Freigeist trifft Baumgeist

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Frei wie der Wind saßen wir als Kind oft in einem alten Baum. Wir genossen die Erholung in der Natur. In seinen Astgabeln fühlten wir uns nie alleine. Er war stark und hörte zu. Im Sommer verschwanden wir vollständig unter seinem Blätterdach. Niemand konnte uns sehen. Unter seinem Schutzmantel fühlten wir ein Stück Geborgenheit. Er war ein guter Freund. Wenn die Männer nach uns suchten, machte er uns unsichtbar und unerreichbar. Er tröstete uns über manche Wunde hinweg. Von ihm fühlten wir uns verstanden.
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Von der Wahrheit in Träumen

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Ich nehme mit dem Strohalm eine Schluck aus meiner Eisschokolade. Der Sonnenschirm ist längst zugeklappt. Es wäre ohnehin bereits schattig. Ein kühler Wind lässt mich im kurzen T-Shirt leicht frösteln. Die langen weißblühenden Astausläufer der Hecke wiegen sanft im Luftzug. Lila glitzert der Lavendel zu uns herüber. Die durstigen Pflanzen schlürfen mit ihren langen Wurzeln das Gießwasser aus der Erde, während ihnen die Vögel ein Nachtlied singen. Bald wird der Tag auch für uns zu Ende sein. Dann schlafen wir ein und betreten eine „traumhafte“ Welt.
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Tätersprache!?

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Wir sitzen mit den beiden Tigern auf dem Balkon und genießen den Rest des Sommertages. Unsere Haare sind noch feucht vom Schwimmbad. Während wir unsere Bahnen gezogen und im kühlen Nass ein Stück Freiheit genossen haben, suchten wir nach Worten. Seit Tagen setzen wir immer wieder an einen Beitrag zu schreiben und verwerfen ihn dann wieder. Das kommt nicht etwa davon, dass uns die Ideen fehlen. Nein, es liegt daran, dass die Sprache die wir gerade haben, nah am Ghetto schrabbt und nicht mit Kraftausdrücken spart. Sie ist hart und prallt unangenehm auf die Trommelfelle. Mit ihrem Klang durchkreuzt sie die lockere Sonnenstimmung. Sie passt nicht zu den lachenden Momenten am Swimmingpool mit der Durchschnittsgesellschaft. Der Wortschatz ist schonungslos und beschreibt in Details immer wieder die Grauen von einst. Da ist nichts von Umschreibung oder Überbegriffen oder ausgewählten Begrifflichkeiten.
Ich haue das kleine spitze Küchenmesser in die Melone.
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Sag du mir, was ich glauben soll…

„Glauben Sie mir?“ oder „Denken Sie, dass es wahr ist?“ sind wohl Fragen, die jede Überlebende im Laufe ihrer Therapie immer wieder stellt. Über lange Zeit braucht es die Rückversicherung der Therapeutin, wenn im Innen die Zweifel toben. Eines vorab: Es ist im Heilungsverlauf für die Opfer gut, wichtig und richtig sich diesbezüglich bei anderen Menschen rückversichern zu können. Wir sind froh, damals eine Therapeutin an unserer Seite gehabt zu haben, die in den größten Zweifeln die Fahne für uns hoch hielt und uns ohne Kompromisse glaubte. Sie hatte den Mut für uns Position zu beziehen und diese offen auszudrücken. Außerdem möchte man als Mensch auch einfach wissen, was das Gegenüber von der eigenen Geschichte denkt.
Wir wollen in diesem Beitrag heute allerdings den Fokus auf einen anderen Blickwinkel bezüglich der „Glaubensfrage“ richten, den wir an manchen Stellen für sehr wichtig halten. Dafür wollen wir ein bisschen von unseren Erfahrungen erzählen.
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Sonniger Sonntag

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Heute war ein sonniger Tag.
Schon morgens, als wir aufwachten, strahlte uns die Sonne aus dem Bett. Die Welt da draußen vor dem Fenster, sah so freundlich aus. Es war, als würde aus jeder ihrer Poren eine fröhliche Einladung leuchten, doch nach draußen zu kommen.
Bald wagten wir die ersten Schritte auf unseren Balkon. Dort erstarrten wir. Zur Eissäule. Die Wärme war geheuchelt. Bei den eisigen Minusgraden, war die Lust auf Zeit im Freien schnell vorbei. Als wir zurück ins Zimmer traten schmunzelten uns die Katzen blinzelnd zu, als wollten sie sagen: „Hätten wir dir gleich sagen können. Was denkst du, weshalb wir hier noch rumliegen.“ Ok, es stimmt. Das hätte mir tatsächlich zu denken geben sollen. Sowas passiert nur, wenn man nicht auf seine Stubentiger hört. Die Dame des Hauses bewegte sich tatsächlich nicht einen Millimeter von ihrem Schlafplatz weg und der Herr setzte nur einmal kurz eine Pfote vor die Tür und drehte sich dann fröstelnd um.

Wir blieben also im Zimmer, weil wir ohnehin nichts vorgehabt hätten und ein Spaziergang uns in Anbetracht der Tatsachen nicht sehr attraktiv erschien. Hinter der Fensterscheibe war die Sonne wärmer.
So begann ein eisiger Frühjahrstag, an dem wir lange vor uns hin dissoziierten und zwar genau so lange, bis uns die Dissoziation bewusst wurde und uns vor Anspannung die Tränen über die Wangen liefen. Wir klebten in einem Stück von Panik, weil die Abspaltung plötzlich so greifbar war. Natürlich ist das eigentlich nichts Neues, aber es machte uns nun verdammte Angst. Weshalb genau, verschwand im Wattenebel im Inneren. Die Sonne draußen war immer noch da, aber in uns wurde es finster. Die Welt wirkte verschlossen. Oder wir? Oder beide?
Wir begannen uns zurückzusuchen. Was sehen wir? Den Sessel, die Katzen, unsere Küche, die grüne Ablage… Ein klein wenig von uns fanden wir wieder, als wir gerade angestrengt die Einhörner auf der Bettwäsche zählten und dem Geräusch der Stille lauschten.
In vielen Punkten schienen wir uns heute Näher zu sein als sonst. Es triggerte viel mehr, wir spürten mehr und dennoch brachte genau das uns in eine unendliche Entfernung von unserem Sein. Wir waren uns nah im Abgespalten sein. Der Körper saß auf dem Bett. Unsere Seele jedoch flog durch verschiedene Stationen alter Zeiten.

„Merkst du auch, dass wir uns nicht spüren?“, sagte eine innere Stimme leise.
„Ja. Ich merke es. Woran liegt das?“, frage ich zurück.
„Hmm, vielleicht weil uns die Hände gebunden sind?“
„Unsere Hände sind frei“, erkläre ich. „Wir können sie heute frei bewegen.“
„Wir können sie nicht frei bewegen“, erwiderte das Innenkind. „Die Dissoziation hat uns den Körper geklaut.“

Ich bewege mich durch den Raum und lasse frische Luft zur Balkontür herein. In der Kälte werden meine Gedanken klarer, doch der Nebel auf den Sinnen bleibt. Keine Rückholmaßnahme fruchtet wirklich. Irgendwann begreife ich, dass es längst mehr ist, als reine Dissoziation.
Zwei Denkstraßen weiter schüttelt es mich und den ganzen Körper. Eine unsichtbare Macht zerrt mich einzuschlafen. In taubem Dasein sind wir bewegungslos gefesselt und nicht in der Lage zu fliehen. Wir kämpfen. Dann geben wir für einen kurzen Moment kraftlos dem bleiern schwer betäubenden Zustand nach, der auf uns liegt.
Als wir später zu uns kommen, sind wir immer noch benebelt, aber klar in dem, was gerade vor sich ging. Das gibt uns etwas Handlungsfähigkeit zurück.

Dann fließen die Tränen, diesmal, weil die Anspannung abfällt und wir langsam aus dem „Albtraum“ aufwachen. Die Bilder klären sich.

Sonntag, Sonne, Drogenflashback.

Erzähl dir deine Geschichte

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Die Abende sind lang und finster. In der Jahreszeit hängen viele schwierige Erinnerungen. Der beste Grund, um uns eine schöne Geschichte zu gönnen. Wir werden uns heute vorlesen und kindliche Momente gönnen, damit unsere Seelen wieder bei uns ankommen. Im Innen lodert bereits der imaginierte Kamin. In Decken gekuschelt hören wir uns gegenseitig zu und lauschen dem inneren Wissen.

Wir wünschen euch einen schönen Abend!

Man kennt sich…

Eine unserer Fähigkeiten ist es, relativ schnell sagen zu können, ob eine andere Person Traumatisierungen erlitten hat, wie weit diese reichen und ob sie multipel ist. Dafür müssen wir unser Gegenüber nicht kennen. Meist noch nicht einmal mit ihm sprechen. Es reicht, dass wir uns begegnen. Die Erkenntnis liegt auf einem stummen Präsentierteller vor uns.
Als wir noch in einer therapeutischen Einrichtung gearbeitet haben, haben wir unser Wissen manchmal dazu genutzt den BehandlerInnen einen Hinweis zu geben in Richtung Trauma zu denken, wenn Sie mit einer PatientIn einfach nicht voran kamen. Teilweise waren Sie ungläubig und schlossen eine Traumatisierung „in diesem Fall“ aus. Später führten Sie dann doch eine entsprechende Diagnostik durch und waren verblüfft, was sich dabei zeigte.
Andere Multiple berichten von ähnlichen Fähigkeiten. Man kennt sich irgendwie. Intuitiv.

Doch woher kommt das?

Neben dem, dass wir der festen Überzeugung sind, dass Menschen sich gegenseitig sehr gut spüren können, wenn Sie ein Bewusstsein dafür haben und wir durch unsere eigenen Erfahrungen mit Gewalt auch im Außen mit anderen Geschichten von Traumatisierung in Resonanz gehen, gibt es noch einen weiteren Grund.
Training.
Zunächst stellt es in organisierten Kreisen eine Überlebensnotwendigkeit dar, andere Menschen so schnell wie möglich einordnen zu können. Auch die Opfer.
Zudem lernen bereits Kinder Persönlichkeitssysteme zu durchblicken und zu kartieren. Wer später einmal ein guter Programmierer werden soll, dem dient es als Grundfähigkeit sämtliche Formen der Dissoziation blind einordnen und erkennen zu können. Dazu gehört die tiefe der Dissoziation ebenso, wie das System nach dem eine Person handelt. Stimmt die Dissoziationstiefe bei der Programmierungssituation nicht, fliegt einem später, wenn es schief läuft das gesamte System um die Ohren. Die Abspaltungen werden unkontrollierbar. Die Personen im Alltag auffällig. Das ist der „Worst Case“ für einen Programmierer.

Und wobei hilft die Fähigkeit nach dem Ausstieg?

Sie hilft sich selbst und die eigenen Dissoziationsstufen einzuordnen und verschafft einen Überblick über die eigenen inneren Grundmechanismen. Dazu kommt: Menschenkenntnis schadet nie. Wer sein Gegenüber schnell einordnen kann, ist auch in der Lage gut auf sich aufzupassen und Täter zu erkennen.

Wattebauschstop

Der Mond steht oben am finsteren Nachthimmel.
Das Wasser in den vorbeiziehenden Regenwolken schimmert bunt in seinem Schein.
Eigenartig.
Das habe ich so von der Nachtsonne noch gar nicht beobachtet…
Kurz verweile ich in Gedanken bei dem Schauspiel.
Während Frau Luna so mystisch verschleiert da oben steht, reicht es mir plötzlich. Ich gehe mir mit meiner Wattebauschflaumalleswirdgutwerferei selbst auf die Nerven.
Den ganzen Tag sind wir bemüht darum das Beste aus der Zeit zu machen. Trommeln, trinken, essen, ruhen, spielen, schreiben… leben. In unserem Kopf die lange Leier was mittlerweile alles besser ist als damals. Und es stimmt und es ist gut so. Jetzt aber ist es genug. Wir können es nicht mehr hören. Die Gefühle überrollen uns. Sie stoppen unsere Gegenwartsklammerversuche an bessere Zeiten. Kein „Hakuna matata – die Sorgen bleiben dir immer fern“. Die Füße zappeln nervös unterm Tisch. Wir könnten in’s Bett gehen und uns die Decke über den Kopf ziehen. Was würde es nützen? Die Bilder und Gefühle sind ja doch in uns. Der Körper bebt. Mal vor Angst, dann wieder vor Wut und Zorn. „Miese Dreckschweine“, denke ich. An den Emotionen, die nun innerlich vibrieren ändert kein Schöngeist etwas. Sie müssen raus. Ungeschönt. Die „nackten Tatsachen“ von damals bleiben nackt. Sie waren roh und brutal. Da nutzt kein Weichzeichner. Die Erinnerungen lassen einen Gefühlsnerv in uns anspringen, der uns zerreißt. Die Welt teilt sich: Wir stehen an der Schwelle, an der unser Bewusstsein nichts begreift und wir doch alles spüren. Wir erleben den Kampf zwischen „Das war so furchtbar! Niemals mehr wollen wir das erleben!“ und „Es wäre gut, wenn es nochmal so wäre! Wir wollen, dass es jetzt passiert“. Die paradoxe Welt ist sich im Kern erstaunlich einig: Der Schmerz soll aufhören! Egal wie.
Die inneren Mono- und Dialoge fluten wie Wellen durch die Bewusstseinsgänge. Wir hadern. Mit uns. Mit dem Schicksal. Mit dem Vergangenem. Mit dem Jetzt. Bis wir auch darauf irgendwann keine Lust mehr haben. Oder keine Kraft dafür. Bis wir einfach von gar nichts mehr etwas hören wollen und alles doof finden.
Wir entscheiden uns mit dem Schlaf aus den Gedankenschleifen auszubrechen.
Ein neuer Tag bringt eine neue Sicht.
Vielleicht.

Traum vom Trauma

Ich wache auf, weil jemand meine Hand auf sein steifes Geschlechtsteil drückt und sie dort bewegt. Meine Handflächen spüren die Details. Die Augen zu öffnen und damit dem Täter deutlich zu machen, dass ich nicht mehr schlafe, wage ich nicht. Die Szenerie setzt sich fort, bis er irgendwann auf mir liegt. Die Vergewaltigung ist absehbar. Ich halte mich still und scheinschlafend. Die Angst ansonsten umgebracht zu werden, ist zu groß. Im Kopf rasen die Gedanken auf der Suche nach einer Lösung, wie ich entkommen könnte.

Irgendwann wache ich wirklich auf. Der Alptraum lässt mich für den Moment reglos und verwirrt im Bett liegen. Ich blicke mich um. Ich bin allein. Langsam gewinne ich Fassung. Es ist Jahre her.

Heute war es nur ein Traum.
Aber auch mehr als das.
Es ist Erinnerung.

Halbschlaf und traumabedingte Dissoziation sind oft nahezu Todesurteile für jedes Erinnerungsvermögen. Zumindest stimmt das für uns. Wir erklären uns das so: Durch den Schlaf besteht schon vor der Traumasituation kein waches Bewusstsein, mit dem man speichern könnte. Der „Traumcharakter“, den Dissoziation vermittelt, lässt sich nicht oder noch schlechter hinterfragen oder einordnen, wenn man ohnehin gerade „träumt“. Wenn überhaupt etwas blieb, war es oft Verwirrtheit: War ich wach oder hab ich geträumt oder was war das heute Nacht!? Manchmal auch ein komisches Gefühl oder ein ziehender Schmerz im Unterleib, der schnell wegrationalisiert war… Am anderen Morgen wach zu werden und einfach gar nichts mehr zu davon zu wissen, war aber ebenso häufig der Fall. Ein bisschen viel Watte vielleicht, dumpfe unreale Wolke am folgenden Tag. „Irgendetwas ist nicht gut, aber was?“

Meine Erinnerungen an Situationen in denen ich im Schlaf missbraucht wurde, kommen hin und wieder im Traumschlaf zurück. Manchmal nicht eins zu eins, sondern mit anderen Traumelementen vermischt.

Manche Träume sind Träume.
Andere sind Wirklichkeit, die sich im Traum zeigt.
Nicht jeder Traum ist Phantasie, nur weil das Geschehen dem Bewusstsein zu surreal erscheint, um wirklich zu sein.
Träume sind Tore zum Bewusstsein.
Im Schlaf öffnen sich die Schlösser.
Die gequälte Seele kehrt im Traum zurück.

Katzenträume

Die Katze ist gerade dabei es sich auf unseren Oberschenkeln gemütlich zu machen. Wir sind müde und doch wach. Es ist mitten in der Nacht. Im Kopf bewegen sich Gedanken. Sie suchen einen Schlafplatz.
Eigentlich ist Sommer. Diese Sommernacht ist kalt. Wir ziehen uns die Decke bis zum Kopf. Zu warm. Füße wieder raus. Unser traumageschädigter Darm macht einen Gluckser – wohl eher nicht vor Freude. Eine zweite Fellnase schaut uns auf einmal tief in die Augen. So tief, dass die Schnurrhaare unsere Wangen kitzeln. Schnurren, Treteln und ein lautloses: „Du liegst falsch. Könntest du bitte endlich die Seite wechseln und mich streicheln!?“ Wir kommen der Bitte nach. Die andere Seite war eigentlich bequemer. Mit der Hand im weich-warmen Katzenfell kommen die Kinder zur Ruhe. Ein Lächeln huscht über die traurigen Lippen. Bald wollen die Augen schlafen. Mit beiden Katzen im Arm schlummern wir ins Land der Träume.
Danke, kleine Katzentherapeuten!