Schlafzauber und Nachtwelten

Ich liege im Bett. Neben meinem Kopf läuft Harry Potter. Um mich herum ist es dunkel. Lediglich der Schein des Tabletbildschirms erhellt punktuell das schwarze Nichts um mich. Durch die Ritzen des Rollladens spielt der Schein der oranggetönten Straßenlaterne. Meine Gedanken bewegen sich in unterschiedliche Richtungen. Mit mittellauter Berieselung versuche ich zur Ruhe zu kommen. Ein bisschen abschalten. Der Körper schmerzt und hat gravierende Probleme. Der Kopf wird vor Angst fast verrückt. Ich atme tief. Dann beginnt die Nacht mich mit jedem Atemzug mehr einzuhüllen, zu umschließen und sanft zuzudecken.

Ich habe ein Dach über dem Kopf und ein weiches Bett. Hier sind wir sicher. Für die nächsten Stunden dürfen wir nur auf uns achten. Die Erinnerungen tanzen. Meine Lungen heben und senken sich einfach weiter. Das alte Grauen ist da. Vielmehr aber noch der Moment, der davon spricht die Wunden sein lassen zu dürfen. Das Herz ist schwer. Gleichzeitig fühle ich mich, als würde sich der bewusst aufgenommene Sauerstoff wie ein zartes Tuch um seine Verletzungen legen und flüstern: „Du hast überlebt.“ Und obwohl der Suizid als letzter Ausweg durch meine Gedanken wandert, fühle ich Dankbarkeit am Leben zu sein.

Die Welt im Außen so leise zu sehen, macht die innere laut. Sie zeigt ihre Aufgewühltheit. Alle Ablenkungen des Tages schweigen. Die Nacht ist die Zeit sich zu sehen, einzutauchen in das eigene Sein und daraus zu schöpfen. Ich fühle meinen Puls. Er gibt den Rhythmus vor. Gemeinsam lauschen wir, was unser Innen erzählt. Wenn wir heute die Augen schließen und schlafend in den neuen Tag gleiten, werden wir viel voneinander gelernt haben. Nichts wird sich verändert haben und doch so viel.

Tränen laufen aus den Augen über die Wangen. Die Beine zappeln, um die Anspannung des Tages loszuwerden. Es kommt der Punkt an dem alles für einen Augenblick gleichberechtigt nebeneinander stehen darf. Freud und Leid. Hoffen und Bangen. Mut und Angst. „Schön, dass du lebst, Sofie! Alles andere lässt sich regeln.“ Die Zeit schreitet voran. Nicht nur Harry zaubert sich durch jede knifflige Lage, wir tun es auch. „Vulnera sanentur“. Mögen die Wunden heilen! Dann kommt der Schlaf und nimmt uns mit auf seine Pflegestation. Kraft tanken, in uns. Welt der inneren Wunder.

2 Kommentare zu “Schlafzauber und Nachtwelten

  1. Wunderschön geschrieben! In der Ruhezeit der Nacht kommt oft zum Vorschein, was vom profanen, lauten Tag oft überbrüllt wurde. Nicht umsonst ist die schattige Nacht Zufluchtsort zwischenmenschlicher Sehnsüchte auch derer, denen die unbarmherzige Tageshelle eine eher ernüchternde Bilanz ausstellt. 🙂

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