Seelische Erkrankungen – Wenn es nicht um wollen geht

Ich sitze im Schneidersitz auf dem Balkon. Es wird bereits frisch. Die Pflanzen atmen auf nach einem künstlichen Regenguss aus der Gießkanne. Manche lassen geschafft die Köpfchen hängen. Sich wieder aufrichten nach auszehrender Anstrengung – das wünsche ich mir. Für sie und für uns. Am noch blauen Abendhimmel wird ungewöhnlicher Weise bereits Frau Luna sichtbar. Vögel zwitschern ihr Abendlied. Gedanken kommen und gehen.

Manchmal, da ist man so am Ende, dass man noch nicht einmal mehr um Hilfe bitten kann. Alles was möglich ist, ist wie das geknickte Blumenblatt, stumm und in sich gekehrt zu verharren und zu hoffen, dass jemand die Signale zu deuten weiß und sie sieht, bevor alles zu spät ist. Wir haben heute mit einer Kleinigkeit gehadert, die wir eigentlich erledigen müssten. Nichts großes. Eine Terminabsage. Mehr nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es zu Schwierigkeiten käme, wenn wir das nicht täten. Unser Verstand weiß auch, dass eine Entschuldigung und ein Attest sicher kein Problem wären. Doch wir sind nicht in der Lage. Keinen Schritt vor und keinen zurück. Nach Hilfe fragen, wäre theoretisch möglich und eventuell auch erfolgreich, doch auch das geht praktisch nicht umzusetzen. Wir sind eingeschlossen in uns und im Schweigen.

So im Denken frage ich mich, wie viele Menschen morgen wohl irgendetwas nicht erledigen, nicht absagen, einfach nicht zu Arbeit erscheinen oder eine Frist verstreichen lassen – nicht weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht können. Vielleicht sogar ohne selbst zu wissen, wieso es nicht geht. Und wie viele Chefs, Ämter, Freunde oder Bekannte werden sauer sein und das „Fehlverhalten“ sanktionieren? „Fehlverhalten“, das in Wirklichkeit „psychische Erkrankung“ heißt und ohne jede böse Absicht passiert. Weil wir als Gesellschaft noch immer nicht ausreichend erkennen, wenn jemand wie die geknickte Blüte eigentlich den Kopf hängen lässt und nicht mehr die Kraft hat aufrecht zu stehen und zu funktionieren. Weil er Hilfe bräuchte und nicht danach fragen kann. Und wie viele werden sie nicht bekommen und verdursten?

Lasst uns lieber einmal mehr Fragen, als Menschen mit seelischen Erkrankungen in Not erneut Unrecht zu tun! Wir können lernen auch die unsichtbaren Wunden zu sehen, denn sie sind sichtbar, wenn wir die Anzeichen zu deuten wissen.

6 Kommentare zu “Seelische Erkrankungen – Wenn es nicht um wollen geht

  1. Seelische Erkrankungen sind erstmal für das Auge unsichtbar, so ein gebrochenes Bein, das ist für jeden gleich erkennbar und für einige Menschen gilt halt, was sie nicht sehen das gibt es auch nicht. Wir hoffen, das sich diese Sichtweise bald gänzlich ändert. Bei einem gebrochenem Bein muss man auch nicht Monate auf eine OP oder einen Artztermin warten, bei einem offenen Trümmerbruch bricht der Operateur auch nicht nach 1 Stunde die OP ab weil die Krankenkasse festgelegt hat bei einem Trümmerbruch darf eine OP nur 1 Stunde dauern, dann muss das erledigt sein.
    Bei seelischen Erkrankungen die müssen nach einer bestimmen Anzahl von Stunden an Therapie erledigt sein, bei einem Trümmerbruch muss man auch nicht zwei Jahre warten um die OP fortsetzen zu können und bis dahin wird die Wunde auch nicht offen gelassen. Tja …!

    • Ich glaube, dass man seelische Erkrankungen prinzipiell genau so sehen könnte, wie ein gebrochenes Bein. Wir müssten nur den Blick schulen. Dass wir etwas von außen sofort als gebrochenes Bein einordnen können hat aus meiner Sicht weniger damit zu tun, dass man es besser sieht, sondern dass wir aus Erfahrung alle gelernt haben, dass ein Gips dafür spricht oder ein hinkender Mensch vermutlich Schmerzen im Bein hat. Auch bei seelischen Erkrankungen gibt es gewisse Muster, die im Verhalten oder im Kontakt sichtbar werden. Aber dafür, sie direkt als solche einzuordnen, fehlt oft das Wissen und die Achtsamkeit. Außerdem spielen gewisse gesellschaftliche Fehlprägungen eine Rolle, die suggerieren, dass gewisse Merkmale abgewertet oder als unbedenklich abgetan werden.

      • … und genau da knüpft es an, hier wird sich oft gefragt, können die „gesunden“ das nicht sehen oder wollen sie es nicht sehen. Die Frage ist wie bekommt man das hin da ein Verständnis für zu schaffen. Selbst bei „nur“ sichtbaren körperlichen Einschränkungen gibt es ja Menschen die dafür kein Verständnis haben. Die Leistungsgesellschaft in der wir leben, diese Ellenbogengesellschaft, jeder ist sich selbst der nächste und so.

        Ich bin der festen Überzeugung manche wollen das nicht sehen, lieber die Augen verschließen, würden sie das nicht tun, müssten sie sich eingestehen das es all das gibt und dann müsste sich eingestanden werden das es jeden treffen kann und dann ist es natürlich einfacher das nicht sehen zu wollen.

        Selbst als seelisch erkrankter ist es oft schwer für sich selbst Verständnis aufzubringen, das ist schon ein langer Weg. Selbst zu erkennen das man einfach nicht kann wie man gerne möchte. Dann kommt der Gedanke, wenn man für sich selbst kein Verständnis aufbringen kann, wie kann man von außenstehenden erwarten das sie das tun?

        Ein komplexes Themengebiet, hochinteressant, und wichtig!

        Danke dafür 😘😘

  2. …das stimmt!

    Aus (ehemaliger) Dienstleistersicht im Gesundheitshandwerk kann ich sagen, dass es auch ganz kackfreche Nichtabsagen gibt: „Ich weiß, ich hatte einen Termin, aber die Nachbarin hat mich in den Garten eingeladen und das Wetter war so schön. Da bin ich lieber dorthin gegangen…!“ Kagge, wenn deshalb ein schwerst gehbehinderter Mann weggeschickt werden musste, weil ja gleich ein fester Termin kommen wird. 🤐

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