Regenbeeren und Platschnassgekritzel

Düster zieht der Nachmittag ins Land. Beim Blick durch die regennassen Scheiben fällt eine kleine Erdbeere mit ihrem leuchtenden Rot auf meine Netzhaut. Für einen kurzen Moment tilgt sie das gesamte Grau ihrer Umgebung. „Wie nett!“, denke ich. „Eine Herbstbeere.“ Auf den Balkonbrettern steht das Wasser. In den Vertiefungen plantschen Regentropfen kleine Kreise. Wir beobachten eine Zeit lang ihr hopsen. Kleine Spiegelflächen lassen Tiefe und Himmel entstehen, wo sonst nur harter Boden liegt. Die Spinnennetze scheinen derweil so viele Wasserteilchen aufzufangen, dass ihre sonstige Leichtigkeit einer schweren Zerreißprobe weicht. Jeder Luftstoß lässt es so wirken, als würden sie sich schütteln und von dem Ballast befreien, ehe sie sich erneut vollsaugen. Gräser wiegen im Wind. Irgendwann wird es heller – erst am Horizont und dann auch um uns. Sonne bricht sich ihren Raum durch die Wolken. Wer hätte das zu so später Stunde noch erwartet?

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ABC-Etüden: Rumpelkammer – mutvoll – zehren

Es war einmal vor einer langen Zeit, in der Rumpelkammern gerade neu erfunden waren, als sich die pubertäre Königstochter dazu entschloß ihr Zimmer ebenso einzurichten, wie es sonst nur in den stolzesten Rumpelkammern des Landes zu sehen war. Bald war ihre Kammer mit allerlei Tand so voll gefüllet, dass sie sich selbst darin verlor. Ihre ansonsten zart weißen Glieder staubten unter den Spinnennetzen ein und verfärbten sich gräulich. Wann immer man ihr empfahl das Chaos zu beheben, sah man durch ihren Zorn kleine Rauchwölkchen aus den Fenstern steigen. Durch ihr wütendes Stampfen lösten sich die Flusen und Partikelchen von den Habseligkeiten und verteilten sich im Lande. Bald ward die Feinstaubbelastung dadurch so hoch, dass der König gezwungen war ein Klimaschutzgesetz zu erlassen. Mutvoll trat er vor sein Volk. „So gehet und räumet euere Rumpelkammern auf.“ Und die Leute kamen zusammen, putzten gemeinsam die Häuser, sortierten den Müll und reduzierten die PS der Kutschen. Bald erstrahlte das Reich in neuem Glanz. Von der gegenseitigen Hilfsbereitschaft zehren sie noch heute.

Mehr Informationen und Teilnahmebedingungen zu den ABC-Etüden gibt es bei Christiane auf „Irgendwas ist immer“.

Corona-Blues und Sonnenbalkon

Wir sitzen völlig geschafft im Schlafzimmer. An unseren Schleimhäuten spielt Erdbeer-Vanille-Duft Sommer. Der Tee zieht. Obwohl wir unsere Füße seit einigen Minuten hochlagern, haben wir unaufhörlich das Gefühl die Knöchel pochen vom Blutfluss. Sie kribbeln leise vor sich hin und wimmern, als wollten sie ganz deutlich sagen: „Beweg‘ dich nie wieder aus deinem weichen Bett.“ Ein Wunsch den ich nur zu gerne erfüllen will – zumindest für heute. Während die erste Fliege dieses Jahres mich blöd surrt, komme ich ein bisschen in diesem Tag an, dem ich so lange entflohen bin, dass er schon fast vorbei ist, bevor ich Ihn realisieren kann. Er begann mit einem schrillen Weckerton und endet abrupt ganz kurz nach dem Aufstehen, weil die Zeit dazwischen so schnell war.

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In die Welt gedacht

Ich sitze am Tisch und stochere mit dem Löffel in meinem Müslijoghurt. Ein Korn mag sich nicht beißen lassen. Egal wie sehr ich es mit der Zunge durch den Mund von einem Zahn zum nächsten Schubse – an seiner Hülle tut sich nichts. Irgendwann sortiere ich es aus, weil es wie Stroh unnachgiebig hölzern bleibt. Mein Kopf ist müde und so spare ich mir aus diesem unwichtigen Fakt die Geschichte der spröden Kornfee zu machen. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kauen sie noch heute“ wäre ohnehin ein armselig abgedroschener Schluss. Der Mülleimer leistet mir statt dessen gute Dienste.

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Wie die Wortwahl natürliche Prozesse erschwert

Wir sitzen einigermaßen erschöpft auf dem Bett. Gerade waren wir duschen. Die Haare liegen nass auf unseren Schultern. In Gedanken lassen wir die letzten Tage Revue passieren. An unserer Art mit den Folgen unserer Geschichte umzugehen hat sich über die Zeit viel geändert. Besonders deutlich ist uns das im letzten halben Jahr geworden. Unsere Haltung uns selbst gegenüber hat sich radikal gewandelt. Vor allem haben wir Kontrolle losgelassen. Paradox ist, wie viel mehr Steuerungsmöglichkeiten wir dadurch erhalten haben.

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ABC-Etüden: Vogelflug – ängstlich – schwingen

Bild von Алина Осипова auf Pixabay

Vergnügt kletterte sie in den Ästen des alten Nussbaumes umher. Mit Menschen war sie eher ängstlich und zurückhaltend. Die Natur jedoch lockte die Räubertochter aus ihr heraus. In den Flüssen und Bächen bastelte sie kleine Staudämme aus Steinen. Mit Pfeil und Bogen spielte sie Indianer und fesselte den Nachbarsjungen, was ihr nicht nur einmal Ärger aufhäufte. Gespannte Grashalme brachte sie zwischen ihren Fingern zum Schwingen. Das machte einen eigenartig quietschenden Ton und kribbelte an den Lippen. Manchmal musste sie dann kichern. Ihre Gedanken waren frei, so frei, dass sie in der Schule kaum zu zähmen waren. Immer war sie überall und nirgends, doch nie richtig da. „Was soll aus dir nur werden?“, grübelten die Erwachsenen und weil sie die Frage so oft stellten, beschloss sie Versagerin zu sein. Weiterlesen

ABC-Etüden: Gewächshaus – jodhaltig – fälschen

Es war dunkel. Von der Decke hingen knorrig verästelte Fäden. Vom Eingang aus konnte man kaum in das Innere sehen. Manch einer hätte ihn wohl mit einem Mauseloch verwechselt. An den Wänden lugten grobe Poren aus der feinen Lehmschicht. Allerlei Kriechtiere belebten das Heim. Feucht und erdig roch es in den kleinen Höhlen tief im Wurzelwerk. Pilzmyzele durchspannten das Wohnzimmer wie silbrig leuchtende Vorhänge. Kalt umhüllte Erde die unterirdischen Gebäude. Franz fühlte sich dort besonders wohl. Direkt unter dem Fliegenpilz lag seine Wohnungstüre. Gemeinsam mit Frau und Kind war er vor vielen Jahrtausenden hier eingezogen. Seine rote Zipfelmütze hielt ihn warm. Seit Generationen sorgte er mit seiner Zunft als Zwerg für das Leben unter der Erde. Selten kam er an die Oberfläche. Meist geschah dies nur dann, wenn er in den Garten direkt gegenüber des Weges huschen wollte, um etwas Gemüse für die Zubereitung einer köstlichen Suppe zu holen. Wie eine Tarnkappe formte sich dann sein Hut zu einem roten Pilzschirm mit weißen Tupfen. Nur wenige Menschen bemerkten, dass es sich dabei nicht um einen gewöhnlichen Pilz handelte. Die Welt war sein Gewächshaus. Sie bot ihm Lebensraum und alles was er für sein Glück brauchte. Die Währung von Mutter Erde lies sich nicht fälschen. Sie lächelte „Danke“ für seine Arbeit und sah mit dem Herzen. Jedes Wesen trug und nährte sie. Franz freute sich, wenn er ihr im Gegenzug helfen konnte, indem er Wurzelstränge entknotete, Regenwürmer fütterte, die Ernte pflegte und unachtsame Menschen von ihrem Inneren fern hielt. Zu Mittag zauberte er sich herzhaftes Wurzelgemüse. Möhren sind jodhaltig. Das stärkt seine Kräfte. Und wenn er mit Frau und Kind lachend am Esstisch saß, den sein alter Baumfreund ihnen mit der Wurzel formte, dann vergaß er für einen Moment alle Sorgen. „Die Welt ist wunderbar beseelt“, gluckste er mit einem Schluck Beerenschnaps auf der Zunge seinem Zwergennachwuchs zu. „Seele sieht man mit dem Herzen. Der Verstand ist für das wesentliche blind.“

Wer Lust hat bei den ABC-Etüden auch mitzuschreiben findet alle weiteren Infos hier bei Christiane.

Eine Innie-Sittich-Geschichte

Mein innerer Wellensittich, äh Inniesittich, pfeift. 😉 Seit einigen Minuten höre ich es tirilieren. Eine Kleine hat Lust zu singen und tut das nun im Kopf. Nach einiger Zeit frage ich vorsichtig nach, ob sie es wohl auch bleiben lassen könne. Meine Stimmung passt nicht zu ihren Liedern. Das war der Moment an dem diese Wellen-Innie-sittich Geschichte ihren Lauf nahm.

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Happy End

Ob ein Kapitel im Leben ein Happy End hat,

liegt daran,

wann man den letzten Punkt setzt.

© Copyrigth by „Sofies viele Welten“

Roman variabel entlassen

“Ach, Roman…“, dachte ich bei mir und erwischte mich sogleich bei sentimentalen Gedankenspielereien. Als wir uns vor vielen Jahren kennenlernten, war er ein stolzer Mann gewesen. Er griff nach den Sternen und legte sie mir zu Füßen. Seinem Blick wohnte ein geheimnisvoller Zauber inne, der mich in den kältesten Momenten so einhüllte, als würde die dickste Kuscheldecke mich samten betten. Es mag im Leben viele Ungewissheiten geben, an unserer Liebe jedoch ist nichts variabel. Vor einigen Monaten hat Roman seinen Job verloren. Sein Chef musste ihm kündigen. Seitdem ist er dünner geworden, verkroch sich mehr und mehr in ein Schneckenhaus und sah bald nur noch wie ein magerer Schatten aus, der sich vor mir und der Welt immer mehr verschloss. Die Fassade von Leistung und Ansehen bröckelte. Seine innere Wüste trat hingegen mehr und mehr zum Vorschein. Nie hatte er gelernt, seine eigenen Werte zu finden und sich selbst zu lieben. An diesem frischen Septembermorgen durchfährt mich ein eigenartiger Schauer, wenn ich an Ihn denke. Eben noch habe ich ihm vom Fenster aus nachgeblickt, als er die Straße zum Auto hinunterlief. Kaffeegeruch stieg mir in die Nase und ich habe mich an der Tasse festgehalten, so fest, als wollte ich still für mich sagen: „Mein Herz, mein Herz… Es hat dich nie entlassen. Es kennt dich als Mensch.“

Die Schreibprojekte und Ideen von Christiane findet ihr hier. Unter dem Beitrag dort sind auch andere kreative Etüden verlinkt, die obige Begriffe enthalten. Vielleicht habt ihr ja Lust auch mal vorbeizuschauen und mitzumachen. 😊