Bessel van der Kolk zu Trauma und Körper

„Trauma comes back as a Reaktion, not a Memory.“

„Es braucht enormes Vertrauen und Mut sich selbst das Erinnern zu erlauben.“

„Eines Tages erzählte er mir, dass er seine gesamte Zeit als Erwachsener mit dem Versuch verbracht hatte, seine Vergangenheit loszulassen und er merkte an, wie ironisch es war, dass er ihr erst näher kommen musste, um sie gehen lassen zu können.“

„Solange du Geheimnisse bewahrst und Informationen unterdrückst, führst du im wesentlichen Krieg mit dir selbst. […] Die kritische Angelegenheit besteht darin, dir selbst zu erlauben, das zu wissen, was du weist.“

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Regenbeeren und Platschnassgekritzel

Düster zieht der Nachmittag ins Land. Beim Blick durch die regennassen Scheiben fällt eine kleine Erdbeere mit ihrem leuchtenden Rot auf meine Netzhaut. Für einen kurzen Moment tilgt sie das gesamte Grau ihrer Umgebung. „Wie nett!“, denke ich. „Eine Herbstbeere.“ Auf den Balkonbrettern steht das Wasser. In den Vertiefungen plantschen Regentropfen kleine Kreise. Wir beobachten eine Zeit lang ihr hopsen. Kleine Spiegelflächen lassen Tiefe und Himmel entstehen, wo sonst nur harter Boden liegt. Die Spinnennetze scheinen derweil so viele Wasserteilchen aufzufangen, dass ihre sonstige Leichtigkeit einer schweren Zerreißprobe weicht. Jeder Luftstoß lässt es so wirken, als würden sie sich schütteln und von dem Ballast befreien, ehe sie sich erneut vollsaugen. Gräser wiegen im Wind. Irgendwann wird es heller – erst am Horizont und dann auch um uns. Sonne bricht sich ihren Raum durch die Wolken. Wer hätte das zu so später Stunde noch erwartet?

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Eine kurzfristige Absage und Angst vor dem Essen

Erschöpft lehne ich mich gegen den großen alten Baum vor dem Haus. Langsam rutsche ich am Stamm nach unten und gehe in die Knie. Tränen schießen mir in die Augen. Ich kann nicht. Ich muss absagen. Eine Mischung aus Trauer und Scham erfüllen mich. Schon wieder – so kurzfristig. Gerne hätte ich mich heute mit alten Kolleginnen getroffen und bei einem Kaffee ganz entspannt über dies und das geplaudert. Doch Körper und Psyche waren nicht davon zu überzeugen. Seit dem Morgen bemühe ich mich darum die Panik zu reduzieren, mich gut zu versorgen und mich zu einem Schritt nach dem anderen zu überwinden. Nun gebe ich auf. Mitten in der Wiese vor dem Haus platzt in immer neuen Panikwellen die Hoffnung doch noch irgendwie an dem Treffen teilnehmen zu können. Alles was ich will, ist zurück in mein Schneckenhaus kriechen und die Erinnerungen verdauen. Meine Welt ist fragil.

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ABC-Etüden: Pilze – traurig – schlafen

Ich spüre einen tiefen Sog, der mich nach unten zieht. Wie in einem Strudel beginne ich mich um die eigene Achse zu drehen und zu versinken. Gerade noch hat das Kaminfeuer warm geflackert. Mein Blick folgte den Flammen. Dann begann die Verwandlung. Nur einen Hand vom Fliegenpilzpulver in die Glut hat mich fertig für den Aufbruch gemacht. Pilze sind zum Reisen wesentlich komfortabler als Besen. Es ist traurig, wie viele Hexen unter flugbedingten Verschleißerscheinungen leiden. In meiner Zunft ist das wohl die häufigste Ursache für Arbeitsausfälle. Dieses Risiko! Nein, da gönne ich mir lieber hin und wieder einen kleinen Pilzzauber, um lautlos und unsichtbar in die andere Welt zu wandern. Durch den Kamin steige ich mit dem Rauch nach oben oder suche mir vorab eine Baumpforte und bitte um Einlass ins Erdreich. In der Hölle treffe ich bei Zeiten den Papst. Auch er holt seine Kräutlein für den Klosterlikör bei Frau Holle. Aber: „Psssssst! Lasst die Gläubigen schlafen!“

Mehr Infos zu den ABC-Etüden findest du auf dem Blog von Christiane „Irgendwas ist immer“.

Herbstnebel am Frei-Tag

Dichter Wassernebeldunst hängt zwischen den Häuserwänden. Zum ersten Mal in diesem Jahr ist eine Herbstwolke so tief auf der Erde gelandet, dass mein Blickfeld deutlich reduziert ist. Die ersten Meisen flattern trotzdem schon vor acht an der Futterstelle und lassen es sich vom grauen Morgen nicht nehmen ausgiebig zu Frühstücken. Meine Salzlampe leuchtet warm die Kälte weg. Im orangenen Schein nehme ich meine Tabletten und koche mir anschließend eine Tasse Kaffee. Heute ist mein persönlicher Frei-Tag der Woche. Der Kalender ist leer. Was also tun?

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Die Tage nach der Stromfolter

Als die Qualen passierten, war ich bereits erwachsen und mitten im Ausstieg. Wir hatten gute Helferinnen gefunden und drohten den Tätern völlig zu entgleiten. Diese beschlossen einen Versuch zu unternehmen uns mit ausreichend Folter wieder auf Spur zu bringen. Nackt gefesselt fügte man uns unter anderem Stromschläge in Körperöffungen zu. Weil mir die Tage danach gerade besonders im Gedächtnis sind, versuche ich hier in Worte zu fassen, was sich für mich immer noch unaussprechlich anfühlt.

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Erfahrungen von Folter

In den letzten Tagen habe ich aufgrund meiner eigenen Erinnerungen viel nach Erfahrungsberichten von Folter gegoogelt. Weil in der Verarbeitung derzeit besonders die Erlebnisse mit Strom und Elektrizität im Fokus stehen, war ich auch bei den Recherchen zunächst entsprechend darauf fixiert. Gefunden habe ich so gut wie nichts, außer grundsätzlichen, relativ oberflächlichen Beschreibungen von Methoden. Mir fehlen vor allem Schilderungen aus dem Innenleben nach einem derartigen Ereignis. In den spärlichen Artikeln über Opfer von politisch motivierter Folter finden wir uns nur sehr bedingt wieder. Zwar ähneln sich mitunter die Methoden, allerdings ist auch der Kontext für die Auswirkungen entscheidend. Häufig haben diese Überlebenden zudem einen – aus unserer Sicht -entscheidenden Vorteil bei der Verarbeitung: Die erlittenen Gewaltformen und die Umstände (Folter in Gefängnissen, bestimmte Regime, Stasi, KZ, etc.) sind bereits gesellschaftlich bekannt und auch anerkannt, während Überlebende von ritueller Gewalt erst mal dafür kämpfen müssen, dass Ihnen überhaupt geglaubt wird. Wir haben uns nun dazu entschlossen Stück für Stück unsere Empfindungen niederzuschreiben. Vielleicht hilft das anderen, die ebenfalls danach suchen. In der Seitenleiste findet sich ab sofort die neue Kategorie „Erfahrungen von Folter“, um die Beiträge dort zu sammeln. Beim Schreiben werden wir uns an dem orientieren, was uns im Innen jeweils zu dem Thema bewegt. Im letzten Beitrag „Tote trinken keinen Kaffee“ haben wir bereits einen Anfang gemacht. Triggerwarnungen gibt‘s – wie grundsätzlich auf diesem Blog – keine.

Tote trinken keinen Kaffee

Meine Beine sind hochgelagert. Mit dem Rücken bin ich stabil gegen die hohe Sofalehne gerückt. Ich starre regungslos in die Ferne. Weit weg höre ich eine vertraute Stimme. „Sofie, komm zurück! Ich bin da.“ Doch ich komme nicht zurück. Die Welt um mich, die ich ohnehin kaum wahrnehme, versinkt völlig im Schwarz. Als ich erneut zu mir komme, blicke ich in Augen voller Tränen. „Ich weiß es war schlimm. Ich bin da. Bleib bei mir.“ Schmerz schießt mir durch den Körper. Nichts von dem was geschieht verstehe ich auch nur ansatzweise. Weder weiß ich wo ich bin, noch weshalb. Nur die freundliche Stimme dringt immer wieder an mein Ohr und zieht mich ins Bewusstsein. Zitternd beben meine Zellen. Schauer überlaufen mich. „Magst du etwas trinken? Kaffee für den Kreislauf?“ In Fluten brennend heißer Schmerzen, die meinen gesamten Körper durchzucken, versuche ich zu sortieren, was überhaupt passiert ist. „Bist du echt?“, frage ich. „Ja, ich bin echt. Ich bin da.“ „Ich bin tot“, sage ich und weiß nicht, ob ich gestorben bin oder noch einen Körper habe. Denn irgendwie ist er weg, auch wenn er weh tut. Er ist nicht mehr meiner. Ich bin nicht mehr hier auf dieser Welt.

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Faulheit oder Depression

Ich sitze auf meinem Bett und starre aus dem Fenster. Auf meiner Lippe klebt ein frisches Blatt Melisse. Kleine herpesartige Bläschen schmerzen auf der Schleimhaut. Ich hoffe, dass das Pflanzenpflaster die Verursacher möglichst schnell umhaut. Der Stress der letzten Wochen war zu viel. Mein Immunsystem ist an vielen Stellen angeschlagen. Alles in uns ist erschöpft. Mir fehlt die Konzentration, um sinnvoll länger bei einem Thema zu bleiben. Entsprechend schweife ich in der Welt umher.

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Angepasster Überlebensmodus

Ein wie ich finde sehr stimmiges Zitat zu überangepasstem Verhalten bei Kindern habe ich heute beim Stöbern im Internet entdeckt:

Schwere Traumata in früher Kindheit bringen Kinder mit ebenso starken Bewältigungsmechanismen hervor. Diese Kinder werden oft als „reif für ihr Alter“ oder als „alte Seelen“ bezeichnet. Das mag manchmal stimmen, übersieht aber die Tatsache, dass ihnen ihre Unschuld in einem frühen Lebensalter geraubt wurde und sie sich in einem Überlebensmechanismus befinden.

Azia Archer, https://pin.it/6YAzIFu