Drang Erinnerungen durchzuarbeiten und Lücken zu schließen – Ausdruck von abgespaltener Aggression!?

Ich sitze auf meinem Balkonsessel und denke so ins Unreine vor mich hin. Vor inzwischen über 10 Jahren bekamen wir erstmalig die DIS-Diagnose und machten uns auf den Heilungsweg. Vieles war unklar und die Erinnerung mehr als nur Lückenhaft. Die traumatisch bedingte Amnesie machte uns sehr zu schaffen. Wir hatten gerade am Anfang einen unglaublichen Drang diese Lücken schließen zu wollen und standen doch immer wieder nur vor dieser großen schwarzen Wand. „Wer hat uns was genau angetan!?“, quälte uns als zentrale Frage. Die Puzzelteile, die in meinem Alltagsgedächtnis erhalten waren, zeichneten zwar ein grobes Bild und doch war mir das zu wenig. Ich hatte das Gefühl es genau wissen zu wollen und zu müssen. Da, hinter dieser Mauer im Gehirn, schien ein wichtiger Teil meiner Identität verborgen. In mir bohrte die fixe Idee nicht eher heilen zu können, bevor ich all die grausamen Details kannte, um sie dann abzuschließen.

Einerseits ist es für jeden Menschen wichtig seine Geschichte zu kennen. Erlebnisse und Erfahrungen prägen unsere Persönlichkeit. Die Suche nach Erinnerungen beinhaltet immer auch die Frage: „Wer bin ich und wie bin ich so geworden?“ Es gibt viele Beweggründe, im Innen und in der Erinnerung zu forschen. In diesem Beitrag möchte ich allerdings nur einen ganz bestimmten Aspekt meiner Reise nach innen vertiefen, der mir erst rückbilckend in den letzten Tagen immer mehr bewusst wird. Inwiefern war die ruhelose Suche und Arbeit im Innen Ausdruck von Aggression gegen die Täter?

Im Prozess der Aufarbeitung sind wir oft alles andere als zimperlich mit uns umgegangen. Pausen bei der Innenarbeit einzulegen war nicht wirklich möglich. „Wenn ich das alles schaffen will – umziehen, Ausstieg, Therapie, etc. – und irgendwann glücklich leben, dann muss ich doch dranbleiben!“ Oder? Wir ackerten bis zur völligen Erschöpfung und hatten doch oft das Gefühl keinen Schritt weiter zu kommen und uns im Kreis zu drehen. Mit der Zeit lernten wir ruhiger zu werden, sanfter mit uns zu sein und uns den Druck zu nehmen. Wir beschlossen mit dem zu arbeiten was da war. Je weniger Stress wir uns selbst machten, umso mehr konnte die Dissoziation sinken und die Erinnerungen kehrten ins Bewusstsein zurück. (Der Ablauf ist hier stark gerafft und vereinfacht, um die Beitragslänge nicht überzustrapazieren. 😉)

Seit einigen Wochen erleben wir nun erstmalig in der Qualität eine enorme Aggression in uns. Sie liegt als Deckschicht auf zerstörerischer Verletzung und enormer Verzweiflung. Taucht sie und die zugehörigen Innenpersonen auf, spüre ich eine wahnsinnige Energie und Kraft in mir. Die Fäuste ballen sich und der Körper muss sich bewegen. Mörderische Wut schießt mir durch die Adern und es kostet mich einiges ihr auf gesunde Art und Weise Ausdruck zu verleihen.

Heute morgen begegnete mir im Außen die Frage, ob man Erinnerungen wirklich alle durcharbeiten muss. Dadurch bin ich auf eine interessante innere Verknüpfung zu der erlebten Aggression gestoßen. Auch wenn ich sie nie vorher im Leben so spüren konnte wie derzeit, so war sie im Grunde ja doch schon immer in mir. Aktuell richten sich die Gedanken insbesondere gegen einige Täter. In einem kurzen Augenblick wurde mir fast schlagartig klar, dass wir einen Teil dieser Wut bislang auf die Verarbeitung von Erinnerungen verlagert hatten. Denn dort waren sie zu finden, die Arschlöcher, die uns so schreckliches angetan hatten und dort sah unser Unterbewusstsein die Möglichkeit sie aufzuspüren und zu „eliminieren“, wo es im Außen nicht möglich war. Ich fühle mich, als hätte ich den Tätern mit dieser „aggressiven“ Form der Aufarbeitung beweisen wollen: „Seht her! Ich habe keine Angst vor euch! Hier bin ich der Chef im Ring! Ich finde euch, egal wo ihr euch versteckt und dann werde ich euch und eure Macht ausradieren.“ Also quälten wir uns, waren in der Vergangenheit teils unerbittlich, verausgabten alle Kräfte auf der Mission die Erinnerungslücken zu schließen. Wir wollten mehr von unserer Vergangenheit wissen, um unbewusst endlich ein Ziel für unsere Wut zu finden. Wenn wir die Erinnerungen und Konditionierungen nur aufdeckten, dann bekäme unser Hass auch einen Ort, an der er zu recht fließen könnte.

Ich merke, dass mich die Gedanken darüber anstrengen und an vielen Punkten bekomme ich meine Empfindungen noch gar nicht richtig gefasst. Doch ich merke auch, dass sich die Denkrichtung für mich sehr stimmig anfühlt, diese Verbindung von Aufarbeitungsdrang und Aggression zu sehen. Vermutlich werde ich noch eine Zeit brauchen, um ihre Bedeutung für mich wirklich zu erfassen. An diese Stelle beende ich deshalb diesen Post ohne zu wissen, ob irgendetwas davon nachvollziehbar und logisch ist oder ob ich meine Ansicht vielleicht irgendwann revidieren muss, weil Puzzelteile fehlten und sie deshalb verzerrt war. Ggf. werde ich den Beitrag ergänzen.

Ein Kommentar zu “Drang Erinnerungen durchzuarbeiten und Lücken zu schließen – Ausdruck von abgespaltener Aggression!?

  1. Wir haben den Drang auch arg und gehen ohne es zu merken über unsere Grenzen. Doch wir fühlen da gar keine Wut auf die Täter.
    Trotzdem ist für uns sehr plausibel, was ihr da schreibt.
    Wir haben ein Mal nach einem Flashback so eine krasse Wut auf die Mutter, wär die in dem Moment vor uns, wir hätten sie zerfetzt. Diese Wut war kaum zu bedingen, auch Tage später, aber sie gab uns die Kraft und genug Motivation, den Kontakt zu Mutter abzubrechen und es bis heute tatsächlich durchzuhalten trotz aller Innens, die darum kämpfen es zu brechen.
    Wut kann so viel Kraft geben, so viel Stärke und Mut Dinge umzusetzen, die gut sind für das System.

    Ich kann verstehen, dass man jene Wut in sich endlich an die richtige Stelle senden will und nicht dauernd gegen sich selbst. Und das man deswegen die Lücken füllen will, um endlich Täter zu identifizieren.

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