Weltausschnitt

Der Wind weht frisch. Zu frisch um auf dem Balkon in eine gemütliche Stimmung zu kommen. Am liebsten würde ich Wärme erzwingen. Leider ist das nicht möglich. Natürlich könnte ich mir ein Feuer schüren oder einfach den Holzkohlegrill anheizen. Vermutlich würden meine Nachbarn dann allerdings denken ich bin in einer esoterischen Krise übergeschnappt. Warum sonst sitzt eine Frau am Sonntag Mittag auf dem Boden in der Sonne, wirkt dabei einigermaßen abwesend, wärmt ihre Hände leicht vor und zurück wippend über der Glutschale, trinkt komisch duftenden Tee und denkt überhaupt nicht daran Fleisch und Würstchen aufzulegen? Ich erspare mir die komischen Blicke, fühle mich aber gedanklich von dieser Vorstellung belustigt. Das könnte die Räucherschale schlecht hin werden, die uns alle von den Maßnahmen der Corona-Pandemie befreit, mich allerdings wieder ein Stückchen näher an die Psychiatrie rückt.

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Beitrag X

Dies ist der x-te Beitrag, den ich in den letzten Tagen angefangen habe. Manch einer ist sogar fertig geworden und doch gähnen sie mich an und wollen noch etwas im Verborgenen schlummern. Unser Bauch wäre nicht glücklich, wenn wir damit jetzt schon in die Öffentlichkeit gingen. Zeit und Geduld mit uns selbst sind gefragt. Unser Körper ist so k.o. wie lange nicht. Die Sonne auf dem Balkon scheint immer noch, aber weiter weg, irgendwie.

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ABC-Etüden: Vogelflug – ängstlich – schwingen

Bild von Алина Осипова auf Pixabay

Vergnügt kletterte sie in den Ästen des alten Nussbaumes umher. Mit Menschen war sie eher ängstlich und zurückhaltend. Die Natur jedoch lockte die Räubertochter aus ihr heraus. In den Flüssen und Bächen bastelte sie kleine Staudämme aus Steinen. Mit Pfeil und Bogen spielte sie Indianer und fesselte den Nachbarsjungen, was ihr nicht nur einmal Ärger aufhäufte. Gespannte Grashalme brachte sie zwischen ihren Fingern zum Schwingen. Das machte einen eigenartig quietschenden Ton und kribbelte an den Lippen. Manchmal musste sie dann kichern. Ihre Gedanken waren frei, so frei, dass sie in der Schule kaum zu zähmen waren. Immer war sie überall und nirgends, doch nie richtig da. „Was soll aus dir nur werden?“, grübelten die Erwachsenen und weil sie die Frage so oft stellten, beschloss sie Versagerin zu sein. Weiterlesen

ABC-Etüden: Gewächshaus – jodhaltig – fälschen

Es war dunkel. Von der Decke hingen knorrig verästelte Fäden. Vom Eingang aus konnte man kaum in das Innere sehen. Manch einer hätte ihn wohl mit einem Mauseloch verwechselt. An den Wänden lugten grobe Poren aus der feinen Lehmschicht. Allerlei Kriechtiere belebten das Heim. Feucht und erdig roch es in den kleinen Höhlen tief im Wurzelwerk. Pilzmyzele durchspannten das Wohnzimmer wie silbrig leuchtende Vorhänge. Kalt umhüllte Erde die unterirdischen Gebäude. Franz fühlte sich dort besonders wohl. Direkt unter dem Fliegenpilz lag seine Wohnungstüre. Gemeinsam mit Frau und Kind war er vor vielen Jahrtausenden hier eingezogen. Seine rote Zipfelmütze hielt ihn warm. Seit Generationen sorgte er mit seiner Zunft als Zwerg für das Leben unter der Erde. Selten kam er an die Oberfläche. Meist geschah dies nur dann, wenn er in den Garten direkt gegenüber des Weges huschen wollte, um etwas Gemüse für die Zubereitung einer köstlichen Suppe zu holen. Wie eine Tarnkappe formte sich dann sein Hut zu einem roten Pilzschirm mit weißen Tupfen. Nur wenige Menschen bemerkten, dass es sich dabei nicht um einen gewöhnlichen Pilz handelte. Die Welt war sein Gewächshaus. Sie bot ihm Lebensraum und alles was er für sein Glück brauchte. Die Währung von Mutter Erde lies sich nicht fälschen. Sie lächelte „Danke“ für seine Arbeit und sah mit dem Herzen. Jedes Wesen trug und nährte sie. Franz freute sich, wenn er ihr im Gegenzug helfen konnte, indem er Wurzelstränge entknotete, Regenwürmer fütterte, die Ernte pflegte und unachtsame Menschen von ihrem Inneren fern hielt. Zu Mittag zauberte er sich herzhaftes Wurzelgemüse. Möhren sind jodhaltig. Das stärkt seine Kräfte. Und wenn er mit Frau und Kind lachend am Esstisch saß, den sein alter Baumfreund ihnen mit der Wurzel formte, dann vergaß er für einen Moment alle Sorgen. „Die Welt ist wunderbar beseelt“, gluckste er mit einem Schluck Beerenschnaps auf der Zunge seinem Zwergennachwuchs zu. „Seele sieht man mit dem Herzen. Der Verstand ist für das wesentliche blind.“

Wer Lust hat bei den ABC-Etüden auch mitzuschreiben findet alle weiteren Infos hier bei Christiane.

Schmuckkörbchen und Traumakisten

In der Tat machen die vielen rosanen und weißen Blüten der „Schmuckkörbchen“ auf unserem Balkon ihrem Namen derzeit alle Ehre. Als mein Blick früh am Morgen von unten in die Pracht des Blumenkastens fällt, blinzelt mir ein Stückchen Himmel zu. Ich schlürfe von meiner Tasse Kaffee. Die Füße ruhen auf dem kleinen Tischchen vor mir. Sonne und Blumenduft geben alles, um uns den Tag schön zu malen. Im Innen fühlen wir uns unendlich traurig. So traurig, dass wir kaum atmen können. Die Sprachlosigkeit macht aggressiv. Während kleine getigerte Schwebfliegen lockerleicht am Nektar schlürfen, schürfen wir tief in alten, unaushaltbaren Verletzungen.

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Freigeist trifft Baumgeist

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Frei wie der Wind saßen wir als Kind oft in einem alten Baum. Wir genossen die Erholung in der Natur. In seinen Astgabeln fühlten wir uns nie alleine. Er war stark und hörte zu. Im Sommer verschwanden wir vollständig unter seinem Blätterdach. Niemand konnte uns sehen. Unter seinem Schutzmantel fühlten wir ein Stück Geborgenheit. Er war ein guter Freund. Wenn die Männer nach uns suchten, machte er uns unsichtbar und unerreichbar. Er tröstete uns über manche Wunde hinweg. Von ihm fühlten wir uns verstanden.
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Wasser im Nabel

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Gerade habe ich den letzten Pflanzkorb in mein kleines Balkonbiotop eingesetzt, da fängt es an zu Donnern. Bald prasselt auch der dazugehörige Gewitterregen nieder. Ich ziehe mich in die Wohnung zurück. Unter der Dusche fühlt es sich fast an, als würden wir mitten im Sommerschauer stehen. Die Luft ist schwül. Unser Magen verspürt einen leichten Hunger. In große Handtücher gewickelt laufen wir in die Küche und schieben uns etwas zum Essen in den Ofen. Dann machen wir es uns im Sessel gemütlich.

Als wir wieder nach draußen treten, um ein Foto vom Miniaturteich zu machen, sieht man aufgrund der Dunkelheit nicht mehr viel von den Pflanzen. Ein bisschen Wasser im Wassernabel können wir noch einfangen. Wie kleine Perlen ruhen die Tropfen in den Blattrosetten. Wir sehen uns um und entdecken auch auf den anderen Pflanzen die kleinen feuchten Kostbarkeiten. „Wasser vom Himmel spendet leben. Das muss teuer aussehen.“ Im Kerzenschein glitzert der Schatz. Wir atmen in die erfrischte Nacht.
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Naturgenießer Sonntag

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Das Gras ist noch feucht, als ich mich mit einer Tasse Kaffee darin niederlasse. Als Unterlage dient mir ein altes Handtuch. Die Katzen kuscheln sich freiwillig in meine Nähe. Von außen betrachtet sieht es aus, als hätten wir eine gemeinsame Morgenkonferenz im Grünen. Zu sagen haben wir uns wohl tatsächlich etwas. Es sind lautlose Dinge wie „Ich hab dich lieb“, „Wir sind ein gutes Team“, „Es ist schön zusammen hier zu sitzen“ und „Lange habe ich nicht Zeit. Ich muss zur Jagd.“

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Kann der Himmel dissoziieren? 🙂

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Ich sitze auf der Bank vor dem Haus. Gräser und Sträucher sind regennass vom Gewitter. Ein paar Regentropfen fallen leise zu Boden. Das ist einer dieser Momente, in denen man in der Stille die Pflanzen atmen hören kann. Wir atmen mit ihnen. Die Luft ist angenehm kühl und rein. Wir beobachten die Katzen und unsere Gedanken. Mal mehr wie eine ferne Landschaftssilhouette am Horizont, dann wieder detailliert wie eine Makroaufnahme. Über uns schweben Wolken, die langsam ihre Form verlieren und als dunstiger Nebelschleier am blauen Himmel übrig bleiben.

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Lila Regen

Wir sitzen auf dem Bett und naschen Heidelbeeren aus einem kleinen Eimerchen. Draußen wird es langsam kühl. Meine Schultern frösteln nahe dem leicht geöffneten Fenster. Während ich so vor mich hin fernsehzappe, wird es dunkel. Die Sonne macht für heute Pause. Ich mache mir ein bisschen Licht an. Bei mir wird es noch etwas dauern, bis ich auch zur Ruhe komme. Solange möchte ich meine Umgebung sehen und nicht nur erahnen können. Als ich bei Pixabay nach schönen Fotos suche, fällt mir eine kleine lila Kuhschelle in die Hände. Purple Rain, denke ich. Wir sollten viel mehr im Regen tanzen.

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