Die Welt dreht sich

Ich höre die letzten Worte wie im Nebelschleier. Das Essen, das ich gerade noch kauen wollte, mag meine Kehle nicht mehr hinunter gleiten. Mit Tränen versuche ich den Kauvorgang abzuschließen. Ich stehe auf und trage meinen Teller zur Spüle. Fast blind wasche ich den Löffel und das Geschirr, ehe der Trauerschwall über meine Wangen fließt. Von einem zum anderen Moment ist mir schwindlig. Die Welt dreht sich. Die Worte hallen im Kopf  und werden von einem stummen „Wieso?“ beantwortet. Schwanken und taumeln. Wir haben den Boden verloren. Zu viel für unsere Nerven.
Wo ist der Platz, an dem wir einfach mal Ruhe haben!?

Bist du schon alt genug?

Etwas zu früh spaziere ich in die Arbeit hinein. In der Küche stehen zwei Kollegen, die sich unterhalten. Ich stelle mich dazu, weil ich mir noch Wasser mit an den Schreibtisch nehmen möchte. Eine Kollegin beschäftigt der Missbrauchsfall eines Kindes aus unserer Region. Mitten im Satz hält sie plötzlich inne, dreht sich zu mir und frägt: „Oh Gott, bist du dafür eigentlich schon alt genug? Kann man mit dir schon über sowas reden?“
Ich bin einigermaßen perplex. Mit allem hätte ich gerechnet, aber ausgerechnet mit dieser Frage nicht. „Öhm ja, ich bin 28“, sage ich, wohl auch, weil es das einzige ist, was mir in dem Moment noch einfällt. Die Kollegin ist beruhigt. Noch im Gespräch denke ich mir, dass ich wohl Dinge weiß und erlebt habe, an die sie alle im Traum nicht denken. Mit dem Alter hat das nichts zu tun…🙄
Was mir dabei wieder mal auffällt:
Es gibt Menschen, bei denen Gewalt und Missbrauch nicht zur Tagesordnung gehören. Die entsetzt sind über die „Einzelfälle“, die es aus der Presse an den Rand ihrer Welt geschafft haben. Die Schwierigkeiten haben sich überhaupt vorzustellen, dass es sowas gibt. Ich habe Mühe mich in diese Lebensrealität hineinzuversetzen. Die Themen begleiten mich täglich. Ganz automatisch. Zwei völlig unterschiedliche Kosmen treffen aufeinander. In Ihrer Welt gibt es mich nicht. Ich existiere nicht. „Gut, dass es sowas in unserer Region nicht gibt.“ Ich stehe neben ihr und bin doch unsichtbar.

Das Wochenende lädt ein…

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© Copyright by „Sofies viele Welten“

Jetzt ist es da, das Wochenende. Das bereits am Anfang der Woche herbeigesehnte Ruhefenster.
Und nun?
Ab ins Schwimmbad oder einfach nur die Füße unter das kalte Wasser des Gartenschlauches halten. Schlafen wann und wo wir wollen. Katzenpicknick im Grünen. Lesen. Schreiben. Lachen. Träumen und Zeit für Tränen. Eigene Gedanken. Freude auf Besuch.
Kurz: Wir machen das wozu wir Lust haben und lassen alles andere sein.

Wir wünschen euch allen ein schönes Wochenende!

Mittagspausenimpressionen

Wir sitzen im Schatten im Eiscafé. Das Spaghettieis schmeckt und kühlt in der Hitze. Ein wenig Arbeit ist vom Schreibtisch mit nach draußen in die Pause gewandert. Ein zarter Sommerwind weht sanft durch die Bäume.
Pause.
Meine Füße mögen nicht mehr laufen. Den ganzen Vormittag waren sie unterwegs. Kühlung täte sicher auch ihnen gut. Die Vanilleeis-Sahne-Erdbeersaucen-Mischung, die gerade in meinem Mund zerläuft, macht den Tag zeitweilig erträglicher. Während der Kugelschreiber über das Papier flitzt um Notizen für den Job fertig zu machen, habe ich Lust zu schreiben. Nicht für andere. Für mich. Weil die Pause für mich da ist. Weil meine Geschichte sich regt. Weil wir für den kurzen Moment da und komplett sein möchten, ehe ein Großteil unseres Seins vorerst wieder versteckt werden muss.
Ein inneres Bedürfnis.
Dann sitze ich da in der Stille. Gespräche führe ich keine. Der Stift bewegt sich nicht. Ich spüre. Wir spüren uns. Unser Ausdruck beläuft sich schließlich auf einen stummen Seufzer und dem Blick zur Uhr. Kurz waren wir da.
Im schweigenden sprachlosen Moment.
Pausenraum zum ganzer sein.

Einen Augenblick bitte

Nur einen Augenblick, bitte,
Nimm dir Zeit für mich,
Dass mein und dein Universum sich treffen können.

Nur einen Augenblick, bitte,
Hör‘ mir zu
Und lass für einen Wimpernschlag alleine mich wichtig sein.

Nur einen Augenblick, bitte,
Schweig mit mir,
Dass wir gemeinsam die Lautheit der Stille begreifen.

Nur einen Augenblick, bitte,
Sprich mit mir,
Über das, was ich nicht sagen kann, weil Schmerz die Worte ausradiert.

Nur einen Augenblick, bitte,
Sieh mich an
Und lass mich sichtbar werden durch dein Gesehenwerden.

Nur einen Augenblick, bitte,
Halt mich fest in deinem Arm,
Dass ich mich fühlen kann mit meinen Hautgrenzen.

Nur einen Augenblick, bitte,
Lass mich in dein Herz,
Weil es deine Liebe ist, die mir das Leben rettet.

Nur einen Augenblick
Mitten in der Ewigkeit
Lass uns einfach so sein, wie wir sind
Lass uns Träume malen
Und die Welt neu erfinden
Frei und stark wie ein lachendes Kind.

© Copyright by „Sofies viele Welten“

Trauma und Prostitution

Auf dem Blog von Luise Kakadu fanden wir vor ein paar Tagen einen Link zu einem Vortrag von Michaela Huber. Darin geht es um die Ursachen und Auswirkungen von Prostitution. Besonders interessant fanden wir auch die kurze Schilderung, zu den lebensgeschichtlichen Hintergründen, die dazu führen können, dass sich jemand prostituiert. Für uns waren beim Lesen doch ein paar Aha-Momente dabei. Vielleicht interessiert es ja einige unserer LeserInnen ebenso.

Vielen Dank, liebe Luise Kakadu, für’s Teilen! 🙂

Sprachschmerz

Gerade habe ich mich erschöpft auf’s Bett geschmissen, einmal geächzt und atme nun mit schmerzenden Beinen tief durch. Meine Seele schreibt so gerne, wenn sie was zu sagen hat. Dann malt sie Wortbilder. Papier ist Geduldig. Auch das virtuelle. Es braucht keine Termine. Es hört immer zu. Es versteht immer richtig.
Manchmal frage ich mich, was passieren würde, wenn ich offen auf Facebook poste, was mir passiert ist. Vielleicht nichts. Vielleicht was positives. Vielleicht was schlechtes. Wer kann das schon sagen!? Tun werde ich es nicht. Manchmal find ich einfach den Gedanken befreiend mich nicht mehr verstecken zu müssen, weil ohnehin jeder weiß was passiert ist. Ich wäre einfach ich. Was sie davon verstehen würden? Wahrscheinlich nichts, weil es leere Worthülsen ohne Inhalt sind, wenn man das nicht selbst erlebt hat. Was sagt das Wort Missbrauch oder Vergewaltigung an sich schon aus. Man verbindet es mit schlimmen Straftaten, weiß vielleicht dass die für die Opfer schwer zu überwinden sind. Emotionale Bedeutung hat es für Nichtbetroffene nicht. Was nützt das Wort, wenn es nichts aussagt? Alles was ich empfinde, wenn ich Worte wie Missbrauch oder Vergewaltigung höre, liegt nicht in den Worten. Es sind meine Erfahrungen, die ich spüre. Die bleiben sprachlos, selbst, wenn ich die Worte ausspreche. In der Sprache liegt Schmerz. Der Schlüssel liegt im Herzen.

Sommerschwüle Erinnerungen

In der Sommerschwüle werden Erinnerungen wach. Der Prasselregen des Gewitters ist bereits vorbei. Tränen laufen über die Wangen. Ich kann mich nicht spüren.
Wer bin ich und wenn ja wie viele?
Morgen ruft die neue Arbeit wieder. Sie langweilt mich. Trotzdem bin ich überfordert.
Paradox.
Am Nachmittag hat mich eine Situation, bzw. die dazugehörigen Geräusche, getriggert. Wie sehr, das wird erst jetzt in der Ruhe wirklich klar. In meinem Kopf tanzen die Bilder. Doch sie bleiben nicht dort. Bald nehmen sie den Körper ein und machen das Geschehene aktuell spürbar. Bald gaukeln sie mir vor tatsächlich berührt zu werden…
Einen Sommernachtstraum habe ich mir anders vorgestellt!
Manchmal wünsche ich mir Nähe. Dann stelle ich fest, dass der Wunsch gewaltbesetzte Bilder aus der Vergangenheit nach oben bringt.
Wenn ich die Nähe schon träumen könnte, dann würde ich so gerne in den starken Armen eines Partners liegen und einfach sicher sein.

Lavendelstille

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© Copyright by „Sofies viele Welten“

Ich sitze auf der Bank vor dem Haus. Im Lavendel summen die Hummeln. Hin und wieder zwitschert leise ein Vogel. In den Augen stehen Tränen der Erschöpfung. In der Lautheit des Alltags sind sie nicht aufgefallen. Sanfter Druck hinter den Augäpfeln verrät mir, dass sie schon länger dort verweilen. Ich blicke in das Lilablau der Blütendolden. Das Beruhigungskraut kratzt mich auf.
Ist es die Stille, die mich aufwühlt? Oder zeigt sich die Aufgewühltheit in der Stille?
Der Himmel ist strahlend blau. Die Katze schleicht zur Jagd vorbei.
Zuhören.
Was gäbe ich gerade für jemanden, der zuhört.
Die Zwischentöne.
Das was ich nicht sage, weil ich selbst nicht weiß, was es ist, außer, dass es da ist.
Ich weiß, es hat mit Gewalt zu tun. Ich weiß, dass man manchmal den Mond auch am Tage sieht. Ich weiß, dass mir die Sprache auch deshalb genommen ist, weil es für das, was ich bei den Verhewaltigungen empfand keine Worte gibt.
Wenn ich sagen wollte, was sie mir angetan haben, es wären bildhafte Umschreibungen und Annäherungsversuche an die Worte, die noch nicht erfunden sind.
Lavendelstille.
Der Raum um mich ist leer und voll gleichzeitig.
Stilledolmetscher dringend gesucht.