Vogelgezwitscher und Peter A. Levine

Ganz oben in der Krone unseres Walnussbaumes sitzt eine Elster und wendet immer wieder ein kleines Stöckchen in ihrem Schnabel. Nestbauzeit. Wir beobachten fasziniert das bunte Treiben der Vögel in unserem Garten. Vor nicht allzu langer Zeit ist mir aufgefallen, dass sie die Äste nicht etwa vom Boden aufsammeln, sondern in biegsamen Zustand vom Baum brechen, bzw. hacken. Schlaue Flattertiere. Auch bei der Ausstattung wird Wert auf Komfort gelegt. Eine Freundin hält auf einer Weide Schafe. Die abgewetzte oder verlorene Wolle holen sich die die Vögel mit Vorliebe als Polsterbetten für ihr neues Schlafgemach. Seit wir das wissen, stellen wir uns die Nester noch kuschliger vor. So gerne würden wir noch ganz lange draußen sitzen und vor uns hin träumen. So lange wollte allerdings die Realität nicht damit warten uns einzuholen. Im Kopf kreisen Erinnerungen. Eine Alltagsperson ist kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Die alte Folter bestimmt den weiteren Tagesverlauf. Weil unser Körper tut, was ihm unser Traumadino im Gehirn voller Verzweiflung zuruft, schlagen wir „Sprache ohne Worte“ von Peter A. Levine auf und hoffen eine Übung darin zu finden, die uns blitzartig Genesen lässt.

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Nature Valentine

Glitzerschnee hängt über das selbstgebastelte Zwergenheim. Ein Ausläufer davon lässt den kleinen Pilzkamin rauchend aussehen. Hinter den Fensterscheiben wirkt die Welt wärmer, als sie tatsächlich ist. Von der geöffneten Balkontür zieht eine bitterkalte Prise in die Wohnung. Sonne, blauer Himmel und die Welt liegt uns zu Füßen. Verlassen werden wir unser Domizil heute nicht. Stattdessen blicke ich aus dem Fenster und versuche in den Millionen von Wasserkristallen schöne Bilder zu finden. Tatsächlich springt mir hier und da eine Eiselfe vor die Linse und eine Frostfee deckt die Pflanzen schützend zu. Mit den Gräsern wiegen unsere Gedanken: „Happy Valentine!“ Es ist Zeit eine neue Geschichte zu schreiben.  Weiterlesen

Nicht vorhandene Parallelwelten extremer Gewalt

Da gibt es diese ganz „normale“ Gesellschaft die gute Werte vertritt, die ihre Mitmenschen achtet, die sich solidarisch füreinander einsetzt und Gewalt ablehnt. Und gleichzeitig regiert irgendwo in einer Parallelwelt die dunkle Seite der Macht, die ganz andere Moralvorstellungen hat, in der organisierte Verbrecherbanden morden und quälen, Kinder vergewaltigen und Geld mit dem Leid anderer verdienen. Zwei Welten die zumindest sprachlich getrennt voneinander zu existieren scheinen. Dazwischen liegt ein unendliches Schachspiel von schwarz und weiß. Aber stimmt diese Sicht wirklich?

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Ich glaube dir

Wir haben bei Fibrofee obiges Zitat entdeckt und fanden es für Menschen mit Traumafolgestörungen ebenso passend, auch wenn es ursprünglich auf eine ganz andere Erkrankung bezogen ist.
Gerade an Tagen, an denen die alten Erinnerungen nach oben schießen und man vor Flashbacks manchmal nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, heilt ein „Ich glaube dir!“ von einem lieben Menschen so vieles. Wenn dann noch ein „Ich bin da“ oder „Ich lass euch nicht alleine“ dazu kommt, lässt sich der Schmerz leichter er-tragen.

Eisige Gedanken und warmes Herz

In der Kälte setze ich langsam einen Fuß vor den anderen. Nach drei nahezu bewegungsfreien Tagen verlangte mein Körper nach Aktivität. Nun pfeift mir eisiger Wind um die Nase. Meine Wangen frieren. Während ich nach oben in die Baumkronen blicke, ziehe ich mir die Jacke über die Hände, um meine Finger zu wärmen. Mit meinen feiertagssteifen Gliedern fiel es mir schwer die Wohnung zu verlassen. Nun genieße ich die sauerstoffreichen Atemzüge trotz allem. Auf den Gehwegen sind die Pfützen zugefroren. Die verbleibenden Blätter aus dem Herbst tragen ein dünnes Raureifjäckchen. Die Natur um mich herum beginnt mit mir zu verweben. Gedanken fliegen von einem Baum zum anderen, bewundern die Eiskunstwerke, gleiten über Stamm und Rinde und bleiben schließlich an den Wassersplittern hängen, die aus einer kleinen Wegvertiefung ragen. Unter der starren Oberfläche versammeln sich kleine Blasen. Ein Baum vom Wegesrand leiht mir für einen Augenblick seine Wurzeln. Wir kommen an, beginnen uns zu spüren. Die kühle Luft klärt zunehmend den dissoziativen Nebel um meinen Kopf und obwohl die Abenddämmerung immer näher rückt, wird meine Welt zunehmend heller und freundlicher. Weiterlesen

Alle Jahre wieder – Weihnachten mit Dissoziativer Identitätsstörung

Es ist zappenduster in unserer Wohnung. Auf dem Fensterbrett bewegt sich dunkel die Silhouette eines Stubentigers. Nachts sind ja bekanntlich alle Katzen grau. Wir sind bereits wach und denken über die kommenden Tage nach oder vor – wie man’s nimmt. Niemand hat Lust das Licht anzumachen. Der entfernte Schein der Straßenlaterne muss genügen. Sämtliche Helfer packen heute die Koffer für den Urlaub – wie immer. Krisen an Weihnachten sind nicht erlaubt, denn für die Zeit bis Mitte Januar scheinen alle Jahre wieder sämtliche Anlaufstellen dicht zu machen. Weder Beratungsstellen, noch Therapeuten oder Sozialpädagogen sind dann im Notfall zu erreichen. Manchmal würden wir uns wünschen, wenigstens eine Helferin würde die Stellung halten. Weil das so aber nunmal nicht ist, müssen wir alleine durch, aber wie!?

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Grau-Denken

„Grau entsteht, wenn Schwarz und Weiß gleichermaßen und gleichzeitig sein dürfen. Das Vorhandensein von scheinbar gegensätzlichen Gefühlen macht es erst möglich seine eigene Mitte zu finden. Aus dem Blickwinkel der Mitte ändert sich das „Entweder – Oder“ lediglich zum „Und“. Ich darf gleichzeitig traurig und fröhlich sein, wütend und sanft, liebend und hassend, erwachsene Frau und Kind.

Sofies viele Welten

Bessel van der Kolk zu Trauma und Körper

„Trauma comes back as a Reaktion, not a Memory.“

„Es braucht enormes Vertrauen und Mut sich selbst das Erinnern zu erlauben.“

„Eines Tages erzählte er mir, dass er seine gesamte Zeit als Erwachsener mit dem Versuch verbracht hatte, seine Vergangenheit loszulassen und er merkte an, wie ironisch es war, dass er ihr erst näher kommen musste, um sie gehen lassen zu können.“

„Solange du Geheimnisse bewahrst und Informationen unterdrückst, führst du im wesentlichen Krieg mit dir selbst. […] Die kritische Angelegenheit besteht darin, dir selbst zu erlauben, das zu wissen, was du weist.“

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Eine kurzfristige Absage und Angst vor dem Essen

Erschöpft lehne ich mich gegen den großen alten Baum vor dem Haus. Langsam rutsche ich am Stamm nach unten und gehe in die Knie. Tränen schießen mir in die Augen. Ich kann nicht. Ich muss absagen. Eine Mischung aus Trauer und Scham erfüllen mich. Schon wieder – so kurzfristig. Gerne hätte ich mich heute mit alten Kolleginnen getroffen und bei einem Kaffee ganz entspannt über dies und das geplaudert. Doch Körper und Psyche waren nicht davon zu überzeugen. Seit dem Morgen bemühe ich mich darum die Panik zu reduzieren, mich gut zu versorgen und mich zu einem Schritt nach dem anderen zu überwinden. Nun gebe ich auf. Mitten in der Wiese vor dem Haus platzt in immer neuen Panikwellen die Hoffnung doch noch irgendwie an dem Treffen teilnehmen zu können. Alles was ich will, ist zurück in mein Schneckenhaus kriechen und die Erinnerungen verdauen. Meine Welt ist fragil.

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Tote trinken keinen Kaffee

Meine Beine sind hochgelagert. Mit dem Rücken bin ich stabil gegen die hohe Sofalehne gerückt. Ich starre regungslos in die Ferne. Weit weg höre ich eine vertraute Stimme. „Sofie, komm zurück! Ich bin da.“ Doch ich komme nicht zurück. Die Welt um mich, die ich ohnehin kaum wahrnehme, versinkt völlig im Schwarz. Als ich erneut zu mir komme, blicke ich in Augen voller Tränen. „Ich weiß es war schlimm. Ich bin da. Bleib bei mir.“ Schmerz schießt mir durch den Körper. Nichts von dem was geschieht verstehe ich auch nur ansatzweise. Weder weiß ich wo ich bin, noch weshalb. Nur die freundliche Stimme dringt immer wieder an mein Ohr und zieht mich ins Bewusstsein. Zitternd beben meine Zellen. Schauer überlaufen mich. „Magst du etwas trinken? Kaffee für den Kreislauf?“ In Fluten brennend heißer Schmerzen, die meinen gesamten Körper durchzucken, versuche ich zu sortieren, was überhaupt passiert ist. „Bist du echt?“, frage ich. „Ja, ich bin echt. Ich bin da.“ „Ich bin tot“, sage ich und weiß nicht, ob ich gestorben bin oder noch einen Körper habe. Denn irgendwie ist er weg, auch wenn er weh tut. Er ist nicht mehr meiner. Ich bin nicht mehr hier auf dieser Welt.

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