Blick in den Spiegel – Erinnerungen an alte Momente im Badezimmer

Wir stehen vor dem Spiegel im Badezimmer und blicken uns in die Augen. Aus ihnen laufen kleine, stumme Tränen. In der Feuchtigkeit der Pupille spiegelt sich das Licht und der Spiegel und darin das, was sich im Spiegel spiegelt und eigentlich hinter uns liegt – in Raum und Zeit. Die Realität in eine so kleine Dimension projeziert, dass sie kaum noch wahrnehmbar ist. Ich schaue mir tief in die Seelenfenster. In ihnen öffnet sich ein Tor. Ich falle. Zurück in die Vergangenheit. In das, was dort hinter mir lag und stand. Jeden Morgen. Vor der Schule. Wenn wir uns fertig machen sollten für den Tag. Wenn unser Vater zu uns kam. Seine Blicke unseren Körper trafen, seine feuchten Lippen Hals, Gesicht und Mund küssten, seine Hände über unseren Körper wanderten, uns auszogen und er in uns eindrang, wenn er wollte. Alles woran ich mich klammerte war mein Spiegelbild in dem ich mir begegnete und durch mich hindurch fiel. In dem ich alles ausgeblendet habe und doch alles enthalten war. Konzentration, nach vorne schauen, weiter machen. Die Wirklichkeit unwirklich werden lassen, indem ich sie innerlich ignorierte.

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Von Tochter zu Vater

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Lieber Papa,
seit du mich gezeugt hast, gehört dir ein Platz in meinem Herzen. Du hast ihn dir leider nie verdient. Trotz allem vermisse ich in manchen Stunden einen wirklichen Vater. Bei all der Angst, die diese Welt mir macht, hätte ich dich so sehr, als den Helden an meiner Seite gebraucht.

Als deine Tochter wünsche ich mir, dass du meine kleinen wackligen Schritte so behütet hättest, dass ich als Frau fest im Leben stehen kann. Ich hätte dich gebraucht als Mann, der mir die Männerwelt erklärt. Der mir zeigt, wie Männer wirklich ticken. Wie geht das mit dem flirten eigentlich? Was empfindet ein Mann und wie finde ich heraus, ob er’s ehrlich mit mir meint? Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass ich deine Prinzessin gewesen wäre, die du auf Händen getragen hättest und der du sagst, dass sie die schönste Frau der Welt ist und der Mann, der sie später bekommt, sich glücklich schätzen kann. Mein Herz sehnt sich nach dem Daddy, der mir beim ersten Liebeskummer die Hand hält und mir sagt, dass mich der Typ, so wie er mich behandelt, gar nicht verdient hat und dass noch viel tollere kommen. Ich vermisse einen friedvollen Krieger, der mir den Rücken frei hält und der mich vor den Männern schützt, die mir böses wollen.

Stattdessen sitze ich hier und weiß nicht, wie ich mit dem jungen Mann umgehen soll, der seit Wochen mein Herz so eigenartig bewegt. Ich habe Angst vor ihm. Nicht weil er etwas tut, was mir Angst macht, sondern weil er ein Mann ist und damit allein bedrohlich auf mich wirkt. Ich kann ihm nicht glauben, dass er nichts schlechtes im Sinn führt, weil du und deine Freunde es nie gut mit mir meinten. Dabei würde ich dich so gerne fragen, wie ich mich nun richtig verhalte und wie man mit einer Beziehung umgeht und wie seine Worte gemeint sein könnten.

Heute habe ich so viel Angst davor zu lieben, weil meine Liebe zu dir noch immer so schrecklich schmerzhaft ist. Nie wieder soll mich jemand so sehr zerstören.

Ich weiß, dass ich dich und die Vergangenheit leider nie mehr ändern kann. Aber ich will, dass du weißt, dass du mir in manchen Momenten auch als erwachsene Frau noch fehlst. Trotz allem. Und dass du immer noch scheiße baust, weil du nicht da bist. Jeden Tag neu. Du hast dich dafür entschieden Verbrecher statt Vater zu sein. Das ist deine Sache. Ich habe das Recht dich zu vermissen, egal was war. Und dabei vermisse ich wahrscheinlich noch nicht mal dich, sondern eine wirkliche Vaterfigur, die ihren Job macht.

Von Opfer zu Täter,
Von Tochter zu Vater,
deine Sofie