. Sind wir unsicher, sind alle Antennen ausgefahren und scannen die Umgebung. Aber uns fehlt auch die Intuition für ein wirklich sicheres Umfeld.
      „Lieber allein bleiben und solche Situationen gar nicht erst entstehen lassen.“ schiebt die Verantwortung für eine Gewalt Situation wieder den Opfern zu. ….. Sollten jetzt alle Frauen (auch Sie) sich daheim einsperren? – Allerdings nur wenn Sie alleine leben, sonst könnte es gefährlich werden, um Gewalt zu entgehen! …. Nein, die Verantwortung haben alleine die Täter. Jede Person ist für eigene Handlungen verantwortlich und damit auch dafür verantwortlich welche Handlungen man setzt und welche nicht. Es gibt KEINE Verhaltensweise von Opfer Seite, die garantiert, niemals Opfer von Gewalt zu werden.
      Was macht ein Baby falsch, das aus Hunger schreit, was sollte es anderes tun? Und weshalb reagieren manche Eltern darauf gewalttätig? ….. Die Absurdität, dass Opfer Gewalt verhindern können, zeigt dieses Beispiel. Und es bleibt in jedem Alter und für jede Art von Gewalt absurd.

      • Liebe Benita,
        das ist ein sehr plastisches Beispiel, das die Verantwortlichkeiten nochmal ganz klar macht. Danke dafür! 🤗

        Ich habe gerade beim Lesen über deine Beschreibung nachgedacht, dass ihr euch blinder für Gewalt fühlt, je sicherer ihr euch in einer Situation seid. Teilweise kann ich das bei mir so bestätigen, wobei mir gerade aufgefallen ist, dass ich bei den Situationen, die ich dazu im Kopf habe, nicht weiß, ob ich mich da wirklich sicher gefühlt oder (dissoziationsbedingt) nur keine Angst oder andere Warnzeichen wahrgenommen habe. Der Frage werde ich bei Gelegenheit für mich nochmal nachgehen.

        Ganz liebe Grüße und einen guten Wochenstart! 🤗🦋

    • Hallo liebe Gisela,
      vielen Dank für deine liebe Rückmeldung! 🤗 Es freut mich immer, wenn auch nicht Betroffene bei mir mitlesen mögen und für das Thema offen sind.

      Ich denke die Reaktion lieber alleine zu bleiben, als wieder in Gefahr zu kommen, kennen viele Betroffene. Das Problem ist nur, dass das teilweise unglaublich einsam macht und im Grunde erneute Gewalt auch nicht verhindert. Man kann ja nicht sein Lebtag nicht mehr auf die Straße gehen. Es funktioniert also nur bedingt als Schutz.

      Ein Fluchtimpuls setzt immer voraus bereits Gewalt/Grenzüberschreitung zu erleben. Er ist die Folge von stressbedingter Übererregung im Gehirn und kommt im Falle von Gewalt leider nicht zuvor, sondern als Reaktion auf die eingetretene Grenzüberschreitung. Wenn man Glück hat ändert man die Fortsetzung der Gewalt, aber ganz unberührt bleibt man nicht.

      Irgendwie müsste man sich wohl eine gewalt- und täterfreie Insel basteln. 😉

      Ganz liebe Grüße und einen schönen Montag! 🦋

  4. Danke für diesen Bericht. Meine unfertige Antwort ging leider soeben verloren. Mein Denken und Anteilnehmen hört aber deshalb nicht auf. Mögen einige Menschen erwachen und mitdenken, mitfühlen… So kann es ja nicht bleiben!

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