Innenkommunikation bei Dissoziativer Identitätsstörung (DIS)

„Innenkommunikation“ erscheint bei DIS häufig als eine große Aufgabe. Als Betroffene sollen wir uns in der Therapie darum bemühen mit unseren Innenpersonen oder Anteilen in Kontakt zu kommen, um von ihnen wichtige – z.B. biographische – Informationen zu erhalten. Doch was genau tun wir da eigentlich und wie funktioniert das?

Über unsere neuronalen Netzwerke sind wir als Menschen zu jederzeit mit jeder Zelle unseres Körpers verbunden. Mal mehr und mal weniger bewusst erhalten wir in unserem Gehirn ständig Rückmeldungen wie es uns und unseren Organen geht und passen bestimmte Stoffwechsel- und Kreislaufvorgänge teils entsprechend automatisiert an. Manchmal sind wir beispielsweise aufgefordert etwas zu essen oder trinken, wenn die Zellen mangelnde Energiezufuhr signalisieren. Gemachte Erfahrungen speichern wir zum einen mit bestimmten Gedächtnisstrukturen im Gehirn, zum anderen aber auch auf Körperebene in den Zellen. Wenn wir uns in einer bestimmten Situation etwa sehr wohl gefühlt haben, dann sind wir später in unser Erinnerung nicht nur in der Lage sie auf Gedankenebene abzurufen, sondern können auch in unserem Körper die Entspannung oder die Freude wieder fühlen. Ist unsere Informationsverarbeitung nicht durch Traumata verändert, sind wir als Menschen in der Lage bewusst den Kontakt zu bestimmten Körperstellen aufzunehmen und darüber zu erfahren, wie es ihnen geht. Wir können über unsere Sinne in einen inneren Dialog einsteigen und spüren, dass wir nach einem anstrengenden Tag die Beine hochlegen wollen, weil sie schmerzen. Denken wir an bestimmte (nicht traumatische) Ereignisse zurück, erfahren wir von unserem Körper wie es ihm dabei ging und was er in dem Moment wahrgenommen hat. Die Innenkommunikation findet in dem Fall also als ganz natürlicher Prozess über unsere Sinne und innere Wahrnehmung statt. Das Zusammenspiel der neuronalen Netzwerke und Körperzellen funktioniert und die Informationen können bei Bedarf  frei ausgetauscht werden. Alle Bestandteile und Ebenen unseres Seins sind also integriert.

Bei dissoziativen Störungen ist dieser Informationsaustausch aufgrund der Traumata unterbrochen und auf bestimmte Anteile aufgeteilt. Die neuronalen Netzwerke arbeiten nicht mehr als ein Gesamtsystem zusammen, sondern unterteilen sich in mehrere kleine Untersysteme, die ihre Informationen nicht mehr ohne weiteres miteinander austauschen und dem Bewusstsein zur Verfügung stellen können. Das bedeutet, dass die Sinneswahrnehmung der einzelnen Anteile nach innen eingeschränkt ist. Eine Alltagsperson erinnert sich beispielsweise auf Gedankenebene kognitiv an ein Erlebnis. Wie sie sich körperlich dabei gefühlt hat und wie hoch ihr Anspannungslevel war, kann sie jedoch nicht wahrnehmen. Diese Information trägt ein anderer Anteil – also ein anderes neuronales Untersystem.  Die Wahrnehmungen sind bei Menschen mit komplexen dissoziativen Störungsbildern nicht mehr integriert, sondern auf mehrere Netzwerke verteilt.

Innenkommunikation meint nun nichts anderes, als dass wir in der Therapie damit beginnen diese Netzwerke wieder zu verknüpfen. Wir versuchen Pfade wieder freizuschaufeln oder neu anzulegen, um die Informationen und Erinnerungen gemeinsam in einem System zu teilen. Das geschieht über unsere Sinne und die bewusste Aufmerksamkeit für bestimmte Bereiche unseres Seins. Damit bedeutet Innenkommunikation auch, dass damit nicht zwingend verbale Gespräche und Unterhaltungen im Kopf gemeint sind, sondern Informationsaustausch auf viel mehr Ebenen passieren kann. Wir hören immer wieder von Betroffenen, dass sie so gar keinen Zugang zu ihren Innenpersonen haben, nicht kommunizieren können und nur ein Blackout feststellen können, wenn ein bestimmter Anteil aktiv war. Genau genommen ist auch das Feststellen eines Blackouts bereits die beginnende Kommunikation zwischen zwei bislang wenig vernetzten Anteilen. Im Austausch fehlen offenbar Bilder (sehen), Gespräche (hören), vielleicht auch riechen und schmecken, aber das Gefühl beginnt bereits anzudocken: „Da ist jemand/etwas in mir, das ich nicht greifen kann.“ Manchmal sickert vielleicht sogar schon der Eindruck durch, wie man sich in der Zeit in der man abwesend war gefühlt hat. War es gut oder schlecht oder neutral? Nichts zu fühlen, ist bereits ein Gefühl und für die Information in einer Zeitspanne nichts wahrgenommen zu haben, muss man bereits wissen, dass etwas wahrzunehmen gewesen wäre.

Sobald das Bewusstsein für die Lücke da ist, lässt sich die Kommunikation Schritt für Schritt ausbauen. Wir können beispielsweise unsere Sinne durchgehen und schauen, ob wir darüber weitere Informationen erhalten, auf die wir unsere Aufmerksamkeit einfach bislang noch nicht gelegt haben. Hilfreich bei Zeitlücken ist oft sich das letzte woran man sich er innert nocheinmal kurz ins Gedächtnis zu holen. „Wenn ich an den Blackout denke und nach innen spüre, welche Körperstelle nehme ich dann besonders wahr oder verbinde ich einen bestimmten Ort im Körper besonders damit? Gibt es Bilder, die aufsteigen? Höre ich etwas? Kann ich etwas riechen oder schmecken? Wo zieht es meine Aufmerksamkeit hin? Wie alt nehme ich mich jetzt wahr?“ Man lässt sich vom Körper durch den Prozess führen. Manchmal springen die Wahrnehmungen oder blitzen nur kurz auf und die Aufmerksamkeit wandert sehr schnell. Das ist ok. Die Netzwerkarbeit folgt erfahrungsgemäß ihren eigenen Regeln und unser Körper weiß selbst am besten, wo er uns hinführen muss, um Verknüpfungen zu schaffen und auch, wann er richtig ist auszusteigen! Wenn wir auf diese Art mit uns arbeiten korrigieren wir es nicht, wenn wir bemerken abzudriften. Wir registrieren es lediglich als ein eine Art Stoppschild an dieser Stelle. Entweder wir hören dann auf an uns weiter zu erforschen oder wir beobachten, wohin wir stattdessen mit unserer Aufmerksamkeit wandern und gehen damit weiter. Was für uns im Einzelfall richtig ist, entscheiden wir nach unserem Gefühl. Es geht nicht darum besonders viel und besonders lange im Inneren rumzuwühlen und zwanghaft jeden Stein perfektionistisch umzudrehen. Auch kurze Kontakte mit sich können viel bewirken.

Die Herausforderung ist oft das, was wir an innerer Kommunikation haben auch als solche zu erkennen und sie ernst zu nehmen. Leider gestalten sich die gesellschaftlichen Prägungen ganz allgemein nicht so, dass wir als Kinder lernen unsere Körperwahrnehmung zu schulen und sie achten zu dürfen. Dazu kommt, dass nach komplexen Gewalterfahrungen der Zugang durch die Täter zusätzlich zerrüttet ist und die eigen Wahrnehmung oft schmerzhaft uminterpretiert wurde.

Nimm das, was du bereits wahrnehmen kannst und geh damit weiter. Die inneren Universen werden sich ganz von alleine öffnen, wenn du dir vertraust. Dieses Vertrauen in sich muss wachsen und das darf Zeit brauchen. Es kommt mit der Erfahrung Themen im Innen gut gemeinsam gemeistert zu haben. Wir wollen häufig immer noch mehr wissen, noch weiter nach innen, mehr Erinnerung und am Ende eigentlich gar nichts wirklich wissen, sondern nur schnell irgendwie da durch, dass der Schmerz endlich nachlässt. So funktioniert das aber leider nicht. Es braucht Respekt und Wertschätzung der eigenen Grenzen, Widersprüchlichkeiten, Emotionen und Ansichten. Man muss die Zwiebel von der Schicht aus schälen, auf der man sich befindet. Es lässt sich keine überspringen – zumindest nicht, wenn wir nicht mit Gewalt zum Kern wollen und neue Verletzung einstecken. Die gute Nachricht daran ist, dass alles was wir für das Erreichen der nächsten Schicht brauchen immer schon an unserer Ebene irgendwo andockt. Es reicht also das wirklich bewusst ernst zu nehmen, was wir an Informationen haben und mit unseren Sinnen bekommen können. So leicht gesagt und oft doch so schwer!

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11 Kommentare zu “Innenkommunikation bei Dissoziativer Identitätsstörung (DIS)

    • Hallo ihr Lieben,
      herzlichen Dank euch für die liebe Rückmeldung! 🤗 Manchmal begreift man nicht, dass dieses Bemerken „nichts zu fühlen“ schon eine Brücke ist. Wir waren auch sehr froh, als wir das mal begriffen haben.

      Liebe Grüße,
      Sofie 🤗🦋

  1. Ich finde das spannend aus der Perspektive, dass ich keine Rückmeldung bekomme. Schon gar nicht vom Körper, schon gar nicht gezielt, wenn ich frage oder horche. Wenn was da ist kann es aber auch sein, dass es zum selben Körpergefühl zehn oder mehr Rückmeldungen gibt, die mir alle in der Situation nicht weiter helfen, weil ich weder alle versorgen kann, noch die Fragestellung löst, was jetzt gerade akut eigentlich los ist und mit was es zusammen hängt.

    • Danke für das Teilen deiner Perspektive! 🤗

      Ich hab ein paar Gedanken dazu aus meiner Erfahrung. Inwiefern sie für dich stimmig sind, weiß ich nicht. Ich stelle sie einfach mal hier hin:
      Das was ich versucht habe zu beschreiben ist sehr stark prozessorientiert. Damit bestimmte vielleicht erwartete Antworten „gezielt“ zu erreichen ist schwer. Man kann sich im Grunde zwar mit einer Intention hinsetzen, aber es ist meist nicht klar wohin sie im Innen dann genau führt, welche Antworten man bekommt und wie schnell. Aus der Erfahrung weiß ich inzwischen, dass das was auftaucht auch irgendwie mit dem zu tun hat, wonach ich Frage, aber es ist oft so ganz anders als erwartet und manchmal macht es auch erst mit der Zeit Sinn. Am Anfang dachte ich oft es kommt nichts, weil das was kam für mich nicht dazu gehörte.

      Wenn du die Rückmeldung bekommst, dass du dazu keine Rückmeldung bekommst, dann wäre das bei meinem Vorgehen eine Antwort. 😉 Ich würde mich dann je nach Situation fragen, wie ich damit genau weiter gehen möchte oder ob ich tatsächlich aufhöre, wenn ich das „keine Rückmeldung“ als ein Stopp empfinde. Auch dieses „keine Rückmeldung“ liese sich erforschen. Manchmal ist auch die Frage „falsch“ gestellt, dann kann man sich innerlich fragen, wie oder wonach man fragen müsste, um Antworten zu bekommen.

      Wenn es zum gleichen Körpergefühl viele Rückmeldungen gibt, dann braucht man etwas Raum um zu sortieren. Du schreibst sie „helfen dir alle nicht weiter“. Das klingt nach einer klaren Vorstellung wofür die Informationen gut sein sollten – also z.B. um Stress zu reduzieren, Ängste zu verstehen, Erinnerungen zu begreifen, Verhalten ändern zu können, etc. Wenn man mit der Brille schaut tut man sich mit der Technik schwer. „Versorgen“ heißt hier oft für mich nicht mehr und nicht weniger, als bewusst zu registrieren was ist und das nach innen zurückzumelden. z.B. „Ich merke, dass es da gerade ganz viel Not in mir gibt.“ oder „das ist ganz schön schwer und es gibt viele gegensätzliche Meinungen.“ oder „Ah, da ist viel Traurigkeit.“ Immer wieder sage ich auch „Ich weiß gerade leider nicht, wie ich euch gut versorgen kann. Ich bin auch überfordert. Aber ich bin da und ich höre zu.“ und ich mache klar, dass ich niemanden und kein Gefühl wegmachen will. Das ist für mich ein ganz zentraler Schlüssel.

      Wenn ich das beispielhaft auf die Frage übertrage, was „akut eigentlich los ist“, dann würde ich nach deiner Beschreibung als Antwort erst einmal sagen (Ich weiß nicht, wie es bei euch tatsächlich ist. Das folgende ist nur ein fiktive Möglichkeit von vielen): „Viel. Es sind ganz viele in Not und Aufruhr und das innen weiß gar nicht mehr wo es zuerst ansetzen soll. Es ist ist so viel getriggert. Wir wissen uns nicht mehr zu helfen und wen wir zuerst versorgen sollen.“ Ich würde die „Aufgabe“ des Versorgens als Erwachsene, die man in der Therapie oft bekomm, erst einmal beiseite stellen, weil sie mich vom offenen Dialog abhält und weiter mit in den Strudel der Überforderung zieht. „OK. Ich bin auch überfordert und weiß nicht was zu tun ist. Aber ich bin jetzt für mich und uns da. Ich versuche mir trotz allem zuzuhören. Ich lasse mich und die anderen dadurch nicht im Stich.“ Was auch immer es war, was diesen Aufruhr ausgelöst hat, es war grade wirklich schlimm für uns alle und es macht uns ohnmächtig. Wir dürfen uns mit diesem Gefühl ernst nehmen ohne es erklären zu können. Man kann dann nochmal sehen, ob es ein bestimmtes Bedürfnis gibt, das man stillen könnte, wenn nicht ist das aber auch ok.

      Vielleicht ist bei meinen Beschreibung ja was dabei, was für euch passt. Wenn nicht, bitte einfach aussortieren.

      Liebe Grüße,
      Sofie 🤗🦋

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