Ein Löffel Eis im Jetzt

Ich liege auf dem Bett und atme. Mit zwei dicken Kissen im Rücken bettet mein Oberkörper leicht aufgerichtet. Meine Finger kraulen im weichen Katzenfell die harten Rippenbögen. Es dauert nicht lange bis sich meine Bewegung des Brustkorbs mit dem Atemrythmus der Fellnase synchronisiert. Tranceartig schnurren mich ihre Töne zur Ruhe. Die Heizung rauscht leise im Hintergrund. In der Nase kribbeln ein wenig die Pollen, aber ich bin zu müde zum Niesen. Mein Kopf singt Liszt. „Romantisch“, denke ich bei mir. „Oh lieb solang du lieben kannst…“
Dann mus ich eingeschlafen sein.

Als ich aufwache liegt mein Handy neben mir. Meine Katzen melden Frühstück an. Mit geschlossenen Augen trotte ich in simulierter Dunkelheit zum Klo. Dann beginnt mein Tag. Einige Stunden später sitze ich mit Spaghettieis im Garten. Die Stimmen in mir sind munter. Sie Reimen und scherzen. Mein Mund schleckt jeweils altersangepasst an der kalten Süßspeise. Nur ein bisschen schwer ist mir die Brust. Aber in der Erdbeersauce gehen die Sorgen unter.

Für diesen Moment ist das so. Die Freude überwiegt. Im gleichen Augenblick sterben im selben Körper Andere tausend neue Tode. Vorne ist das kaum mehr fühlbar. Nun spüren Kinder voll Fröhlichkeit ihr Leben im Heute, bis…
Ja, bis der nächste Moment kommt. Der ist immer nur einen Wimpernschlag entfernt. In dem sterben sie vielleicht vor Qual. Oder glühen vor Wut. Oder Trauern aus tiefem Herzen. Oder betteln um Aufmerksamkeit.

In einem Löffel Eis liegt die ganze Bedeutung von „Jetzt“. Beim nächsten Löffel kann es vorbei sein.

Guter Tag? Schlechter Tag?

Es ist warm.
Der zu beginn eher kühle Herbst bündelt seine Kräfte und schafft noch einmal Sommererleben mit Sonne und schwülen 26 Grad.
Der Mond schaut mir heute schon beim Schreiben zu und blinzelt freundlich durch das kleine dreieckige Oberlicht.

In meinem Kopf passiert der Tag revue. Es ist eine Frage, die ich mir gerade Stelle:
„Ja wie war er denn nun, der Tag?“

Es scheint eine leichte Frage, doch so leicht ist sie für mich gar nicht zu beantworten.

Am Morgen begann er mit Vorbereitungen für meine Arbeit.
Etwas Kreatives musste her, das am besten nichts kostet, weil das Budget nicht sonderlich groß ist.
Als die Idee gefunden war ging’s zum Material besorgen und ausprobieren, ob das ganze auch so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe.
Nach stunden langem Testen und Versuchen und Optimieren, das Fazit:
Es geht. Gott sei Dank!

Ansonsten ein bisschen Eis essen, Kaffee trinken und Fernseh schauen.
Ein bisschen Zwischenwelt.

Ein guter Tag! Oder?!

Die Gefühle nicht sonderlich wahrnehmbar. Scheinbar alles ok.
Doch wissend, dass hinter der freundlich, funktionellen, schön lächelnden Fassade auch noch etwas anderes ist. Kaum spürbar und doch da.
Die Angst, die Trauer, die Wut, die Schuld.
Verzweiflung, Überforderung.

Wieder ein bisschen mehr Erkenntnis, die ins Bewusstsein durchsickert.
Es war furchtbar.
Die ganzen scheinbaren Kleinigkeiten, die mir heute noch den Verstand rauben, wenn sie bewusst werden.

Ein schlimmer Tag! Oder!?

Ein lebendiger Tag.