PTBS bei DIS

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Ich telefoniere mit meiner Therapeutin.
Sie ist neu, aber wirkt kompetent.
Das Gespräch führt uns an den Unterschieden in der Behandlung von einer DIS mit komplexer PTBS und einer PTBS nach Monotrauma vorbei.
Was ich in dem Moment interessiert gehört, aber nicht weiter realisiert habe, ist jetzt in meinem Bewusstsein angekommen. Ihre Aussagen fühlen sich verdammt stimmig an:

„Es gibt gewaltige Unterschiede in der Behandlung von einer normalen PTBS und einer Patientin mit DIS. Eine PTBS haben sie nach dem ersten Trauma. Die sieht und merkt man deutlich. Mit Patienten im akuten Zustand der PTBS können sie nicht länger als 5-10 Minuten sprechen. Danach sind sie platt, völlig überfordert und sie bemerken als Behandler das Leid.
Bei Ihnen ist die PTBS chronisch. Sie ist bei DIS mit zunehmender Abspaltung durch die häufigen Traumatisierungen hinter der Fassade versteckt. Deshalb laufen sie auch lächelnd in die Praxis ihres Arztes und er hat Mühe die Ernsthaftigkeit der Lage zu erfassen. Sie sind als Alltagsperson in dem Moment nicht traumatisiert. Sie funktionieren. Alles andere trägt ein Innen. In ihrer Lebenssituation waren sie gezwungen die PTBS unsichtbar in den Alltag zu integrieren. Sie ist chronisch vorhanden, aber auch chronisch unsichtbar.“
(Sinngemäß wiedergegeben)

Diese Worte lassen mich vieles verstehen. Die Therapeutin hat recht.
Das trifft den Nagel meiner Problematik auf den Kopf.
Ich kann nicht mehr, aber eigentlich habe ich damit nichts zu tun. Nicht wirklich irgendwie. Also völlig eigentlich, aber dann doch wieder nicht. Ich trete ein für die inneren Bedürfnisse einer anderen Person. Meine Konversation ist klar und rationell. Die emotionale Dramatik dahinter, bleibt oft verborgen.

„Wenn ich mit einer PTBS-Patientin arbeite muss ich den Überblick für eine Person behalten. Bei einer DIS bin ich für Viele verantwortlich. Wenn ich eine Frau mit DIS stabil nach Hause schicke und übersehe, dass ich innen ein Fass aufgemacht habe, kann sie beispielsweise plötzlich ihre Kinder nicht mehr versorgen, sobald sie aus der Türe ist.“

Ja, das kann passieren. Das kennen wir gut aus früheren Therapiesituationen. Leider.
Für mich war’s ok zu gehen und kaum draußen ging der Punk ab.
Tut gut das Gefühl, eine Person gegenübersitzen zu haben, die verantwortungsbewusst mit dem Viele sein umgeht und zumindest eine Idee davon hat, dass innen etwas anderes laufen kann, als außen. 👩‍👩‍👧‍👦

Bunte Lebensstreußel

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„Manchmal muss man sich einfach selbst Konfetti ins Leben pusten.“
Getreu diesem Grundsatz ziehen wir heute unser Tagesresume:
Mit bestem Bemühen gab es Goldstaubmomente mitten in der Scheiße. Unsere bunten Highlights bestanden heute aus einer heißen Tasse Kakao mit der besten Freundin, schönen Wortzaubereien und schnurrend-liebevollen Kuscheltönen. Es hat uns ziemliche Überwindung gekostet das Haus zu verlassen. Am Ende konnten wir uns aber über die Erlebnisse in der frischen Winterlandschaft freuen. Eine Minaturschneeballschlacht war auch dabei.
Manchmal lohnt sich die Anstrengung dann doch und am Abend sickern die schönen Tagessplitter wie Konfetti über die Erinnerung. So werden selbst dunkelgraue Tage etwas bunter. 😊

Szenenwechsel

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Ich hänge fest.
In einer Welt voller Gedanken.
In einem Zwischenraum.
Irgendwo mitten in der Abrichtung von einst.
Im Milieu der Todespanik und Menschenverachtung.
Mein Zeigefinger scrollt durch alte E-Mails an eine Therapeutin, die wir wohl nie vergessen werden. Dort konnten wir sein.
Dann reiße ich mich los und mache mich auf in Richtung meiner alten Heimat.
Unterlagen von einer Bekannten abholen, etwas plaudern.
Die Kilometer schwinden unter meinem flitzenden Auto dahin bis zum Ziel.
Aus jedem gefahrenen Wegmeter werden Steine für eine Mauer.
Aus Watte und Nebel.
Dissoziation.
Je näher wir unserer alten Umgebung kommen, desto weniger spüre ich mich. Der Kontakt nach innen wird immer schwieriger. Ich beobachte mit Verwunderung die Wandlung, die sich in mir vollzieht.
Diesmal bemerke ich sie.
Irgendwann kurz vor der Ankunft findet der komplette Cut statt. Ich höre nichts mehr von den Stimmen der Vielen in mir, denen ich in neuer Umgebung so nah kommen durfte. Ich bin alleine.
Der Tag nimmt seinen Lauf.
Am Abend bin ich wieder zurück in unserem neuen zu Hause.
Meine Katzen begrüßen mich schnurrend.
Es war anstrengend.
Als die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fällt, fällt die Anspannung ab.
Ich beginne meine Eindrücke aufzuschreiben, um wieder bei mir selbst anzukommen. Stück für Stück schwinden die Schleier. Im Innen wird ein vorsichtiges Regen wahrnehmbar. Zarte Stimmen.
Erleichterung.

Was sagt mir das?
Was bedeutet das für uns?
Als ich vor vielen Jahren aus meinem Elternhaus floh und eine eigene Wohnung etwa eine halbe Stunde entfernt bezog, wusste ich, dass es schwierig werden würde, äußere Ruhe von Täterseite herzustellen. Es gelang irgendwann mit viel Mühe und Hilfe die Zugriffe und Übergriffe auf mich zu beenden. Ich behauptete in der Therapie steif und fest, dass ein Ortswechsel nicht nötig und gewünscht sei. Damit könne ich umgehen. Schließlich gehe es ja um die Vorfälle die passiert sind. Die Region sei da Nebensache. Das dachte ich damals wirklich. Ich spürte auch nicht, dass es irgendwie ein Problem war, noch so nah zu sein. Ich konnte mich in dem Ort in dem ich aufwuchs bewegen und völlig ausblenden, dass unweit Täter wohnen. Ich war mir sicher, dass ich eine der wenigen Menschen mit einer derartigen Geschichte sein werde, bei denen ein Umzug in eine weit entfernte Stadt nicht notwendig ist.
Nun kam es aus anderen Gründen dennoch dazu und ich bemerke zum ersten Mal, wie viel das in mir macht. Zu wie vielen Dingen in mir ich plötzlich Zugang bekomme, je länger ich vom alten Wohnort weg bin. Wie mein Innen in der Beratung Gesprächsbereit wird und mutig langsam seine Mauern abbaut. Wie ich mich plötzlich an Dinge erinnern kann, die so verborgen waren und nun ganz klar vor mir liegen.
Und ich merke auf den Fahrten, die mich derzeit noch hin und wieder zurück in die alte Region führen, wie verdammt dissoziativ ich sein muss, dass ich die Umgebung auch nur ansatzweise ertrage. Mein gesamtes Persönlichkeitssystem verändert sich in den Stunden der Fahrzeit zurück in die Horrorzone. Ich fange an immer weniger ich zu sein und immer mehr die Hülle, die die Täter von mir verlangen.
Bis ich mich zurückverwandle. Auf dem Heimweg.
Zu einem Menschen in dem viele Lebensretter wohnen und aufatmen.
Es wird noch ein paar Tage dauern, bis das Gefühl der Sicherheit wieder durchsickern kann.

Manchmal bemerkt man ein Problem erst dann, wenn es eine Lösung gibt. Bis dahin weiß man ja gar nicht, dass es anders laufen könnte. Man blendet Probleme aus, um sich Boden unter den Füßen vorzugaukeln. Wenn der Boden dann wirklich da ist, erkennt man den Abgrund hinter sich.

Stecknadelstille

Ich sitze in der Stille und bin dankbar für das selten kostbare Gut. Im Innen fällt eine Stecknadel zu Boden und bleibt klirrend neben dem Messer im Herzen liegen. Vor dem Fenster nimmt der Mond zu. Beim Atmen schwinden meine Kräfte. Ein Gedanke dreht vorsichtig am Messerknauf. „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ Es waren nur dunkle Jeans mit einem Gürtel. Die offene Schnalle entführte mich in ein blutiges Szenario. Dolche zwischen Hüften. Erst im Mund und dann im Herz. zwischen den Lebensbildern pocht die Verzweiflung. „Es hat dich eingeholt, Sofie.“ Während ich Leichenteile zusammensammle, wo Andere sich selbst finden, singe ich mein persönliches Abschiedslied von der Illusion eines normalen Berufsalltages. Diese Welt ist nicht für Überlebende gemacht. Ich werde mir meine Welt basteln müssen.

Die Kriminalitätsfrage

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Die letzten Wochen waren schwierig. Der Stress durch die Auseinandersetzungen rund um unseren Vater mit dem BAföG-Amt hat uns dann endgültig dahingerafft. Die Beraterin der ortsansässigen Frauenberatungsstelle meinte es gut mit uns und vereinbarte einen Termin mit dem Weißen Ring, um die Möglichkeit einer finanziellen Unterstützung für eine Rechtsberatung abklären zu können. Zwei Tage später war es so weit. Zwei Damen rückten an, um sich unsere Situation schildern zu lassen. Das offene Gespräch über die früheren Geschehnisse, die der aktuellen Problematik zu Grunde liegen, schaffte es leider nicht einmal über die Fünf-Minuten-Hürde und eine kurze unvollständige Einleitung. Danach beließ ich es auf der Minimalstinformation, die für die Klärung der finanziellen Hilfen notwendig war. Beim Abschied bin ich dankbar für den Scheck, um mich vom Anwalt beraten zu lassen und die zugesagte Überprüfung weiterer Hilfsmöglichkeiten, bis meine Finanzen geklärt sind. Das erleichtert vieles.
Der innere Abbruch des Gespräches geschah just in dem Moment in dem direkt am Anfang der Beratung eine der beiden Damen fragte: „Es geht also um sexuellen Missbrauch. Aber ist ihr Vater denn auch kriminell?“
„Äääääähm…*hust und verwirrt schau*, sie wissen schon, dass Missbrauch eine Straftat ist!?“
„Ja, ja. Aber ich meine so mehr… Also so richtig….?“
Ohne Worte.

Dünnhäutig

Ich falte ein Stück Papier.
Erst in der Mitte. Dann nochmal in die andere Richtung.
Öffnen.
Linke Ecke zur Mittellinie. Rechte Ecke zur Mittellinie.
Einmal. Zweimal. Dreimal.
Meine Finger bewegen sich mit nervöser Genauigkeit.
Mich fröstelt.
Ich bekomme Gänsehaut
und ein heißes Gesicht.
Der Spannungsbogen der Situation läuft darauf zu, dass sich ein Papierflieger in die Lüfte erhebt.
Äußerlich.
Innerlich kämpfen wir damit, dass uns ein hartnäckiges Ekzem im Intimbereich den letzten Nerv raubt.
Es juckt. Es schmerzt. Es brennt.
Kurz: Es kann alles, was ein richtig guter Trigger an dieser Stelle können muss.
Jackpot dabei: Kein Arzt weiß, weshalb es überhaupt da ist.
Keine Therapie schlägt wirklich an.
Die nässend geschwollenen Stellen haben keinen Namen.
Kein Pilz. Kein Bakterium. Kein Nichts.
Dennoch ist die Frau in uns löchrig dünnhäutig.
Wundflüssigkeit läuft wie Tränen über die Schamlippen.
Und nun?
Es ist, als schrien sämtliche meiner Hautzellen: „Ich möchte nie wieder angefasst werden! Schon gar nicht dort!“
Gleichzeitig lösen sich unsere (Haut-)Grenzen auf.
Eine innere Gewissheit tut sich auf, dass dieser Bereich erst dann wieder heilen wird, wenn eine bestimmte Innenperson Beachtung findet. Wenn ein Stück Erfahrung heilt. Aber wie? Der Zugang fehlt.

Hey du,
Kind voller Tränen.
Lass uns wachsen. Gemeinsam. Zur Frau.
Zur Überlebenden.
Mit Grenzen.

„Trotz allem“-Wut

Vor vielen, vielen Jahren, bei unserer ersten kompetenten Therapeutin, bekamen wir von Ihr das Buch „Trotz allem“ zum lesen ausgeliehen. Was wir damals daran so besonders toll fanden, ist die Tatsache, dass uneingeschränkt an die Erinnerungen der Betroffenen geglaubt wurde. Das selbst dann vertrauen in die Gefühle bestand, wenn konkrete Erinnerungen fehlten und die Überlebende „nur“ einem innerem Instinkt folgte. Damals waren meine Zweifel noch deutlich größer und übermächtiger im Vergleich zu heute. Nur kleine diffuse Bruchstücke drangen durch das Schwarz meines Erinnerns. Der klare Standpunkt der Autorinnen erleichterte es mir meinen Weg zu finden und mich auf mich selbst einzulassen. Um zu begreifen was meine eigene Geschichte ist, war und ist es für mich elementar wichtig, dass es Menschen um mich gibt, die für mich die Fahne hochhalten und glauben, wo ich selber vor Verwirrung gar nichts mehr glauben kann. Das Buch war damals ein Teil davon. Nur so konnte ich überhaupt kritisch hinschauen, was in meinem Kopf los ist und mir selbst ein Bild davon machen, was ich letztendlich glaube. Mit Wischiwaschi-hätte-wenn-könnte-wäre-Aussagen, wäre ich keinen Schritt weiter gekommen. Es war das „Du schaust dir das jetzt an und deine Meinung kannst du danach immer noch ändern, weil ich daran glaube, dass an deinen Bildern was wahres dran ist“, das mich hat wachsen und erkennen lassen.

Nun hielt ich gerade die neue Auflage von „Trotz allem“ von Ellen Bass und Laura Davis in den Händen und stellte mit bedauern fest, dass die Eindeutigkeit an manchen Stellen gewichen ist. Man ist vorsichtiger in den Aussagen geworden. Als Leserin habe ich Eindruck bekommen, dass auch hier die Debatte um „Falsche Erinnerungen“ zu einem Zurückrudern in der Eindeutigkeit geführt hat. „Überlebende werden sich zwangsläufig etwas ungenau an die Einzelheiten des Missbrauchs erinnern“, heißt es etwa im Kapitel „Die Grundlegende Wahrheit der Erinnerung“. Nein! werden sie nicht! Wir haben durchaus sehr genaue Erinnerungen! Zwar werden die Erinnerungen und Gefühle an dieser Stelle noch als Hinweis für etwas genommen, was passiert ist und sehr verletzt hat. Dass es Eins zu Eins so war, wird allerdings in Frage gestellt. So wird auf Seite 138 ausgeführt: „Manche Frauen Erinnern sich nicht, weil es keine physischen Übergriffe gab. Stattdessen warst du vielleicht einer Atmosphäre, unangemessener Grenzen, anzüglicher Blicke oder einem unangebrachten romantischen Verhalten ausgesetzt.“ Unterlegt wird die Behauptung mit dem Beispiel einer Betroffenen: „Ich war drei Jahre lang in Therapie und habe geforscht, in Erwartung eine Vergewaltigung oder ein anderes Ereignis aufzudecken, wo er mich tatsächlich belästigt hat. Doch er hat nichts dergleichen getan. Es war alles emotional.“
Wir finden solche Aussagen mehr als schwierig, zumal wir denken, dass sich eine Frau nicht vergewaltigt fühlt, weil die Atmosphäre nicht stimmt. Außerdem würde mich an der Stelle interessieren, wie die Frau zu der Einsicht kam, dass es letztlich nicht so war. Nur weil sich eine bildhafte Erinnerung nicht zeigt, belegt das nicht die Unrichtigkeit von Gefühlen. Wenn der Körper nicht weiß, was es bedeutet vergewaltigt zu werden, wird keine Frau der Welt plötzlich in jeder ihrer Körperzellen genau das fühlen können. Wie soll ein Körper speichern, was er nicht kennt!?
Über die Aussage „Langfristig ist es besser, deine Ungewissheit anzuerkennen, als vorzeitig etwas zu benennen, dessen du dir nicht sicher bist“ (S.139) könnten wir dann nur noch kotzen. Die Täter werden sich freuen und das Opfer kommt keinen Schritt mehr vom Fleck, weil es sich mit seinen Gefühlen nie Vertrauen darf, oder wie!? Genau diese Vertrauen braucht es doch aber, um irgendwann Sicherheit finden zu können. Egal wie sie am Schluss aussieht.
Es braucht Klarheit! Es ist wichtig zunächst davon auszugehen, dass es genau so war, wie es erinnert wird und von diesem Standpunkt weiter zu gehen. Anders kann man Verzerrungen, sofern sie überhaupt vorhanden sind, nicht aufdecken.
Aus einem Buch, dass vorher uneingeschränkt empfehlenswert war, ist durch das angepriesene „Überarbeitungs- und Zusatzmaterial“ in der Neuauflage ein Eiertanz geworden, bei dem klare Aussagen sich doch selbst zu vertrauen und zu glauben, im nächsten Moment wieder untergraben werden.
Ein Großteil des Inhaltes ist empfehlenswerter Lesestoff zum Thema Missbrauch, sofern man die Verunsicherung ausblenden kann, die den Weg ins Buch geschafft hat.
Diese Entwicklung finden wir sehr schade!

Übergangszeiten

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Copyright by „Sofies viele Welten“


Das Gras ist noch nass vom Tau.
Der Hauseingang liegt früh am Morgen noch im Schatten.
Aus der Magnolie glitzern die Anemonen.
Auf der Wäschespinne der Nachbarin hängt bereits ein Betttuch. Der Duft der frischen Wäsche benetzt zart die Nasenschleimhaut. Ich nehme einen tiefen Atemzug der Sommerendherbstanfangsluft zum Start in den Tag.
So wie der Tag neu beginnt, so werden auch wir in ein paar Tagen in einer neuen Stadt starten. Weit weg von unserem Ursprungszuhause. Wie das sein wird, können wir uns noch gar nicht vorstellen. Ebenso wenig was es eventuell auslöst. Einerseits freuen wir uns auf den Raum der entsteht. Morgens aufzustehen und nichts wiederzuerkennen. Beim Einkaufen sicher keine unangenehmen Erinnerungen zu treffen. Andererseits gibt es auch die Angst, dass uns Dinge überfluten, die bis dahin gut weggepackt waren. Es ist schön, wenn Innenleute zurück kommen können, weil uns das ganzer macht. Wir hoffen dennoch, dass wir vor Ort dann auch Unterstützung haben.
Heute Abend werden die Schlüssel der alten Wohnung zurück an den Vermieter übergeben. Eine Tür geht zu. Eine andere geht auf.
Möge die Zukunft in der Sonne glitzern.

Traum vom Trauma

Ich wache auf, weil jemand meine Hand auf sein steifes Geschlechtsteil drückt und sie dort bewegt. Meine Handflächen spüren die Details. Die Augen zu öffnen und damit dem Täter deutlich zu machen, dass ich nicht mehr schlafe, wage ich nicht. Die Szenerie setzt sich fort, bis er irgendwann auf mir liegt. Die Vergewaltigung ist absehbar. Ich halte mich still und scheinschlafend. Die Angst ansonsten umgebracht zu werden, ist zu groß. Im Kopf rasen die Gedanken auf der Suche nach einer Lösung, wie ich entkommen könnte.

Irgendwann wache ich wirklich auf. Der Alptraum lässt mich für den Moment reglos und verwirrt im Bett liegen. Ich blicke mich um. Ich bin allein. Langsam gewinne ich Fassung. Es ist Jahre her.

Heute war es nur ein Traum.
Aber auch mehr als das.
Es ist Erinnerung.

Halbschlaf und traumabedingte Dissoziation sind oft nahezu Todesurteile für jedes Erinnerungsvermögen. Zumindest stimmt das für uns. Wir erklären uns das so: Durch den Schlaf besteht schon vor der Traumasituation kein waches Bewusstsein, mit dem man speichern könnte. Der „Traumcharakter“, den Dissoziation vermittelt, lässt sich nicht oder noch schlechter hinterfragen oder einordnen, wenn man ohnehin gerade „träumt“. Wenn überhaupt etwas blieb, war es oft Verwirrtheit: War ich wach oder hab ich geträumt oder was war das heute Nacht!? Manchmal auch ein komisches Gefühl oder ein ziehender Schmerz im Unterleib, der schnell wegrationalisiert war… Am anderen Morgen wach zu werden und einfach gar nichts mehr zu davon zu wissen, war aber ebenso häufig der Fall. Ein bisschen viel Watte vielleicht, dumpfe unreale Wolke am folgenden Tag. „Irgendetwas ist nicht gut, aber was?“

Meine Erinnerungen an Situationen in denen ich im Schlaf missbraucht wurde, kommen hin und wieder im Traumschlaf zurück. Manchmal nicht eins zu eins, sondern mit anderen Traumelementen vermischt.

Manche Träume sind Träume.
Andere sind Wirklichkeit, die sich im Traum zeigt.
Nicht jeder Traum ist Phantasie, nur weil das Geschehen dem Bewusstsein zu surreal erscheint, um wirklich zu sein.
Träume sind Tore zum Bewusstsein.
Im Schlaf öffnen sich die Schlösser.
Die gequälte Seele kehrt im Traum zurück.

Sprachschmerz

Gerade habe ich mich erschöpft auf’s Bett geschmissen, einmal geächzt und atme nun mit schmerzenden Beinen tief durch. Meine Seele schreibt so gerne, wenn sie was zu sagen hat. Dann malt sie Wortbilder. Papier ist Geduldig. Auch das virtuelle. Es braucht keine Termine. Es hört immer zu. Es versteht immer richtig.
Manchmal frage ich mich, was passieren würde, wenn ich offen auf Facebook poste, was mir passiert ist. Vielleicht nichts. Vielleicht was positives. Vielleicht was schlechtes. Wer kann das schon sagen!? Tun werde ich es nicht. Manchmal find ich einfach den Gedanken befreiend mich nicht mehr verstecken zu müssen, weil ohnehin jeder weiß was passiert ist. Ich wäre einfach ich. Was sie davon verstehen würden? Wahrscheinlich nichts, weil es leere Worthülsen ohne Inhalt sind, wenn man das nicht selbst erlebt hat. Was sagt das Wort Missbrauch oder Vergewaltigung an sich schon aus. Man verbindet es mit schlimmen Straftaten, weiß vielleicht dass die für die Opfer schwer zu überwinden sind. Emotionale Bedeutung hat es für Nichtbetroffene nicht. Was nützt das Wort, wenn es nichts aussagt? Alles was ich empfinde, wenn ich Worte wie Missbrauch oder Vergewaltigung höre, liegt nicht in den Worten. Es sind meine Erfahrungen, die ich spüre. Die bleiben sprachlos, selbst, wenn ich die Worte ausspreche. In der Sprache liegt Schmerz. Der Schlüssel liegt im Herzen.