Prävention von sexuellem Missbrauch oder Reaktion auf Täter

Prävention ist eine gute und wichtige Sache, wenn wir über den Schutz vor Gewalt und sexuellem Missbrauch reden! Es gibt viele Fachstellen, die hervorragende Arbeit zum Thema leisten. Wichtig scheint mir aber immer wieder zu reflektieren, was wir mit den ergriffenen Maßnahmen eigentlich tun.

„Prävention“ meint von der Wortherkunft her „vorbeugende Maßnahmen“. Im Bezug auf Gewalt bedeutet das in meinem Verständnis,  dass wir gesellschaftlich etwas unternehmen, dass ein Übergriff gar nicht erst passiert. Viele Angebote, die unter dieser Überschrift verkauft werden, sind aber reaktiv. D.h. sie sind eine Reaktion der Gesellschaft darauf, dass es grundsätzlich nunmal Täter gibt, die sich auf eine bestimmte Art und Weise Verhalten könnten. Es kann jeden treffen, weil die Täter das Opfer nach ihren Vorstellungen wählen, deshalb schulen wir auch möglichst viele Menschen. Die Aktionen stellen den Versuch dar, dem Vorsatz der Täter mit bestimmten Handlungen entgegen zu wirken. Damit sind sie im eigentlichen Sinne aus meiner Sicht keine vorbeugende Maßnahme. Wir retten damit im besten Falle etwa durch Wehrhaftigkeit oder einem klaren Nein vor noch schlimmeren Übergriffen, aber die Grenze ist bereits verletzt. „Prävention“ auf (potenzieller) Opferseite zu betreiben schließt sich nach meiner persönlichen Definition fast aus, weil alleine die fiktive Annahme eines möglichen Opfers immer eine Folge der Taten der Täter ist. Täter alleine entscheiden, wann und wie sie ihre Tat verüben! Die Kernkompetenz der Aufklärungsarbeit in Kindergärten und Schulen ist für mich nicht die vorbeugende Wirkung, sondern die möglichst frühzeitige Hilfe für die bereits Betroffenen, die in jeder Klasse sitzen. Wenn wir die Taten damit stoppen könnten und sich die Opfer trauen ihr Schweigen zu brechen, hätten wir schon verdammt viel erreicht! Noch besser, wenn wir dann geeignete Hilfen bereit stellen können!

Weshalb ist mir diese Unterscheidung wichtig?: Ich finde es einen ganz wunderbaren Teilaspekt im Opferschutz reaktive Ressourcen zu nutzen. Dazu gehört neben der Aufklärungsarbeit auch die Möglichkeit von Gegenwehr oder ein klares Nein als solches zu benennen und das als Handlungsooption im Hinterkopf zu haben. Das ist für mich vergleichbar damit, dass wir ein Erste-Hilfe-Set im Auto haben. Wir hoffen alle, dass wir niemals einen Unfall haben werden. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass wir davor nie hundertprozentig sicher sind und wenn dann wollen wir bestmöglich gewappnet sein. Klar ist auch: Mit dieser Ausstattung lassen sich die Verletzungen nur bis zu einem gewissen grad eindämmen und an sich eben auch nicht verhindern! Ein Sicherheitsgurt schützt mich nicht vor einem Unfall. Er soll nur die Folgen minimieren. Ebenso wenig machen wir „Erste-Hilfe-Kurse“ um Unfälle zu verhüten, sondern weil wir wissen, dass genau das bislang leider nicht zu hundert Prozent möglich ist. Leider wird das häufig so im Falle des Gewaltschutzes nicht benannt. Das erhöht den Druck und verschiebt Verantwortung übermäßig auf die Opfer.

Wenn wir „echte“ Prävention betreiben wollen, müssen wir uns Gedanken machen, wie sich die Taten an sich verhindern lassen. Dafür braucht es andere Strategien und wir müssen die Hebel an anderen Stellen ansetzen! Der Hintergedanke muss dann sein, wie verhindere ich, dass es überhaupt Täter gibt, bzw. dass sie ihre Taten auch nur in Ansätzen verwirklichen. Dazu gehört für mich beispielsweise ein funktionierendes Rechtssystem, das bereits ausgeführte Taten so ahndet, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, sie zu wiederholen. Es braucht den Mut der bisherigen Ohnmacht ins Auge zu blicken und uns auch einzugestehen, dass es schlicht böse Menschen gibt, die wir niemals therapieren oder sozialisieren werden. Wie gehen wir damit um und wohin mit ihnen? Zudem müssen wir uns die Frage stellen, wie frühzeitig wir uns trauen ein- und durchzugreifen und Warnsignale deutlich ernster zu nehmen. Wir müssen uns mit der Entscheidung von Familienrichtern auseinandersetzen, die meinen Umgang mit den Eltern müsse um jeden Preis sein. Zeitlich unbegrenzte Traumatherapie von Opfern (nicht von Tätern!!!) ist ein weiteres Stichwort von vielen, um für die Zukunft zu verhindern, dass die einstigen Opfer aus ihrem verdrängten Schmerz heraus selbst zu Tätern werden könnten. Diese Auflistung ist keinesfalls vollständig!

Die Frage ist also: Welches Label haben unsere Maßnahmen, tragen sie es zu Recht und ist das das, was wir jeweils vermitteln oder erreichen wollen? Präventive und reaktive Maßnahmen können wichtig sein! Schwierig finde ich es für die Opfer nur, wenn wir etwas als präventive Gewaltschutzmaßnahme deklarieren, was es nicht ist. Dadurch werden Verantwortlichkeiten verschoben und die Scham der Opfer erhöht! Ich kann im erste Hilfe Kurs in der Theorie ganz genau gelernt haben, wie ein Druckverband anzulegen ist und es im Ernstfall vielleicht einfach nicht umsetzen können, weil ich im Schock bin. Bin ich dann selbst schuld, an meiner Verletzung und den Folgen oder immer noch derjenige, der mich mit voller Absicht (Straftaten wie Gewalt werden mit Absicht verübt) umgefahren hat? Wir würden vermutlich noch nicht einmal erwarten, dass sich das Opfer den Verband selbst anlegt, sondern es eher als Aufgabe der hoffentlich ebenfalls geschulten Menschen in der Umgebung sehen, richtig damit umzugehen. 😉 

Wir bescheissen uns als Gesellschaft durch falsche Bezeichnungen der Maßnahmen permanent selbst! Wir meinen etwas getan zu haben, wo wir in Wahrheit nicht oder viel zu wenig tätig werden. Man weicht der Ohnmacht aus, die wir nicht gelöst, sondern nur wieder in die Verantwortung der (potenziellen) Opfer verschoben haben. Es ist toll Menschen vor Gewalt möglichst frühzeitig retten zu können! Diese Maßnahmen sind wichtiger Teil des Opferschutzes! Ich bin auch dankbar für Rettungsdienst und Notarzt, obwohl der eine Einrichtung ist, die kommt weil wir Verletzungen trotz aller Vorbeugung nicht ausschließen können. Eigentlich bedeutet die Notwendigkeit der reaktiven Maßnahmen für unsere Gesellschaft aber eben auch, dass wir präventiv noch zu wenig tun, weil wir immer noch mit Gewalt rechnen müssen und uns für den Ernstfall wappnen.

In der Prävention muss unser Leitbild sein, eine Welt zu schaffen, in der wir niemanden mehr retten müssen, weil es keine Täter/Taten mehr gibt. Dabei ist es ganz egal, ob das Ideal überhaupt erreicht werden kann. Es geht um eine Art innerer Ausrichtung der angewandten Maßnahmen und damit der Effektivität im Bezug zum Ziel. Beide Bausteine präventiv und reaktiv sind in ihrem Wirkungsbereich wichtig und beinhalten wichtige Schritte für ein gesundes und sicheres Zusammenleben!

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