Ich wollte nie

Ich wollt‘ mich nie entscheiden –
weder für euch noch für mich.
Wollte immer einfach nur da sein,
doch diesen Ort den gab es nicht.

Ich wollte nicht mehr oder weniger lieben
oder einen Elternteil besser finden,
denn in mir wäre eigentlich Platz gewesen
um mich an mehrere Menschen gleichzeitig zu binden.

Ich wollte nie Papas Frau sein
oder Mutters Mutter ersetzen,
denn am Ende bleiben davon im Herzen
nur bittere Erinnerungsfetzen.

Ich wollte nie mit all den Männern schlafen,
und dabei mich selbst vergessen um zu überleben.
Doch in all den schrecklichen Jahren
konnte niemand einfach bedingungslos geben.

Ich wollte niemals allein sein
und in der Ecke mein Dasein fristen,
doch allein sein war irgendwann besser,
als all die Männer und Folter und enge in Kisten.

Ich wollte nie euer Kind gebären
und all die menschliche Grausamkeit sehen,
aber ihr habt bestimmt mit eiskalter Hand –
vom Samen bis zu den Wehen.

Ich wollte nie euer Roboter sein
und dennoch habt ihr mich dazu gemacht,
denn wenn andere vor Schmerzen schreien,
ist es das, worüber ihr lacht.

Ich wollte nie gebrochen sein
und in tausende Teile zersprungen,
aber alleine hätte ich sicher die Qualen
niemals bis heute bezwungen.

Ich wollte immer nur ich sein
und gut und geliebt genau wie ich bin
und mein Herz, es wäre erfüllt gewesen,
denn nur so macht das Leben auch Sinn.

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Ein Weihnachtsmorgen

Es ist noch grau finster, als ich die Augen aufschlage. Die Katze möchte nach draußen. Vermutlich wird sie ihr Näschen nur eher kurz hinausstrecken. Aufstehen lohnt sich kaum. Regentropfen rollen die Fenster hinunter. Meine Tränen warten auf Januar.

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Der Freier

Du sagst du bist Freier
und damit hast du recht,
denn du darfst hier wählen
und ich sitz‘ hier fest.

Du nennst mich Nutte
und stempelst mich ab
und vergisst dabei ganz,
was mir den Namen gab.

Du frägst nicht nach dem Alter,
oder wie es mir geht,
weil all dein Interesse allein
an Körperöffnungen besteht.

Manchmal denkst du, du wärst anders,
denn du kommst nur zum Reden
und vergisst dabei eins:
Man kann auch sprechend Grenzen übertreten.

Egal was du tust,
immer bin ich dein Objekt,
dass für etwas Geld im Beutel
menschliche Schwächen überdeckt.

Ich bin dein Ausweg, deine Machttankstelle,
auf der Flucht vor dir selbst
und ich zahle mit Schmerzen,
wenn du mich bestellst.

Doch ich tue es ja gern
und natürlich mit freiem Willen,
anders könnte ich die Panik,
die du mir machst, gar nicht stillen.

Wenn mich nicht täglich Dissoziation
vor mir selbst bescheißen würde,
wären Männer wie du
eine riesige Hürde.

Niemals dürftest du mir nah sein
oder von deinen Gedanken erzählen,
denn dann hätte ich ja Selbstwert
und der liese mich wählen.

Doch es reicht dir,
wenn ich zerbrochen lachend
deinen Bedürfnissen genüge.
Für jedes andere Verhalten
kassier‘ ich ohnehin eine Rüge.

Ich bin dein Roboter,
von meinen Tätern, dazu gemacht
und ich gab mein Leben
für deine kurze Nacht.

Wie komm ich nur auf sowas!?
Es geht doch bloß um Lust und Spaß
und weil nicht sein kann, was nicht sein darf:
„War da was!?“

© Sofies viele Welten

Schmuckkörbchen und Traumakisten

In der Tat machen die vielen rosanen und weißen Blüten der „Schmuckkörbchen“ auf unserem Balkon ihrem Namen derzeit alle Ehre. Als mein Blick früh am Morgen von unten in die Pracht des Blumenkastens fällt, blinzelt mir ein Stückchen Himmel zu. Ich schlürfe von meiner Tasse Kaffee. Die Füße ruhen auf dem kleinen Tischchen vor mir. Sonne und Blumenduft geben alles, um uns den Tag schön zu malen. Im Innen fühlen wir uns unendlich traurig. So traurig, dass wir kaum atmen können. Die Sprachlosigkeit macht aggressiv. Während kleine getigerte Schwebfliegen lockerleicht am Nektar schlürfen, schürfen wir tief in alten, unaushaltbaren Verletzungen.

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Sie als Erwachsene können das doch – Vom Mythos der unbeteiligten Alltagspersonen

Wie oft haben wir in unseren Therapien Sätze gehört, die in folgende Richtung gingen: „Es ist wichtig, dass sich jetzt die Erwachsene darum kümmert.“ „Sie als Erwachsene wissen es doch besser.“ „Als Erwachsene können sie das doch.“ „Das Kind fühlte sich schuldig, aber sie als Erwachsene wissen, dass es nicht schuld war.“ „Es ist klar, dass es die Kleinen überfordert, aber sie als Erwachsene…“ Immer wenn ich so etwas höre, möchte ich am liebsten in die Tischkante beißen. Oftmals entsteht der Eindruck, als wäre man von all der erlittenen Gewalt als Alltagsperson unbehelligt, nur weil man funktional den Alltag regelt. Die Traumata tragen ja die anderen oder etwa nicht!?

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Expecto Patronum

Es gibt wohl tatsächlich derzeit nichts, was wir uns mehr wünschen würden, als einen Patronus-Zauber, der uns vor den dunkelsten Momenten bewahrt. Ein bisschen Licht, aus den glücklichen Stunden unseres Lebens, das die Hölle erträglicher macht. Wir sind mit unseren Kräften am Ende. Physisch und psychisch. Für viele Tage war es uns nicht möglich auch nur ansatzweise aufzustehen. Eine maximale Erschöpfung drückt uns nieder. Nach drei Schritten sind wir so kaputt, dass wir außer Atem geraten und uns wieder setzen müssen. Jeder kleine Reiz verursacht schmerzhafte Übererregung im Gehirn. Suchtdruck stellt sich ein. Alkohol, Zigaretten, Drogen… egal. Es kostet die letzten Kapazitäten keinen dieser Wege zu gehen.

All das kam mit seinen Extremen nach der letzen Konfrontation. Tränen brechen seitdem immer wieder schwallartig und unkontrolliert aus uns hervor. Dazu kommt, dass wir vermutlich in diesem Zustand entlassen werden. Die Klinikzeit geht zu Ende. Es gibt keine Verlängerung, weil das der Therapeutin zu viel wäre. Ja, ihr. Nicht uns oder der Krankenkasse. Aber das steht nochmal auf einem anderen Blatt und würde als Thema für einen eigenen Beitrag reichen.

Im Moment bleibt uns nur zu hoffen, dass wir nicht an die Wand konfrontiert wurden und sie tatsächlich weiß, was Sie tut. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. „Expecto Patronum“, flüstere ich und wiege mich selbst im Arm. „Expecto Patronum, kleine Sofie.“

Einen an der Waffel

Strahlender Sonnenschein lockt an diesem Tag aus der Klinik zum Spaziergang. Das Wetter gibt alles, um uns Auszeit vom stressigen Reha-Alltag zu verschaffen. Wir freuen uns zwar über die wärmende Einladung, unsere Kräfte bleiben allerdings maximal erschöpft. Vielleicht kann ja Kaffee und Kuchen helfen, um die Reserven wieder aufzufüllen.

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Frohe Weihnachten

❤️

Sofie und die bunten Schmetterlinge wünschen euch allen von Herzen frohe Weihnachten und eine schöne, besinnliche Zeit!

Mögen alle in diesen Tagen in innerer und äußerer Sicherheit sein und die Hilfe erhalten, die sie brauchen, um sich schützen zu können.

❤️

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Wintersonnenwende reloaded

21.12.2018
Es ist Nacht.
Genau genommen kurz nach Mitternacht,
als wir aus dem kurzen Schlaf hochschrecken und denken wir müssen sterben. Der Kreislauf kollabiert. Das Herz rast. Erst vor einer halben Stunde hatten wir uns hingelegt. Nun ist die Nacht vorbei. Wir kämpfen schweißgebadet in unseren Sicheren vier Wänden ums nackte Überleben. Immer wieder sacken wir in kurze Ohnmacht. Irgendwann wissen wir nicht mehr was die Panik macht. Lässt die körperliche Ohnmacht die Panik aufkommen und das Herz rasen, rast das Herz aus Angst vor der Ohnmacht oder werden wir vor Angst ohnmächtig!? Wir beten, dass der Zustand keine körperliche Ursache hat. Gegen morgen beruhigen wir uns etwas und schlafen erschöpft ein.
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Wegfahrsperre und neue Heimat

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Mehr als ein dreiviertel Jahr ist seit meinem Umzug jetzt vergangen. Mehrere hundert Kilometer vom ursprünglichen Wohnort entfernt hat sich einiges verändert. Am Anfang sehr schleichend und subtil, mittlerweile deutlich spürbar. Einige Erkenntnisse kamen durchaus überraschend, nachdem ich vorher immer behauptet hätte, dass ich mit der geographischen Nähe zu den alten Tätern durchaus gut leben kann, solange sie mir vom Hals bleiben. Der Rückblick erzählt eine andere Geschichte.
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