Ein Weihnachtsmorgen

Es ist noch grau finster, als ich die Augen aufschlage. Die Katze möchte nach draußen. Vermutlich wird sie ihr Näschen nur eher kurz hinausstrecken. Aufstehen lohnt sich kaum. Regentropfen rollen die Fenster hinunter. Meine Tränen warten auf Januar.

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Skills for Hollydays

Langsam kriecht die Sonne aus dem verschlafenen Himmel. Es wird hell und das neblige Grau zieht sich zurück. Im Küchenfenster glitzert metallisch ein Anhänger. Ich muss darauf achten ihn nicht direkt anzublicken, weil sein Reflektieren meine Netzhaut unangenehm verblitzt. Die Katze schmatzt mir an ihrem Näpfchen freundlich ein „Guten Morgen“ zu. Der Tag strahlt herbstlich belebt. Nur ich komme nicht so richtig in die Puschen. Eigentlich müsste ich Einkaufen. Doch Nerven und Geld sind dieses Monat schon etwas knapp. Für mich wäre es auch in Ordnung den Tag im Bett zu verbringen. Doch es gibt auch Dinge, die mich locken. Die Vögel pfeifen, als hätten wir Frühling. Wenn ich mir das lange genug vorstelle, geht es meinem Gemüt gleich besser. Die nächste Woche liegt mir im Magen und im Frühling wäre sie nicht vorhanden.

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Scheinpsychosen und Feiertage

Feiertage sind für Überlebende ritualisierter Gewalt prädestiniert dafür zu scheinpsychotischem Erleben zu führen. Die Symptome sind jedoch meist nicht durch eine tatsächliche Psychose bedingt, sondern vielmehr durch Flashbackzustände hervorgerufen. Durch die Fragmentierung der Ursprungserinnerung mögen dann die im Bewusstsein auftauchenden Teile aus dem Zusammenhang gerissen zwar wirr und surreal wirken, sind es jedoch in ihrer Entstehung nicht. Der nachfolgende Artikel beschäftigt sich mit Überschneidungen und Unterscheidungen von Traumafolgen und psychotischem Erleben.

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Impulse aus dem Innen – Handlungsimpulse als Ausdruck dissoziierter Erinnerungen

Wenn die Informationen aus der Schattenwelt nun auftauchen, geschieht das zunächst [häufig] durch Handlungsimpulse, die man selbst nicht versteht, wie z.B. Fresszwang, Kaufsucht oder auch die Bereitschaft sich auf Dinge einzulassen, die man eigentlich ablehnt, suizidale Impulse auszuführen, an Plätze zu gehen oder sich mit Menschen zu treffen, die man unangenehm oder eklig findet.

Gaby Breitenbach, Innenansichten dissoziierter Welten extremer Gewalt, Asanger Verlag, 5. Auflage 2016, S. 142

 

Das Eingangszitat beschreibt auf eindrückliche Weise einen Zustand, den wir an uns selbst mehr als oft beobachten konnten: Man tut etwas und weiß gar nicht weshalb, weil es dem bewussten Anteil eigentlich widerstrebt so zu handeln. Die Krux an der Sache: Man kann es auch nicht einfach sein lassen, weil etwas/jemand durch einen hindurch am bewussten Wollen vorbeiagiert. Tatsächlich wurden derartige Impulse in der Vergangenheit meist dann kontrollierbar, wenn wir ihren Ursprung wieder zuordnen konnten. Wenn sie auftauchen kommen sie jedoch häufig aus dem Nichts und abgekoppelt von anderen Erinnerungsfragmenten, die erklärend wirken könnten. Keine Bilder, keine Gerüche, kein Körpergefühl. Die traumatische Erfahrung zeigt sich allein im Impuls, der zurück ins Bewusstsein schwappt. Er scheint Ausdruck des eigenen Handlungswillen zu sein und gleichzeitig ist man sich dabei furchtbar fremd. Die nahenden Ostertage führen derzeit dazu, dass einige dieser Erinnerungsfragmente mit impulshaftem Charakter wieder vermehrt auftreten. Wir haben uns dazu entschlossen deshalb diesen Beitrag mit unserer persönlichen Sicht auf dissoziierte Handlungsimpulse zu schreiben.

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Halluzinationen und Feiertage

Als wir gerade den Kommentar von Lunis zu unserem letzten Beitrag beantwortet haben, entstand in uns der Wunsch noch einmal einen extra Beitrag über Halluzinationen, bzw. Flashbacks an Feiertagen zu schreiben. Mit Halluzinationen meinen wir hier natürlich keine klassisch psychotischen, sondern erinnerungsbedingte Wahrnehmungsverzerrungen. In den Jahren unseres Ausstiegs und der Auseinandersetzung mit den Traumata mussten wir uns mit so einigen Phänomenen umherschlagen, bei denen wir oftmals Angst hatten den Verstand zu verlieren. Passiert ist das allerdings Gott sei Dank nie.
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Advent mit 52 Zähnen

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Leise rieseln die Schneeflocken am ersten Advent zu Boden.
In meiner Wohnung ist es warm. Mich friert dennoch.
Mit einer Tasse Tee ziehe ich mich zurück und schaue in Gedanken auf die letzte Woche. Auf der Heizung glühe ich einstweilen ein Shirt vor, dass ich mir überziehen kann.
Ich habe in den letzten Tagen neue Dinge gelernt. Mit Freude und viel Verzweiflung. Am Ende war meine Arbeit nicht perfekt, ich wusste aber, wen ich Fragen konnte, um sie zu perfektionieren. Also doch perfekt!?
Ich puste in den Tee und beobachte, wie mein Atem über die Wellen bis an den Tassenrand stolpert. „Butterkekse haben 52 Zähne“, flüstert mir ein Innenkind den Werbeslogan zu, als ich gerade von einem abbeißen will. Ich zähle nach. Auf 52 komm ich nicht. Letztlich ist mir das egal. Wichtig ist: Ich habe sie gehört, diese Stimme in mir.

Eigentlich eignet sich der Advent als besinnliche Zeit dem Innen öfter zu lauschen. Uneigentlich gibt es Tage, an denen ich ungern zuhöre, weil es in mir dann so brüchig knackt. Es ist, als könnte ich mein Herz noch einmal splittern hören.
Vor ein paar Tagen erst schlug ich die Zeitung auf. In den ersten Seiten war ein großer Artikel von der Verurteilung eines Täters eingebettet, der sich kleine Mädchen und Videos von Vergewaltigungen in der organisierten Kriminalität gekauft hat. Es ist der Mann über den ich vor rund zehn Jahren in meiner Therapie sprach, weil ich ähnliche Bilder im Kopf hatte. Zweieinhalb Jahre. Welcher Hohn. Die unerwartete Bestätigung ist traurig und scheußlich schmerzhaft.

Während in den nächsten vier Wochen Besinnlichkeitskerzen des schönen Scheins über die Probleme der Welt gemalt werden, findet die Lautheit der Verbrechen an mir in dieser Zeit ihren schweigenden Ausdruck. Wie von der Alraune betäubt würden die Menschen neben mir zu Boden sinken, wenn sie die Schreie in jeder meiner lebenden Zellen hören könnten. Stattdessen lieben sie mein Lächeln.

Der Advent lädt uns ein still zu werden. Wir haben uns selbst dazu eingeladen ein Stück von uns selbst zu finden. Es ist Zeit.

Euch Mitlesern wünschen wir von ganzem Herzen ruhige und besinnliche Adventswochen, 
mit den Pflastern der Stille die euere Wunden brauchen, um heil zu werden.

Osterwochendienstag

Kaum war die letzte Woche geschafft und der Osterurlaub erreicht, sind wir auch schon mitten drin im Feiertagsregen.
Wir merken wie es im Innen arbeitet, auch wenn wir versuchen uns im Außen mit Angenehmen zu beschäftigen.
Gut, dass die Sonne scheint. Das tut dem Gemüt und den verspannten Muskeln gut, die nach den wärmenden Strahlen lechzen.
In der milchigen Frühe jetzt ein paar aktuelle Gedanken für den Blog zusammenreimen und sie möglichst sortiert zu einem Beitrag abfischen. Wir fischen im Nebel, denn nicht nur der Morgen ist milchig, sondern auch die spinnfädenartig, dissoziationsumwobenen Gedankenräume, durch die das aufgehende Sonnenlicht nur schwerlich ins Innere fällt. Die Bewegungen sind lansam, die Welt traumhaft, unser Sein eingefroren. Dennoch bleiben von Zeit zu Zeit an der Synapsenangel Worte und Satzteile hängen, die sich für Aussagesätze eignen und zusammensetzen lassen.
In der Vorstellung geht alles schneller, als es ist.
Zähneputzen, anziehen, losgehen.
Tagesplan:
Arzt.
Frühstück.
Freundin.
Bei mir selbst ankommen.
Im Triggerblitzlichtgewitter erhellen Lichtspots Szenen der Erinnerung an Ostern, Feiertage und das Drumherum.
Unverständliches, Unaussprechliches, Ungeheuerliches.
Es ist dennoch wahr.
Oft wird erwartet, dass Überlebende schnell damit umgehen lernen und darüber hinwegkommen und wenn wir es tun, dann „kommen wir gut damit klar“ und Außenstehende sind zufrieden.
Trauer ist mir in diesen Tagen oft ein echtes Bedürfnis. Egal wie lange etwas her ist. Gut mit etwas klar zu kommen, heißt für mich, dass ich mir meine Bedürfnisse diesbezüglich mittlerweile, so gut ich kann, erlaube und nicht, sie so zu beschneiden, dass andere glücklich sind.
Es gibt so viele Dinge, die betrauert werden müssen und wenn das Lachen auch an diesen Tagen zurück kommen soll, dann müssen Tränen darüber fließen dürfen.

Fremdsprachengetümmel und Gedankentreiben

Wir sitzen am Fenster, eine Tasse Tee in der Hand und blicken hinaus in das blendende Nebelhell.
Seit zwei Tagen sprechen Innens in meinem Kopf nun fast ausschließlich in englischer Sprache mit mir. Das ganze in einer Perfektion, zu der ich im Alltag sonst gar nicht in der Lage bin. Was das ausgelöst hat, weiß ich nicht. Schwierig genug schon, die Innens zu verstehen, die mir etwas auf deutsch sagen wollen, muss ich jetzt auch noch dauerübersetzen und „meine eigenen Gedanken“ im Wörterbuch nachschlagen.
Im Nebelgrauhelligkeits- und Schneedächerschauen ziehen sie an mir vorbei, die letzten zwei Wochen.
Weihnachten, Feiertage, Vollmond, Rauhnächte, Silvester, Neujahr, Hl. drei Könige.
Anstrengendes und Verstörendes.
Schmerzende Klarheit.
Überlebenskämpfe.
Und zwischendrin packt mich die Wut, auf all die, die nicht zuhören und nicht glauben, Gegebenheiten Lügen nennen und damit Teil der Täterschaft sind. Auf all die sogenannten Helferinnen, Therapeuten und anderen Übermenschen die in ihrer Arroganz meinen sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen und müssen nicht zuhören, weil Sie wissen, was wichtig und richtig ist, obwohl sie vom Leben in diesen Strukturen keine Ahnung haben. Und ihre Arroganz und Respektlosigkeit wäre Ihnen ja vergönnt, wenn sie damit nicht genau den Tätern in die Hände spielen und es für die Opfer noch schwerer, bis unmöglich machen würden auszusteigen.
Manchmal ist es schwer, nicht auszurasten, wenn wir in unserer Arbeit als Angestellte in einer sozialen Einrichtung versuchen dezent in einem Vieraugengespräch mit der Therapeutin zwischen ihr und einer Betroffenen zu vermitteln, wenn jemand etwas aufgrund seines Hintergrundes nicht machen kann, weil davon auszugehen ist, dass es innere Programme gibt, die das verhindern und es spezielle Lösungen braucht und wir dann von Seiten der Therapeutin sofort nach unserer Befugnis oder unserem Abschluss gefragt werden, eine derartige Einschätzung vorzunehmen.
Wir brauchen nicht studieren, um zu wissen, wie sich ein Opfer fühlt und wir brauchen keine Ausbildung, um zu wissen wie man programmiert. Ich bin nicht die Therapeutin und ich Maße mir nicht an es zu sein, aber wir wissen etwas zu den Hintergründen, was für die Therapie sehr wichtig sein kann. Wir haben es schlicht erlebt und wir hören einfach zu, was Menschen uns erzählen. Keine noch so gute Ausbildung ersetzt ein offenes Ohr und ein offenes Herz, weil es das ist, was heilt.
Hoffnung macht nur, dass es die leider viel zu seltenen Momente durchaus gibt, in denen es anders läuft und gute Lösungen gefunden werden.
Nebelgrau.
Die Wut zieht weiter.
Was bleibt ist der Schmerz.
Paradox, dass es die eisige Kälte des Schnees ist, die das Leben davor bewahrt zu erfrieren.