Alles für die Bindung – Todesnäheerfahrungen und Alltagspersonen

In traumatischen Stresssituationen gerät das autonome Nervensystem in extreme Ausnahmezustände, die dem Überleben dienen. Im Konzept der strukturellen Dissoziation werden diese Zustände als emotionale Persönlichkeitsanteile (EP) benannt. Sie tragen die zum Trauma gehörigen Informationen und Gefühle. Doch wie entstehen eigentlich die anscheinend normalen Persönlichkeitsanteile (ANPs), also die Alltagspersonen?

Alltagspersonen sind keineswegs einfach nur die Persönlichkeitsanteile, die vor dem Trauma schon da waren und durch die Dissoziation von den emotionalen Anteilen getrennt werden, die das Trauma tragen. In körperlichen und/oder seelischen Todesnäheerfahrungen entsteht ein rein funktionaler Anteil, der wirkt wie ein normales Alltags-Ich (vgl. Michalea Huber, Folie 11). Die Betonung liegt hier auf „wirkt wie“, denn Alltagspersonen sind alles andere als unbeteiligte Persönlichkeitsseiten, denen das Trauma erspart blieb. Ihre Kompetenz ist unter anderem die Funktion. Sie leisten, was auch immer komme und blenden dafür sämtliche belastende Umgebungsfaktoren aus. Die Handlungsfähigkeit bleibt auf diese Weise auch unter dauerhaft höchst lebensfeindlichen Bedingungen erhalten. Wichtig ist hier aus meiner Sicht auch zu verstehen: Alltagspersonen sind Hochstressanteile! In diesem  „Funktionsmodus“ zu sein ist für den Körper und die Psyche enorm anstrengend. Es verbraucht eine Menge an Ressourcen und lässt langfristig ausbrennen.

Der Sinn hinter dem ganzen Aufwand unserer Psyche das Trauma vom Bewusstsein zu trennen ist vor allem noch ein weiterer: Der Erhalt der überlebenswichtigen Bindung! Denn durch das dissoziative Ausblenden der Traumabestandteile bleiben uns die Bezugspersonen erhalten, von denen wir es uns als Kind gar nicht leisten könnten,  uns verraten und gedemütigt zu fühlen sowie bedrohliche Gewalt zu erleben. Wir sind von ihrer Zuwendung und Versorgung abhängig. Würden wir realisieren, was sie an uns verbrechen, so wären wir dazu gezwungen uns von ihnen zu distanzieren und könnten nicht länger einfach mit ihnen zusammen  weiterleben. Das jedoch steht gar nicht zur Debatte, weil wir uns als Kinder viele Grundbedürfnisse wie Nahrung oder ein sicheres Heim gar nicht alleine beschaffen können. Der Schmerz und seine Konsequenzen würden uns im wahrsten Sinne des Wortes umbringen. Unser Gehirn greift deshalb zu diesem radikalen Schritt, schneidet uns von den negativen Gefühlen zu den Bezugspersonen ab und macht uns vor, dass diese Personen gar nicht so schlecht wären, sondern eigentlich liebe Menschen.

Für die Aufarbeitung unserer traumatischen Erfahrungen fanden wir es extrem hilfreich zu verstehen, dass verschiedene belastende Gedanken in ihrem Ursprung im Bezug zum Trauma und dem Schutz der Bindung stehen. Sie sind nicht, wie vielleicht fälschlicher Weise angenommen, echter Ausdruck von berechtigtem Selbstzweifel. Vielmehr sind sie der gedanklich sichtbar werdende Teil des dissoziativen Bindunssytems. Ich denke sie nicht, weil das Trauma nicht stattgefunden hat oder ich Menschen falsch einordne, sondern gerade deshalb! Dissoziation bedeutet immer Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, weil ihr Sinn darin liegt so zu tun, als hätte man den Schrecken nie erlebt – nicht weil er nicht real war, sondern weil die Realität nicht aushaltbar wäre, wenn sie ins Bewusstsein gelangt! Weitere Anzeichen für die Aktivität des Bindungsschutzes können z.B. übermäßige Verantwortungsübernahme, Schuldgefühle und Selbstverletzung/Suizidalität, als Ausdruck unterdrückter Wut gegen Bindungspersonen sein. Nachfolgend finden sich einige Beispiele für häufige Gedankenmuster, die wir bei uns im direkten Zusammenhang mit dem Schutz der kindlichen Bindung sehen:

  • „Vielleicht meinten sie es gar nicht so.“
  • „Vielleicht habe ich da etwas falsch verstanden oder interpretiere das Verhalten einfach falsch.“
  • „Aber sie/er liebt mich doch!“
  • „Was tue ich meinen Eltern, einem Elternteil oder dem Täter mit der Beschuldigung nur an!?“
  • „Wenn ich nicht „X“ getan hätte, dann wäre das vielleicht so nicht passiert“
  • „Wenn ich nur anders gewesen wäre (z.B. nicht so lebhaft, neugierig, rebellisch, kritisch, anstrengend, dick, dünn, etc), dann hätten sie nicht zu diesen gewaltvollen Mitteln greifen müssen“
  • „Ich bin schuld an allem.“
  • „Ich möchte mich gerne beim Täter für meine (eigentlich berechtigten!!!) negativen Gedanken ihm gegenüber entschuldigen.“
  • „Vielleicht wird alles wieder gut und sie können mich irgendwann verstehen.“
  • „Wenn ich den Kontakt abbreche, dann tue ich meinen Eltern oder betreffenden Menschen weh.“ Verdrängt wurde hier gerne, wie sehr sie uns weh getan haben und dass es ja einen gewichtigen Grund gibt, der uns überhaupt darüber nachdenken lässt. Denn Kinder wirklich „guter Eltern“ haben in der Regel gar nicht erst das Bedürfnis, das zu tun.
  • „Eigentlich hatte ich eine gute Kindheit.“
  • „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass er/sie das tun würde! (Obwohl Erinnerungen im Kopf sind und die Gefühle eigentlich etwas ganz anderes sagen.)
  • „Er musste das so machen, weil er es in seiner Kindheit so  gelernt hat.
  • „Das hat mir nichts geschadet.“
  • „Die Demütigungen haben mir nichts ausgemacht.“
  • etc.

Uns persönlich hat das Wissen darum viel Last abgenommen. Wir konnten unsere Selbstzweifel in anderem Licht sehen und verstehen, dass sie gar nichts mit uns, sondern vielmehr mit der Tat und dem Tatzeitpunkt an sich zu tun haben. Im Traumakontext bedeuten sie nicht, dass meine Wahrnehmung von bestimmten Personen falsch ist oder ich an irgendetwas selbst Schuld wäre. Die Zweifel und belastenden Gedanken liegen einfach daran, dass mein Gehirn noch nicht verstanden hat, dass ich nicht mehr das abhängige Kind bin und mir im Heute erlauben darf das Unrecht als solches zu benennen ohne deshalb sterben zu müssen. Wir müssen uns nicht länger selbst bescheißen, um zu überleben. Ich bin in der Lage mich selbst zu versorgen und habe inzwischen einen unabhängigen Freundeskreis, der mich so mag, wie ich bin. Doch es braucht Geduld und es dauert, bis es in diese  verletzten Strukturen durchsickert.

Wir können als Alltagspersonen nicht einfach sofort nach der Diagnose aufhören zu funktionieren und uns glauben. Das ist sozusagen unser Teil des Traumas. Während die EPs oft den Alltag nicht ertragen, können wir nicht ohne weiteres zurück in die Todesnähe. Doch wir können gemeinsam Schritt für Schritt immer mehr verstehen, wie jede einzelne Innenperson in uns zu dem geworden ist, was sie heute ist. Wir können mit Geduld trotz aller Widerstände immer mehr zusammenrücken und den erlittenen Terror zurück ins Außen verlagern, statt uns selbst zu bekriegen. Wir hätten es lange selbst nicht geglaubt, aber es funktioniert. 😉 Work in progress…

Quellen: Michaela Huber, Folien „Trauma und Bindung“, 2014, zu finden auf: https://michaela-huber.com/vortraege-folien/ 

5 Kommentare zu “Alles für die Bindung – Todesnäheerfahrungen und Alltagspersonen

  1. Danke…einfach nur Danke,
    Wir versuchen DAS besser zu verstehen,
    JMD.steckt heute so massiv im DAMALS…so betäubt &ganz woanders..wie gelähmt und im Zeitlupenmodus,ferngesteuert…eurer Post kommt zur rechten Zeit!
    Herzl.Grüsse&🍀

  2. Es wirft sich mir die Frage auf, wie häufig und lange solche „nichts wissende Alltags Personen“ tatsächlich im Alltag sein können, wenn der Alltag mit Gewalt übersät ist. Ich frag mich nämlich ernsthaft, weshalb ich heute so viel im Alltag bin, es aber früher offensichtlich nicht war. Ich bin nur selten im Funktionsmodus, den tragen eher andere, aber auch die sind anscheinend traumatisiert. Ich übrigens auch, allerdings eben nur mit dem Alltags Kram bis zu einem gewissen Punkt. Ich frag mich dauernd wer ich überhaupt bin. Also als Rolle im System. Ich habe ja echt viel Co zu einigen und trotzdem so große Lücken, dass ich nichts oder kaum von Beziehungen von früher weiß.
    Nach diesem Artikel frag ich mich, ob ich denn je eine Alltags Person gewesen bin und auch heute bin, ob es überhaupt mit der Zeit, die man vorne im Alltag ist zusammen hängt, oder nur von dem Funktionieren und nicht-Wissen über Gewalt.

Kommentar verfassen: Entscheidest du dich für das Absenden eines Kommentars wird deine IP-Adresse, deine E-Mail-Adresse, dein Name und ggf. deine angegebene Webseite in einer Datenbank gespeichert. Mit dem Klick auf den Button "Kommentar absenden" erklärst du dich damit einverstanden.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..