Ein frostiger Empfang – Wenn Helfer aus dem Urlaub kommen

Als ich aus dem Bad zurück komme, blicke ich am Morgen zum ersten Mal bewusst aus dem Fenster nach draußen. Eiskristallzauber fällt auf meine Netzhaut und malt mir ein Lächeln ins Gesicht. Die Sonne weckt langsam die schlafenden Lebensgeister. „Die Natur ist ein wunderbarer Künstler“, denke ich und schlürfe von meinem Tee. Ich greife zum Handy und fange ein paar der Eindrücke ein. Am Mittag schon werden die gefrorenen Wassermandalas von den Blättern geschmolzen sein. Als ich zurück ins warme Zimmer trete, fröstle ich innerlich. Nicht vor Kälte, sondern vor Anspannung. Eine Unterstützerin ist aus dem Urlaub zurück. Später werden wir sie sehen. Aber ob ich mich freue? Das Innen ist geteilter Meinung. Weiterlesen

Alle Jahre wieder – Weihnachten mit Dissoziativer Identitätsstörung

Es ist zappenduster in unserer Wohnung. Auf dem Fensterbrett bewegt sich dunkel die Silhouette eines Stubentigers. Nachts sind ja bekanntlich alle Katzen grau. Wir sind bereits wach und denken über die kommenden Tage nach oder vor – wie man’s nimmt. Niemand hat Lust das Licht anzumachen. Der entfernte Schein der Straßenlaterne muss genügen. Sämtliche Helfer packen heute die Koffer für den Urlaub – wie immer. Krisen an Weihnachten sind nicht erlaubt, denn für die Zeit bis Mitte Januar scheinen alle Jahre wieder sämtliche Anlaufstellen dicht zu machen. Weder Beratungsstellen, noch Therapeuten oder Sozialpädagogen sind dann im Notfall zu erreichen. Manchmal würden wir uns wünschen, wenigstens eine Helferin würde die Stellung halten. Weil das so aber nunmal nicht ist, müssen wir alleine durch, aber wie!?

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Eine kurzfristige Absage und Angst vor dem Essen

Erschöpft lehne ich mich gegen den großen alten Baum vor dem Haus. Langsam rutsche ich am Stamm nach unten und gehe in die Knie. Tränen schießen mir in die Augen. Ich kann nicht. Ich muss absagen. Eine Mischung aus Trauer und Scham erfüllen mich. Schon wieder – so kurzfristig. Gerne hätte ich mich heute mit alten Kolleginnen getroffen und bei einem Kaffee ganz entspannt über dies und das geplaudert. Doch Körper und Psyche waren nicht davon zu überzeugen. Seit dem Morgen bemühe ich mich darum die Panik zu reduzieren, mich gut zu versorgen und mich zu einem Schritt nach dem anderen zu überwinden. Nun gebe ich auf. Mitten in der Wiese vor dem Haus platzt in immer neuen Panikwellen die Hoffnung doch noch irgendwie an dem Treffen teilnehmen zu können. Alles was ich will, ist zurück in mein Schneckenhaus kriechen und die Erinnerungen verdauen. Meine Welt ist fragil.

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Faulheit oder Depression

Ich sitze auf meinem Bett und starre aus dem Fenster. Auf meiner Lippe klebt ein frisches Blatt Melisse. Kleine herpesartige Bläschen schmerzen auf der Schleimhaut. Ich hoffe, dass das Pflanzenpflaster die Verursacher möglichst schnell umhaut. Der Stress der letzten Wochen war zu viel. Mein Immunsystem ist an vielen Stellen angeschlagen. Alles in uns ist erschöpft. Mir fehlt die Konzentration, um sinnvoll länger bei einem Thema zu bleiben. Entsprechend schweife ich in der Welt umher.

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Flashbacks nach dem BASK-Modell einordnen

Gestern las ich auf dem Blog von Jean in englischer Sprache einen interessanten Beitrag dazu, wie sie Flashbacks nach dem sogenannten BASK-Modell genauer einordnen kann. Mir war dieses Modell bislang aus der Traumakonfrontation bekannt und ich habe schon das ein oder andere mal damit gearbeitet, um Erinnerungen zusammenzusetzen. Allerdings habe ich es bislang nie dafür genutzt die verschiedenen Ebenen von Flashbacks zu verstehen. In diese Richtung war ich irgendwie betriebsblind. Weil das für uns durchaus Sinn macht und uns nochmal half etwas einzuordnen, greifen wir dieses Thema in diesem Beitrag auf und ergänzen in deutscher Sprache den wirklich sehr aufschlussreichen Artikel von Jean um unsere Sichtweise.

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Weltausschnitt

Der Wind weht frisch. Zu frisch um auf dem Balkon in eine gemütliche Stimmung zu kommen. Am liebsten würde ich Wärme erzwingen. Leider ist das nicht möglich. Natürlich könnte ich mir ein Feuer schüren oder einfach den Holzkohlegrill anheizen. Vermutlich würden meine Nachbarn dann allerdings denken ich bin in einer esoterischen Krise übergeschnappt. Warum sonst sitzt eine Frau am Sonntag Mittag auf dem Boden in der Sonne, wirkt dabei einigermaßen abwesend, wärmt ihre Hände leicht vor und zurück wippend über der Glutschale, trinkt komisch duftenden Tee und denkt überhaupt nicht daran Fleisch und Würstchen aufzulegen? Ich erspare mir die komischen Blicke, fühle mich aber gedanklich von dieser Vorstellung belustigt. Das könnte die Räucherschale schlecht hin werden, die uns alle von den Maßnahmen der Corona-Pandemie befreit, mich allerdings wieder ein Stückchen näher an die Psychiatrie rückt.

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Impfpflicht – Der Flashback meines Lebens

Bevor wir damit Anfangen zu erzählen, wie die Lage derzeit bei uns ist, möchten wir uns aus ganzem Herzen bei euch bedanken! Wir waren tief berührt von so viel Zuspruch, lieben Worten und hilfreichen Gedanken zu unserem letzten Beitrag! Noch immer können wir kaum in Worte fassen, was euere Kommentare mit uns machen. Die Anteilnahme war positiv überwältigend. 😊 Ihr seid die Besten! Danke! ❤️

Wir sitzen gerade in unserem Sessel, als wir damit anfangen hier unsere Gedanken der letzten Tage noch einmal zu ordnen. Die Katze streckt sich zu uns hoch um auszuspähen, ob auf unserem Schoß neben dem Laptop noch Platz für sie wäre – vielleicht auch einfach auf der Tastatur. Unser Körper schmerzt. Gleichzeitig lichtet sich der tiefe Nebel in dem wir gefangen waren. Ohne Hilfe hätten wir es nicht geschafft. Viele Unterstützerinnen haben in den letzten Wochen unvorstellbar viel geleistet, um uns ein Weiterleben zu ermöglichen. Nun, da der Auslöser unseres Zusammenbruchs deutlich wird, ändert sich unsere Lage. Von Außen so banal und im Innen so verheerend war es die Debatte um die Impfpflicht, die eine alte Gehirnschublade schließlich aufspringen lies. 
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Übergangszeit

Mal wieder sitze ich in meinem Lieblingsgartencenter im Lieblingsgartencentercafé und hänge meinen Gedanken nach. Meine Balkonkästen brauchen neuen Pflanzenschmuck. Die Zeit dafür scheint denkbar ungünstig zu sein. Die Sommerblumen verlieren langsam ihre Pracht und die Herbst-/Winterpflanzen erinnern mich derzeit noch zu sehr an Schnee und Eis. Ich suche also nach der floralen Übergangsjacke für den Blumentopf. Übergangszeit – was soll das eigentlich sein!? Sie begegnet mir derzeit in so vielen Alltagslagen, das dieses so undefinierte Wort fast schon philosophisch von meinem Leben spricht.

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Abend süß-sauer 😊

Mein Mund zieht sich vor Säure zusammen. Schief verziehe ich das Gesicht und kräusle dabei die Stirn. Während ich einen Schluck aus der Wasserflasche nehme, merke ich, dass selbst die Zähne sich von dem sauren Geschmack stumpf anfühlen. Im Gesicht entwickelt sich Hitze. „Hui.“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Rahbarberkompott schmeckt also nicht ohne Zucker. Hätte ich in eine frische Zitrone gebissen, wäre der Effekt nicht anders gewesen, außer, dass ich mich darauf einstellen hätte können. Da habe ich die rot-grünen Gemüsestangen wohl unterschätzt. Unvorhergesehener Weise bin ich jetzt hell wach und orientiert. Es sieht ganz danach aus, als kann man sich Skills auch zubereiten. „Eine Portion Orientierung aus dem Kochtopf, bitte.“ Da ich allerdings für den Moment genug davon habe, dosiere ich mir ordentlich Zucker nach. Ich schmecke dann doch lieber die Süße des Lebens, wenn ich Desserts esse.

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Ein erschöpfter Sonntag

Die letzte Woche war hart. Zwei Tage hielt mich nur Beruhigungsmittel am Leben. Eigentlich nehmen wir so etwas gar nicht. Seit der Klinik haben wir es als Bedarfsmedikament im Schrank stehen. Zum ersten Mal war ich nun froh darum. Anders hätte ich das, was sich da derzeit in mir auftut nicht ausgehalten. Ich fühle mich, als wäre ich irgendwo zwischen Leben und Tod hinter einer dicken Nebelschicht und stehe völlig neben mir. Immer wieder schaue ich auf die Bilder in meinem Kopf und frage mich, wie pervers und abartig Menschen eigentlich sein können.


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