Entscheidende Kämpfe

Starr liegt sie da. Die Haare zerzaust. Das Hemd zerknittert. Die äußere Ruhe macht den inneren Sturm ungesehen. Angststarre. Zugesagt…. absagen…. zugesagt… absagen. Die Gedanken spielen schwarz weiße Kreise. So kurzfristig. Einfach nicht hingehen. Ganz ohne krank zu sein. Oder doch irgendwie, aber nicht richtig. Nur so im Herzen. Nicht im Körper. Darf man das? Wenn es einem doch gut geht und nur die Seele versagt!? „Ich bin krank“, hört sie sich innerlich hunderte Male sagen. Dabei sieht sie sich zitternd den Telefonhörer in der Hand halten. Ebenso oft schreit ihr die anerzogene Zuverlässigkeit zurück, wie unmöglich sie sei, sich so anzustellen wegen nichts. Empfundene Lüge. Obwohl sie wahr ist. Nur anders. Wegen ein bisschen Trauma.

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Der Freier

Du sagst du bist Freier
und damit hast du recht,
denn du darfst hier wählen
und ich sitz‘ hier fest.

Du nennst mich Nutte
und stempelst mich ab
und vergisst dabei ganz,
was mir den Namen gab.

Du frägst nicht nach dem Alter,
oder wie es mir geht,
weil all dein Interesse allein
an Körperöffnungen besteht.

Manchmal denkst du, du wärst anders,
denn du kommst nur zum Reden
und vergisst dabei eins:
Man kann auch sprechend Grenzen übertreten.

Egal was du tust,
immer bin ich dein Objekt,
dass für etwas Geld im Beutel
menschliche Schwächen überdeckt.

Ich bin dein Ausweg, deine Machttankstelle,
auf der Flucht vor dir selbst
und ich zahle mit Schmerzen,
wenn du mich bestellst.

Doch ich tue es ja gern
und natürlich mit freiem Willen,
anders könnte ich die Panik,
die du mir machst, gar nicht stillen.

Wenn mich nicht täglich Dissoziation
vor mir selbst bescheißen würde,
wären Männer wie du
eine riesige Hürde.

Niemals dürftest du mir nah sein
oder von deinen Gedanken erzählen,
denn dann hätte ich ja Selbstwert
und der liese mich wählen.

Doch es reicht dir,
wenn ich zerbrochen lachend
deinen Bedürfnissen genüge.
Für jedes andere Verhalten
kassier‘ ich ohnehin eine Rüge.

Ich bin dein Roboter,
von meinen Tätern, dazu gemacht
und ich gab mein Leben
für deine kurze Nacht.

Wie komm ich nur auf sowas!?
Es geht doch bloß um Lust und Spaß
und weil nicht sein kann, was nicht sein darf:
„War da was!?“

© Sofies viele Welten

Innerer Klassenkampf

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Manchmal, wenn wir still auf unserem Bett sitzen, die Beine eng an die Brust gezogen, die Haare streichelnd auf den Schultern spürend, wenn ein weites Nachhemd unseren Körper umspielt und unsere Zehen sich vor der Kälte in seinem Saum verstecken, dann kommen wir für einen stillen Moment mitten in der Nacht ganz bei uns an und die Stille wird schreiend laut. Sie schreit von den entsetzlichen Ungerechtigkeiten und der Stigmatisierung. Weiterlesen

Laut-stille Wahrheiten

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Heute Morgen bleibt es lange grau. Die wolkenschleier sind ebenso undurchsichtig, wie unsere derzeitige Gefühlslage. Irgendwie ist alles gleichzeitig. Wir denken nach. Darüber, wie es uns drängt unsere Wahrheit im Alltag immer sichtbarer zu machen und unser Sein immer weniger zu verstecken. Wir sind es leid. Gleichzeitig in getrennten Welten zu leben, war nie unser Lebensentwurf. Er wurde uns aufgezwungen. Immer nur zu einem Teil sein zu dürfen kostet Kraft. Kraft, die wir immer weniger bereit sind zu investieren, um andere Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen und sie auf ihrer rosaroten Wolke weiterschweben zu lassen. Gewalt gibt es nunmal und uns als Betroffene auch. Mittlerweile sprechen wir vieles deutlich aus, weil es uns nicht zu einem schlechteren Menschen macht. Wer damit nicht klar kommt, hat mit sich ein Problem und nicht mit uns. Niemand muss mit uns befreundet sein, niemand muss uns mögen und von denen, die an unserer Seite sind, wollen wir wissen, dass sie uns als den Menschen lieben, der wir sind. Lange Zeit hatten wir zu niemandem eine Gefühlsbindung. Es waren bestenfalls gute Bekannte. Immer schwebte das Damoklesschwert über uns, dass sie alle weg wären, wenn sie wüssten… Sätze wie „Ich mag dich“ für voll zu nehmen, ging einfach nicht. Sie kamen gar nicht bei uns im Herzen an. Heute sind tatsächlich viele der ehemaligen Freunde weg, aber die, die geblieben sind oder neu dazu kamen, mögen uns wirklich.
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Bedrohliche Opfer

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Das Opfer, das die Situation des Opfers benennt,
ist kein Opfer;
er oder sie ist eine Bedrohung.

James Baldwin

Als wir diesen Satz unlängst lasen, fühlten wir uns ganz tief angesprochen. Wir wiederholten die Zeile im Stillen immer und immer wieder. Wir wollten sie verstehen. Ihre Essenz in unseren Zellen spüren und mit dem Verstand begreifen. Irgendwann wurde aus der vagen Stimmigkeit ein deutliches „Es stimmt! Genau so ist es!“
Baldwin hat auf verschiedenen Ebenen recht mit seiner Aussage.

In dem Moment, in dem ein Opfer seine Wahrheit ausspricht, hat es das Opfer sein bereits verlassen. Es erkennt an, was ihm widerfahren ist und bezieht Stellung. Die Verantwortung für die eigenen Gefühle prallt nicht länger an gesellschaftlichen Schweigeansprüchen ab. Jedes „Ich wurde missbraucht“ und „Er hat mich vergewaltigt“ setzt ein Statment der mutigen Zeugenschaft für sich selbst. Dabei ist es völlig egal, ob es laut oder leise, zögerlich, brüchig oder mit klarer Stimme ausgesprochen wird. Die Missstände, die Gewalt erlauben, werden deutlich. Täter werden benannt. Das Opfer duckt nicht länger. Es ist bereit gesehen zu werden und für sich aufzustehen. Die Betroffene drückt auf unmissverständliche Weise aus: „Ich bin Opfer und es schmerzt unerträglich, aber ich bin auch so viel mehr als das. Das Handeln des Täters war falsch. Es ist völlig inakzeptabel! Mit seiner Tat wurde etwas in mir zerstört. Ich bin nicht bereit mir den Schuh für die Vorkomnisse anzuziehen. Soetwas darf Menschen nicht geschehen!“ Es fordert sein Recht auf Heilung und Unterstützung.

Das führt nicht selten zum zweiten Teil des Zitates. Das Opfer wird für das Gegenüber zur Bedrohung und Bedrohung wird bekämpft. In seinen klaren Worten für sich selbst, rüttelt die Betroffene an den Grundfesten der Gesellschaft. Plötzlich stehen die scheinbaren Sicherheiten des Einzelnen in Frage. Jeder könnte jederzeit zum Opfer werden und es gibt kaum Möglichkeiten sich davor zu schützen. Das persönliche Leid und die Not durch selbst erlebte Gewalt wird spürbar. Es gibt wohl leider keinen einzigen Menschen, der im Laufe seines Lebens nicht in irgendeiner Art, sei es psychisch, physisch oder sexuell, damit zu tun hat. Die wirkliche Auseinandersetzung überfordert.
Also forscht man zu falschen Erinnerungen, zieht die Glaubwürdigkeit der Betroffenen in den Dreck, verunglimpft die Behandler und kämpft gegen die Opfer, um sich einen Scheinboden unter die Füße zu schieben. Es ist eine Frage der Zeit, bis er unter der Last der Realität bricht.

Was wir aber positiv daraus lernen:
Das Wort des Opfers hat Macht! Warum sonst wohl würden ganze Nationen vor lauter Angst gegen die Glaubwürdigkeit ankämpfen!? Und doch haben sie nichts wirklich greifbares in der Hand.
Die Macht der wahrhaftigen Sprache gehört den Opfern! Lasst sie laut werden. Wenn euere Aussagen so wertlos wären, würde sich wohl kaum jemand so viel Mühe machen, euch schweigsam zu halten.

Gedanken zum Unvorstellbaren

Gestern saß ich in einem sehr persönlichen Gespräch.
„Ich weiß auch nicht, wie ich es beschreiben soll… Ich weiß sicher, dass diese Dinge genau so passiert sind, wie ich sie in meinem Kopf habe. Ich spüre sie in jeder Zelle meines Körpers und bis an die tiefsten Bereiche meiner Seele. Wenn ich aber Anfange mit meinem Verstand darüber nachzudenken, sind sie in ihrer Dimension so unvorstellbar, dass ich sie nicht mehr greifen kann.“
Ich rang darum Ausdruck für das, was in mir vorging zu finden.

Mittlerweile denke ich über diesen Satz aus verschiedenen Gründen nach.
Für mich fasst er eine wichtige Facette ins Auge, wie Zweifel an den Erinnerungen entstehen. Man fühlt was geschehen ist, man spürt es körperlich ganz genau, das entsetzen darüber bebt im ganzen Körper und die Bilder sprengen einem manchmal fast den Schädel. Und dann kommt der Verstand, für den diese Dinge einfach eine Nummer zu groß sind und zack klopfen Zweifel an. Aber wenn ich’s genau nehme und tiefer hinschaue, ist es dennoch kein Unglauben daran, dass die Gewalt geschehen ist. Das spür und weiß ich ja. Es ist eher der Zweifel an unserer Gesellschaft, die all das Schreckliche zulässt. Es ist der verzweifelte Versuch, am schönen Schein festzuhalten und Erklärungswege zu finden, dass etwas so furchtbares nicht unbehelligt geschehen könnte. Es ist der Zweifel an den Umständen nicht an dem „Dass“. Darin steckt eine wertvolle Erkenntnis, die ich daraus mitnehme.
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Stephanie Ilan oder auch: Das Grauen jeder aufgeklärten Frau lebt

Manchmal schaue ich gerne Talkshows wie den „Kölner Treff“. Seit ich selbst keinen Fernseher mehr habe, nutze ich öfter die Möglichkeit die Sendungen im Nachhinein im Internet zu verfolgen. Dabei stolperte ich über die Ausgabe vom 15.12.2017 in der Ilan Stephanie ca. ab der sechsundzwanzigsten Minute über ihre Erfahrungen mit Prostitution spricht. Ihr Buch „Lieb und Teuer“ erklomm die Bestsellerlisten. Meine Reaktion lag irgendwo zwischen Tobsuchtsanfall und kotzen.
Wer sich ihre – nicht nur für triggerbare Gemüter ungeeigneten – Aussagen selbst antun möchte, findet die Sendung hier:

Auf ihr Buch hat die Menschheit gewartet. Endlich findet sie Entlastung aus der Verantwortung um die miserablen Zustände in Prostitution und Menschenhandel. Die Freier können die Nutten wieder hemmungslos ficken, weil sie endlich Bestätigung finden, dass die lächelnden Maske der Prostituierten doch zu rechtfertigen, wenn nicht sogar echt ist. Also weshalb noch darüber nachdenken, warum die Frau das macht und was ihre Geschichte ist!? Endlich kann man wieder guten Gewissens in den Puff gehen. Schließlich ist das Image doch sauberer als gedacht und Ausbeutung lange nicht überall… Die Stephanie sagt’s doch schließlich auch!
So ziemlich allen Menschen, die in der Vergangenheit gegen die Ausbeutung in der Prostitution gekämpft haben, dürfte sich dabei der Magen umdrehen. Mit einem einzigen kleinen Fußtritt in Form dieser miserablen Lektüre wäscht Ilan die Gewissenswesten der Otto Normalverbraucher rein und eröffnet eine wunderbare Fluchttür aus der Auseinandersetzung mit den wirklichen Verhältnissen in der Prostitution. Sie verschleiert mehr, als dass sie Tatsachen aufdecken würde, geht hingegen selbst Lügen von Branche und Kolleginnen auf dem Leim. Wo bleibt die Reflexion und der Blick hinter die Fassade!? Man schreibt nur über ein System, wenn man es wirklich kennt und nicht, wenn man mit der Oberfläche kuscheln durfte. Dann nämlich besteht die Gefahr, dass man, wie hier Ilan, auch die Oberfläche nicht wirklich bewerten kann, weil man die Mechanismen dahinter nicht versteht. Es fehlt schlicht die Interpretationsgrundlage der Erfahrung.
Manchmal wäre Schweigen eben doch Gold.

Zwei Jahre arbeitete die Gute in einem Berliner Bordell. Selbstverständlich hat sie in dieser Zeit die Branche durchschaut und festgestellt, dass es durchaus Frauen gibt, die ganz freiwillig Prostituierte sind. Sie hätten keine negativen Vorerfahrungen, wie sexuellen Missbrauch erlebt und machten den Job gerne. Sie selbst sei rein aus Interesse in den Markt eingestiegen. Das Problem: Sie spricht nun als „Fachfrau“ über ein Milieu, von dem sie selbst nichts, ja noch nicht mal die Spitze des Eisberges kennt. Sie hat für viele Männer die Beine breit gemacht hat. Das hätte sie aber auch privat in ihrem Wohnzimmer haben können. Der Lerneffekt zum System „Prostitution“ wäre der gleiche gewesen – Null.
In der Zeit im Puff sei sie auch gefühlt vergewaltigt worden. Natürlich könne man aber dem Freier/Täter überhaupt keinen Vorwurf machen. Er war ja schließlich im Puff und hätte es ja nicht besser gewusst. Natürlich habe er „nichts illegales“ getan. Es sei rein ihr Empfinden gewesen.
Dies ist nur eine ihrer Aussagen, die allen negativen Klischees wie „Eine Prostitiuierte kann nicht vergewaltigt werden“ unnötig Stoff bieten.
Mit der Zwischenfrage ob es „Fair trade Puffs“ tatsächlich gibt, traf Pufpaff einen empfindlichen Nerv der Debatte. Angeblich gehörten alle Angestellten des Etablissements, in dem die Autorin arbeitete, in diese Kategorie.

In der Süddeutschen Zeitung betont sie:
„Der Job des Freiers ist oft härter als der einer Prostituierten.“
What the f… oh sorry, unpassend bei dem Thema. Aber was zur Hölle soll das denn heißen!? Sie erklärt es direkt mit ihren Thesen: Die Männer müssten ja ausblenden, dass eigentlich gar keine Erotik stattfinde und die Frauen ihnen etwas vormachen.
Öhm, ja bzw. nein! Genau deswegen gehen sie doch da hin. Weil sie nicht über die Menschlichkeit des Gegenübers nachdenken wollen, weil sie ihre Komplexe und Vorlieben dort einfach unreflektiert ausüben wollen und weil es noch nie, aber auch wirklich noch nie in der Prositiution um Sex ging. Es geht um die blanke Macht. „Ich habe bezahlt und du tust was ich sage, ob dir das passt oder nicht!“ Der Freier bestimmt.
Einige Zeilen weiter sagt Ilan im Interview:
„[…] selbst wenn man davon ausgehen würde, dass 95 Prozent aller Frauen in die Prostitution gezwungen werden, gäbe es bei geschätzt 400 000 Prostituierten in Deutschland immer noch 20 000 Frauen, die sagen: „Alice, mir geht’s im Puff besser als davor in meinem Bürojob.“
Ja, richtig: Sie sagen das. Aber was dahinter steckt muss nichts Gutes heißen. Die Lösung finanzieller Nöte etwa ist kein „besser gehen“ im Sinne einer erhaltenen Menschenwürde und Gewaltfreiheit. 20.000 Menschen klingt erst mal nach einer Menge. Ist aber gesehen auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands die Nadel im Heuhaufen. Außerdem bezweifle ich grundsätzlich stark, dass die Frauen das auch so meinen und gut mit einem traumaerfahrenen Dissoziationsspezialisten reflektiert haben.  Die Dissoziationsrate auf dem Straßenstrich und in den Bordellen beträgt nämlich 100%. Das sich die Frauen abschalten, wird jede bestätigen. Anders könnte man den Job gar nicht machen. Wir hätten selbst gesagt es geht uns gut in den Strukturen in denen wir aufgewachsen sind, sobald uns jemand danach gefragt hätte. Natürlich wären wir, wie antrainiert, freiwillig da gewesen. Die Realität ist eine andere!

SZ: Es gibt Schätzungen der Polizei, die besagen, dass etwa 80 Prozent der Frauen in Deutschland sich nicht freiwillig prostituieren.
(Anmerkung meinerseits: Wenn das schonmal sogar die Polizei sagt…)
Die Frage ist: Was ist freiwillig? Gehen Sie freiwillig zur Arbeit? […]“
Da fehlen mir nur noch die Worte! Allein der Vergleich ist eine bodenlose Frechheit und zeigt wie wenig Stephanie Ilan wirklich verstanden hat. Denn in der Regel geht man sehr wohl freiwillig zur Arbeit, auch wenn sie manchmal mehr oder weniger lästig ist. Man verdient sich seinen Lebensunterhalt und wenn man nicht mehr möchte, kann man auch jederzeit zu Hause bleiben. Außer dem Wegfall des Gehaltes hätte man wohl nichts zu befürchten.
Das kann eine Prostitiuierte nicht. Ihr Leben ist zumindest psychisch davon abhängig nicht damit aufzuhören. Was hinter der Fassade von sogenannten Freudenhäusern vor sich geht, ist für die Seele der Hure das Grauen, dass niemand unbeschadet übersteht. Das kommt zurück, wenn die Dissoziation durch die Fortführung der Tätigkeit langsam absinkt. Es gibt immer mindestens die psychische Abhängigkeit. Dazu können die Zuhälter und/oder eine entsprechende Vorgeschichte kommen. Ausstieg aus der Prostituion heißt wie bei einem Junkie Entzug – Entzug von körpereigenen Opiaten und Endorphinen, die zur Linderung der Not ausgeschüttet wurden.
Dass übrigens auch Ilan Unterstützung danach nötig hatte, erwähnt die „glückliche Hure“ leider nur in einem Nebensatz.

Rp-online schreibt:
„[…] man könnte sagen, Stephani war eine Prostituierte, die es in der öffentlichen Wahrnehmung nicht gibt: Sie fühlte sich die ganze Zeit über frei und selbstbestimmt.“   
Zu recht. Die gibt es nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung nicht, sondern das ist Fakt. Auch wenn Stephanie keinen Missbrauch erlebt hat und keine anderen Traumata zu haben scheint, wie sie von sich selbst behauptet, glaube ich nicht an wirkliche Freiheit und Selbstbestimmtheit. Sie bestimmte rein äußerlich den Punkt des Einstiegs und des Ausstieges in das Milieu. Das mag sein. Welche inneren Mechanismen dazu führten sei dahingestellt.

Im gleichen Artikel sagt Ilan: „Zweitens, ich differenziere „Sex gegen Geld“ und „Sex unter Zwang““
Und wir differenzieren Sex und Machtausübung mit sexuellen Mitteln in der Prostitution! Und zur Machtausübung zählen wir übrigens auch das ach so nette Gespräch mit dem Freier, der meint alles erzählen zu dürfen und ein Anrecht auf Zuwendung zu haben, nur weil die Moneten rüber gewachsen sind. „Sex gegen Geld“ ist eben nicht „Sex auf Augenhöhe“. Das sind Gesellschaftliche Missstände. Punkt. Nichts davon ist besser oder schlechter.

SZ: Weshalb haben Sie aufgehört?
Ich habe mich gelangweilt.
Tja, so ist das, wenn man dissoziiert…

Vom Stellenwert der Akzeptanz

Wer kann mich sehen?
Wer kann mich AKZEPTIEREN?

Nicht mich Tolerieren!

Denn du tolerierst nur, wenn du nicht weißt, was du sonst tun sollst, außer die Person umzubringen. 

 

Sonbonfu Somé, Autorin, Rednerin und Lehrerin aus dem Stamm der Dagara 

Die Dimension der Heilung

„Es ist wie bei einem Schock. Alle Energie zieht sich von den Extremitäten zurück, um nur noch die lebenswichtigen Organe zu versorgen. Bei Ihnen ist es gerade ähnlich. Das was passiert ist, war einfach zu viel. Es ist keine Kraft mehr da, sich um das Außen und den Alltag zu kümmern. Ihre Seele hat jetzt andere Prioritäten. Sie braucht die Energie um ihr Innerstes zu erhalten und zu heilen.
Der einzige Unterschied zum investierten Kraftaufwand ist, dass sie dafür leider keinen Uniabschluss oder besondere Auszeichnungen im Außen bekommen. Was sie leisten ist dadurch weniger sichtbar, aber gewiss nicht weniger wertvoll für Sie selbst und unsere Gesellschaft.“ 

Diese Worte meiner Therapeutin haben mich sehr bewegt. Sie bringen sehr gut auf den Punkt, worum es in meiner Situation derzeit und im Leben vieler traumarisierter Menschen geht. Alltagseinbrüche heißen Heilung. Die Anerkennung im Außen dafür fehlt leider häufig.
Neulich habe ich ein Zitat gelesen:
„Jede Frau, die sich selbst heilt, heilt alle Frauen, die vor ihr da waren und all die, die nach ihr kommen.“  
Der Verfasser ist mir leider unbekannt. Gefunden habe ich es hier.
In meinem Herzen gibt es einen Teil, der sich über diese Aussagen freut. Sie zeigen die gesellschaftliche Dimension, die mutige Frauen mit ihrer eigenen Heilarbeit leisten und machen klar, dass Selbstwerteinbrüche nicht sein müssen. Im Gegenteil, sie können stolz auf ihre Courage sein, die sie mitbringen ihren Themen ins Auge zu blicken. Vielleicht sind andere Überlebende, genau wie ich im Moment, über manche Strecken nicht dazu in der Lage, auch noch einen Beruf zu managen oder normalen Alltag zu leben. Sie werden nicht für ihre seelischen Glanzleistung bezahlt und müssen unter Umständen, auf die Versorgung durch den Staat zurückgreifen. Manchmal fallen dann auch noch blöde Sprüche. Man fühlt sich schlecht anderen auf der Tasche zu liegen. Aber hey – es ist ok, dafür aus der Gemeinschaftskasse bezahlt zu werden, dass man Themen therapiert, für die der Staat zu feige ist und sonst keine Lösungen anbieten kann. Für die er es noch nicht einmal hinbekommt, geeignete Therapiemöglichkeiten zu schaffen. Damit meine ich jetzt nicht nur die mangelhaften „Ich stell dich auf die Beine“-Angebote in Kliniken die lediglich funktionierfähig machen sollen. Um Aufarbeitung geht es kaum. Wer das Trauma deckeln kann, gilt als gesund. Was, wenn ich mehr erwarte!? Ich möchte nicht Krankenkassenfinanziert lernen dauerzuverdrängen. Ich möchte mit Empathie und Herzlichkeit auf meine Wunden schauen dürfen. Begleitet. Von Menschen, die Ohnmacht und Schmerz aushalten können und nicht ihre Ziele an mir verwirklichen wollen/müssen.

Das Geschenk der heilenden Frauen an diese Welt ist ein ganz besonderes:
Sie bringen Stück für Stück die Emotionen zurück und ein gesundes Selbst- und Menschenbild in dem euere Kinder sicher aufwachsen.

Bist du schon alt genug?

Etwas zu früh spaziere ich in die Arbeit hinein. In der Küche stehen zwei Kollegen, die sich unterhalten. Ich stelle mich dazu, weil ich mir noch Wasser mit an den Schreibtisch nehmen möchte. Eine Kollegin beschäftigt der Missbrauchsfall eines Kindes aus unserer Region. Mitten im Satz hält sie plötzlich inne, dreht sich zu mir und frägt: „Oh Gott, bist du dafür eigentlich schon alt genug? Kann man mit dir schon über sowas reden?“
Ich bin einigermaßen perplex. Mit allem hätte ich gerechnet, aber ausgerechnet mit dieser Frage nicht. „Öhm ja, ich bin 28“, sage ich, wohl auch, weil es das einzige ist, was mir in dem Moment noch einfällt. Die Kollegin ist beruhigt. Noch im Gespräch denke ich mir, dass ich wohl Dinge weiß und erlebt habe, an die sie alle im Traum nicht denken. Mit dem Alter hat das nichts zu tun…🙄
Was mir dabei wieder mal auffällt:
Es gibt Menschen, bei denen Gewalt und Missbrauch nicht zur Tagesordnung gehören. Die entsetzt sind über die „Einzelfälle“, die es aus der Presse an den Rand ihrer Welt geschafft haben. Die Schwierigkeiten haben sich überhaupt vorzustellen, dass es sowas gibt. Ich habe Mühe mich in diese Lebensrealität hineinzuversetzen. Die Themen begleiten mich täglich. Ganz automatisch. Zwei völlig unterschiedliche Kosmen treffen aufeinander. In Ihrer Welt gibt es mich nicht. Ich existiere nicht. „Gut, dass es sowas in unserer Region nicht gibt.“ Ich stehe neben ihr und bin doch unsichtbar.