Tote trinken keinen Kaffee

Meine Beine sind hochgelagert. Mit dem Rücken bin ich stabil gegen die hohe Sofalehne gerückt. Ich starre regungslos in die Ferne. Weit weg höre ich eine vertraute Stimme. „Sofie, komm zurück! Ich bin da.“ Doch ich komme nicht zurück. Die Welt um mich, die ich ohnehin kaum wahrnehme, versinkt völlig im Schwarz. Als ich erneut zu mir komme, blicke ich in Augen voller Tränen. „Ich weiß es war schlimm. Ich bin da. Bleib bei mir.“ Schmerz schießt mir durch den Körper. Nichts von dem was geschieht verstehe ich auch nur ansatzweise. Weder weiß ich wo ich bin, noch weshalb. Nur die freundliche Stimme dringt immer wieder an mein Ohr und zieht mich ins Bewusstsein. Zitternd beben meine Zellen. Schauer überlaufen mich. „Magst du etwas trinken? Kaffee für den Kreislauf?“ In Fluten brennend heißer Schmerzen, die meinen gesamten Körper durchzucken, versuche ich zu sortieren, was überhaupt passiert ist. „Bist du echt?“, frage ich. „Ja, ich bin echt. Ich bin da.“ „Ich bin tot“, sage ich und weiß nicht, ob ich gestorben bin oder noch einen Körper habe. Denn irgendwie ist er weg, auch wenn er weh tut. Er ist nicht mehr meiner. Ich bin nicht mehr hier auf dieser Welt.

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121 Bullet Journal Printables für PTBS & dissoziative Störungen

Die Jahre haben gewechselt und ein neuer Kalender beginnt. Die sehr personalisierte Form eines Jahresplaners stellt ein Bullet Journal dar. Es ist flexibel gestaltbar und geht mit dem Inhalt über bloße Terminaufzeichnungen hinaus. Die liebe Sonrisa hat vor einiger Zeit auf ihrem Blog einen Beitrag geschrieben, in dem sie Tipps und Tricks zum Bullet Journal teilt. Zudem sind auf ihrer Seite schön gestaltete Printables für den Umgang mit PTBS zum Ausdrucken verfügbar. Mit ihnen lassen sich viele Symptome gut verfolgen. Wer kreativ ins neue Jahr starten und dabei noch seine Gesundheit im Auge behalten möchte, findet in verschiedenen Artikeln auf dem Blog eine wahre Fundkiste zum Gestalten eines Notizbuches, dass für Betroffene von Traumafolgestörungen einen echten Mehrwert besitzt. Optimal sind die Materialien gerade auch für Neueinsteiger oder Menschen, die sich nicht für ausreichend kreativ halten. Sie schaffen einen barrierefreien Zugang zu ersten Versuchen.


Viel Spaß beim Stöbern und Selbermachen! 🖌📔


DIS...tanz

Hallo an alle,

eines der ersten Dinge, die ich mit meinem neuen Zeichenbrett probiert habe, waren Bullet Journal Printables. Ich bekomme immer noch ab und an Post zur Bullet Journaling Serie hier im Blog – manche sind noch unschlüssig, ob das etwas für sie ist oder wissen nicht genau, wie sie beginnen sollen. Das hab ich mir überlegt:

  • November ist der beste Monat für einen Testlauf. Im Dezember geht es vielen Traumapatienten nicht so gut. … und bis Januar kann man dann entscheiden, ob man einen Versuch wagen möchte und ein BuJo beginnen…
  • Du kannst die Printables einfach downloaden und ausprobieren, wenn Du möchtest… Bei manchen füge ich ein Foto der ausgefüllten Seite hinzu, damit Du siehst, wie man die Seiten verwendet.
  • Das meiste habe ich mit Tieren illustriert. Ich hoffe, das ist für alle unverfänglich-triggerfrei.
  • Als Format habe ich – ziemlich unüblich – A4 gewählt, damit die Seiten einfach…

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Wenn meine Tränen…

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Wenn meine Tränen Sprachen sprächen,
dann flössen sie in Tränenbächen
ganz bunt mit eignen Ausdrucksweisen
laut schluchzend und zu Boden reißend,
bis zart und leise fröhlich glucksend,
schweigend still und gar nicht mucksend,
die Freud‘ und auch den Schmerz ertragend,
am Ende Herz und Seele labend
ins Seelenmeer.

Wenn meine Tränen Menschen wären,
dann würden sie den Menschen ehren
und mit Respekt vom Leid erzählen
bis es aufhört ihn zu quälen,
von Lasten, Angst, Not und Gewalt,
von Seelen ohne Hilf’ und Halt,
die trotzdem stumm ihr Leben meistern
im Kampf mit den Gesellschaftsgeistern,
weil niemand hören will.

Wenn meine Tränen Wunden wären,
dann würd’ ich wohl zu Grunde gehen,
blutüberströmt am Boden liegen
von wortgeformten Dolcheshieben,
zermartert todgeschunden weinend,
nach außen fröhlich lachend scheinend,
am ersten Hilfekurse scheitern,
die Sicht um Seelennot erweitern,
weil kein Arzt sie nähen kann.

Weil meine Tränen Heiler sind,
mit Lieb’ und Fürsorg’ für das Kind,
verbinden sie die Wunden selbst,
entlasten Not, wenn es mal fällt,
sind Zeugen – niemals an mir zweifelnd,
die Seele zart und friedvoll streichelnd,
bedingungslos an meiner Seite,
geben sie in der Nacht Geleite,
lösen aus Muskeln starre Krämpfe,
während ich für mein Leben kämpfe,
bis wir uns in den Armen liegen
und uns glücklich dafür lieben,
dass wir uns selbst gefunden haben,
aus Wunden wurden schöne Narben.
Lasst voll Triumph den Sieg begießen:
Nun können Freudentränen fließen.

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Trauma heißt Verleugnung

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Immer wieder zweifeln Betroffene an ihrem Trauma. Scham und Schuldgefühle beuteln die Opfer, die eine Realität für gegeben nehmen müssen, die für sie selbst nie – noch nicht einmal während des Ereignisses – als real wahrnehmbar war. Für die Täterlobby stellt das ein gefundenes Fressen dar. Die Verleugnung wird schwubsdiwups zur Scheinwissenschaft über „False Memories“ umfunktioniert, um die Täter zu entlasten. Andere Wissenschaftler forschen dazu, weshalb Menschen selbst nachweislich stattgefunden Traumata vergessen und verleugnen. Dabei lässt sich ein Trauma ganz einfach definieren: Es ist die Zeitgleich mit der Tat beginnende konsequente Verleugnung der Realität, die als solche ansonsten nicht aushaltbar gewesen wäre.
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Suizid nach Vergewaltigung

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Ich liege im Bett. Es ist früh am Morgen. Die Katze schnurrt neben mir. Wir kuscheln uns beide in die warme Decke. Meine Gedanken beginnen den Tag mit einem traurigen Thema – dem Tod durch die Folgen von Vergewaltigung. Dabei geht es mir als Ursache gerade weniger um direkte Verletzungen oder Schockzustände während dem Trauma selbst, als mehr um die langfristige Gefahr deshalb verfrüht aus dem Leben zu scheiden. Neben körperlichen Spätfolgen durch den posttraumatischen Dauerstress ist auch die Suizidwahrscheinlichkeit drastisch erhöht. Vergewaltigung ist damit ein Verbrechen, das leider allzu oft permanente Todesnähe in das Leben der Opfer bringt.
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Das leere Gesicht der Dissoziation

Zustände von Leere begleiten uns durch unser gesamtes Leben. In vielen Situationen waren sie überlebenswichtig. Heute verhindern sie manchmal, dass wir das Leben spüren, wenn sie uns zeigen wie „leer“ unser Leben war.

Ein bisschen stelle ich mir diese absolute Taubheit vor, wie eine alte weise Frau mit einem großen Beutel voller kleiner und größerer Gefäße. In den dunkelsten Stunden setzt sie sich zu uns. Dann nimmt sie mit ihrem Zauber allen Schmerz in ihre Fläschchen und schafft einen Raum der Stille im geschundenen Seelenkörper.

Früher hat Frau Leere uns in todesnahen Momenten oft besucht. Todesnah, das war nicht nur, wenn unser Herz aufhörte zu schlagen. Todesnah waren für das Kind auch die Erlebnisse, in denen seine Seinsberechtigung verbal ausradiert wurde und Situationen in denen es vor lauter Schmerz nicht hätte im Körper bleiben können.
Im Alltag war Frau Leere eine große Hilfe. Ohne sie hätte ich nicht lächelnd zur Schule gehen können. Sie schob mir Boden unter meine Füße und erlaubte es mir in getrennten Welten die jeweils geforderten Höchstleistungen zu bringen.

Heute sitze ich manchmal mit ihr da, starre zum Fenster hinaus oder einfach nur die Wand an. Dann nimmt Frau Leere meine Hand und schenkt mir einen Tropfen des alten Schmerzes zurück. Eine kleine Essenz aus meinem Sein. Plötzlich füllt sich dann der Augenblick mit tränenüberströmten Wunden. An die Stelle der Taubheit tritt zerbersten. Ich fühle mich und die Anderen und das ist schrecklichschön. Dann bleibt mir nur zu atmen. Durch die Schauer hindurch. Bis ich am Ende ein Stück meines Selbst geboren habe und erschöpft in Frau Leeres Arme falle. Meist hat auch sie sich dann verändert. Sie lächelt milde und ist nicht mehr ganz so groß. Vorerst hält sie mir den Rücken frei und lässt mich die Eindrücke verdauen.

Danach beginnt ein neuer Zyklus des uns selbst Gebärens unter dem Schuztmantel der Leere.

Die Zeit zwischen den Stunden

Heute vormittag hatten wir eine sehr anstrengende Therapiestunde. Wir konnten viel besprechen und uns Teile einer Erinnerung ansehen. Das hat ein Stück erleichtert. Dennoch kostet es Kraft.
Nach solchen Einheiten ist es uns wichtig auch nach der Therapie genug Raum zu haben, um mit uns in Kontakt bleiben zu können. Die Arbeit hört nicht auf, wenn wir die Praxis der Therapeutin verlassen. Im Gegenteil. Viele wichtige Prozesse beginnen genau jetzt im System zu wirken. Meistens haben wir dann das Bedürfnis uns zunächst sicher zurückzuziehen. So können wir die vielen Eindrücke oft am Besten verarbeiten. Manchmal trinken wir auch vor Ort noch einen Kaffee, wenn wir es brauchen, um uns zu orientieren und sicher Autofahren zu können. Besonders wichtig ist uns in der Nachwirkungszeit, dass wir uns gut versorgen. Dazu gehört beispielsweise darauf zu achten ausreichend zu trinken und auch vernünftig zu essen. Das beugt zum einen Heißhungerattacken vor, die wiederum schwieriges auslösen würden und zum anderen braucht unser Körper einfach wichtige Nährstoffe für die Leistung, die er bei der Verarbeitung bringen muss. Essen wir direkt nach der Therapiestunde zu viel Süßes, haben wir festgestellt, dass wir damit den Heilungsprozess ein Stück unterbrechen. Gefühle lassen sich für uns damit nochmals wegdrücken. Das hilft auf der einen Seite zwar super gegen den Schmerz, verhindert aber auch, dass er realisiert und damit letztlich verarbeitet werden kann. Wir verbieten uns den Zucker nicht grundsätzlich, weil das zu nichts führt. Spätestens am Abend habe ich dann den unwiderstehlichen Drang mir ein ganzes Süßigkeitenregal einzuverleiben. Ein Rippchen Schokolade oder ein Stück Kuchen sind zum Kaffe nach der Therapie deshalb völlig ok. Aber dabei sollte es auch bleiben.

Bei den Kleinen war nach der Therapie heute der Wunsch da Pizza selbst zu machen. Dem bin ich gerne nachgekommen. Den Pizzateig haben wir uns fertig gekauft. Für den Belag wählten wir Zutaten, die uns möglichst allen schmecken und schnippelten sie gemeinsam klein. Auf der Pizza haben wir verschiedene Zonen eingerichtet, die jeweils unterschiedlich belegt waren. Als Große tat mir die gemeinsame Aktivität gut, weil ich mich und die Anderen weiter spüren konnte. Das half mir auch mit dem Schmerz durch Erinnerungen umzugehen und orientiert zu bleiben. Für die Kleinen war der Kontakt ein Stück Trost und gesehen werden. Insgesamt war es einfach schön gemeinsam für unser Essen zu sorgen und dabei Spaß zu haben.
Mit ein bisschen frischer Luft und Sonne auf dem Balkon war der Nachmittag schnell vorüber.

Bis zur nächsten Therapiestunde dauert es nun sieben Tage. Zeit, in der wir im innen intensiv damit beschäftigt sind Dinge nachzubereiten und die neuen Themen vorzubereiten, an denen wir mit unserer Therapeutin anknüpfen wollen. Zu der intensiven Beschäftigung gehören übrigens auch (Denk-)Pausen. 😉 Was wir in der Zwischenzeit nicht machen, ist nach Erinnerungen zu bohren. Wir gehen mit dem um, was auftaucht. Für direkte Arbeit nutzen wir die Therapiestunde. Mit professioneller Begleitung sind wir besser abgesichert, das hochkommende Material auch halten zu können.
In unserem Bullet Journal gibt es eine eigene Rubrik, in der wir alle wichtigen Eindrücke und inneren Vorgänge der Woche kurz festhalten. Das verschafft uns einen Überblick, ob etwas anderes angetriggert oder problematische Erinnerungen oder Programme ausgelöst wurden. Beispielsweise haben wir auf diese Art herausgefunden, dass eine bestimmte eigentlich normale Frage am Anfang der Therapiestunde bei uns dazu führt, dass wir keinen Zugang mehr nach innen haben und plötzlich alles gut scheint. Der Zusammenhang wäre uns so schnell wahrscheinlich nicht bewusst aufgefallen, wenn wir nicht die Wochen schwarz auf weiß hätten vergleichen können.
Aber auch schöne Momente werden erwähnt oder wenn etwas besonders gut klappt. Später können wir sie dann einfach nachlesen und uns daran freuen. Erfolge werden so ebenfalls gewürdigt und sichtbar.
Grundsätzlich will ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass wir gut darauf achten, nichts aufzuschreiben, was jemand innen nicht niederschreiben möchte. Das muss auch respektiert werden. Wenn es mal wirklich wichtig sein sollte, sprechen wir in Ruhe darüber.

Ansonsten ist uns aufgefallen, dass es für uns sehr viel leichter ist die Zeit zwischen den Stunden zu überstehen, seit wir sie als zur Therapie gehörig betrachten und sie dementsprechend strukturieren. Auf diese Weise ist es kein Warten mehr, bis mit der Therapeutin endlich wieder etwas weiter geht, sondern wir lernen uns auch zwischen den Stunden kennen und machen praktisch täglich ein bisschen Arbeit für uns und das nächste Treffen mit unserer Helferin. Es ist nicht mehr Therapie mit der übergoßen Lücke in der Zeit bis zum nächsten Mal, sondern Therapie und der dazugehörige therapeutische Prozess in den Zwischenzeiten. Die Elemente gehören zusammen.

Und ab und zu ist es natürlich auch einfach wichtig, sich entspannt zurück zu lehnen, die Dinge für den Moment einfach so stehen zu lassen, abzuwarten und Tee zu trinken. 😉
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Flashback im Tarnumhang – Angststörung oder Posttraumatische Belastungsstörung!?

Ängste spielen nicht nur bei Angststörungen sondern auch als Symptom der Posttraumatischen Belastungsstörung eine Rolle. Dabei können sie beispielsweise als Gefühlsflashback getarnt auftreten. Wir kennen mehrere Personen, die jahrelang wegen teils schweren Angststörungen behandelt wurden, aber einfach nicht weiter kamen. Erst als erfahrene Therapeuten die dissoziative Komponente erkannten und begannen die Hintergründe in die Behandlung einzubeziehen, wurden die ungreifbaren Ängste beeinflussbar.
Was die Betroffenen oft auch vereint: Außer den plötzlichen heftigen Angstattacken gibt es anfangs scheinbar keine weiteren Symptome. Im Falle einer PTBS ist dies durch die Fragmentierung der Erinnerung erklärbar. Das Angstgefühl kommt ohne dazugehörigem Bild zurück. Die Auslöser der Gefühlsflut sind so aus dem Zusammenhang gerissen schwer auszumachen.

Bei chronisch traumatisierten Menschen ist der unerklärliche Affekt häufig mit den dissoziierten Persönlichkeitsanteilen verbunden.
Bei uns zeigt sich das beispielsweise darin, dass wir Angst haben ohne den Grund zu kennen. Manchmal stelle ich im Alltag auch fest, dass meine Beine beginnen wegzulaufen ohne dass ich noch in der Lage bin dies zu beeinflussen. Im Unterricht, ist mir das etwa einmal passiert, als eine Lehrkraft widererwarten maskiert erschien. Ich war schon aus dem Raum gelaufen, ehe ich überhaupt die Situation richtig realisiert habe.

Doch es gibt auch viel subtilere Situationen. Dann merke ich nur wie ich etwas benommen werde. Angst spüre ich keine. Dennoch wird mein Verhalten beeinflusst. Ich bin dann irgendwie gedankenlos. Biege mit dem Auto vielleicht auch noch mehrmals falsch ab. Der Zustand bleibt vage.
Noch weniger greifbar wird es, wenn sich einfach nur meine Meinung zu einer Sache ändert. Ich wollte beispielsweise grade noch einkaufen gehen und im gleichen Moment scheint mir etwas anderes viel wichtiger, obwohl ich eigentlich dringend Lebensmittel benötige. Oder ich habe mit Freunden ausgemacht und mich sehr auf ein Treffen gefreut. Kurz vorher habe ich aber plötzlich keine Lust mehr. Wenn ich im Nachhinein auf die Situationen schaue, kann ich manchmal feststellen, dass jemanden im Innen der Umgang mit Menschen überfordert hätte.

Das charakteristische für diese Angst als Traumafolge besteht für uns klar darin, sie oft nicht einordnen zu können. Das „Warum?“ fehlt und wenn es vorhanden ist, scheint es dennoch distanziert oder unzureichend. Beim Erzählen von solchen Situationen haben die Behandler oft ebenfalls das Gefühl „ins schwimmen“ zu geraten. Eine ehemalige Therapeutin beschrieb das für sich einmal so: „Die Patientinnen erzählen etwas, was sich schon beim Zuhören sehr diffus anfühlt. Sie sagen z.B.: Das war so ein schöner Spaziergang durch die Allee. Die Sonne schien. Auf einmal war da Angst, aber eigentlich ist ja alles gut. Bei der Erzählung laufen zwei Welten parallel ab. Das wirkt beim Zuhören genau so ungreifbar, wie für den Patienten in der Situation. Alles war gut und gleichzeitig absolute Panik. Es scheint oft keinen Ansatz zu geben, weil bei jeder Nachfrage doch eigentlich alles gut ist, wenn da nicht das komische Gefühl gewesen wäre, aber eigentlich ist alles gut. Nur mit Erfahrung und Feingefühl lässt sich dann ein Trigger in der Lichtstimmung herausarbeiten.“
Manchmal bleibt die Angst als Gefühl ganz inkognito. Wir empfinden dann keine Panik, drohen aber in Ohnmacht zu fallen. Wir sind einfach nicht in der Lage Post zu öffen, ohne zu wissen weshalb. Wir gehen tagelang nicht aus dem Haus, weil es eine innere Sperre gibt. Die Angst dahinter fühle ich als Alltagsperson aber nicht. Oder ich bekomme zwar panische Angst vor einer Situation. Ursache jedoch ebenfalls unbekannt.
Das heißt aber wiederum nicht, dass die „Phobie“ unspezifisch sein muss. Wir erinnern uns noch sehr lebhaft an einen Fall während unserer Ausbildung. Dabei handelte es sich um eine junge Frau, die wegen einer Schmetterlingsphobie behandelt wurde. Erst später stellte sich heraus, dass die schönen Flattertiere Auslöser für dahinterstehende schwere Traumatisierungen waren.

Für die Therapie zeigt das auch, dass rein verhaltenstherapeutische Konzepte zu kurz greifen. Der Lebenskontext der Angstentstehung muss einbezogen werden und das allerspätestens dann, wenn die Therapieversuche immer wieder scheitern. Im besten Fall aber natürlich von Anfang an. Sonst wird man den Patienten nicht gerecht. Eine inzwischen ältere Frau, die wir in einer Gruppe für komplexe Traumafolgen kennengelernt haben, irrte wegen ihrer massiven Ängste Jahrzehnte lang durchs Gesundheitssystem, ehe eine Therapeutin ihre Leidensgeschichte durchschaute. Sie begann mit einer Traumatherapie und fühlt sich mittlerweile wieder sehr viel wohler.

In der Selbsthilfeliteratur bietet das Buch „Traumabedingte Dissoziation bewältigen“ von Boon, Steele und Van Der Hart hilfreiche Ansätze zur Bewältigung dieser Symptomatik. Zudem bietet es dem Leser weiterführende verständliche Einblicke in die Thematik. Erschienen ist das Buch 2013 im Junfermann Verlag.

Zugfahrt zu meinen Tönen

Wir sitzen im Zug.
Hinter uns macht ein Kind rabatz. Als ob mein Kopf nicht schon voll genug wäre, bringt es mit seinen Quengeleien mein Synapsensystem zum Überlaufen. Ich habe nichts gegen das Kind an sich, nur gegen das, was es auslöst. Ich möchte weg und kann nicht. Die Bahn ist voll. Mein Ziel lässt auf sich warten. Früher als gedacht löst sich unvermittelt zumindest das äußere Problem. Die Familie ist angekommen und steigt einige Stationen vor mir aus.
Während mir die Sonne auf’s Gesicht scheint, bin ich damit beschäftigt, mich selbst zu halten, um nicht an der Kinderstimme zu zerbrechen. Die Triggerbilder rasen durch meinen Kopf. Alte Verletzungen treiben mir stille Tränen in die Augen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich in der Regel öffentliche Verkehrsmittel meide. Zu viele Menschen mit zu hohem Triggerpotenzial. In meinem Auto bin ich kuschelig mit mir alleine. Da kommt mir keiner dumm, niemand quetscht sich neben mich und die Kontakte auf dem Weg bleiben berechenbar. Heute wollten wir es mit dem Zug versuchen, weil es an sich praktischer gewesen wäre – theoretisch.

Wir versuchen aus den weiten Gedankenschleifen zurück zu unserem eigentlichen Ziel zu kommen. Darauf haben wir uns schon am Morgen gefreut. Noch einmal mit der S-Bahn umsteigen, dann sind wir da.
Wir gehen singen.
Eine Stunde mit einer Lehrerin haben wir uns lange nicht gegönnt. Unsere Seele mag es Töne zu finden und Klänge zu bauen und atmend den Emotionen Stimme zu geben. Die Arbeit mit unserem Lautorgan eröffnet uns neue Räume. Manchmal haben wir in den Gesangstunden lange feststeckende Tränen geweint. Sie liefen einfach, während wir uns sanft bewegten und dehnten, um Resonanzräume zu schaffen. Wir sind gespannt, wie es heute sein wird. Ein Neuanfang nach Jahren.

Ein paar schöne Gedanken weiter, singt unsere Seele wieder in Dur statt Moll. Wir steigen aus und laufen die letzten Meter zum Ziel.
Trotz bitterer Winterkälte begleiten uns Sonnenstrahlen.
„Let the Sunshine in…“

PTBS bei DIS

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Ich telefoniere mit meiner Therapeutin.
Sie ist neu, aber wirkt kompetent.
Das Gespräch führt uns an den Unterschieden in der Behandlung von einer DIS mit komplexer PTBS und einer PTBS nach Monotrauma vorbei.
Was ich in dem Moment interessiert gehört, aber nicht weiter realisiert habe, ist jetzt in meinem Bewusstsein angekommen. Ihre Aussagen fühlen sich verdammt stimmig an:

„Es gibt gewaltige Unterschiede in der Behandlung von einer normalen PTBS und einer Patientin mit DIS. Eine PTBS haben sie nach dem ersten Trauma. Die sieht und merkt man deutlich. Mit Patienten im akuten Zustand der PTBS können sie nicht länger als 5-10 Minuten sprechen. Danach sind sie platt, völlig überfordert und sie bemerken als Behandler das Leid.
Bei Ihnen ist die PTBS chronisch. Sie ist bei DIS mit zunehmender Abspaltung durch die häufigen Traumatisierungen hinter der Fassade versteckt. Deshalb laufen sie auch lächelnd in die Praxis ihres Arztes und er hat Mühe die Ernsthaftigkeit der Lage zu erfassen. Sie sind als Alltagsperson in dem Moment nicht traumatisiert. Sie funktionieren. Alles andere trägt ein Innen. In ihrer Lebenssituation waren sie gezwungen die PTBS unsichtbar in den Alltag zu integrieren. Sie ist chronisch vorhanden, aber auch chronisch unsichtbar.“
(Sinngemäß wiedergegeben)

Diese Worte lassen mich vieles verstehen. Die Therapeutin hat recht.
Das trifft den Nagel meiner Problematik auf den Kopf.
Ich kann nicht mehr, aber eigentlich habe ich damit nichts zu tun. Nicht wirklich irgendwie. Also völlig eigentlich, aber dann doch wieder nicht. Ich trete ein für die inneren Bedürfnisse einer anderen Person. Meine Konversation ist klar und rationell. Die emotionale Dramatik dahinter, bleibt oft verborgen.

„Wenn ich mit einer PTBS-Patientin arbeite muss ich den Überblick für eine Person behalten. Bei einer DIS bin ich für Viele verantwortlich. Wenn ich eine Frau mit DIS stabil nach Hause schicke und übersehe, dass ich innen ein Fass aufgemacht habe, kann sie beispielsweise plötzlich ihre Kinder nicht mehr versorgen, sobald sie aus der Türe ist.“

Ja, das kann passieren. Das kennen wir gut aus früheren Therapiesituationen. Leider.
Für mich war’s ok zu gehen und kaum draußen ging der Punk ab.
Tut gut das Gefühl, eine Person gegenübersitzen zu haben, die verantwortungsbewusst mit dem Viele sein umgeht und zumindest eine Idee davon hat, dass innen etwas anderes laufen kann, als außen. 👩‍👩‍👧‍👦