Ein Weihnachtsmorgen

Es ist noch grau finster, als ich die Augen aufschlage. Die Katze möchte nach draußen. Vermutlich wird sie ihr Näschen nur eher kurz hinausstrecken. Aufstehen lohnt sich kaum. Regentropfen rollen die Fenster hinunter. Meine Tränen warten auf Januar.

Ein frischer Windhauch umstreicht mein Gesicht. Er duftet nassfeucht. Leider kann man keinen Schnee riechen. „Wir sind sicher“, klopft das Herz schmerzhaft aufgeregt. Weil ich dem Tiger zu langsam bin, kommt er einen kurzen Moment zum Kraulen zurück. Mit einem etwas schalen Geschmack im Mund wanke ich ins Bad. Ich hasse Pfefferminzzahnpasta. Unsere schmeckt nach kaum etwas. Der Spiegel ist wie immer defekt. Keine Ahnung wen er zeigt. Eines Tages werde ich einen erfinden, der uns so sehen kann, wie wir wirklich sind. Viel kleiner. Damit bewerbe ich mich dann bei „Die Höhle der Löwen“. Unsere ganz privaten Katzenjuroren interessieren die Kämpfe im Badezimmer allerdings wenig. Hauptsache ich bin schnell. Ihr schnurriges Schmeicheln motiviert mich. Der Futternapf ist bald gefüllt. Truthahn in Sauce. 

Während ich es neben mir schmatzen höre, atme ich tief durch. Ich weiß, dass in uns gerade noch mehr Grauen ist, als das Wetter vor dem Fenster in den frühen Morgenstunden zu bieten hat. Wir haben eine Abmachung. Genau hinschauen werde ich sobald meine Hilfsperson wieder da ist. Solange versuchen die Anderen nach innen zu gehen. Dennoch versichere ich, dass ich sie sehe und auch jetzt mit ihrer Not spüren kann. Das Leben ist eine Wundertüte. Nie weiß man was kommt. Erstaunlicherweise gibt es auch in Notzeiten Glücksmomente. Ich mag es mich zu spüren, auch wenn es weh tut. Alles ist besser als die quälende Taubheit der Dissoziation.

Langsam geht die Sonne auf. Der Weihnachtsbaum leuchtet unter dem Dachschrägenfenster. Unser Tag ist unverplant. Vom Dachfirst schreien die Raben. Es ist kalt. „Doch an die Fensterscheiben, wer malet die Blätter da…?“ Eisblumen im Winter. Stille Zeit für uns. Ein Weihnachtsmorgen mit Altlastsorgen und kleinen Seelenmomenten. Die Zukunft glitzert zwischen den Trümmern der Vergangenheit. 

Euch allen, liebe Leser_innen, eine frohe Weihnacht, schöne Wintertage und eine gute Zeit in den Tagen zwischen den Jahren! 🎄🎁🤶

13 Kommentare zu “Ein Weihnachtsmorgen

  1. Die Schilderung vom Spiegel finde ich so toll – wie wir das kennen…. „eines Tages finden wir einen Spiegel, der uns so sehen kann, wie wir wirklich sind….“ das animiert mich gleich zu einer Kurzgeschichte…. 😉

  2. Liebe Sofie,
    „Ich mag es mich zu spüren, auch wenn es weh tut. Alles ist besser als die quälende Taubheit der Dissoziation.“
    ….. ein wahrer Satz und dennoch so unerträglich.
    Hab einen schönen Jahreswechsel neben oder trotz allem was auf Jänner wartet.
    Ganz viel Kraft und Zuversicht für die nächsten Tage und dass es sehr viel einfacher wird, das Leben im kommenden Jahr.
    🍀🍀🍀🎊🎋
    Herzliche Grüße
    „Benita“

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