Wie die Wortwahl natürliche Prozesse erschwert

Wir sitzen einigermaßen erschöpft auf dem Bett. Gerade waren wir duschen. Die Haare liegen nass auf unseren Schultern. In Gedanken lassen wir die letzten Tage Revue passieren. An unserer Art mit den Folgen unserer Geschichte umzugehen hat sich über die Zeit viel geändert. Besonders deutlich ist uns das im letzten halben Jahr geworden. Unsere Haltung uns selbst gegenüber hat sich radikal gewandelt. Vor allem haben wir Kontrolle losgelassen. Paradox ist, wie viel mehr Steuerungsmöglichkeiten wir dadurch erhalten haben.

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ABC-Etüden: Vogelflug – ängstlich – schwingen

Bild von Алина Осипова auf Pixabay

Vergnügt kletterte sie in den Ästen des alten Nussbaumes umher. Mit Menschen war sie eher ängstlich und zurückhaltend. Die Natur jedoch lockte die Räubertochter aus ihr heraus. In den Flüssen und Bächen bastelte sie kleine Staudämme aus Steinen. Mit Pfeil und Bogen spielte sie Indianer und fesselte den Nachbarsjungen, was ihr nicht nur einmal Ärger aufhäufte. Gespannte Grashalme brachte sie zwischen ihren Fingern zum Schwingen. Das machte einen eigenartig quietschenden Ton und kribbelte an den Lippen. Manchmal musste sie dann kichern. Ihre Gedanken waren frei, so frei, dass sie in der Schule kaum zu zähmen waren. Immer war sie überall und nirgends, doch nie richtig da. „Was soll aus dir nur werden?“, grübelten die Erwachsenen und weil sie die Frage so oft stellten, beschloss sie Versagerin zu sein. Weiterlesen

ABC-Etüden: Gewächshaus – jodhaltig – fälschen

Es war dunkel. Von der Decke hingen knorrig verästelte Fäden. Vom Eingang aus konnte man kaum in das Innere sehen. Manch einer hätte ihn wohl mit einem Mauseloch verwechselt. An den Wänden lugten grobe Poren aus der feinen Lehmschicht. Allerlei Kriechtiere belebten das Heim. Feucht und erdig roch es in den kleinen Höhlen tief im Wurzelwerk. Pilzmyzele durchspannten das Wohnzimmer wie silbrig leuchtende Vorhänge. Kalt umhüllte Erde die unterirdischen Gebäude. Franz fühlte sich dort besonders wohl. Direkt unter dem Fliegenpilz lag seine Wohnungstüre. Gemeinsam mit Frau und Kind war er vor vielen Jahrtausenden hier eingezogen. Seine rote Zipfelmütze hielt ihn warm. Seit Generationen sorgte er mit seiner Zunft als Zwerg für das Leben unter der Erde. Selten kam er an die Oberfläche. Meist geschah dies nur dann, wenn er in den Garten direkt gegenüber des Weges huschen wollte, um etwas Gemüse für die Zubereitung einer köstlichen Suppe zu holen. Wie eine Tarnkappe formte sich dann sein Hut zu einem roten Pilzschirm mit weißen Tupfen. Nur wenige Menschen bemerkten, dass es sich dabei nicht um einen gewöhnlichen Pilz handelte. Die Welt war sein Gewächshaus. Sie bot ihm Lebensraum und alles was er für sein Glück brauchte. Die Währung von Mutter Erde lies sich nicht fälschen. Sie lächelte „Danke“ für seine Arbeit und sah mit dem Herzen. Jedes Wesen trug und nährte sie. Franz freute sich, wenn er ihr im Gegenzug helfen konnte, indem er Wurzelstränge entknotete, Regenwürmer fütterte, die Ernte pflegte und unachtsame Menschen von ihrem Inneren fern hielt. Zu Mittag zauberte er sich herzhaftes Wurzelgemüse. Möhren sind jodhaltig. Das stärkt seine Kräfte. Und wenn er mit Frau und Kind lachend am Esstisch saß, den sein alter Baumfreund ihnen mit der Wurzel formte, dann vergaß er für einen Moment alle Sorgen. „Die Welt ist wunderbar beseelt“, gluckste er mit einem Schluck Beerenschnaps auf der Zunge seinem Zwergennachwuchs zu. „Seele sieht man mit dem Herzen. Der Verstand ist für das wesentliche blind.“

Wer Lust hat bei den ABC-Etüden auch mitzuschreiben findet alle weiteren Infos hier bei Christiane.

Eine Innie-Sittich-Geschichte

Mein innerer Wellensittich, äh Inniesittich, pfeift. 😉 Seit einigen Minuten höre ich es tirilieren. Eine Kleine hat Lust zu singen und tut das nun im Kopf. Nach einiger Zeit frage ich vorsichtig nach, ob sie es wohl auch bleiben lassen könne. Meine Stimmung passt nicht zu ihren Liedern. Das war der Moment an dem diese Wellen-Innie-sittich Geschichte ihren Lauf nahm.

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Happy End

Ob ein Kapitel im Leben ein Happy End hat,

liegt daran,

wann man den letzten Punkt setzt.

© Copyrigth by „Sofies viele Welten“

Roman variabel entlassen

“Ach, Roman…“, dachte ich bei mir und erwischte mich sogleich bei sentimentalen Gedankenspielereien. Als wir uns vor vielen Jahren kennenlernten, war er ein stolzer Mann gewesen. Er griff nach den Sternen und legte sie mir zu Füßen. Seinem Blick wohnte ein geheimnisvoller Zauber inne, der mich in den kältesten Momenten so einhüllte, als würde die dickste Kuscheldecke mich samten betten. Es mag im Leben viele Ungewissheiten geben, an unserer Liebe jedoch ist nichts variabel. Vor einigen Monaten hat Roman seinen Job verloren. Sein Chef musste ihm kündigen. Seitdem ist er dünner geworden, verkroch sich mehr und mehr in ein Schneckenhaus und sah bald nur noch wie ein magerer Schatten aus, der sich vor mir und der Welt immer mehr verschloss. Die Fassade von Leistung und Ansehen bröckelte. Seine innere Wüste trat hingegen mehr und mehr zum Vorschein. Nie hatte er gelernt, seine eigenen Werte zu finden und sich selbst zu lieben. An diesem frischen Septembermorgen durchfährt mich ein eigenartiger Schauer, wenn ich an Ihn denke. Eben noch habe ich ihm vom Fenster aus nachgeblickt, als er die Straße zum Auto hinunterlief. Kaffeegeruch stieg mir in die Nase und ich habe mich an der Tasse festgehalten, so fest, als wollte ich still für mich sagen: „Mein Herz, mein Herz… Es hat dich nie entlassen. Es kennt dich als Mensch.“

Die Schreibprojekte und Ideen von Christiane findet ihr hier. Unter dem Beitrag dort sind auch andere kreative Etüden verlinkt, die obige Begriffe enthalten. Vielleicht habt ihr ja Lust auch mal vorbeizuschauen und mitzumachen. 😊

Der erste Sommertag der kleinen Himbeere

„Puh“, schnaufte die kleine Himbeere und wischte sich den Schweiß von der Stirn, als der Gieskannenregen ihr am Abend eine sanfte Abkühlung verpasst. Bei 30 Grad, Südbalkon und kein Schatten in Sicht kommen auch Pflanzen ganz schön ins Schwitzen. Als die Sonne schon fast hinter dem Horizont verschwunden ist, erscheint es mir für eine Zeit, als könnte ich das kleine grüne Fruchtkind zwischen den Blättern kichern hören und zwischen den Wassertropfen plantschen. Alles um mich herum entspannt. Ein Hauch von Kräuterduft steigt mir in die Nase und die feuchte Erde atmet.

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Die Geschichte der Täter

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In letzter Zeit beschäftige ich mich mit den Geschichten und der Denkweise von Tätern. Ein Heulkrampf löste den Wunsch danach aus. Wir spürten, dass wir uns von Herzen eine Entschuldigung besonders eines Täters wünschen würden. Wahrscheinlich werden wir sie nie bekommen. Alternativ haben wir dann versucht zu verstehen, weshalb er so tickt. Eines vorweg: Das war ein blöde Idee! Für unsere Heilung, die wir uns ja daraus ein Stück erhofften, ist all das Gerede letztlich uninteressant. Nachdem Mi die Rolle von der Vergangenheit der Täter zufällig in einem Kommentar erwähnt hat, wollten wir nun unsere Gedanken dazu mit euch teilen.
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Einen Sonnenaufgang Glück

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Um 6:45 Uhr war Sonnenaufgang, sagt meine Wetter-App.
Ob das so stimmt?
Als ich kurz vorher die Augen aufgemacht habe war es gefühlt jedenfalls schon sehr sonnig. Nach einer kurzen Kuscheleinheit muss die Katze dringend raus. Auch ihr ist es zu hell, als dass sie die zwitschernden Vögel noch länger warten lassen könnte. Müde öffne ich die Türe und entlasse sie auf ihren morgendlichen Streifzug ins Revier. Wenig später landet eine kalte Fellnase auf meinem Bett. „Es ist zu kalt“, schnurrt sie. „Kannst du mich bitte wärmen?“ Anstelle meines Laptops ruht nun mein Kater auf meinen Beinen. Er navigiert mittels Schwanzspitzenzuckkoordinator die Stellen an denen er gekrault werden möchte. Meine Hände sind sich der Gefährdungslage wohl bewusst und kommen den Wünschen gerne nach. 😉 Nein, nein. Er beißt uns nie richtig. Wenn ihm eine Stelle nicht behagt schiebt er uns mit seinem Kopf weiter oder nimmt unsere Hand sanft ins Mäulchen. Dann hören wir auf. Dennoch ist in den letzten Jahren eine stille Kommunikation zwischen uns gewachsen. An seiner Körperhaltung erkennen wir sehr gut, dass wir auf falschen Pfaden unterwegs sind und passen uns dementsprechend an.

Irgendwann beginnen wir mit unseren Gedanken zum Duschen zu wandern. Wir werden gleich unter die nasse Brause steigen, um unsere Haare zu waschen. Darauf legen wir heute wert. Die schönen blauen Ohrringe haben wir uns gestern schon zurecht gelegt. Ein bisschen Schminke und vor allem ein langer auffälliger Lidstrich wird es werden.
So haben wir uns lange nicht mehr zurechtgemacht.
Trotz der vielen Reize sind wir glücklich, das heute zu tun. In unserer Brust spüren wir unser Herz fröhlich schlagen.
Jetzt aber gilt es erst einmal die Dusche möglichst gut und triggerfrei zu überstehen. Unsere Katzendame wird uns dabei sicher Gesellschaft leisten. Die mag das nämlich gerne und hat von wasserscheuen Tieren noch nichts gehört.

Und während unsere Mähne dann so vor sich hintrocknen wird, gibt es ein kleines Frühstück, mit Tee und Brötchen und eventuell Obstsalat.
Auf jeden Fall aber mit Liebe. ❤️

Osterreisen

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Auf einem kleinen Boot saß sie. Es war aus altem Holz gemacht. Die grüne Farbe blätterte bereits an vielen Stellen ab. So wollten es die Gezeiten. Ihre Füße schwebten kurz über der Wasseroberfläche und in ihrem Haar webte ein Rosenkranz Geschichten von der fruchtbaren Welt. Ein feuriges rotes Kleid umhüllte zart energetisch fließend ihren Körper. Ihre Augen fühlten geschlossen der Weite um sie nach. Am Horizont dämmerte es orange leuchtend.
Mit ihrer Zehenspitze konnte sie fast die Spieglung derselben im Wasser berühren. Doch ein Lufthauch hielt die beiden getrennt. Sie wohnten in zwei Welten.
Das Wasser ruhte.
Die Welt um sie herum ruhte.
Sie selbst ruhte.
In sich.
Und über den Wogen erhaben.
Am Himmel zog ein Vogelschwarm.

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