Vielschichtige Innenwahrheiten

Unser Steißbein schmerzt vom vielen sitzen. Seit Tagen drückt es uns innerlich immer wieder bleischwer nieder. Während wir am Anfang der Woche noch zwanghaft immer wieder für Bewegung sorgten, haben wir uns heute die Auszeit einfach erlaubt. Die Frage, wie es uns geht, ist kaum zu beantworten. Wir fühlen vieles gleichzeitig. Die Spaltung wird in ihrer Gegensätzlichkeit derzeit voll spürbar. Volle Freude und tiefes Leid passieren parallel. Wie lautet die richtige Antwort auf die Frage, wie es einem geht, wenn man einerseits gerade über sterben nachdenkt, weil man vor Schmerz zerbrochen ist und andererseits gleichzeitig große Erfüllung und Lebensfreude bei anderen Tätigkeiten fühlt?

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Samstags im Café

Ich sitze im Café. Vor mir bewegt sich das stille Wasser im Glas. Auf der angrenzenden Hauptstraße fahren die Autos vorbei. Der Wind im Schatten ist kühl und doch erträglich. Drinnen sitzen kommt nicht in Frage. Ungeimpft. Ungetestet. Aus medizinischen Gründen zu denen auch unser Trauma zählt. Über die neuen Regelungen kann ich mich kaum aufregen. Wir kennen Ausgrenzung unser Leben lang, nur die Gründe und Rechtfertigungen haben sich immer wieder geändert. Nun aber wollen wir die Herbstsonne genießen. Etwas, was uns niemand verbieten kann.

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Die Brombeerfee

Mit bedachtem Schritt streife ich durchs Unterholz. Zwischen Bäumen, Sträuchern und Beeren folge ich einer kleinen Schneise durch das Dickicht. Über mir Klopft es. Pock pock. Mein Blick ist darum bemüht die Füße vor unsichtbaren Ranken zu schonen, die sie zu Fall bringen könnten. Aus dem grünen Brombeerlaub leuchten mir kleine Früchte entgegen. Kurz bleibe ich stehen, um mich zu ihnen zu bücken. Ich muss schmunzeln. Eine Brombeerfee hüpft durch meine Gedanken. Im leichten Abendwind wippt sie auf den Früchten. Keck schlägt sie die Beine übereinander und zwinkert mir zu. Dann malt sie weiter. Mit sanftem Pinselstrich. Langsam das Rot färben. Die Natur sitzt in diesen Tagen mit Freude bei der Arbeit. Erntezeit.

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Ein Beitrag wie eine Busfahrt

Ich sitze in der Sonne, die mir schon am Morgen viel zu heiß ist. Warten auf den Bus. Ein weißes Cabrio rauscht an mir vorbei. Ich krame in der Hosentasche nach Kleingeld für die Fahrkarte. Fünfzig Cent. Und nochmal… Reicht nicht. Also Rucksack runter und die Taschenuniversen erhöhen. Mehr Raum für mehr Geld. Wenn ich nur so viel hätte, dass ich alles damit vollstopfen könnte… Auf die letzte Sekunde finde ich die letzten Groschen. Neben mir auf der Haltestellensitzbank hibbelt eine ältere Dame unruhig umher. Zwei Minuten Verspätung! Dann ihre Erlösung – Der Bus kommt. Einsteigen.

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Ein entspannter Regensommersonntag

Ich mag regennasse Sommertage. Irgendwie verschaffen sie mir den Eindruck, als könnte ich mit den Pflanzen durchatmen. Während Tropfen um Tropfen prasselnd zur Erde fällt, legt sich kühlende Ruhe auf mein schmerzendes Innen. Von der Balkontür weht frische Luft herein. Wir sitzen im Sessel, die Beine entspannt übereinander geschlagen und lauschen aus dem warmen Zimmer heraus den Naturgeräuschen. Die Vögel pfeifen. Blätter spielen im sanften Wind. Je nachdem, wo die reisenden Wasserpartikel auftreffen, machen sie unterschiedliche Töne. Dumpf und warm auf den Balkonbrettern. Hell und leicht auf den Salatblättern. Knisternd knackend auf der Folie der Blumenerde. Klangvoll Gluckernd auf der Wasseroberfläche des Regenfasses und metallisch schneidend auf dem Metalldekoelement vor der Türe. Naturkonzert. Es erinnert mich ein bisschen an die Windspiele mit runden Hölzern, die im Sommer oft in den Gärten schwingen. Wie in einer geborgenen und windgeschützten Höhle komme ich bei mir an.

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Schwimmbadflow

Die Sonne strahlt. Das Wetter lacht. Mir ist nach Schwimmbad. Bahnen ziehen. Den Kopf frei kriegen. Das kühle Nass entspannt mich. Während mein Körper sich rhytmisch bewegt und die Atmung gleichförmig sprudelt, kommen wir in einen Flow, in dem wir für einen kurzen Zeitraum einfach alles an uns vorbei ziehen lassen können. Den Erinnerungen davon schwimmen – den gesamten Winter haben wir das vermisst. Das Wasser mach leicht und frei. Während uns Bewegung an Land oft Schmerzen bereitet, schafft es das feuchte Element durch den Auftrieb uns zu entlasten. Noch sitze ich in meinem Sessel, habe taube Watte im Kopf und bin damit beschäftigt im Tag etwas fußzufassen. Doch wenn wir angekommen sind auf der Erde werden wir eintauchen und mit langen Zügen die Wellen des Lebens durchschwimmen.

Dissoziation, Nebel und eine Schale voller Nudeln

Ich sitze im Sessel und stochere in meinen Gemüsenudeln. Eigentlich habe ich keinen Hunger. Würde mein Magen nicht von der Leere brennen, hätte ich mir Essen vermutlich einfach ganz gespart. Während die Gabel sich zwischen den Fingern im Kreis dreht und feine Spaghetti zu Miniaturnestern rollt, versinkt die Umgebung jenseits meiner Wahrnehmungswelt. Ich fühle mich, als könnte ich mich selbst im Zimmer beobachten und mir anerkennend auf die Schulter klopfen: „Herzlichen Glückwunsch! Du schaffst es einen Gabel zu drehen.“ Gleichzeitig scheint es, als würden mich dünne neblige Scheiben von allem um mich herum abtrennen. Die Welt da drüben jenseits des Schleiers und ich.

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Wie die Wortwahl natürliche Prozesse erschwert

Wir sitzen einigermaßen erschöpft auf dem Bett. Gerade waren wir duschen. Die Haare liegen nass auf unseren Schultern. In Gedanken lassen wir die letzten Tage Revue passieren. An unserer Art mit den Folgen unserer Geschichte umzugehen hat sich über die Zeit viel geändert. Besonders deutlich ist uns das im letzten halben Jahr geworden. Unsere Haltung uns selbst gegenüber hat sich radikal gewandelt. Vor allem haben wir Kontrolle losgelassen. Paradox ist, wie viel mehr Steuerungsmöglichkeiten wir dadurch erhalten haben.

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Rituelle Gewalt als Alltagsperson erschließen

In den letzten Tagen haben wir uns aus persönlichen Gründen nochmals sehr intensiv mit dem Bereich der rituellen Gewalt auseinander gesetzt. Anlässlich der Feiertage haben wir Revue passieren lassen, wie unser Heilungsprozess in den letzten Jahren im Bezug auf diese Thematik verlaufen ist. Ohne Zweifel war es der Teil unserer Geschichte, der die größten Widerstände in uns hervorbrachte. Obwohl die Erinnerungen eindeutig in unserem Kopf waren, leugneten wir lange vehement. Die Annäherung bedeutete ein jahrelanges, schmerzhaftes Ringen, um innere Wahrheiten. Neben vielen anderen Stolpersteinen auf dem Weg stellte ein besonderes Problem auch das öffentliche Bild dar, das von ritueller Gewalt existiert und das es mir als Alltagsperson zusätzlich schwer machte meiner Wahrnehmung zu vertrauen. Denn das war nicht „meine“ Welt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur sehr begrenzt überhaupt bewusste Erinnerungen. Es klaffte ein tiefer Graben zwischen meiner Geschichte als Alltagsperson und der Geschichte anderer Innenpersonen. Den galt es zu überwinden. Unterschiedlicher hätten die Lebensrealitäten nicht sein können.

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Fluchtsucht

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Die Folgen sexuellen Missbrauches haben viele Gesichter. Manche kommen von sich aus klar und deutlich daher. Andere tragen Masken. Sie mischen sich in Alltagsaktivitäten unter dem Deckmantel der Normalität. Ein wahrer Maskierungskünstler ist die Fluchtsucht in ihrer Vielgestaltigkeit.
Flucht – das heißt nicht immer, dass die Beine laufen, so schnell sie tragen können. In der traumatischen Situation liegt der Ursprung dieses Impulses. Im Nachgang kommt er manchmal aber auch als Erstarrung daher, etwa dann, wenn wieder ein wichtiger Anruf nicht getätigt werden kann, weil der Kontakt unbewusste Ängste weckt. In anderen Situationen sagt die Flucht vielleicht schlicht: „Ich will nicht.“ oder „Ich hab‘ keine Lust.“ „Ich bin einfach nicht der Typ für lange Abende mit Freunden.“ oder „Ich brauche meine Ruhe und Rückzug.“ Was sie meistens nicht ausspricht ist: „Ich kann gar nicht anders.“
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