Vielschichtige Innenwahrheiten

Unser Steißbein schmerzt vom vielen sitzen. Seit Tagen drückt es uns innerlich immer wieder bleischwer nieder. Während wir am Anfang der Woche noch zwanghaft immer wieder für Bewegung sorgten, haben wir uns heute die Auszeit einfach erlaubt. Die Frage, wie es uns geht, ist kaum zu beantworten. Wir fühlen vieles gleichzeitig. Die Spaltung wird in ihrer Gegensätzlichkeit derzeit voll spürbar. Volle Freude und tiefes Leid passieren parallel. Wie lautet die richtige Antwort auf die Frage, wie es einem geht, wenn man einerseits gerade über sterben nachdenkt, weil man vor Schmerz zerbrochen ist und andererseits gleichzeitig große Erfüllung und Lebensfreude bei anderen Tätigkeiten fühlt?

Ich kann mich nicht entscheiden. Denn es ist nicht so, dass dadurch die Lebensmüdigkeit weniger ernst wäre. Im Gegenteil. Es gibt manche Strömungen im Innen, die sehr stark in diese Richtung ziehen. Wie versuchen sie auf dem Schirm zu behalten, zu versorgen und uns so gut wie möglich helfen zu lassen. Die Hilfe zu finden ist wiederum gar nicht so leicht, wenn wir strahlend den Raum betreten, weil die Ernsthaftigkeit der Situation beim Gegenüber oft nicht ankommt. Die im Kopf teilweise gleichzeitig empfundene Freude über andere Dinge des Lebens erreicht diese Innens nicht, egal wie sehr wir uns um Austausch bemühen. Manchmal leben wir die Freude, indem wir Dinge tun, die uns Spaß machen. Teilweise fühlen wir uns innen dann wie Verräter, weil wir dem Leid damit ausweichen. Es fällt uns schwer uns selbst damit ernst zu nehmen, weil wir in alten Glaubensmustern festhängen, die uns sagen, dass es einem gar nicht so schlecht gehen kann, wenn man bestimmte Dinge noch macht. Die Sätze unserer Mutter hallen im Kopf nach: „Du tust ja nur so, als würde es dir schlecht gehen. Wenn es wirklich so wäre, dann…“ Danach folgte eine ganze Litanei an Aufzählungen, wie man dann zu sein hätte. Inzwischen haben wir zwar durch viel Therapie begriffen, dass dem ganz anders ist, sie sicher ihre Gründe hatte, uns das genau so zu sagen und die Spaltung nunmal auch dazu führt, dass paradox agiert wird. Trotzdem ist es immer noch schwer.

Was fühle ich eigentlich? Ich wüsste es so gerne selbst. Ich würde mich so gerne Einkategorisieren. Wohl auch in der Hoffnung, dann irgendwie die Kontrolle über diese Zustände zu bekommen, einen Plan entwickeln und mir selbst helfen zu können. Irgendwie sind Gefühle ja auch Anstoß für wertvolle Handlungsimpulse. Wonach will ich handeln? Was ist mein innerer Kompass? Besonders merke ich die emotionale Zerrissenheit derzeit im Bezug auf Beziehungen. Was fühle ich zu bestimmten Personen und was heißt das für mich? Tut mir jemand gut oder schlecht und was, wenn ein Kontakt manchen Innens gut tut, andere aber auch richtig verzweifelt macht?

Hier gibt es nie nur eine Wahrheit. Alle sind gleichzeitig wahr. Parteiisch sein für sich, wie geht das, wenn das Ich viele Parteien hat!?

2 Kommentare zu “Vielschichtige Innenwahrheiten

  1. Hallo ihr,
    ich habe in ähnlichem Kontext mal folgende Visualisierung angeboten bekommen:
    Stell dir vor, du schaust in einen Bus. Ein jeder Mitreisende stellt einen Innenanteil dar. Der Busfahrer zählt auch dazu. Und manchmal fährt der Eine, manchmal der Andere. Aber häufig kommt es auch zu Rangeleien, wenn die Reisenden sich nicht einigen können, wer denn nun den Bus lenkt bzw. lenken darf. Manchmal lenken mehrere, mal in die gleiche Richtung, mal gegensätzlich mal … . Insgesamt eine schwierige Situation, doch mir hat das Bild bereits häufiger geholfen, wenn (!) ich es denn in entsprechenden Situationen vor mein inneres Auge gezogen bekommen habe. Vielleicht mag es dir auch ein wenig helfen.
    Herzliche Grüße, Jürgen

  2. Diese sehnsucht nach eindeutigkeit der gefühle, nach klärung der emotionalen zerrissenheit kenne ich sehr gut.
    Und gerade beim blick auf meine beziehungen im außen entscheidet diese zerrissenheit ja auch oft darüber, wie verbindlich ich einem menschen gegenüber werden kann.
    Da, wo ein grundsätzliches verständnis für diese zerrissenheit bei uns und die daraus resultierenden konsequenzen schon da ist und ich die basalen schwierigkeiten nicht permanent auch kommunizieren muss, kann ich mich auch gut auf mein gegenüber einlassen.
    Und diese menschen sind in unserem leben ausschließlich die professionellen – unsere therapeutin, die auch bald ausscheidet, weil die therapiestunden nun aufgebraucht sind, und das ambulant betreuende wohnen, die traumasensibel arbeiten.
    Ansonsten lebe ich zurückgezogen und pflege lediglich sporadisch zwei kontakte, nämlich eine freundin mit familie – eine mutter, die ich in der kleinkindzeit meines sohnes kennengelernt habe, mit der ich mich als mutter austausche, – und eine arbeitskollegin.
    Trotzdem gibt es aber natürlich beziehungen nach außen. Meine arbeit mit publikumsverkehr z.B. erfordert regelmäßig kompromisse nach innen, wenn z.B. welche im innen da am liebsten wegbleiben wollen, sprich zuhaus bleiben wollen und es morgens noch im bett kaum vorstellbar ist, überhaupt in bewegung zu kommen, sobald wir an der arbeit angekommen sind aber und ich da eintauche in die arbeitsroutinen, ist von der schwere des tagesstartes nix mehr zu spüren und der schalter im innen umgelegt.
    Ich arbeite gern da, es gibt viele nette langjährige kunden da, von denen ich wertschätzung genauso erfahre wie von den meisten kollegen, – ich tanke auch auf da. Es ist ein rückhalt.
    Und so scheint es kaum begreiflich, daß da an jedem verflixten arbeitsmorgen innere anteile sich nur verkriechen wollen, ja regelrecht phobisch auf diese anforderung reagieren, schlicht deshalb, weil sie dort auf menschen treffen. Diese anteile erreiche ich bisher nicht.

    Die entscheidung, ob ein kontakt unserem gesamtsystem guttut oder ob distanz wichtig ist, das ist meine erfahrung, müssen wir/muss ich in jeder situation neu treffen und meine erfahrungen damit sammeln.
    Es gibt leider keine eindeutigkeiten. Ich bin als medium für meine innens gefordert und dafür ist es legitim, sich jede freude uneingeschränkt zuzugestehen, die man empfindet. Das hat nichts mit verrat zu tun und schließt nicht aus, daß ihr euch – vielleicht schon im nächsten moment – verantwortlich und fürsorglich um eure leidenden innies kümmert !

    Liebe grüße und viel kraft !
    Wir wünschen euch ein gutes wochenende ! – jeder/jedem für sich und allen miteinander
    🙂

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