Ausstieg aus organisierter und ritueller Gewalt und aufbrechende Traumata

Wir sitzen auf dem Balkon. Das Wetter ist grau und frisch. Von Zeit zu Zeit trifft ein einzelner Regentropfen unsere Haut. Ob es mehr werden wird oder einfach so vorrüberzieht? In Gedanken begleiten uns viele Themen. Unter anderem denken wir zurück an unseren „Ausstieg“ und was er von der Vergangenheit bis heute für uns bedeutet. Die gute Nachricht ist: „Es lohnt sich!“ Der Preis ist hoch und jedes bisschen Freiheit hart erkämpft. Die Auseinandersetzung mit Verfolgung und Bedrohung im Außen ist die eine Sache. Oftmals viel entscheidender und nicht minder lebensgefährlich ist der Umgang mit der inneren Wirkung der aufbrechenden Traumata. Einen Ausschnitt dieser Aspekte wollen wir für die folgenden Zeilen in den Fokus rücken.

Je weiter du dich im Außen von den Tätern entfernst, desto näher werden sie dir innerlich sein. Und weil du sie im Inneren mit der Nähe zu deinem Sein kaum ertragen kannst, wirst du versuchen sie im Außen wieder zu bekommen, um sie zu distanzieren. Der Kampf der Widersprüche beginnt. Dafür braucht es noch nicht einmal Programmierung. Das ist die logische Konsequenz des physiologischen Erinnerungsvorganges. Man kann sich äußerlich schnell distanzieren, die Erfahrung von Berührung bleibt jedoch in den Zellen gespeichert. Dieser Teil vergangener Beziehung egal in welcher Form kommt mit, wohin auch immer man sich bewegt. Programmierung verkompliziert den Prozess der Ablösung von Tätern zusätzlich. Das liegt neben vielen weiteren Gesichtspunkten nicht zuletzt auch daran, dass sie ihn unter die Bewusstseinsschwelle verschiebt. Nie zuvor habe ich meinen Vater so sehr geliebt und war so sehr um ihn besorgt, als in der Zeit in der ich in einer Nacht und Nebelaktion vor ihm und den Tätern geflohen bin. Ich hätte mir gewünscht, dass mir damals schon jemand erklärt hätte, dass es dabei nicht um sein Wohlergehen und tatsächliche Liebe ging, sondern die Schutzmechanismen meines Körpers alle Register zogen, um den innenliegenden Schmerz nicht fühlen zu müssen, der mich vermutlich umgebracht hätte.

Ein weiterer großer Block ist das Thema „Erinnerungen und Sicherheit“. Hauptproblem: Man müsste sich in organisierten Täterkreisen eigentlich vor Dingen schützen, die man aber aufgrund der Dissoziation selbst noch gar nicht wahrnimmt. Als logische Konsequenz bleibt auch das Schutzbedürfnis aus, dass einen entsprechend handeln lassen würde. In Helferkontexten gibt es häufig relativ schnell eine Verlagerung des Schwerpunktes in Sachen Sicherheit auf die äußere Bühne. Helfer wollen verständlicher Weise ihre Klient_innen zügig vor Tätern abgeschirmt und behütet wissen. Für zu schnelles Vorgehen und zu viel Druck zahlen die Opfer erfahrungsgemäß einen hohen Preis. Dann bleibt Gefährdung und Gefährdungspotenzial hinter der dissoziativen Maske, um es den Helfern recht zu machen. Alles nur nicht wieder alleine sein! Ein Teil des inneren Systems verbleibt jedoch im Kult- oder Gruppenzusammenang und damit auch in der Gewalt! Ausstieg ist ein langer und langwieriger Prozess, dessen Tempo sich nicht beschleunigen lässt. Es gibt nicht umsonst so viele Betroffene, die auch nach Jahren und Jahrzehnten des vermeintlichen Ausstiegs immer noch von aktualisierter Gefährdung sprechen. Wenn dem so ist, lohnt es sich zudem die Herangehensweise immer wieder zu hinterfragen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit passt die Intervention für einen Teil des Innens nicht! Ausstieg bedeutet nicht einfach nur Umzug und Namensänderung und danach ist von außen alles gut. Der deutlich größere Part findet aus unserer Sicht im Innen der Opfer statt.  Die äußeren Maßnahmen helfen insgesamt nur wenig, wenn die innere Heilung nicht mitgerechnet und einmal auf den Weg gebracht andauernd zuverlässig begleitet wird.

Die Frustration auf Opferseite ist nicht minder, wenn man immer wieder feststellt, dass doch noch irgendwo eine Sicherheitslücke ist, obwohl man meinte endlich alles abgesichert zu haben. Wichtig für uns war es dann uns klar zu machen, dass das keine Rückschläge sind, sondern Fortschritte in der inneren Kommunikation. Sonst hätten wir sie gar nicht erst entdecken können. Sie zeigen sich in dem Tempo, wie sich die Zwiebelschichten der traumatischen Erfahrungen lichten und die Dissoziation abnehmen darf. Dass dies passiert braucht es einige emotionale Sicherheiten im Außen, die zum Teil unabhängig vom Täterkreis sind. Ein gutes Helfernetzwerk oder außenstehende Freunde, die begleiten und glauben gehören für uns beispielsweise dazu. Am Anfang werden diese Andockstellen an die neue Welt relativ wenig oder gar nicht vorhanden sein, können sich aber mit der Zeit entwickeln. Immer wieder hatten wir die Momente, in denen wir dachten: „Ah, jetzt haben wir`s geschafft! Wir sind sicher!“ Wenn dann im innen eine neue Ebene aufging sah es wieder anders aus.  Innenpersonen, die beispielsweise Kontakte ins Prostitutionsmileu haben, haben sie vielleicht immer noch, wenn sie dem Alltagssystem bislang nicht bekannt waren. Kultloyale schichten, kommunizieren vielleicht immer noch mit Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft, obwohl man nach der Beendigung der Zuhälterkontakte dachte, dass jetzt alles gut wird. Davon erfährt man in äußeren Systemschichten vielleicht nochmal einige Zeit später. Wichtig ist sich davon nicht entmutigen zu lassen, sondern den Weg weiter zu gehen!

Hat man den Verdacht, dass Täterkontakt fortgesetzt sein könnte, weil sich eine neue Schicht im Innen auftut, die derartige Signale an das Bewusstsein vermittelt, halte ich es zudem für enorm wichtig ganz genau hinzuschauen, ob wirklich aktuell im Jetzt Täterkontakte stattfinden oder Flashbackerleben der Innenanteile sich ins Alltagsbewusstsein mischt. Flashbacks und traumatisches Wiedererleben passiert immer im „Hier und Jetzt“. Emotional ist das häufig nicht von einer weiter zurückliegenden Erinnerung zu unterscheiden! Es kann passieren, dass man als Alltagsperson einerseits ganz genau zu wissen glaubt, dass man für eine bestimmte Zeit entspannt alleine auf der Couch lag und gleichzeitig mit jeder einzelnen Zelle fühlt, wie es ist, gerade vergewaltigt worden zu sein und sich das ebenso wahr anfühlt. Die Herausforderung besteht bei Menschen mit DIS nun darin herauszufinden wie sich diese Wahrnehmungen richtig einordnen lassen. Dafür gibt es folgende Optionen:

  1. Man lag im Heute wirklich nur auf der Couch und eine Innenperson befand sich zeitgleich im Flashback, der bis ins eigene Bewusstsein durchkam. Unter Umständen haben sich dadurch zwei Wahrnehmungswelten vermischt.
  2. Man lag im Heute anfangs wirklich nur entspannt auf der Couch, bis es aus irgendwelchen Gründen zu einem Wechsel kam. Die Innenperson hat in der Zwischenzeit tatsächlich erneut in der Gegenwart Gewalt erlebt.

Ich halte es für enorm wichtig, keine voreiligen Schlüsse in irgendeine Richtung zu ziehen! Liebe Therapeut_innen, halten sie bitte die Unsicherheit aus! Es braucht das offene Arbeiten im System, um irgendwann die Antworten zeitlich richtig einordnen zu können. Wenn sie ohne genaue Prüfung und Zusammenarbeit mit den inneren Schichten von fortgesetzter Gewalt ausgehen, gefährden sie die Opfer und ihre Glaubwürdigkeit! Das sieht man unter anderem an dem Fall, der bei der Polizei gelandet ist und bei dem durch Observierung nachgewiesen wurde, dass zur Tatzeit gar nichts stattgefunden haben kann. Die von der Patient_in im Flashback erinnerte Tat liegt eigentlich schon etliche Jahre zurück. Der Inhalt ist korrekt, aber die zeitliche Zuordnung nicht! Das interessiert die Polizei im Nachhinein jedoch wenig und die Glaubwürdigkeit ist durch. Setzen sie sich gemeinsam mit der Betroffenen hin, fahnden sie nach Indizien, wenn möglich, lassen sie anonym auf Spuren untersuchen und vor allem sprechen sie in aller Ruhe über die Vorkommnisse und die unterschiedlichen Sichtweisen der Innenpersonen im System! Seien sie parteiisch für die Betroffene ohne sich auf eine Seite im Innen zu schlagen. Solange sich das Opfer mit der Einordnung nicht sicher ist und nicht ausreichend erinnert, sind sie es auch nicht!

„Aber ich muss doch irgendwie schnell für Schutz sorgen, wenn im Außen noch etwas passiert“, werden sie mir jetzt vielleicht entrüstet entgegnen. Meine Antwort lautet: „Das müssen sie so oder so!“ Es ist nämlich für die Betroffenen völlig egal, ob eine Tat aktuell im Außen stattgefunden hat oder nur im Innen so erlebt wird. Die Auswirkungen sind exakt die gleichen. Sie müssen das Opfer, bzw. die betreffende Innenperson, versorgen und in seiner akuten Belastungsreaktion auffangen. Sie wird sagen: „Ich bin gerade vergewaltigt worden.“ Genau die Versorgung wird sie brauchen. Das Spiegeln des Entsetzens und des Schocks, von ihrer Seite. Die liebevolle Versorgung. Einen Mensch, der bedingungslos glaubt und bereit ist komplett auf ihrer Ebene mitzuschwingen. Sie werden so oder so, nach Möglichkeiten Ausschau halten müssen, was es braucht, dass das nicht wieder passiert. Das gleiche Recht haben auch die Zweifler und die, die eine ganz andere Wahrnehmung von der Situation haben. Nur so lassen sich wichtige Informationen zusammentragen und am Ende von der Betroffenen die richtigen Schlüsse ziehen!

Die Gefährdung für die Betroffene ist auch bei innerlich (wieder-)erlebter Gewalt exakt die Gleiche! Auch sie kann töten! Häufiges tiefes Wiedererleben zerstört die Opfer genau so, wie fortgesetzte Gewalt! Unser Verstand mag da Unterschiede sehen (wollen), aber die Psyche und die Seele tun das nicht. So funktionieren Programme! Die größte Gefahr und das bedeutendste Sicherheitsrisiko im Ausstieg bleiben leider oft die Betroffenen selbst. Täter leisten ohne Frage ihren Beitrag und sollten mit ihrem individuellen Gefährdungspotential nicht unterschätzt werden! Gleichzeitig haben sie aber häufig auch eine gute Basis angelegt, die dazu führt, dass sie sich die Finger gar nicht mehr so sehr selbst schmutzig machen müssen, wenn die Gefahr besteht dadurch entlarvt zu werden. Wie die Wespe, die sich in eine Flasche verirrt hat, wird das Innen zur potenziell tödlichen Gefahr, wenn man davon trinkt. Es gilt wach zu beobachten sowie die Spuren der Täterstachel aufmerksam und mit bedacht zu verfolgen, um nicht in die Falle zu tappen.

4 Kommentare zu “Ausstieg aus organisierter und ritueller Gewalt und aufbrechende Traumata

  1. Liebe Sofie,ihr lieben alle
    Seit vielen vielen Jahren lese ich und wir von euch und eure Worte sind immer wieder ein seelentröster in grosser Not,einer einsamen Not.
    Wir sind zwar unter Menschen auch sogar Sozialpädagogen aber die schieben uns ab weil sie völlig nicht mit uns umgehen können.
    Nie haben wir uns getraut euch zu schreiben.
    Eure Worte treffen uns so sehr.vor 2 Tagen wurden wir wieder gefunden von den Tätern oder vielleicht haben wir sie zu uns gelockt?der Schmerz der uns zugefügt wurde war grausam
    Der ganze Körper ist eine einzige schmerzquelle.

    gefangen in diesen Kreisen seit Jahrzehnten.
    wir dachten es sei vorbei.
    Horror
    Sprachlos
    Panik
    Angst
    Starr
    Stumm
    Hilfe ins Universum hinaus
    Hilfe Hilfe Hilfe

    • Ihr Lieben,
      das tut mir so leid das von euch zu lesen! Ich bin berührt von dem Vertrauen in uns und gleichzeitig sprachlos davon, wie groß die Not bei euch grade wohl sein mag, dass ihr hier euren Hilferuf mit uns teilt!

      Ich überlege gerade, ob es in dem Fall besser ist, wenn wir privat weiter schreiben. Was meint ihr?

      Habt ihr die Möglichkeit uns über Instagram eine Privatnachricht zu schreiben? Das geht für uns am besten und wir können da recht zuverlässig antworten. Oder mögt ihr uns eine Mail schicken? Allerdings müssen wir zugeben, dass wir oft Probleme mit den Mails haben und das etwas dauern kann, bis wir reagieren können.

      Wir schicken euch von Herzen ganz viele gute Gedanken und schieben ein wenig Boden unter die Füße.

      Ganz liebe Grüße,
      Sofie

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