Blick in den Spiegel – Erinnerungen an alte Momente im Badezimmer

Wir stehen vor dem Spiegel im Badezimmer und blicken uns in die Augen. Aus ihnen laufen kleine, stumme Tränen. In der Feuchtigkeit der Pupille spiegelt sich das Licht und der Spiegel und darin das, was sich im Spiegel spiegelt und eigentlich hinter uns liegt – in Raum und Zeit. Die Realität in eine so kleine Dimension projeziert, dass sie kaum noch wahrnehmbar ist. Ich schaue mir tief in die Seelenfenster. In ihnen öffnet sich ein Tor. Ich falle. Zurück in die Vergangenheit. In das, was dort hinter mir lag und stand. Jeden Morgen. Vor der Schule. Wenn wir uns fertig machen sollten für den Tag. Wenn unser Vater zu uns kam. Seine Blicke unseren Körper trafen, seine feuchten Lippen Hals, Gesicht und Mund küssten, seine Hände über unseren Körper wanderten, uns auszogen und er in uns eindrang, wenn er wollte. Alles woran ich mich klammerte war mein Spiegelbild in dem ich mir begegnete und durch mich hindurch fiel. In dem ich alles ausgeblendet habe und doch alles enthalten war. Konzentration, nach vorne schauen, weiter machen. Die Wirklichkeit unwirklich werden lassen, indem ich sie innerlich ignorierte.

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Sonnwendgewitter

Stürmisch prasselt der Gewitterregen zu Boden. Meine Lungen japsen nach dem frischen Sauerstoff, den er in die Luft spült. Blitze zucken über den Nachthimmel. Doch ihre Bedrohung bleibt aus. Eine gewisse Sanftheit lässt sich im Donnergrollen spüren. Pflanzen und Tiere haben durstig auf das Wasser gewartet. Nun lindert es die feurige Energie der letzten Tage und bringt entspanntes Leben zurück. Kühler Wind erscheint als wenig aufgeregter Begleiter. Es ist, als würde er peitschend flüstern und den Wolken bei ihrer Bewässerungsreise unter die Arme greifen. Zerstören, nein, das möchte er nicht. Nur die erfrischende Wirkung erhöhen. In meiner Nase sind alle Elemente vereint. Die feuchte Erde mit ihrem stabilen Geruch. Die Nässe des Regens mit seiner säuerlichen Lebhaftigkeit. Der Wind, der die Informationen zu mir trägt und die feurige Kraft der abklingenden Schwüle. Über die Schönheit der Naturbeobachtungen vergesse ich die Bedeutung der Nacht.

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Ein dissoziativer Kochmoment

Der Reis kocht. Mein Blick schweift vom Kochtopf nach draußen. Während ich Gedankenabwesend weiter rühre, leuchten mir kleine rote Blüten aus dem krautigen Gestrüpp an der Straße entgegen. Bei den Nachbarn blüht der Flieder. Der Himmel schaut mich an, als würde er mir für einen kurzen Augenblick zuzwinkern: „Es ist ok, wenn du mit den Wolken fliegst und dich wegbeamst.“ Dann erinnert mich mein Hunger, dass es genau das nicht wäre. Ich schaufle den Basmati in eine kleine Schale. Etwas geschnittenes Putenschnitzel. Schmand. Salz. Der Kopf schwebt dumpf im Nebel. Doch der ist nicht aus Wasserdunst, sondern aus Angst, obwohl ich die Angst nicht spüre, weil dazwischen der Nebel ist.

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Eine kleine wiederkehrende Essenz des Grauens, Esskampftag und Vertrauen statt Zweifel

In der Hand rolle ich dicke Heidelbeeren hin und her. Noch bevor ich sie einmal wirklich spüren kann, sind sie in meinem Mund verschwunden. In Trance greife ich in das kleine Eimerchen und beginne mir die nächste Portion der kugeligen Früchte einzuverleiben. Heute ist Essenskampftag. Dabei ist Obst noch die gesündeste Variante, die in die Essanfälle einfließt und schon mehr die Pause zwischen den Kalorienattacken darstellt. Ich spüre mehr und mehr die Verzweiflung, weil Körper und Magen bereits schmerzhafte Überlastung anmelden. Doch wohin mit dem Druck!?

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Dissoziation, Nebel und eine Schale voller Nudeln

Ich sitze im Sessel und stochere in meinen Gemüsenudeln. Eigentlich habe ich keinen Hunger. Würde mein Magen nicht von der Leere brennen, hätte ich mir Essen vermutlich einfach ganz gespart. Während die Gabel sich zwischen den Fingern im Kreis dreht und feine Spaghetti zu Miniaturnestern rollt, versinkt die Umgebung jenseits meiner Wahrnehmungswelt. Ich fühle mich, als könnte ich mich selbst im Zimmer beobachten und mir anerkennend auf die Schulter klopfen: „Herzlichen Glückwunsch! Du schaffst es einen Gabel zu drehen.“ Gleichzeitig scheint es, als würden mich dünne neblige Scheiben von allem um mich herum abtrennen. Die Welt da drüben jenseits des Schleiers und ich.

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Ein Danke an euch!

Wir sind gerührt von den vielen Lesern, die auch in der Schreibpause an uns gedacht und uns so herzlich hier wieder begrüßt haben, als wären wir nie weg gewesen. Ein herzliches Danke an euch! Es freut uns, dass der Blog auch in unserer Abwesenheit keinesfalls einschläft. Nur durch euch, ist der Blog das, was er heute ist – ein Stück zu Hause. Nicht nur für unsere Worte, sondern auch für unsere Seele. Wir freuen uns über den respektvollen Austausch mit euch und sind dankbar für jeden von euch, ganz egal ob ihr aktiv kommuniziert oder nur leise mitlest. Ihr seid toll! ❤️🤗🦋

Schreibflaute und ein kurzes Statusupdate

Immer wieder sitze ich hier, drehe die Gedanken im Kopf, wälze Beitragsideen und komme doch nicht einen Buchstaben weiter. Die Themen im Alltag sind so weit gefächert und voll, dass ich es nicht schaffe auch nur eine Facette sinnvoll herauszupicken. Ich sehne mich nach den stillen Momenten, in denen ich zu mir kommen kann und die Worte beginnen zu fließen. Stattdessen hocke ich in einem Kessel voll dichtem Nebel, bekomme weder mich, noch die Innens zu fassen und erlebe ganz bewusst wie stark Dissoziazion werden kann, wenn außen und innen der Schmerz aufbricht.

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Erfahrungen von Folter

In den letzten Tagen habe ich aufgrund meiner eigenen Erinnerungen viel nach Erfahrungsberichten von Folter gegoogelt. Weil in der Verarbeitung derzeit besonders die Erlebnisse mit Strom und Elektrizität im Fokus stehen, war ich auch bei den Recherchen zunächst entsprechend darauf fixiert. Gefunden habe ich so gut wie nichts, außer grundsätzlichen, relativ oberflächlichen Beschreibungen von Methoden. Mir fehlen vor allem Schilderungen aus dem Innenleben nach einem derartigen Ereignis. In den spärlichen Artikeln über Opfer von politisch motivierter Folter finden wir uns nur sehr bedingt wieder. Zwar ähneln sich mitunter die Methoden, allerdings ist auch der Kontext für die Auswirkungen entscheidend. Häufig haben diese Überlebenden zudem einen – aus unserer Sicht -entscheidenden Vorteil bei der Verarbeitung: Die erlittenen Gewaltformen und die Umstände (Folter in Gefängnissen, bestimmte Regime, Stasi, KZ, etc.) sind bereits gesellschaftlich bekannt und auch anerkannt, während Überlebende von ritueller Gewalt erst mal dafür kämpfen müssen, dass Ihnen überhaupt geglaubt wird. Wir haben uns nun dazu entschlossen Stück für Stück unsere Empfindungen niederzuschreiben. Vielleicht hilft das anderen, die ebenfalls danach suchen. In der Seitenleiste findet sich ab sofort die neue Kategorie „Erfahrungen von Folter“, um die Beiträge dort zu sammeln. Beim Schreiben werden wir uns an dem orientieren, was uns im Innen jeweils zu dem Thema bewegt. Im letzten Beitrag „Tote trinken keinen Kaffee“ haben wir bereits einen Anfang gemacht. Triggerwarnungen gibt‘s – wie grundsätzlich auf diesem Blog – keine.

Impfpflicht – Der Flashback meines Lebens

Bevor wir damit Anfangen zu erzählen, wie die Lage derzeit bei uns ist, möchten wir uns aus ganzem Herzen bei euch bedanken! Wir waren tief berührt von so viel Zuspruch, lieben Worten und hilfreichen Gedanken zu unserem letzten Beitrag! Noch immer können wir kaum in Worte fassen, was euere Kommentare mit uns machen. Die Anteilnahme war positiv überwältigend. 😊 Ihr seid die Besten! Danke! ❤️

Wir sitzen gerade in unserem Sessel, als wir damit anfangen hier unsere Gedanken der letzten Tage noch einmal zu ordnen. Die Katze streckt sich zu uns hoch um auszuspähen, ob auf unserem Schoß neben dem Laptop noch Platz für sie wäre – vielleicht auch einfach auf der Tastatur. Unser Körper schmerzt. Gleichzeitig lichtet sich der tiefe Nebel in dem wir gefangen waren. Ohne Hilfe hätten wir es nicht geschafft. Viele Unterstützerinnen haben in den letzten Wochen unvorstellbar viel geleistet, um uns ein Weiterleben zu ermöglichen. Nun, da der Auslöser unseres Zusammenbruchs deutlich wird, ändert sich unsere Lage. Von Außen so banal und im Innen so verheerend war es die Debatte um die Impfpflicht, die eine alte Gehirnschublade schließlich aufspringen lies. 
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Ich bin kein fucking Superheld — Ein:T:R:aum:A:partment

Die lieben Lunis haben sich in einem Beitrag mit dem Thema Stärke nach Traumatisierungen auseinandergesetzt. Weil wir Ihnen in dem Punkt ganz unabhängig von Corona uneingeschränkt zustimmen, verlinken wir euch heute ihren Artikel auf unserem Blog. Wir haben durch die Traumatisierungen keine Superherostärken entwickelt und können auch nicht besser mit Krisen umgehen, weil wir sie ohnehin gewohnt sind. Manchmal ist die Mentalität von „Positiv thinking“ und Ressourcenorientierung nichts anderes als Gewalt gegen die Opfer. Wir haben keine Stärken gewonnen, weil man uns gebrochen hat. Im Gegenteil – wir sind daran kaputt gegangen. Dass wir heute leben und kämpfen ist keine Stärke, sondern eine Notwendigkeit in die man uns gezwungen hat. Jede Krise und Unsicherheit ist für uns so mies wie die Erste. Man gewöhnt sich genau so wenig an Not- und Konfliktsituationen, wie man sich an Vergewaltigungen und Gewalt gewöhnt. Es gibt keine pauschalen Bewältigungsskills und Stärken für Scheiße im Leben. Was sich letztlich stellt ist die Frage, ob man von Stärken und Ressourcen sprechen möchte, wenn man von Fähigkeiten redet, die man ohne ständige Lebensbedrohung gar nicht entwickelt hätte – die also kein Mensch haben sollen müsste und die im Grunde nur die völlige Zerstörung gesunder Interaktionsmuster durch die Traumata belegen! Wenn ich entspannt auf eine äußere Bedrohung regieren kann, spricht das dafür, dass ich meine eigenen Gefühle abspalte und ich mir damit meine Menschlichkeit verbiete, weil ich sie nicht ertrage und lebensgefährlich einstufe. Die Corona-Krise ist eine Bedrohung! Auch wenn man die Gefahr zu erkranken für sich als gering einschätzt, so sollten zumindest die massenhaft verordneten Freiheitsberaubungen und Einschränkungen unserer Grundrechte zu denken geben. Wer davon gänzlich unberührt bleibt, beweist eher eine Schädigung im emotionalen Erleben, als eine wirkliche Stärke. Das hat mit Besonnenheit nichts mehr zu tun, denn um besonnen zu handeln muss ich mich vorher von etwas besonders bewegen haben lassen – so sehr, dass ich das Potenzial spüre, dass es mir den Boden nimmt.

Ich weiß gar nicht wie die Schwurbel-Schworbs darauf kommen, dass wir im letzten Beitrag über irgendjemand anderen geschrieben haben, als über uns persönlich. Wieso sollten wir über irgendjemand anderen urteilen, irgendjemand zum schwachen Opfer degradieren, damit? Ich verstehe es nicht. Nein, ich bin kein fucking Superheld. Ich habe keine Superkräfte. Und die Mentalität von “Was […]

Ich bin kein fucking Superheld — Ein:T:R:aum:A:partment