Zugfahrt zu meinen Tönen

Wir sitzen im Zug.
Hinter uns macht ein Kind rabatz. Als ob mein Kopf nicht schon voll genug wäre, bringt es mit seinen Quengeleien mein Synapsensystem zum Überlaufen. Ich habe nichts gegen das Kind an sich, nur gegen das, was es auslöst. Ich möchte weg und kann nicht. Die Bahn ist voll. Mein Ziel lässt auf sich warten. Früher als gedacht löst sich unvermittelt zumindest das äußere Problem. Die Familie ist angekommen und steigt einige Stationen vor mir aus.
Während mir die Sonne auf’s Gesicht scheint, bin ich damit beschäftigt, mich selbst zu halten, um nicht an der Kinderstimme zu zerbrechen. Die Triggerbilder rasen durch meinen Kopf. Alte Verletzungen treiben mir stille Tränen in die Augen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich in der Regel öffentliche Verkehrsmittel meide. Zu viele Menschen mit zu hohem Triggerpotenzial. In meinem Auto bin ich kuschelig mit mir alleine. Da kommt mir keiner dumm, niemand quetscht sich neben mich und die Kontakte auf dem Weg bleiben berechenbar. Heute wollten wir es mit dem Zug versuchen, weil es an sich praktischer gewesen wäre – theoretisch.

Wir versuchen aus den weiten Gedankenschleifen zurück zu unserem eigentlichen Ziel zu kommen. Darauf haben wir uns schon am Morgen gefreut. Noch einmal mit der S-Bahn umsteigen, dann sind wir da.
Wir gehen singen.
Eine Stunde mit einer Lehrerin haben wir uns lange nicht gegönnt. Unsere Seele mag es Töne zu finden und Klänge zu bauen und atmend den Emotionen Stimme zu geben. Die Arbeit mit unserem Lautorgan eröffnet uns neue Räume. Manchmal haben wir in den Gesangstunden lange feststeckende Tränen geweint. Sie liefen einfach, während wir uns sanft bewegten und dehnten, um Resonanzräume zu schaffen. Wir sind gespannt, wie es heute sein wird. Ein Neuanfang nach Jahren.

Ein paar schöne Gedanken weiter, singt unsere Seele wieder in Dur statt Moll. Wir steigen aus und laufen die letzten Meter zum Ziel.
Trotz bitterer Winterkälte begleiten uns Sonnenstrahlen.
„Let the Sunshine in…“