DIS und der Beginn der Gewalt

Zu dem Beitrag „DDNOS und Programmierung“  gab es jede Menge Kommentare, die teilweise auch in andere spannende Themenbereiche führten.
Wir möchten heute nochmal die Wortmeldungen um die Entwicklung einer DIS und den Beginn der Gewalt herausgreifen. So sind sie leichter zu finden und etwas sortierter. An einigen Stellen habe ich des Umfanges wegen deutlich gekürzt. Wer sich genauer dafür interessiert findet die original Kommentare unter dem eingangs verlinkten Beitrag.

Angefangen hat alles mit unserer Aussage:
„Eine DIS entsteht nur bei Traumatisierungen vor dem fünften Lebensjahr. Danach kann „nur“ noch eine DDNOS entstehen. Sollte die Traumatisierung also erst mit 6 oder 7 Jahren begonnen haben ist eine DIS als Traumafolge nicht möglich.“
Da ahnten wir noch nicht, dass wir damit eine Diskussion lostreten würden. Für uns war es ein Fakt aus Erfahrung und irgendwie gingen wir davon aus, dass das auch die Fachwelt so sieht.

Der Bunte Ring stellte daraufhin sein Wissen darum gegenüber:
Laut Huber heißt es:
„Als auslösenden Faktor findet man bei über 95 Prozent aller DIS-PatientInnen eine Geschichte schwerer, langanhaltender frühkindlicher Traumatisierung in Form von sexuellem, physischem, psychischem und rituellem Missbrauch vor allem im Elternhaus, der _zumeist_ schon _vor dem fünften_ Lebensjahr begonnen hat.“

Dagmar Eckers erklärte in einem Referat beim Institut für Traumatherapie Oliver Schubbe:
„Ein kleines Kind verfügt noch nicht über Kampf-Flucht-Reaktionen, somit erhöht sich das Risiko einer Dissoziation. Je kleiner Kinder sind, desto eher reagieren sie bewusstseinsspaltend auf Bedrohungen. Ab dem _achten_ Lebensjahr reagiert das Kind eher überreizt und die Symptome sind deutlicher.“
(https://www.traumatherapie.de/emdr/workshops/berlin2003/eckers)

Bereits 1998 hieß es im Journal of Traumatic Stress, Vol. 11, No. 4:
„…and the trauma scores for the earliest developmental period involved the first _6_ years of life. The reported traumas generally were of long duration.“

Die isst-d sagte 2011 in ihren Guidelines:
„Briefly, many experts propose a developmental model and hypothesize that alternate identities result from the inability of many traumatized children to develop a unified sense of self that is maintained across various behavioral states, _particularly_ if the traumatic exposure first occurs _before the age of 5_.“

sowie:
„DID develops during the course of childhood, and clinicians have _rarely_ encountered cases of DID that derive _from adult-onset trauma_ (unless it is superimposed on preexisting childhood trauma and preexisting latent or dormant fragmentation).“

Laut all unseren Informationen, besuchten Fachvorträgen, Workshops, Fachbüchern und Studien ist die Aussage zusammengefasst: Im Regelfall tritt eine DID/DIS auf, wenn ein Trauma, dass die nichtdissoziative Bewältigungsfähigkeit des Kindes übersteigt, in der frühen Kindheit (je nach Fachkraft zwischen [0-2 wird allgemein als nicht erinnerbar und auslösend angesehen] dem 2-11 Lebensjahr) begonnen hat, über längere Zeit [meistens 1 oder mehr Jahre] angehalten hat und dem Kind nicht (ausreichend) geholfen wurde. Dieser ‚Regelfall‘ bedeutet demnach aber nicht, dass es keine ‚Ausreisser‘ gibt. Uns wurde mehrfach von verschiedenen Fachleuten erklärt, dass es auf die individuelle emotionale Reife und Bewältigungsfähigkeit des Kindes ankommt. Das Gehirn eines Kind ist nicht einfach nur des Alters wegen in der Lage nicht bewusstseinsspaltend zu reagieren. Sonst ließe sich auch nicht erklären, dass zwei Kinder gleichen Alters und mit (tatsächlich) gleicher traumatischer Erfahrung unterschiedlich reagieren. Das eine Kind bildet eine DID/DIS aus, das andere nicht.

Daraufhin versuchten wir unsere Erfahrungswerte genauer zu erläutern:
Hallo, 🙂
ich bin etwas erstaunt, weil ich spontan gesagt hätte, das steht doch in allen Fachbüchern so. Auch von meinen Therapeuten habe ich bislang nie anderes gehört.

Bevor ich auf die offiziellen Quellen genauer eingehe, möchten wir persönlich einen Standpunkt dazu beziehen:
Wir halten das nach unseren Erfahrungen und Wissensstand für ausgeschlossen. Ein 11-jähriges Kind entwickelt keine DIS ohne entsprechende frühkindliche Traumatisierung. Kein Programmierer dieser Welt, würde das bestätigen.
Die Quelle für dieses „hohe Alter“ geht auch aus den Zitaten leider nicht hervor.

„Uns wurde mehrfach von verschiedenen Fachleuten erklärt, dass es auf die individuelle emotionale Reife und Bewältigungsfähigkeit des Kindes ankommt. Das Gehirn eines Kind ist nicht einfach nur des Alters wegen in der Lage nicht bewusstseinsspaltend zu reagieren.“
Doch. Genau das ist der Fall. Ein guter Programmierer überlegt sich nicht umsonst, was er bis zu welcher Altersstufe umgesetzt haben muss, weil er dann keinen Zugriff mehr auf bestimmte Ebenen hat. Da hat er auch keinen „Zeitvorteil“ wenn das Kind emotional weniger reif wäre. Das Kind ist natürlich in der Lage weiterhin zu spalten, jedoch nicht im Sinne einer DIS, sofern die Anlagen nicht gemacht wurden.

„Sonst ließe sich auch nicht erklären, dass zwei Kinder gleichen Alters und mit (tatsächlich) gleicher traumatischer Erfahrung unterschiedlich reagieren. Das eine Kind bildet eine DID/DIS aus, das andere nicht.“
Auch das lässt sich dennoch erklären. Das nämlich hat mit individuellen Persönlichkeitsmerkmalen zu tun. […]

Das Zeitmanagement bei der Schädigung ist wichtig. Die zunehmende Myelinisierung des Gehirns spielt bei der Entstehung einer DIS eine große Rolle. Diese erreicht mit ca. fünf Jahren einen Zustand, der die Ausbildung einer DIS massiv erschwert. Zudem konnten sich dann bereits andere Verbindungen von neuronalen Netzwerken bilden. Der Neocortex und die Großhirnrinde wird zunehmend erschlossen. Synapsen bilden sich und erstellen andere gesunden Verbindungen. Je mehr davon zu beginn der Traumatisierung umgesetzt ist, desto unwahrscheinlicher bis unmöglich wird die DIS.
Dann nämlich bleiben die Teile nicht mehr dauerhaft vom Bewusstsein getrennt, wie es bei der DIS der Fall ist. Es greifen andere Bewältigungsstrategien.

Der Bunte Ring ergänzte neben vielen weiteren wichtigen Dingen mit einem Beispiel aus seiner Begleitung von Betroffenen:
Ich habe zwei Betroffene bei Der Bunte Ring in der Begleitung gehabt, die im Alter von 8 und 9 Jahren waren, als sie die ersten Traumata erlebten und diese beiden sind mit der Diagnose DID/DIS von sämtlichen Kliniken und Fachleuten eingestuft worden. Ob tatsächlich keinerlei frühere Traumatisierung vorlag konnte bei beiden Damen aber nicht geklärt bzw. endgültig ausgeschlossen werden. 

Vergissmeinnicht sagte dazu:
Eine Traumatisierung vorher ist nicht ausgeschlossen, nur weil die Damen es nicht erinnern.
Wir haben uns an die ersten Traumata ewig nicht „erinnert“! Und „wenn eine Programmierung perfekt ist, erfährt man nichts von ihr im Außen oder von den ANPs“ – sinngemäß aus meiner Erinnerung nach Alice Miller…

Zunächst einigten wir uns dann darauf, die Informationen einfach so stehen zu lassen. Meine Erfahrungen konnte ich nicht zweifelsfrei belegen, auch wenn ich mir, aus dem was ich erlebt habe, sehr sicher war. Den bunten Ring beschäftigte das Thema dennoch ebenso weiter, wie mich. In der Zwischenzeit haben wir beide nochmal in der Fachwelt nachgehakt:

Von unserer Seite noch ein kleiner Nachschub zum Thema Altersgrenzen:
Wir haben bezüglich der Entwicklung einer DIS nach dem 5. Lebensjahr heute unsere Therapeutin befragt. Sie meinte, sie hätte bislang von einer strikten Altersbegrenzung weder gehört, noch gelesen und meinte sie sei da einfach offen für alles. Das Gehirn sei bis ca. zum 10. Lebensjahr sehr formbar. Ob es nach dem 5. Lebensjahr noch im Sinne einer DIS reagiert sei für sie zumindest eine mögliche Option. Unsere Aussage diesbezüglich könne sie aber fachlich weder bestätigen noch widerlegen, weil sie selbst darüber noch nie so intensiv darüber nachgedacht hat und das auch in den Ausbildungen so explizit nie Thema gewesen sei. […]Beim reflektieren heute in der Therastunde ist uns außerdem nochmal bewusst geworden, dass wir auch in unserem Kopf klar eine „programmierte DIS“ und eine „normale“ DIS unterscheiden müssen. Das kommt als ein Faktor für unsere dargelegte Sicht mit Sicherheit dazu. 

Wie besprochen dann noch die „Recherche-Ergebnisse“ von mir (Anmerkung: mir=Der bunte Ring):
Ich habe das Thema beim Therapeuten angesprochen, der ja auch nun schon lange genug mit dissoziativen Patienten arbeitet sowie verschiedene Fortbildungen und Kurse unter anderem bei Nijenhuis und den anderen ‚Spezialisten‘ hatte.
Der Thera bestätigte, dass deine Aussage in wohl weit über 99 Prozent der Fälle genau so stimmt und wies mich aber nochmal darauf hin, den Facharzt zu fragen, der mich betreut, da dieser im Bereich Gehirnforschung bereits das ein oder andere gemacht hat.
Also habe ich gerade dort angerufen. Der Facharzt meinte, dass es einige wenige belegte Fälle in der Gehirnforschung gibt, wo eine Entwicklungsverzögerung der Patienten so ausgeprägt ist, dass bei solchen Personen die Entstehung einer DIS/DSNNS theoretisch auch im Alter von 8 oder 9 Jahren möglich gewesen wäre. Diese Betroffenen würden dann auch im Erwachsenenalter ‚hinterher hinken‘, was die Erschließung des Neocortex und der Großhirnrinde angeht und die Synapsen würden bei diesen Personen bis ins Erwachsenenalter hinein nicht so verbunden, wie es normal wäre. Die Fälle der Entwicklungsverzögerung, die er hatte, waren aber nicht von DID/DIS betroffen. Er hält es aus medizinischer Sicht zwar für möglich aber für extrem unwahrscheinlich. Auch er geht eher davon aus, dass eine solche Person dann vorher bereits Traumata erlebt hat, die nicht unbedingt erschlossen werden können.

Nach dem ganzen hin und her um fachliches und erfahrenes Wissen zu Altersgrenzen bei der DIS-Entstehung, wollen wir zum Schluss an dieser Stelle etwas anmerken, was uns sehr wichtig erscheint.
Falls du viele bist und dich nicht an frühkindliche Erfahrungen von Traumatisierung erinnerst, dann fang jetzt nicht an zu zweifeln. Dafür ist der Beitrag bestimmt nicht gedacht! Du bist gut so, wie du bist. Nimm dich ernst, mit dem was da ist. Trau dich im Zweifelsfall die erste Person zu sein, bei der es anders gelaufen ist. Letztlich zählt, dass du dir näher kommst, dich spüren kannst und es dir gut geht.

Wir hatte Spaß an der Auseinandersetzung, weil wir uns innen damit auch wieder ein Stück näher gekommen sind und etwas begreifen von unserer Erfahrung genauer durften. Danke an alle Beteiligten für diesen Austausch!

Liebe ganz sachlich

Nachdem es bei der Nominierung der Melinas zum „Liebe verbreiten“ zu lustigen Wirrungen kam, möchten wir der „Doppelnominierung“ mit diesem Beitrag gerecht werden. Hier also noch eine Variante für „Sachtextliebhaber“:

Liebe was ist das eigentlich?
Kann man das nachweisen?
Beim Wort „Liebe“ weiß wohl jeder, wovon man spricht, obwohl es keine einheitliche Definition dafür gibt. Wenn der richtige vor einem steht, hat es einen einfach voll erwischt. Oder man fühlt sich in einer tiefen Freundschaft im Herzen verbunden. Doch eindeutige Nachweise für die Existenz der „Liebe“ Fehlanzeige. Der Duden versucht es mit einer Umschreibung, um klar zu machen, worum es bei der Liebe geht. Sowohl beim „starken Gefühl des sich hingezogen Fühlens“ als auch bei einer „auf starker seelischer, geistiger und körperlicher Anziehung beruhenden Bindung“ besteht die Basis allerdings aus subjektiven Empfindungen. Die sind aber ja bekanntlich wieder weniger sachlich und sehr individuell.

Rein physiologisch ist die Chemie ganz schön durcheinander, wenn die Chemie stimmt. Das limbische System als Sitz der Emotion wird im Gehirn stark aktiviert. Gleichzeitig werden die Areale, die für rationale Entscheidungen zuständig sind gehemmt. Man ist plötzlich blind vor Liebe und völlig kopflos. Zusätzlich werden Bereiche durch leidenschaftliche Liebe angeregt, die auch durch die Suchtstoffe aus der Wirkstoffgruppe der Opiate und Kokain stimuliert werden. Wir sind also süchtig nach Liebe. Die Belohnungszentren jauchzen vor Freude über den Hormoncocktail. Körpereigenens Dopamin überschwemmt die Synapsen und tut das, was sein Ruf als Glückshormon erwarten lässt: Es macht glücklich und euphorisch. Der Botenstoffkollege „Oxytocin“ sorgt für Vertrauen und Bindung. Allerdings ist der etwas langsamer und zurückhaltender. Er kommt nicht gleich auf die ersten Tage einer neuen Liebe voll zum Einsatz, sondern entfaltet sich mit der Zeit.

Diese Erkenntnisse geben Raum für neue wissenschaftlich fundierte Anmachsprüche, wie „Hey, wie hoch steigt dein Dopamin eigentlich, wenn du mich siehst?“ oder „Ist dein Oxytocinspiegel ausreichend hoch für feste Bindungen?“. Wenn unser Gegenüber daraufhin den Labornachweis vom Arzt zückt, kann man es ja – je nach Ergebnis – mal versuchen…
Aber wer will Liebe schon so angehen? Es ist doch auch irgendwie toll, so herrlich unrational zu sein und einfach nur im Gefühl zu baden. Das macht den Zauber an den Schmetterlingen im Bauch aus und es knistert umso doller, wenn das mysthische bleiben darf. Letztlich ist das eigene Bauchgefühl wohl der sicherste und einzig anwendbare Parameter für die Existenz der wahren Liebe.